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Nach einem etwas anstrengenden Tag, den er auf seiner Runde durch die verschiedenen Bordelle in Horizontal Hill verbracht hatte, ging Tyler Cabe zurück zum St.-James-Gasthaus. Sein Bauch war leer und seine Schläfen wummerten wie Buschtrommeln von all dem kostenlosen Alkohol, den er getrunken hatte. Er ging in den Speisesaal und Jackson Dirker war da, zusammen mit seiner Frau und fünf oder sechs anderen Gästen. Das Abendessen bestand aus gebratenem Huhn und Kartoffeln mit einem Apfelkuchen zum Nachtisch. Das Essen war verdammt gut, und Cabes Respekt für Janice Dirker ging noch ein Stück nach oben.

Jackson Dirker war sicher ein glücklicher Mann.

Cabe und Dirker machten Small Talk, hörten aber meist nur zu. Einer der Gäste war ein Medizinhändler aus Wichita namens Stewart. Er sprach ausführlich und mit unappetitlichem, klinischem Detail über seine Produkte, die von Lebertabletten bis zu Verbänden, von Reinigungsalkohol bis zu Darmspülungen reichten. Besonders das Letztere … trug natürlich nicht viel zur Verdauung des Apfelkuchens bei.

Nachdem er sich entschuldigt hatte und auch die anderen Gäste gegangen waren, blieben nur Cabe und Dirker übrig, während Janice hin und her huschte, um das Geschirr einzusammeln.

»Mister Cabe sagt mir, dass ihr beide euch kennt«, sagte sie zu ihrem Mann.

Er blickte kaum von seiner Zeitung auf. »Auf gewisse Art und Weise.«

Ganz der alte Dirker, dachte Cabe bei sich. Kühl wie Eis. Wenn er irgendwelche Emotionen unter dieser dicken Haut begraben hatte, brauchte es zwanzig Männer mit Schaufeln, um sie freizulegen. Wenn Dirker vielleicht einfach gesagt hätte: Ja, wir kennen uns. Wir haben gegeneinander gekämpft … aber das war vor vielen Jahren. Hätte er etwas in der Art gesagt, wäre Cabe vielleicht zufrieden gewesen, hätte loslassen können. Aber jetzt bekam er schlechte Laune.

»Ja«, sagte er, »es war einmal, da waren Ihr Mann und ich Waffenbrüder. Wir haben auf gegnerischen Seiten gekämpft, aber spirituell waren wir vereint. Ist es nicht so, Jack?«

Die Zeitung senkte sich einen Zoll. Ein Paar kristallblaue Augen fanden Cabe und blinzelten nicht. Die Zeitung glitt wieder nach oben. »Soweit würde ich nicht gehen«, war alles, was er sagte.

»Unsinn. Vielleicht ist deine Erinnerung an mich getrübt, Jack, und das zu Recht … aber meine Erinnerung an dich? Zur Hölle, die ist so scharf wie eine Peitsche. Wie ich mich an dich bei Pea Ridge erinnere! Was für eine feine und markante Erscheinung du warst!«

»Genug, Cabe.«

Cabe lächelte jetzt, seine Finger rannen über das Netz von Narben, das über den Rücken seiner Nase lief und in die Wangen geschnitten war. »Ihr Mann ist sehr bescheiden, Madam. Ich würde sagen, dass Jackson Dirker ein Offizier und ein Gentleman war. Fair und sympathisch in allen Belangen.«

Dirker starrte jetzt Löcher durch ihn hindurch.

Cabe starrte gleichermaßen zurück.

Janice, die spürte, dass hier etwas furchtbar verkehrt lief, räusperte sich nur und zupfte imaginäre Fussel von ihrem Samtkleid. »Wenn ich so unhöflich und unverschämt sein darf, Mister Cabe … haben Sie, haben Sie diese Narben im Krieg erhalten?«

Ob sie nun unhöflich oder unverschämt war oder nicht, Cabes Grinsen wurde nur noch breiter. Seine Finger erkundeten die vertraute Schnitt-Geographie jener alten Narben. »Ja, die habe ich im Krieg erhalten. Ich trage sie mit einer gewissen Ehre. Kampfwunden. Du erinnerst dich, wie ich zu ihnen gekommen bin, Jack?«

Dirker legte die Zeitung hin. »Ja, das tue ich. Aber sag mir, Cabe, wie haben dir unsere Bordelle gefallen? Man munkelt, dass du dort fast den ganzen Tag verbracht hast. Hat unser Rotlichtviertel deinen Wünschen genügt?«

Was auch immer Cabe sagen wollte, verdampfte auf seiner Zunge. Dirker. Dieser gerissene Hurensohn. »Ich … ähm …«

Janice lächelte dünn. »Unser Mister Cabe hier ist ganz sicherlich ein frecher Bursche.«

»Ist er das nicht?«, sagte Dirker und amüsierte sich nun prächtig.

