3-6

Sechs Wochen später.

Sechs Wochen war Cobb schon im Hochland gefangen und wartete und wartete. Gleer, Barlow und Noolan warteten mit ihm … obwohl Barlow vorgeschlagen hatte, einen heldenhaften Ausbruch durch den Schnee zu versuchen, der den Pass versperrte und sie am Fuß des Gipfels festhielt. Niemand nahm seinen Vorschlag an.

Zumindest noch nicht.

Sie waren nicht verzweifelt genug.

Die Verzweiflung würde aber kommen, Gott ja. Cobb konnte es sehen, als er in die verwitterten, zerfurchten Gesichter blickte, zerfressen vom eisigen Wind und verfärbt durch Erfrierungen. In diesen Gesichtern konnte man es sehen, die voller Bitterkeit, Unruhe und Feindseligkeit waren, die in jedem der Männer gärten. Während der letzten Woche hatte es in jedem von ihnen gewütet, ein wirkungsvolles, giftiges Gebräu, das aus dem brodelnden Abgrund eines jeden von ihnen nach oben stieg. Ein Gebräu, das schieres Gift war, kriechend, köchelnd und qualmend. Immer schneller wurde es zu etwas Spürbarem, gefangen in der Blockhütte aus Zedernholz, und sein Gestank war roh und wild.

Keiner von ihnen hatte in den vergangenen drei Tagen gesprochen.

Sie standen kurz vor dem Punkt, an dem ihnen die Entscheidungen abgenommen wurden. Von der Natur. Von Gott. Von welcher grausamen Macht auch immer, die sie in den Bergen ohne Hoffnung auf Erlösung gefangen hielt. Und natürlich nährte der Hass auf Cobb die giftige Atmosphäre. Denn auch wenn es bisher niemand ausgesprochen hatte, machten sie alle ihn verantwortlich für ihre missliche Lage. Er war derjenige, der darauf bestanden hatte, dass sie in den Winter hinein hierblieben, weiter diese Mine jagten, und als sie der Januar eingeschlossen hatte … konnten sie nichts tun, als zu warten.

Zu warten und verrückt zu werden.

Ja, einen ungelenken Anschein von Kultur hielten sie aufrecht, aber in Wirklichkeit waren Kultur, Ethik und Moral einen langen, gnadenlosen Tod in diesem gottlosen Ödland gestorben. Gleer überprüfte immer noch regelmäßig seine Fallen. Barlow ging jeden Morgen mit seinem Hawkens-Gewehr auf die Jagd. Cobb und Noolan schnitten immer noch Wüstenbüsche, die sie verfeuern konnten. Aber es gab kein Essen mehr, und ein warmes Feuer und ausreichend Wasser füllten ihre Bäuche nicht.

Sie waren spindeldürr und ausgemergelt, wie Skelette, die nur von einer dünnen Haut umgeben waren. Hervorstehende Augen. Wangen, zu leichenhaften Tälern ausgehöhlt. Klappernde Zähne und knochige Finger, die nervös auf dem schmalen Schoß miteinander spielten. Sie hatten bereits die Pferde gegessen. Sogar aus den Hufen hatten sie eine Suppe gekocht. Barlow knabberte die ganze Zeit an seinem Gürtel, und Gleer kaute an seiner Messerscheide aus Hirschleder.

Wenn es hier also Wahnsinn gab, dann gebar ihn der Hunger.

Die Einsamkeit.

Der Hoffnungslosigkeit.

Es war kein Wild mehr zu sehen, und die wenigen Hasen, die Gleer in der vergangenen Woche erlegt hatte, reichten nicht aus, um den quälenden Hunger für mehr als ein paar Stunden abzuwehren. Sie brauchten Fleisch. Richtiges Fleisch. Ihre Bäuche schrien danach, ihre Zähne knirschten darum. Ihre Zungen leckten über zerrissene Lippen und träumten von Hirschsteaks und Rinderfilets. Blut. Fleisch.

Von ihnen allen ging nur Cobb gelassen mit der Situation um.

Etwas in ihm genoss die Not der anderen. Genoss, wie sie langsam zu lebenden Skeletten wurden, zu gruseligen Figuren, die vollkommen natürlich ausgesehen hätten … oder widernatürlich … wenn man sie aus den Toren eines Friedhofs hätte wandeln sehen, sich Sorgen machend über ihre eigene Erscheinung. Mit fortschreitendem Hunger scheiterten die sozialen Verhaltensweisen, eine nach der anderen. In ihren Gedanken war nur noch Fleisch. In ihren Träumen war Fleisch. In diesem hochgelegenen, sturmverwehten Niemandsland mit seinen schneebedeckten Gipfeln, kreischenden Winden und peitschenden Schneestürmen gab es nur einen Weg, Fleisch zu bekommen.

Einen letzten, undenkbaren Weg.

Cobb wartete darauf. Er sah es bereits in den trüben Pfützen, die ihre Augen waren. An der Art, wie sie einander ansahen, wie sie ihn ansahen. Das nackte Überleben hatte jede Bindung, die sie jemals geteilt hatten, gelöst. Sie alle wussten eines genau in ihrem fiebrigen Geist … nur einer von ihnen konnte im Frühjahr aus dieser Sache herauskommen.

Und der Hunger kam über sie. Die tabulose Lust auf Fleisch von ihresgleichen. Und in der engen, abgeschlossenen Atmosphäre der Blockhütte, konnte man es riechen … ein schwerer, saurer, abscheulicher Geruch, der die Luft verdarb.

Und vielleicht war es der nahende Hungertod, der es mit sich brachte und sie in verdammenswerte Bereiche des Denkens zwang, und vielleicht war es etwas anderes.

Vielleicht war es das, was sie in der Höhle gefunden hatten.

Oder was sie gefunden hatte.

***

Es war Barlow, der es gefunden hatte.

Er war mit Noolan auf der Jagd gewesen. Beide stolperten zurück in die Blockhütte, windzerzaust und abgewetzt, so etwas wie Angst in ihren Augen. Sie standen lallend in der Tür, umrahmt von Weiß und todkaltem Wind, die Gewehre in pelzbehandschuhten Händen, Schneeschuhe an den Füßen.

»Was ist los?«, herrschte Cobb sie an. »Was in Gottes Namen ist los? Was habt ihr gefunden?«

Und vielleicht dachte ein Teil von ihm, hoffte, dass sie die Mine gefunden hatten … aber er glaubte nicht tatsächlich daran. Denn was er in ihren Augen sah, zeigte ihm ganz deutlich, dass sie nichts Gutes gefunden hatten. Wenn ein Regiment von indianischen Geistern auf sie herabgestoßen wäre, hätten sie nicht furchtbarer aussehen können.

