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Tyler Cabe dachte sehr lange nach und beschloss, dass es nur einen Weg gab, den Sin City Strangler zu jagen: er musste sich mit den Huren in der Stadt anfreunden. Diese Frauen waren die Ziele des Stranglers, und wenn er ihre Etablissements heimsuchte, nun, vielleicht konnte er den Bastard dann erwischen. Wenigstens konnte Cabe verbreiten, wer er war und was er tat, und das könnte den Strangler nervös machen. Und das würde dafür sorgen, dass er entweder gar nichts tat … oder etwas Leichtsinniges.

Und wenn es Letzteres war, plante Cabe da zu sein und den Fehler zu nutzen.

Obwohl Whisper Lake wie jede andere wilde Minenstadt war und seinen anständigen Anteil an Sünde und Laster hatte, war das Rotlichtviertel beschränkt auf eine schäbige Anhöhe in der Nähe der allgegenwärtigen Raffinerien, die man bezeichnender Weise Horizontal Hill nannte. Gefangen zwischen den Anlagen und dem See, aber vor dem übrigen Whisper Lake versteckt hinter einem hohen, wacholderbewachsenen Steilhang, war Piney Hill, diese Ansammlung von Bordellen, Saloons, Zelten und Hütten, nicht weniger beschäftigt als der Rest der Stadt.

Und in der Nacht noch eine Spur beschäftigter.

Jackson Dirker ließ die Geschäfte aus zwei Gründen laufen. Der erste war, dass die Minenarbeiter und Eisenbahner ihm zweifellos innerhalb einer Stunde den Hals umdrehen würden, wenn er versuchte, Horizontal Hill zu schließen. Und der zweite Grund … jedes Geschäft musste vom County lizenziert werden. Und das bedeutete, dass die höchste staatliche Stelle im County dafür zuständig war – der Sheriff.

Dirker vergab nicht nur Lizenzen an Bordelle, sondern auch an Spielhallen und Saloons. Und er steckte leicht verdiente zehn Prozent der Lizenzgebühren ein und dazu noch zehn Prozent der Steuern.

Wie dem auch sei, die Huren gingen ihrem Geschäft nach und hielten es (zum größten Teil) in und um Horizontal Hill, sodass die vornehmen Bewohner von Whisper Lake es nicht sehen mussten. Und so ging die Party Woche für Woche weiter.

Tyler Cabe schlenderte geradewegs in diese Vipernhöhle, und sie passte ihm wie eine Hand in einen Handschuh. Noch ein Goldsucher, Revolvermann oder Jäger mit einem Eisen in der Hose und Bargeld in der Hand. Er arbeitete sich durch das Viertel und sprach mit Dutzenden über Dutzenden Männern und Prostituierten. Er ließ jeden in Hörweite wissen, wer und was er war.

Und das ging ungefähr so: »Guten Tag, Ma'am, mein Name ist Tyler Cabe, und ich bin geschäftlich hier.«

Die durchschnittliche Antwort war: »Nun, ich bin Geschäftsfrau, Mister Tyler Cabe, Sie sind also mit Sicherheit am richtigen Ort.«

An diesem Punkt musste Cabe dann ein wenig konkreter werden, worum es sich bei seinem »Geschäft« handelte. Die Huren lauschten seinen Geschichten vom Strangler mit großem Interesse und betrachteten Cabe als so etwas wie einen Heiligen, der hier war, um sie zu schützen. Sie gaben ihm zu essen, spendierten Drinks und boten ihm an, kostenlos bei ihnen zu übernachten. »Shanghai-Marny« Loo, die chinesische Chefin des Orient-Badehauses, versuchte ihn exklusiv zu verpflichten, um ihre Mädchen zu schützen. Sie war so etwas wie eine Legende, denn sie trug zu jedem Zeitpunkt nicht weniger als sechs Messer mit kurzen Klingen am Körper, und sie konnte sie mit erschreckender Genauigkeit werfen. Cabe sagte ihr, er würde ihr Angebot im Auge behalten.

Alles in allem war es eine interessante und unterhaltsame Möglichkeit, den Nachmittag und den Abend zu verbringen.

Aber es barg natürlich auch Gefahren.

Mehr als eine Hure wollte ihre Wertschätzung auf eine intimere Weise zeigen, und an diesem Tag fand sich Cabe zweimal mit dankbaren Ladys im Bett – die eine war ein gut aussehendes gelbes Mädchen und die andere eine rothaarige Füchsin aus Alabama. Aber jeder Job hatte natürlich seine Untiefen, durch die man hindurch waten musste.