Cabe schluckte und schluckte wieder. »Es war rein geschäftlich, Madam. Der Mann, hinter dem ich her bin, sucht sich Prostituierte als Opfer, also was für eine Wahl habe ich, außer mich mit ihnen anzufreunden? Um sie und die Orte, an denen sie arbeiten, zu kennen.«

»All diese Dinge, die ein Mann tun muss, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Ts, Ts. Und Sie haben den ganzen Tag unter ihnen verbracht? Wie müde Sie sein müssen … nach so einer anstrengenden Unternehmung.«

»Madam …«

Dirker lächelte jetzt. »Du bist ein äußerst entschlossener Mann, Cabe. Wenn jemand diesen Killer fertigmachen kann, wirst du es sein.«

Jetzt dachte Dirker auch noch, er wäre witzig, und doch ließ es auch Cabe lächeln. Wenn der Mann öfter so wäre und nicht so verdammt steif und förmlich … er hätte ihn fast mögen können. Cabe ging davon aus, dass er geködert wurde, und so tat er, was natürlich für ihn war: er stand auf und biss zu. »Ja, Madam, es war anstrengend, aber ich habe es so lange gemacht, bis die meisten Männer längst vor Müdigkeit fix und fertig gewesen wären.«

Janice errötete … errötete, aber wendete sich nicht ab. Etwas schwelte hinter ihren Augen, und sie sorgte dafür, dass Cabe es sah.

Dirker hob eine Augenbraue. »Das hast du wirklich getan? Ihnen den Johnny gegeben?«

»Oh ja.«

»Ich lasse euch Gentlemen jetzt damit alleine«, sagte Janice und verließ das Zimmer.

Cabe vermutete, dass er sie entweder beleidigt … oder sie erregt hatte. Seiner Erfahrung nach konnten Frauen aus den Südstaaten so sein. Erregt von dem, was sie am widerlichsten fanden. Es war die Erziehung, das war es. Die Vorkriegsgesellschaft hatte verlangt, dass eine Lady ihre grundlegenden Instinkte unterdrückte. Dass solche Dinge wie Lust und Begierde keinen Platz in der höheren Ordnung der Dinge hatten … aber es war wie bei jedem Biest, je länger man ihm keine Nahrung gab, desto hungriger wurde es.

Und es war ein Hunger in diesem Mädchen. Ein kaum verborgenes Bedürfnis, ihre Abstammung abzuschütteln und es schmutzig zu treiben.

Dirker sagte: »Laufen unsere Begegnungen jetzt jedes Mal auf diese Weise ab, Cabe?«

Cabe schaute von ihm weg. Da waren so viele Dinge, die er sagen wollte, aber zu welchem Zweck? Was sollte das am Ende bewirken? Er hatte schon zwei Regeln seiner Erziehung verletzt – dass ein Mann seine geschäftlichen oder persönlichen Angelegenheiten nicht mit an den Tisch brachte, und dass ein Mann seine Probleme mit einem anderen Mann nicht in Gegenwart einer Lady ausdiskutierte. Vielleicht war jetzt die Zeit … wenn er einen Kampf wollte, dann wurde es langsam Zeit, mit dem Geplänkel aufzuhören.

Aber er wollte das nicht, nicht mehr. »Nein«, sagte er und überraschte sogar sich selbst, »ich würde es vorziehen, wenn wir das alles beiseitelegen könnten. Ich schätze, das wäre das Richtige. Zumindest für den Moment.«

»Einverstanden. Aber nur, damit wir uns richtig verstehen, Cabe. Was bei Pea Ridge passiert ist, ist nichts, worauf ich stolz bin. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke und mir wünsche, die Dinge wären anders gelaufen.«

»Du bist bereit, zuzugeben, dass wir nur ein paar überlebensnotwendige Dinge von den toten Jungs genommen haben?«