»Du kommst besser mit«, sagte Noolan. »Du kommst besser einfach mit.«

Also machten sie sich auf den Weg, in ihren Mänteln aus Büffelfell und mit ihren Bärenfellmützen auf dem Kopf, eingewickelt wie Babys in ihrer ganzen Ausrüstung, und kämpften sich durch das Schneegestöber und die Stoßwinde, die versuchten, sie von den schmalen Pfaden entlang der zerklüfteten Felsen herunterzuwerfen. Die Welt war weiß, peitschend und unermesslich. Der Himmel schien nach unten zu reichen und zu Felsen zu werden, und es war schwer zu sagen, wo das eine begann und das andere endete.

Noolan führte sie zu einem kleinen Höhleneingang am Fuß einer Klippe aus Kalkstein mit schroffen Wänden und einem nach vorne ragenden Überhang, der aussah, als könnte er jeden Moment herunterfallen und sie zerquetschen.

Cobb konnte die Abdrücke von Schneeschuhen sehen, die von der Höhle wegführten. Es sah aus, als ob sie es höllisch eilig gehabt hatten, etwas Abstand zwischen sich und den Höhleneingang zu bringen.

»Also gut, verdammt noch mal«, sagte Cobb. Sein Atem gefror zu Eiswolken. »Was ist es? Die gottverdammte große Goldader oder der Teufel selbst?«

»Du gehst besser einfach rein«, sagte Barlow so geheimniskrämerisch wie ein Schuljunge.

Cobb ging zuerst hinein, Gleer folgte ihm auf den Fersen. Beide grunzten und schnauften, während sie sich flach auf dem Bauch nach vorn schoben. Der Spalt war kaum groß genug für einen Mann, um sich durchzuschlängeln. Mit den schweren Pelzen und Beinkleidern dauerte es einige Zeit, um sich in die zentrale Kammer vorzuarbeiten. Es war wie der Versuch, einen nassen Lumpen durch den Hals einer Weinflasche zu zwingen.

Im Inneren der Kammer war es schwarz wie die Erbsünde.

Cobb rief nach Gleer, und seine Stimme hallte schaurig bis in unbekannte Höhen. Gleer hatte die Öllaterne. Er entzündete ein Streichholz an der Höhlenwand, führte es an den Docht und regulierte dann die Flamme. Die Höhle war groß genug, um zwei Transportwagen nebeneinander unterzubringen. Sie führte einen sanften, mit Kieseln übersäten Hang in eine andere dunkle Kammer hinauf. Cobb blickte sich um, sah jede Menge Granit, Schotter und große Gesteinsblöcke, die in längst vergangenen Zeiten von der Decke gefallen waren. Er konnte nichts anderes bemerkenswertes entdecken.

Und doch … doch … war etwas hier. Etwas Ungewöhnliches. Er konnte es dieselbe Weise fühlen, wie ein Mann seine eigene Haut oder die baumelnden Eier zwischen den Beinen fühlen kann. Es war etwas hier. Etwas Wichtiges. Etwas Geheimes.

Gleer hielt die Laterne auf Armlänge. Um sie herum schossen wild taumelnde Schatten. Sie stiegen und fielen, schwammen, tauchten und sprangen. Er leckte sich die Lippen. Leckte sie erneut. Es war wärmer im Inneren, und das Eis in seinem Bart begann zu schmelzen. Wasser tropfte auf seinen zottigen Mantel.

»Was zur Hölle hat er hier gefunden?«, wollte er wissen. »Hier gibts nur Schmutz und Felsen. Scheiße noch mal nichts anderes.«

Aber hier war etwas anderes, und beide wussten es, fühlten es, wagten aber nicht, es ihre Lippen in Worte kleiden zu lassen. Stattdessen standen sie nebeneinander, warteten, wunderten sich und machten sich vielleicht sogar Sorgen. Auf dieselbe Weise wie ein Mann, der weiß, dass etwas sein Lagerfeuer umkreist. Etwas Großes. Etwas Schreckliches. Etwas mit Zähnen, etwas Aggressives.

Cobb empfand keine Angst.

Er sagte sich, dass in den vielen Situationen in der Vergangenheit, in denen Angst eine Rolle gespielt hatte, er es gewesen war, der sie ausgelöst, nicht der, der sie erlebte hatte. Und vielleicht stimmte das und vielleicht war es Bullshit, aber in diesem Moment hatte er keine Angst. Denn eine Stimme in seinem Kopf sagte ihm, ja, ja, hier war es, wonach er auf der Suche, weswegen er gekommen war. Irgendwo in dieser Höhle und ihren Gängen war die reine Offenbarung.

»Hier ist nichts«, sagte Gleer mit trockenem Hals. »Lass uns einfach …«

»Hier ist auf jeden Fall etwas.« Cobb sah hinüber zu Gleer, Staubkörnchen tanzten um ihn herum wie Motten. »Kannst du es nicht riechen?«

»Yeah … yeah, ich denke schon.«

Cobb nahm Verwesungsgeruch wahr. Süße, nach Faulgasen riechende Verwesung, wie eine mit verfaulenden Kartoffeln gefüllte Tonne oder eine fliegenbesetzte Leiche, die an einem Flussufer angespült wurde. Ein feuchter, ranziger Geruch, der einfach nicht an diesen trockenen, ausgehöhlten Ort gehörte, an dem die Luft grobkörnig war und nach Staub schmeckte.

Ein Muskel in Gleers Hals machte einen Sprung. »Das gefällt mir überhaupt nicht. Zur Hölle, lass uns schnell verschwinden.«

»Komm mit«, war alles, was Cobb sagte.

Er folgte dem Gestank wie einem leckeren Aroma, ließ sich von ihm in die Küche dieses Ortes ziehen, wo die guten Sachen köchelten und dampften. Vorsichtig bewegte er sich den Hang hinauf, um rasierklingenscharfe Felsformationen herum und über flache, abgeschliffene Steinbrocken hinweg. Zusammen krochen den Gang nach oben, der eng und verdreht war. Die Decke strich über ihre Pelzmützen. Und in der nächsten Kammer fanden sie …

Sie fanden Knochen.

Einige Knochen von Tieren, vor allem aber von Menschen.