Er besuchte Bordelle, die nicht mehr als Holzhütten waren, bis hin zu luxuriös ausgestatteten Häusern, in denen teure französische Mädchen an den Spieltischen arbeiteten und einen für mehrere Hundert Dollar geradewegs mit in den Himmel nahmen. Es gab hochpreisige Freudenhäuser wie den Red August Social Club, der mit dichten Teppichen und mit Kronenleuchtern ausgestattet war, in denen das geschliffene Glas glitzerte, dazu blattgoldverzierte Spiegel und Tische, importierte europäische Wandteppiche und griechische Skulpturen. Ein Mann konnte Tausende an einem solchen Ort ausgeben und exotische Köstlichkeiten unter mit Buntglas verzierten Decken genießen … aber dafür durfte er der Zufriedenheit und der raffinierten Sünde sicher sein. Dann gab es Mittelklasse-Bordelle wie das San Francisco Common House, wo die Mädchen nicht weniger attraktiv, aber dafür geübte Diebe waren, die sich auf Taschendiebstahl und das Ausrauben betrunkener Männer spezialisiert hatten. Und wenn der Geldbeutel für diese Orte nicht ausreichte, gab es billige Bordelle wie das Russian Café, wo man sich betrinken und für den Preis eines Steaks gefickt werden konnte … solange man nicht zu wählerisch war bezüglich der Sauberkeit seiner Lady.

Cabe traf sie alle und hörte alle ihre Geschichten.

Während die meisten der Mädchen nur durchschnittliche bemalte Ladys waren, wie er herausfand, waren viele auch bereit, eine Meile extra zu gehen. Ein besonderes, hochpreisiges asiatisches Mädchen namens Songbird konnte erstaunliche Dinge mit Ölen und heißem Kerzenwachs anstellen. Abilene Sue, eine dralle frei anschaffende Texanerin, bezog im Allgemeinen einen Westernsattel und eine Reitgerte in ihr Spiel ein. Und Fannie die Wahrsagerin begann ihre Sitzungen gern damit, in deine Zukunft einzutauchen. Eine Zukunft, die immer auf die gleiche Art und Weise endete – indem sie auf dir ritt und versuchte, dich wie einen störrischen Bronco zu brechen.

Irgendwo entlang dieses Weges traf Cabe Mama Adelade, die Inhaberin von Mother French's Old Time Theater. Im Grunde war es ein Steakhaus mit Varieté und importierten französischen Mädchen – oder einfach nur Mädchen mit einem überzeugenden französischen Akzent – und einem boomenden Geschäft im Obergeschoss. Das Haus roch nach feinem französischen Parfüm und bot Pariser Wein und Küche.

Mama Adelade – eine schmale, leichte, schwarze Frau, die nicht viel mehr als neunzig Pfund wiegen konnte – trug ein gelbes Seidenkleid bestickt mit lila Rosen, die am Busen hervorsprossen.

»Honey«, sagte sie zu Cabe, nachdem er sich vorgestellt hatte. »Ich weiß es sicherlich zu schätzen, was du tust. Meine Mädchen werden langsam mehr als nur ein wenig unruhig. Und das kann ich nicht gebrauchen, nein Sir. Denn wir bieten hier nur eine echte Sache an, und das auf drei verschiedene Weisen. Und zwar die Liebe – die feine, die mächtig feine und die sehr feine. Nun, ich denke, was du brauchst, ist die mächtig feine. Die sehr feine … nein, mein Junge, dem bist du nicht gewachsen.«

»Was ist die 'sehr feine'?«

»Hi, hi«, kicherte Mama Adelade. »Bei der sehr feinen will man nur sterben und geradewegs in den Himmel kommen. Erforderlich sind zwei Mädchen, manchmal drei, heißes Öl und fleißige Hände.«

Cabe gab zu, dass er dem ganz sicher nicht gewachsen war.

Mama Adelade erzählte ihm, dass sie eine Sklavin auf einer Plantage in Baton Rouge gewesen war. Als sie ihre Freiheit erhalten hatte, und, oh Herr, wer wollte das nicht, war es nicht so einfach gewesen, wie sie sich das gedacht hatte. »Junge, der Massah, weißt du, er besaß uns vielleicht, aber wenigstens hat er uns zu essen und ein Dach über dem Kopf gegeben. Ich denke, das hatten einige von uns vielleicht vergessen. Denn als wir befreit wurden … Hölle, mussten wir für uns selbst sorgen. Keine leichte Sache, das sage ich dir.«

Mama erzählte ihm, dass es nicht lange gedauert hatte, bis sie erkannte, dass es nur einen Weg für eine schwarze Frau gab, Geld in der Welt des weißen Mannes zu verdienen. Also fing sie klein an und baute ihr Geschäft Jahr für Jahr aus.

»Ich hatte auch einen Sohn, Mister Cabe. Doch als er zum Mann geworden war, fand er zur Religion und konnte nicht viel damit anfangen, wie seine Mama ihr Geld verdiente. Zuletzt habe ich von ihm gehört, dass er ins Indianergebiet gezogen sein soll, um zu predigen. Ha! Kannst du dir das vorstellen? Ein schwarzer Mann, der des weißen Mannes Evangelium zu einem Haufen roter Heiden bringt! Schon komisch, nicht wahr?«

Es war ein langer Tag, aber als Cabe von Horizontal Hill zurückkehrte, war er dem Sin City Strangler nicht näher, als er vorher gewesen war. Aber irgendetwas musste passieren. Früher oder später würde etwas passieren.

Während er in einem Teehaus saß, stieß er auf Henry Freeman, den Texas Ranger, der behauptete, unterwegs zu sein, um »das Vieh zu inspizieren«. Und das erinnerte Cabe daran, dass er den Rangers in Texas telegrafieren wollte, um zu sehen, ob der alte Henry der war, der er vorgab zu sein.

Denn ehrlich gesagt hatte Cabe seine Zweifel.