Dirker nickte. »Ich weiß das, ja. Vielleicht habe ich es damals auch gewusst, aber ich habe die Nerven verloren. Was ich getan habe, war falsch.«

Verdammt. Wenn das einem Mann nicht den Wind aus den Segeln nahm. Dirker gab zu, dass er falsch lag. Cabe fühlte sich plötzlich sehr schlaff, knochenlos. Es war ihm fast peinlich, dass er das Thema überhaupt erwähnt hatte. »Okay, in Ordnung. Na gut. Wir waren alle jung und hitzköpfig, schätze ich.«

»Was hast du nach dem Krieg gemacht, Cabe?«

Cabe erzählte ihm von den Jahren, in denen er Rinderherden getrieben hatte, ein Eisenbahndetektiv gewesen war und Goldtransporte geschützt hatte. Wie alles zur Kopfgeldjagd geführt hatte. »Und bei dir?«

Dirker seufzte. »Ich bin in der Armee geblieben. Wurde in den Westen geschickt, um Indianer zu bekämpfen.« Seine Augen verengten sich. »Ich dachte, was ich im Bürgerkrieg gesehen habe, war übel. Aber es hat mich in keinster Weise auf das vorbereitet, was ich dort gesehen habe. Die Gräueltaten, die mutwilligen Morde an Unschuldigen.«

Cabe hakte nicht nach. Er wusste vieles von dem, was da draußen passiert war, von den Demütigungen und Grausamkeiten gegenüber den Stämmen. Die in der Regel nicht gerechtfertigt waren. Zwischen Weißen und Indianern wurden Verträge geschlossen. Und die Tinte war kaum trocken, als die Weißen sie wieder verletzt hatten.

»Aber du hast die Armee verlassen?«

Dirker lächelte jetzt. »Nein, ich wurde von meinem Kommando entbunden. Eine Gruppe von Arapahos hatte eine Siedlung überfallen und ich hatte den Befehl erhalten, sie zu jagen und zu massakrieren. Nun, wir konnten die Täter nicht ausfindig machen, sodass mein Kommandant entschied, dass jeder Arapaho gut genug wäre. Da war ein Dorf von vielleicht fünfzig Menschen am Cripple Creek. Sie hatten nichts mit dem Überfall zu tun, und alle wussten das … trotzdem bekam ich den Befehl, mit meinen Leuten da reinzugehen. Und wenn wir wieder herauskommen würden, so lauteten die Anweisungen, sollte nichts mehr am Leben sein.«

»Du hast dich geweigert?«

»Ja, das habe ich. Und ich bin stolz darauf. Ich war Soldat, kein Auftragskiller.« Dirker seufzte und leckte sich die Lippen. »Ich wurde meines Kommandos enthoben, vor ein Kriegsgericht gestellt und entlassen. Ehrenhaft entlassen, sehr zum Missfallen von einigen.«

»Und danach?«

»Ich war ein Gesetzeshüter. Eine Stadt nach der anderen. Schließlich haben Janice und ich dieses Hotel gekauft. Natürlich gab es schon immer Ärger zwischen den Minenarbeitern und den Mormonen, den Indianern und den Siedlern … man hat mich gefragt und mir auf der Stelle den Job als County-Sheriff gegeben.«

Cabe hörte sich alles an. Seine Geschichte war nicht anders als die vieler Veteranen – ausgebildet als Soldat wurden sie entweder Gesetzeshüter oder Outlaws, manchmal auch beides. Cabe rollte eine Zigarette und zündete sie sich an. »Sag mir etwas, Sheriff. Diese Sache, die ich über eine kleine Stadt namens Sunrise gehört habe … ist da was dran?«

Dirker nickte nach einer Weile. »Schrecklich, einfach schrecklich.«

»Was willst du dagegen tun?«

»Ich werde diejenigen jagen, die dafür verantwortlich sind, natürlich.«

»Natürlich. Und weil wir gerade dabei sind … da ist dieser Bursche namens Freeman. Er sagt, er sei ein Texas Ranger. Denkst du, du könntest dir das mal anschauen für mich? Vielleicht den Rangern ein Telegramm schicken?«

»Du denkst, er lügt?«

Cabe sagte ihm, dass er sich nicht sicher war, was er dachte. »Alles was ich weiß, Dirker, ist, dass er mir ein wirklich schlechtes Gefühl im Bauch verursacht. Und ich kann einfach nicht herausfinden, warum …«