In der Mitte der Kammer befand sich eine große, aus dem Felsboden gehauene Grube, die aussah, als wäre sie mit Hacken und Schaufeln aus dem Stein geschlagen worden. Die Grube war vielleicht zehn oder fünfzehn Fuß tief und bis zum Rand mit Knochen gefüllt. Ein Beinhaus. Eine Leichengrube. Ellenbogen und Oberschenkelknochen, Wirbel und Brustkörbe. Und Schädel … lieber Gott, Hunderte von Schädeln. Erwachsene und Kinder. Und das einzige, was all die Knochen gemeinsam hatten, war, dass sie verkohlt waren … als ob sie gebraten worden wären. Geschwärzte Schädel starrten sie von unten an und deuteten auf gruselige Geheimnisse hin, die sie nicht verraten würden.

Ein Schulterblatt bewegte sich und verursachte einen kleinen Regen von Arm- und Beinknochen. Ein Schädel purzelte von seinem Platz. Sein Unterkiefer fehlte.

»Da hat sich was bewegt«, sagte Gleer, sein Gesicht mit Spannung gezeichnet. »Etwas da drin … Maria, Mutter Gottes, etwas da drin hat sich bewegt …«

Er hatte seine Colts gezogen und empfand das dringende Bedürfnis, ihre Kugeln in irgendetwas hineinzupumpen. Denn er war ein Mann, der dem Unbekannten mit Messer und Pistole, mit Beil und Bogen begegnete. Aber was jetzt gerade an ihm nagte, ließ sich nicht so leicht finden oder bestimmen.

»Tot«, sagte Cobb zu ihm. »Die sind alle schon lange tot. Wenn das hier nur Felsbrocken wären und einer davon herunterfiele, würdest du dir nicht so in die Hosen machen, oder?«

Gleer beruhigte sich und schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich nicht.«

»Siehst du, und die Knochen können dir genauso wenig wehtun wie Felsbrocken.«

Aber was er eigentlich sagen wollte, war, dass er das merkwürdige, unheimliche Gefühl hatte, was auch immer in der Höhle war, was auch immer sich versteckt hielt und um sie herum flüsterte, könnte verursacht haben, dass die Knochen sich bewegten. So wie es vielleicht mehr Ärger verursachen würde. Und vielleicht, zur Hölle, vielleicht würde es die Knochen einfach aufstehen und herumlaufen lassen.

Cobb und Gleer bewegten sich um die Kammer herum und trafen auf eine weitere, direkt neben der ersten.

Und hier war es das gleiche. Knochen. Knochen über Knochen. Zu wem auch immer sie gehört hatten, war lange tot. Dort war etwas, das aussah wie uralte, verrostete Eisenringe, die über ihnen in die hohe, flache Felsdecke geschlagen waren. Von ihnen … hingen ebenso uralte Hanfseile herab wie tote Schlangen. An einigen der Seile waren braune, mumifizierte Hände befestigt. Als ob dort Menschen gehangen hätten, bis sie verfaulten und herunterfielen und nur ihre Hände übrigblieben, um an das düstere Geschehen zu erinnern.

Cobb berührt eines der Seile … und es begann, sich zwischen seinen Fingern aufzulösen.

»Dieser Ort«, sagte Gleer, und seine Augen waren starr, mit fast religiöser Ekstase, »er ist verdammt alt. Ich meine, wirklich alt, Jimmy-Boy. Schau dir das alles an. Dieser Ort … ha, ha … ich denke, er wurde geradewegs aus dem Berg gehauen. Menschen … Rothäute … haben hier gearbeitet, wie wir in einem Minenschacht arbeiten würden.«

Cobb studierte die grob behauenen Wände. Man konnte sehen, dass sie herausgemeißelt waren, aus dem festen Gestein gehauen. Bis auf die ursprüngliche Höhle war nichts davon natürlich. Die Werkzeugspuren an den Wänden waren zu offensichtlich.

Gleer machte ein seltsames Geräusch in seiner Kehle, irgendwo zwischen Würgen und Lachen. Auf immer neue Abschnitte richtete er das Licht der Laterne. Auf den Wänden waren Bilder zu sehen. Primitive Felszeichnungen, in den Stein hineingeritzt. Das meiste zeigte Alltägliches wie Bären, Berglöwen und Bisons. Solche Motive hatte Cobb an zahlreichen Höhlen- und Felswänden im Südwesten gesehen. Sogar bis hinauf in den Norden von Montana und Dakota. Tierherden. Strichmännchen, die Jagd auf sie machten. Gestalten, die tanzten oder um das Feuer herum saßen. Nur die ganz normale Abbildung des Stammeslebens.

Aber Gleer, dessen Mutter halb Chickasaw war, schien von ihnen fasziniert. Er studierte sie genau, machte dabei immer wieder dieses würgende und kichernde Geräusch in seiner Kehle und flüsterte atemlos.

»Siehst du das? Siehst du das?«, fragte er. »Schau hier unten, ganz unten, da siehst du die ältesten Bilder. Die meisten sind verblasst, verwittert in langer Zeit … Scheiße, die müssen Hunderte über Hunderte von Jahren alt sein, wenn nicht mehr. Vielleicht Tausende.« Er atmete jetzt schwer, leckte sich die Lippen. Er folgte den Zeichnungen die Wand hinauf mit der Laterne. »Da oben, komm hier hoch, Jimmy Lee, da kannst du sie besser sehen. Die sind nicht so alt, oder? Aber immer noch alt, alt, sehr alt.«

Cobb war nach wie vor unbeeindruckt. Nur Kritzeleien von Rothäuten. Was sollte damit sein?

Aber Gleer hörte nicht auf.

Er erklärte im Detail, was das alles bedeutete, was der Fels ihnen erzählte, wie die Geschichten über die Jahrhunderte hinweg reichten und vom Leben in diesen Bergen erzählten, das schon lange verschwunden war. Jagd. Fischen. Der Kampf gegen Feinde. Geburt. Tod. Religiöse Zeremonie. Hochzeiten. Beerdigungen. Wenn man es lesen konnte, und das war gar nicht schwer, sagte Gleer, war es wie ein Buch.

»Sieht aus wie ein Dorf«, sagte Cobb und zeigte auf eine Gruppe von Hütten. »Frage mich, was zum Teufel damit passiert ist?«

»Das, was davon übrig ist, ist wahrscheinlich da unten im Tal«, sagte Gleer. »Unter dem Schnee.« Er folgte den Bildern die Wand entlang. »Siehst du? Siehst du das?«

Cobb sah es. Und er war so beeindruckt, dass er eine Zigarre in seinen Mund steckte und sie zu rauchen begann. Er wusste, das hier war mehr als nur alberne Kunstwerke von Rothäuten.

»Sie … sie haben in diesem Berg gearbeitet, vielleicht diese Höhlen und Tunnel geschaffen …«

Cobb konnte es gut erkennen. Strichmännchen bei der Arbeit. Mit etwas in den Händen, das primitive Schaufeln und Spitzhacken sein mochten, Stangen und Körbe, um das Gestein aus dem Berg zu schleppen. Es sah aus wie Zeichnungen von Ameisen, die in ihrem Bau arbeiteten. Überall zahllose Figuren.

Gleer war jetzt richtig begeistert. »Genau hier … Jimmy, gottverdammt genau hier ist etwas geschehen«, sagte er und tippte mit seinem schmutzigen Zeigefinger an die Wand.

»Was?«

Gleer sagte ihm, dass es große, schlechte Medizin war, was auch immer hier passiert sein mochte. Alle Symbole und Zauberzeichen bezeugten das. Für Cobb sah es aus, als ob sie beim Graben in ihren Tunneln eine Kammer entdeckt hatten. Die Kammer war als gezackte Furche in den Fels geritzt, und aus ihr heraus quoll so etwas wie Rauch oder Nebel.

»Eine Katastrophe«, sagte Gleer. »Siehst du das? Alle diese Figuren liegen jetzt am Boden. Alle tot.«

»Wahrscheinlich Gas. Sind auf eine Blase mit Giftgas gestoßen.«

»Nein … nein, ich denke, es ist viel schlimmer.« Er keuchte jetzt, rieb den Schmutz und Staub von den Wänden, war etwas auf der Spur, aber war sich nicht sicher, was es war. »Hier … kein Gas … etwas anderes … etwas, das sie aus der Erde gegraben haben, etwas ganz Übles …«

Cobb betrachte es jetzt selbst ganz genau.

Eine weitere gezackte Furche, mehr Rauch oder Nebel, die nach oben quollen. Nur, dass der Nebel jetzt so gezeichnet war, dass er sich gesammelt hatte und über den Toten und den Lebenden wie eine Gewitterwolke hing. Eine Gewitterwolke aus Schädeln und Teufelsgesichtern. Die Zeichnungen gingen weiter, und die Wolke schien jetzt aus der Höhle herausgekommen zu sein und sich über das Dorf gelegt zu haben.

»Es ist zu ihnen gekommen«, sagte Gleer mit großen Augen. Die Laterne zitterte jetzt in seiner Hand. Er sah ängstlich aus. Sein Gesicht war angespannt, die Stirn mit Sorgenfalten überzogen. »Es kam zu ihnen, Jimmy. Verstehst du es nicht? Verstehst du nicht?«

Die Zeichnungen endeten abrupt, und es gab nichts mehr zu sehen bis auf blanken Fels.

Cobb verstand es nicht ganz. Etwas in seinem Bauch kroch wie Würmer umher und machte ihn schwindlig. Das Muttermal auf dem Rücken pochte. Etwas geschah mit ihm, aber er wusste nicht, was es war. Eigentlich nicht. Noch nicht. Die Indianer hatten Bergbau oder so etwas betrieben. Sie hatten sich tief in den Berg hineingegraben und eine verborgene Kammer entdeckt … und etwas war herausgekommen. Etwas, das eine Menge von ihnen getötet hatte. Etwas wirklich Schlechtes war aus dem Boden gekommen.

Gleer war jetzt halb von Sinnen.

Er rannte umher, nahm Knochen und Schädel in die Hand, winkte mit Oberschenkelknochen und Schienbeinen. Er stellte die Laterne an den Rand der Grube und tauchte in all die Knochen ein wie ein wahnsinniger Schwimmer in ein Leichenmeer. Er ruderte mit den Armen, sortierte und suchte. Seine Finger fuhren über die Schädeldecken, stocherten in Höhlen, tippten auf vergilbte Zähne, die in löchrigen Kiefern steckten. Er streichelte die Rippen eines Brustkorbs und schaute eine geschwärzte Beckenhälfte an, als wäre es seine eigene.

»Mach, dass du zur Hölle noch mal da rauskommst«, sagte Cobb zu ihm und meinte es ernst. »Du verlierst deinen Verstand, verdammt!«

Gleer kletterte heraus, und die Knochen fielen mit einem Geräusch wie herunterpurzelndes Kleinholz von ihm ab. Cobb packte ihn im Genick und drückte ihn zu Boden.

»Ich bin nicht verrückt, Jimmy! Es ist nur … Hölle, es ist nur so, dass ich es weiß! Ich weiß es!« Er lachte jetzt gackernd und sabberte aus dem Mund. Sein ganzer Körper zitterte. »Diese Knochen … schau sie dir an, ja? Sieh sie dir genau an.«

Cobb tat es.

Und dann begriff er es … oder etwas davon. Die Knochen – alle Knochen, um genau zu sein – waren mit kleinen Schnittwunden und Kerben übersät. Jemand hatte auf ihren Besitzern herumgehackt und geschnitten. Und vielleicht noch Schlimmeres gemacht … denn er fand etwas, das wie Zahnabdrücke aussah.

»Kannibalen«, sagte Cobb mit leiser Stimme. »Genau wie auf diesen pazifischen Inseln, von denen ich als Kind gelesen habe. Menschenfresser …«

»Das stimmt, jawoll Sir, so ist es.« Gleer lachte immer noch, aber jetzt standen Tränen in seinen Augen. »Aber sie haben es nicht aus sich heraus getan, Jimmy Lee, nein Sir! Was sie aus dem Boden gegraben haben … was auch immer es war … es hat sie dazu gemacht, hat ihren wilden heidnischen Verstand ergriffen und sie in Monster verwandelt …«

Cobb ergriff ihn und schaffte ihn aus der Höhle. Gleer tobte jetzt wie ein Wahnsinniger. Und vielleicht war es nur Cobbs Einbildung, aber dieser starke, scharfe, faulige Geruch schien immer stärker zu werden. Geradezu ranzig.

Was auch immer tot dort drin lag, hatte nach vielen langen Jahren erneut begonnen zu verwesen.

***

Mit Hilfe der beiden anderen gelang es Cobb, Gleer herauszubekommen und ihn zurück nach unten in die Blockhütte zu schaffen. Aber er war in schlechter Verfassung. Sie mussten ihn mit Ketten von Biberfallen an die Wand nageln. Er redete wirres Zeug, schüttelte sich und hörte Dinge, die draußen an der Hütte kratzten und die keiner von den anderen hören konnte. Er redete mit Menschen, die nicht da waren. Redete in seiner Muttersprache und bat den Großen Geist um Schutz. Eine Woche ließen sie ihn so gefesselt, einpinkelnd, sabbernd und kreischend.

»Ihr denkt, ich bin verrückt, nicht wahr? Denkt, ich habe das bisschen Verstand verloren, was ich habe, stimmts?« faselte er unaufhörlich eines Nachmittags, an dem der Wind die Hütte durchschüttelte. »Aber ich bin ganz und gar nicht verrückt. Denn ich weiß, was da oben war … ich konnte es riechen, und ich kann es jetzt hier immer noch riechen. Vielleicht weißt du, Cobb, oder du, Barlow … vielleicht wisst ihr nicht, wovon ich rede. Aber Noolan … ich weiß nicht, was mit dir ist. Es könnte dich berührt haben, so wie es die Rothäute berührt hat. Ich sage nicht, dass es so ist … aber einen von uns hat es erwischt, denn ich kann es riechen! Hört ihr? Ich kann es riechen. Einer von euch, jawoll Sir, einer von euch weiß, was ich meine, denn er wartet nur darauf, bis das Licht ausgeht, um die anderen aufzufressen. Ich weiß es! Ich weiß es! Oh nein … nein … mein Gott, mein lieber Herr Jesus, diese Rothäute, diese Rothäute. Sie haben Babys gebraten und Gehirne aus Schädeln gesaugt und das Fleisch ihrer Kinder gekaut … sie haben immer weiter gegessen, immer weiter. Sie haben ihm ihre Töchter geopfert, diesem Ding, das direkt aus der Hölle kam …«

»Halt endlich das Maul!« schnappte Barlow schließlich. »Du hältst jetzt endlich die Fresse, oder ich bringe dich um! Ich schwöre bei Gott, ich bringe dich um!«

Gleer ging jetzt allen von ihnen unter die Haut. Vielleicht sogar Cobb. Aber das kühle Grinsen auf seinem Gesicht verriet ihn nicht. Noolan beruhigt Barlow und nahm ihn mit nach draußen an die frische Luft, die das einzige war, wovon sie mehr als genug hatten.

Als sie fort waren, blieben nur Cobb und Gleer in der Hütte. Die Holzscheite knisterten und bewegten sich im Feuer. Die Luft war rauchig und dicht. Es stank nach Körpergerüchen und verkohltem Holz. Wonach es in diesen Tage nicht stank, war Essen.

»Du musst dich zusammenreißen, Gleer«, sagte Cobb zu ihm. »Wenn du so weiter machst … na ja, dann wird dich einer der Jungs abknallen.«

Gleer spielte nur an seinen Ketten, ließ die Glieder durch die Finger gleiten. Er nickte. »Ich weiß, ich weiß … aber ich habe Angst, Jimmy Lee. Ich habe verdammte Angst. Ich denke … ich denke einer von uns ist einfach nicht das, was er zu sein scheint. Dass ihn etwas befallen hat … etwas in ihm ist … und dass dieser Mann nun ein Monster ist …«

Cobb dachte einen Moment lang darüber nach und zuckte dann mit den Achseln. »Vielleicht hast du Recht«, sagte er. »Vielleicht sollten du und ich besser ein Auge auf die beiden anderen haben.«

***

Schließlich kam Gleer wieder zur Besinnung.

Barlow hatte es fertiggebracht, ein paar Wölfe zu schießen. Es waren grobknochige Dinger mit nur wenig Fleisch daran, aber sie hatten etwas im Bauch. Und Noolan machte eine herzhafte Suppe aus dem Blut und Fett. Es schmeckt nicht gerade vorzüglich, aber es machte satt. Mit etwas Fleisch und Suppe in ihm kam Gleer endlich zur Besinnung.

Sie machten ihn los.

Aber sie behielten ihn im Auge.

Tatsächlich behielt jeder den anderen im Auge. Als ob jeder von ihnen Angst hatte, mit einem der anderen allein zu sein. Alle vier gingen ihrer täglichen Routine nach und trugen ständig ihre Messer und Pistolen am Gürtel. Und wenn einer draußen im Wald oder auf dem Eis des zugefrorenen Flusses auf einen anderen traf … dann war es nur vernünftig, frühzeitig auf sich aufmerksam zu machen. Denn an diesem schrecklichen Ort schlichen nur die Schuldigen umher oder bewegten sich leise.

In der Woche nach Gleers Freilassung wurde es schlimmer.

Der Wind rüttelte und schüttelte ständig an der Hütte. Er nahm die Schneewehen auf und schleuderte sie überall hin. Draußen war die Sichtweite auf acht bis zehn Fuß heruntergegangen. Die Luft war unnatürlich kalt. Manchmal trug der Wind merkwürdige Geräusche herbei, Geräusche, die sich nach Weinen oder Schreien anhörten. Die Stimmen von Kindern, die an einem fernen Ort sangen. Es gab seltsame Geräusche in der Nacht … als liefe etwas auf dem Dach umher oder kratzte an den Fensterläden. Ein Klopfen an den Außenwänden. Seltsam verzerrte Spuren im Schnee. Spuren, die ebenso unvermittelt anfingen wie sie endeten … als wäre etwas von den kalten Sternen über ihnen herunter- und dann wieder nach oben gesprungen.

Noolan und Barlow waren zu hören, wie sie in der Nacht Gebete flüsterten.

Gleer versteckte sich nur stumm unter seinen Elchfellen.

Und Cobb grinste nur und hielt den Kopf immer schräg, als würde er versuchen, etwas zu hören.

Denn er hatte Geheimnisse vor den anderen.

Sie wussten nicht, dass er sich fortgeschlichen hatte in dieser einen Nacht, in der sie die Höhle gefunden hatten. Dass er dort in den kalten, dunklen Stunden herumgekrochen war. Dass er zwischen den Knochen mit einer Laterne in der Hand umhergegangen war. Sie wussten nicht, wie er sich gefühlt hatte, als der faulige, stinkende Geruch aus dem zitternden Mark des Berges aufgestiegen war und sich über ihn gebreitet hatte wie eine schauderhafte, stinkende Decke. Oder wie es ihn hielt und sich mit dem schon tief in ihm Verborgenen vereinigte. Sich mit dem vereinigte, was von seinem Vater wie ein obszöner Samen in den verdorbenen Boden seiner Seele gepflanzt worden war. Wie es in die Finsternis reichte, dieses schlafende Andere fand und eins mit ihm wurde.

Denn Gleer hatte Recht – es war ein Monster unter ihnen.

Und es wurde immer hungriger.

***

Es war nun schon drei Wochen her, seit sie die Höhle gefunden hatten.

Zwei Wochen, seit der letzte Rest der Suppe und des Wolfsfleischs gegessen war. Ihre Bäuche waren seitdem absolut leer, und in jedem der Männer verfiel etwas mit unerfreulicher Geschwindigkeit.

Mit Ausnahme von Cobb.

Was in ihm war, war bereits zu Aas verrottet.

***

Cobb war allein in der Kabine … oder beinahe.

Noolan und Barlow waren schon vor Stunden fortgelaufen. Waren fortgelaufen, als sie früher als geplant von der Jagd zurückgekehrt waren und Cobb vorgefunden hatten, wie er Gleers Leiche ausnahm und glücklich Fleisch und Muskeln sortierte, die feinsten Stücke für Steaks, die schlechteren für Eintöpfe.

»Hungrig, meine Herren?«, hatte er gesagt. Blut tropfte aus seinem Mund, weil, nun ja, verdammt noch mal, es einfach schwer war, diese Art von Arbeit zu machen, ohne ab und an ein wenig auf den Geschmack zu kommen. »Nehmt euch einen Stuhl und seht zu, was der alte Jimmy Lee zaubern kann, wenn die richtigen Lebensmittel zur Verfügung stehen.«

Barlow und Noolan standen einfach nur da, Gewehre in der Hand, mit offenen Mündern wie Spucknäpfe und starrten und starrten. Einer von beiden – Cobb war sich nicht sicher, welcher – stieß einen jammernden Schrei aus, und dann stürmten sie gemeinsam hinaus in den Schnee. Die verdammten Idioten ließen auch noch die Tür offen. Waren wohl beide in einer gottverdammten Scheune geboren.

Das war vor drei, vier Stunden gewesen.

Aber Cobb wusste, dass sie zurückkommen würden. Es sei denn, sie beschlossen, den Winter in dieser Höhle zu verbringen, aber das würde ihnen sicher nicht sehr zusagen. Es war eine Sache, hier oben bei Licht und Wärme zu sein … aber wenn die Laterne erlosch und die Schwärze nach oben schwamm wie ein gefräßiger Hai aus einem urzeitlichen, gottlosen Meer, so wie es für ihn gewesen war, das war etwas ganz anderes.

Cobb war längst fertig damit, Gleer zu schlachten.

Als Cobb seinen Dolch, einen Arkansas-Zahnstocher, gezogen und auf ihn zugegangen war, während er mit den Stimmen längst verstorbener Indianer sprach, war Gleer einfach nur zu Gelee geworden. Cobb hatte seine Kehle glatt und schnell von Ohr zu Ohr aufgeschlitzt, und Gleer hatte es akzeptiert. Jetzt erinnerte nicht mehr als ein Haufen blutiger Knochen an seinen Tod. Seine Haut trocknete auf einem Gestell vor dem Feuer, gut gesalzen, um Leder daraus zu machen. Seine Organe waren vorsichtig in einen schwarzen Topf mit Salzlake geschichtet, um für einen feinen Eintopf zu reifen, der Cobb Wochen über Wochen sättigen würde. Das Fleisch war von seinem Gesäß, seinem Bauch und seiner Brust gelöst und in Schnee gepackt worden, damit es frisch und süß bleiben würde. Sein Blut war für die Zubereitung von Suppen und Brühen in Eimer abgelassen worden. Selbst sein Fett war gesichert worden. Seine Bänder und Sehnen waren zum Trocknen aufgehängt, um Fäden herzustellen. Und gerade in dem Moment, als Cobb lauschte, wie der Wind im Ofenrohr sprach und schnatterte, zerkleinerte er Muskeln und Organe, um sie als Wurst in Därme zu füllen.

Gleers Kopf saß ihm gegenüber.

Die Augen waren trüb, und die Zunge hing schwarz aus den zugenähten Lippen. Der Kopf trug noch immer die Bärenfellmütze. Ein paar fettige Haarsträhnen fielen über das blasse, blutbespritzte Gesicht.

Wenn Cobb sich sehr konzentrierte, konnte er ihn sogar zum Sprechen bringen.

Als er mit dem Stopfen der Würste fertig war, währenddessen er ein paar alte indianische Todeslieder pfiff, die er noch nie in seinem Leben gehört hatte, knabberte er etwas Fingerfood, gelöst von den restlichen Knochen, die er gekocht hatte. Eines der Beine von Gleer röstete sorgfältig gewürzt und aufgespießt über dem Feuer. Es wurde schon schön braun, Fett tropfte herab und verbrannte brutzelnd in den Flammen. Der fleischige, würzige Geruch erfüllte die Hütte und stieg durch den Kamin nach draußen.

Cobb wusste, dass der Geruch nach gebratenem Fleisch die anderen nach Hause bringen würde.

Sie würden keine Wahl haben.

Und er würde sie willkommen heißen, ganz sicher. Zwei Schlachtungen mehr, und er würde mehr als genug Fleisch haben, um es bis zum Frühjahr auszuhalten. Wenn er sich etwas zurücknahm und seine übliche Völlerei vermied. Aber er war kein Wilder. Er würde Barlow und Noolan einladen, um an seinem Tisch das Brot zu brechen. Er würde beiden eine gute Mahlzeit geben, bevor sie ans Messer kamen.

So verhielt sich ein rechter Christ.

Also knabberte Cobb und wartete. Ein seltsames Licht flackerte in seinen Augen.

Er erinnerte sich an die Nacht, in der er in die Höhle zurückgekrochen war. Etwas in ihm hatte ihm gesagt, dass es das war, was er tun musste. Dass das, was darin war, was sich in den Ritzen und Spalten und vielleicht zwischen den Knochen versteckte, genau der Grund war, weswegen er hergekommen war. Nicht Gold. Sondern … es. Was zur Hölle auch immer es war. Das, was die Rothäute ausgegraben hatten. Er konnte sich erinnern, dass es mit diesem fauligen Geruch angefangen hatte. Ein Geruch nach Verwesung war es, ein schrecklicher, süßer Geruch nach unbegrabenen Leichen und offengelegten Gräbern.

Es hatte ihn berührt.

Hatte ihn körperlich berührte.

In seinem Kopf – während es ihn festhielt, ihn an seiner Brust nährte wie ein Baby – hatte es ihm gesagt, was er tun musste. Wie lange es auf ihn gewartet hatte. Wie er überleben konnte, wenn er einfach bestimmte gesellschaftliche Tabus überwand.

Aber Cobb wollte nicht hören, wollte nicht.

Er hatte schon in diese Richtung gedacht, aber er war nicht bereit, noch nicht.

Und das Ding hatte sich in ihn hinein gedrückt, sich so in ihn hinein gepresst, dass er dachte, seine Knochen würden aus seinem Mund platzen. Es hatte ihm gesagt, dass es keinen anderen Weg gab. Wenn er Macht wollte … und das wollte er, nicht wahr? Dann gab es nur einen Weg, Herrschaft über Menschen zu erlangen. Auf dieselbe Weise, auf die man Herrschaft über Tiere erlangte – indem man sie aß. Und das Fleisch verschlang und alles absorbierte, was sie waren und sein würden.

Dies, so sagte es, war der Weg zu Unbesiegbarkeit und Unsterblichkeit.

Aber Cobb war sich einfach nicht sicher, also hatte es die Sache ein bisschen für ihn versüßt. Es sprach zu ihm wie ein alter Freund. Es versuchte nicht, ihn einzuschüchtern oder zu erschrecken, sprach nur mit ihm in einem natürlichen, leichten Rhythmus. Und, das war das Lustige daran, es hatte einen schweren Südstaaten-Akzent und redete wie ein Hillbilly, genau wie seine Verwandten aus den Ozarks in Missouri.

Nun, zumindest schien es so … aber vielleicht war es auch nur ein atmendes, graues Zischen, das Worte in seinem Kopf formte.

Lass mich dir etwas erzählen, Jimmy Lee. Pass auf und hör mir zu, hörst du? Halt jetzt die Klappe, das hier ist wichtig. Es waren einmal ein paar Rothäute, die hier in diesen Bergen lebten. Ganz gewöhnliche Wilde, schätze ich. Sie standen den Schoschonen nahe und nannten sich die Macabro. Nun, mein Vetter, diese Macabro, sie begannen damit, Tunnel in die Erde zu graben wie Würmer in Schweinefleisch … nun, es dauerte nicht lange, bis sie etwas ausgruben, etwas, das sie vielleicht gar nicht finden sollten. Es sprang auf, sagte ›Hallo‹ und ›Wie geht’s euch‹, und es stürzte sich unnachgiebig auf diese Wilden wie Christus auf die Heiden, um ihnen zu predigen. Nun, dieses Ding hier, es kroch in ihre Haut. Machte sich rücksichtslos über den ganzen Stamm her wie Yankees, die durch Georgia marschieren. Kein Beschiss, wirklich wahr. Du erinnerst dich, was für schlechte Dinge angeblich in diesen abgeschiedenen Tälern daheim in Missouri lebten? Yessum. Dieses Ding, es war genau so. Jetzt war dieses Wesen nicht gerade besonders nachbarschaftlich. Es grub sich tief in diese Rothäute hinein. So sicher, wie Christus ans Kreuz geschlagen wurde, gehörten die Macabro diesem Wesen.

Nun, mein Vetter, lass mich dir erzählen, wie es für sie war.

Diese Rothäute, sie fingen damit an, Menschenfleisch zu essen und ihre Erstgeborenen zu opfern. Der Schamane verzehrte die kleinen Scheißer roh und strampelnd. Yep, ihre eigenen Kinder, genau das habe ich gesagt. Aber auch Erwachsene. So gut wie jedermann. Und Jungfrauen … hey, dieser Hurensohn aus dem Untergrund war wirklich scharf auf Jungfrauen. Nun, die Macabro kämpften andauernd gegen andere Stämme oder sonst etwas. Wenn sie einige gefangennahmen, machten sie ihre Feinde zu Feueropfern, nagelten sie kopfüber an Pfähle und zündeten sie an. Manchmal ließen sie sie auch einfach hängen und bis auf die Knochen verrotten.

Jetzt warte, mein Sohn, lass deinen Henry in der Hose … yep, es gibt noch mehr. Siehst du, diese Macabro … sie fingen an, ihre Toten auszugraben, alle Toten auszugraben, die sie finden konnten, yessum. Sie fingen an, die Knochen und Schädel anzubeten. Sie machten Altare aus ihnen und stellten Dinge mit den Toten an, die du einfach nicht wissen willst. Sie waren wirklich weich in der Birne, diese Rothäute.

Nun, diese Schamanen oder Priester – wie auch immer du diese Baby-Vergewaltiger nennen willst – sie waren ein ziemlicher Haufen. Sie gaben die Befehle. Diese Hurensöhne waren keine Freunde eines gepflegten Bades. Ein verdreckter Haufen, der herumsprang und herumhüpfte in den Mänteln aus Babyhaut und mit sich windenden Schlangen in ihren langen Haaren. Sie sangen gotteslästerliche Lieder, trugen Schädelmasken und klapperten mit den Zähnen, die zu Spitzen gefeilt waren, um besser reißen und zerfleischen zu können, weißt du. Diese Schamanen, sie kontrollierten alles. Ihre Körper waren mit Schlangen, Symbolen und Hexenzeichen tätowiert. Das nannten sie die Skin Medicine. Irgendeine Art Beschwörung und magische Formel, direkt auf ihre Haut geschrieben. Man sagte, dass diese heidnischen Teufel mit der Skin Medicine die Geister der Toten kontrollieren und sich jederzeit in menschenfressende Tiere verwandeln konnten, wenn sie Hunger bekamen. In Vollmondnächten zündeten die Macabro-Priester große Feuer an, und die Rothäute tanzten nackt im Schnee, während die Priester von ihrer eigenen Haut vorlasen. Die gefangen genommenen Rothäute anderer Stämme wurden geschlachtet, ihr Fleisch gegessen, und der Schnee wurde blutrot. Und wenn die Macabro den Nachwuchs dieser Rothäute erwischen konnten, dann war es eine großartige Feier für sie, sich durch das feine, fette Fleisch zu fressen.

Nun, mein Vetter, jetzt weißt du, worum es geht.

Diese Rothäute waren verrückt, yessum, aber sie lagen zur Hälfte richtig damit, andere Menschen zu essen und alles zu absorbieren, was sie hatten. Nun, die Macabro wurden alle vor zweihundert Jahren von den Ute ausgelöscht, aber das, was du in der Höhle gefunden hast, jawoll Sir, das war ihr Erbe. Siehst du, die Ute haben die Macabro, die sie nicht gleich getötet hatten, in diese Höhle getrieben, zu den Toten. Dann haben sie sie lebendig verbrannt und ihre Knochen in diesen Gruben verteilt. Yessum, die Höhle. Das war ganz passend, schätze ich, da die Höhle doch der Ort war, an dem viele dieser heidnischen Opfer stattgefunden hatten.

Und, Jimmy Boy, verstehst du es jetzt? Verstehst du es? Verstehst du es?

Cobb erinnerte sich kaum an das, was danach geschah.

Nur, dass er nicht mehr ganz derselbe war. Manchmal war er er selbst, und manchmal ein Teil des Wesens, das seine Mutter geschwängert hatte, und manchmal ein Teil dieses tollwütigen Hinterwäldlers aus der Höhle. Manchmal formten sie alle einen gemeinsamen Verstand. Am nächsten Tag und an allen Tagen danach wartete Cobb nur und schmiedete einen Plan, wie er an Haut und Fleisch und Knochen kam.

Und so hatte alles angefangen.

Cobb, auf einem Stück Fleisch vom Finger kauend, ging zum Feuer hinüber und drehte Gleers Bein auf dem Spieß. Er piekte es mit einer Gabel an, und der Saft lief frei und klar heraus und sagte ihm, dass das Fleisch gut durch war. Sein Bauch knurrte angeregt durch den ekelerregenden Gestank.

In dem Moment hörte er, wie sich etwas außerhalb der Hütte bewegte.

Er grinste, und in seinen Augen blitzte das Höllenfeuer. Es waren Barlow und Noolan, die leise und heimlich wie rote Wilde umherschlichen. Sie machten es gut, aber Cobb hörte sie. Das Knistern ihrer Stiefel, die durch die Schneekruste brachen. Das Rauschen des Blutes in ihren Adern, das Pochen ihrer Herzen. Und vor allem, ja vor allem konnte er ihre Angst riechen, und das war für ihn wie frisch entkorkter Brandy.

Cobb ging daran, den Tisch zu decken.

Er stand mit dem Rücken zur Tür, als beide hereinplatzten. Sie hielten Pistolen auf ihn gerichtet und zitterten vor Kälte, die Gesichter verhärmt, fleckig und voller Angst.

»Du bist verrückt, Cobb, du kranker Hurensohn«, sagte Barlow. »Jetzt nimmst du ganz vorsichtig die Pistole aus dem Gürtel … mit der linken Hand. Ganz langsam jetzt, lass sie auf den Boden fallen …«

Aber Cobb kicherte nur. »Hör mit dem Gerede auf, Freund. Ich decke hier nur den Tisch. Ich möchte, dass ihr beide euch zu mir setzt und ein feines Essen bekommt. Ihr wisst ihr wollt es, also warum dagegen ankämpfen? Wir werden etwas essen und das wie Männer besprechen.«

Barlow und Noolan standen nur da, nicht sicher, was sie tun sollten. Cobb war verrückt, sicher, aber warum war er so verdammt ruhig? Was war das für ein merkwürdiger Lichtreflex in seinen Augen? Etwas stimmte hier ganz und gar nicht, und es war nicht allein der Kannibalismus.

»Wir erschießen ihn besser«, sagte Noolan.

»Das wäre nicht sehr nachbarschaftlich, Vetter«, sagte Cobb.

»Siehst du? Siehst du? Er ist verrückt! Beobachte ihn, schau ihn genau an, denn James Lee Cobb ist recht schnell mit dem Colt«, sagte Noolan. »Er kann so schnell ziehen, dass du …«

»Lass die Pistole auf den Boden fallen«, sagte Barlow.

Cobb seufzte, zuckte mit den Schultern und griff mit der rechten Hand nach der Waffe. Und schaffte es tatsächlich, sie aus dem Holster zu ziehen, bevor zwei Kugeln seinen Bauch zerrissen. Aber der Effekt war nur, dass er darüber lachen musste, während sein Blut auf den Boden tropfte. Er tauchte einen Finger in das Loch in seinem Wildlederhemd wie eine Feder in ein Tintenfass. Er zog ihn wieder heraus und leckte die Spitze ab. Sein Gesicht war schmal und blass, straff und reglos, wie ein mit Haut bespannter Schädel, und seine Augen leuchteten wie Glühwürmchen.

Aber er hatte seinen Colt draußen, bellte ein kurzes Lachen und schickte eine Kugel genau zwischen Barlows Augen, der an der Tür tot umfiel.

»Nun«, sagte er zu Noolan. »Warum leistet du mir nicht beim Abendessen Gesellschaft? Was meinst du?«

Die Pistole fiel Noolan aus den Fingern, und er begann zu wimmern. Was auch immer in Cobbs Augen war, hielt ihn fest. Er stolperte hinüber zum Tisch, seine Augen weit, starr und mit Tränen gefüllt. Er setzte sich und beobachtete stumpf, wie Cobb das Bein vom Spieß zog und begann, das Fleisch abzupflücken.

Dann begann er, zu essen.

Seine Gabel stach zu, seine Zähne kauten und seine Kehle schluckte, während sein Verstand nichts mehr war als eine formlose Spachtelmasse. Er aß und aß, während Cobb ihn beobachtete und die ganze Zeit Gleers Kopf an den Haaren hielt. Und das wirklich Üble war, dass Gleer sprach … das weiße, zerfurchte Gesicht sprach. Die Augen rollten in seinem Kopf, und die schwarze Zunge leckte über die Lippen. Cobb stellte ihm Fragen, und er antwortete mit einer trockenen, pfeifenden Stimme. Gleer erzählte, wie genau es da unten in dieser schwarzen Grube des Todes gewesen war, und dass Noolans Sippe alle da unten waren und mit ihm brannten.

Später, als Gleers Kopf zu schreien begann und die Hütte von singenden Indianerstimmen erfüllt war, schnitt Cobb Noolan die Kehle durch und nahm ihn aus.

***

Im Frühjahr kam Cobb von den Bergen zu Fuß herunter. Sein Sack aus Rohleder war noch gut gefüllt mit getrocknetem Menschenfleisch. Seine Reisen danach waren in den meisten Fällen unbekannt. Bekannt ist, dass er eine Mannschaft aus blutrünstigen Killern mit ähnlichen Neigungen und Geschmäckern wie seine versammelte. Dass sie ihn zurück nach Missouri begleiteten, wo es etwas gab, was er holen musste. Und einige Zeit später machte er sich dann zu den Schoschonen auf. Denn er wusste, dass er jetzt etwas mit ihnen gemeinsam hatte.

Und irgendwo entlang des Weges hörte er von einem Snake-Medizinmann namens Spirit Moon.