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Tyler Cabe dachte nicht gern zurück an den Krieg, aber manchmal bäumte sich die Erinnerung in seinem Kopf auf, groß und hungrig und dunkel, und sie fraß sich geradewegs durch ihn hindurch wie ein Krebsgeschwür. Oft kam sie mitten in der Nacht, wenn er allein war und all die kleinen Kümmernisse und die Fragmente von Schuld, die ein Mann tief in seiner Seele versteckt hält, hochkamen und an seiner Vernunft und Entschlossenheit nagten. Der Krieg kam gern zurück, wenn er versuchte einzuschlafen … oder er riss ihn um vier Uhr morgens mit kaltem Schweiß und Schüttelfrost aus dem Schlaf. Es war nicht im eigentlichen Sinne eine Erinnerung, sondern mehr ein körperliches, greifbares Ding, das er fühlen und sehen konnte, das er schmecken und riechen konnte, während es wie krankes Blut aus seinen Poren heraussickerte und ihn mit Entsetzen erfüllte.
Cabe war im Zweiten Arkansas-Infanterieregiment gewesen.
Sein erster Einsatz war in der Schlacht am Wilson's Creek, in der seine gesamte großäugige Naivität auf die schlechtestmögliche Weise ausgelöscht wurde. Oft dachte er, dass dies der Ort war, an dem er wahrhaftig seine Unschuld verloren hatte. Und wenn das zutraf, dann war es kein süßer Liebesakt im Dunkeln, sondern eine brutale Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung von allem, was er bis zu diesem Zeitpunkt gekannt und woran er geglaubt hatte. Zwölf Meilen südwestlich von Springfield, Missouri, am Wilson's Creek, hatten die Unionstruppen von General Nathaniel Lyon die Stellungen der Konföderierten um fünf Uhr morgens angegriffen. Der folgende Kampf war brutal und entsetzlich. Cabe sah, wie Männer – Männer die er gekannt und mit denen er trainiert hatte – überall um ihn herum zu Hackfleisch zermalmt wurden. Er war über und über bespritzt mit ihrem Blut und ihren Eingeweiden. Eine grausige Taufe. Er kroch durch ihr zerfetztes Fleisch, duckte sich unter ihren Überresten hindurch, die wie Girlanden von den Ästen herunterhingen, und schmeckte ihr heißes, salziges Blut auf seinen Lippen.
Halb von Sinnen im dichten Qualm und im Chaos war alles, was er hören konnte, das donnernde Kanonenfeuer und die Schreie der Sterbenden. Die Zweite zog sich zurück von der Erhebung, die als Bloody Hill bekannt werden sollte, konnte dann aber durch schieren Willen und Tapferkeit ihre Positionen stabilisieren. Nicht weniger als drei Mal attackierten die konföderierten Einheiten die Stellungen der Union und fügten dem Gegner ebenso horrende Verluste zu wie sie selbst erlitten. Nach dem dritten Angriff ließen sich die Yankees zurückfallen nach Springfield, aber die Zweite Arkansas und andere Regimenter waren einfach zu angeschlagen und ausgedünnt, um sie zu verfolgen. Der Sieg der Konföderierten – wenn man es so nennen wollte bei 1200 Gefallenen – erhöhte die Sympathie für die Südstaaten in Missouri, aber um einen schwindelerregenden Preis.
Cabe kam zurück aus den Kämpfen, geschockt, verzweifelt, verbrannt, zerschrammt und zerstört.
Und das war nur ein erster Vorgeschmack, eine Einführung in die älteste Beschäftigung des Menschen.
Als nächstes wurde die Zweite in das Indianerterritorium verlegt, um einen Aufstand der Creek und Seminolen niederzuschlagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Kämpfen Cabe bereits abgestumpft, und er verspürte nicht mehr den Impuls wegzulaufen und sich zu verstecken wie am Wilson's Creek, sondern er stürzte sich brutal in die Schlacht. Die Indianer kämpften Mann zu Mann, barbarisch, und er stellte fest, dass ihm das gefiel. Auf eine gewisse Weise war es viel zu unpersönlich, aus der Entfernung eine Kugel durch einen Gegner zu jagen oder ihn wahllos mit Granatfeuer zu belegen … wenn man ihn angriff mit Pistole und Messer, mit seinem Blut bespritzt wurde und seine Qualen sah, erweckte das ein urtümliches Biest, das nach mehr dürstete.
Und es gab stets mehr.
Als nächstes kam Pea Ridge.
Die Zweite Arkansas, eingegliedert in die Konföderierte Armee West und zusammengeworfen unter dem Befehl der Generäle Price und McCulloch, begann mit ihrem blutigen Geschäft an der Südspitze der Ozark Mountains. Zusammengenommen war die Armee zwanzigtausend Mann stark, einschließlich fünftausend Indianer der Fünf Zivilisierten Stämme. Die Konföderierten, mit ihrer nahezu zweifachen zahlenmäßigen Überlegenheit einen klaren Sieg vor Augen, teilten ihre Truppen und griffen gleichzeitig Front und Rücken des Gegners an. Aber Curtis, der gerissene Unionsgeneral, flankierte beide konföderierten Armeen und schlug mit gnadenlosem Artilleriefeuer zu, bis die Südstaatler zum Rückzug gezwungen waren.
Für Cabe und die Zweite war es die Hölle.
Ein paar Tage zuvor hatte ein Schneesturm getobt, und es war eisig kalt. Alle waren müde, hungrig und halb erfroren, als der Konföderierten-General Van Dorn sie zwang, in die Schlacht zu ziehen. Ihr Einsatzgebiet war östlich von Leetown in Morgan’s Woods. Ihre Generäle McCulloch und McIntosh fielen gerade einmal zwei Stunden nach Kampfbeginn, und die Zweite blieb führerlos zurück, unbarmherzig angegriffen und verfolgt von der 36sten und der 44sten Illinois-Infanterie. Die Konföderierten waren nun in vollem Rückzug begriffen, und die Erste und Zweite Unionsdivision setzten ihnen nach. Cabes Kompanie war abgeschnitten und suchte Schutz in einem verlassenen Bauernhaus.
In ihren zerschlissenen Schuhen und zerlumpten Uniformen zitterten Cabe und die anderen in der Kälte. Hungernd, zerschrammt und blutend warteten sie auf Entsatz, der niemals kam. Es ließ sich keinerlei Essen auftreiben und nur wenige Decken und Mäntel, um sich warm zu halten. Die Munition war längst aufgebraucht. Viele der Männer waren verwundet, manche schwer. Sie waren nicht mehr als ein zerfledderter Haufen, zusammengehalten von blutigen Bandagen und Stolz, der rasch verfiel.
Innerhalb einer Stunde begann das Artilleriefeuer.
Die Wände fielen zusammen, das Dach stürzte ein. Die Verwundeten und Schwachen wurden von den Trümmern lebendig begraben. Johnny Miller, Cabes bester Freund in der ganzen Welt, wurde von einer Granate enthauptet. Verzweifelt versuchten die Überlebenden, die Verschütteten auszugraben, deren Schreie und jämmerliches Wimmern durch die frostige Luft hallten, aber es war hoffnungslos. Als die Yankees hereinstürmten, kreischend und blutrünstig, entkam Cabe mit drei anderen in die Wälder: Sammy Morrow, Pete Oland und Little Willy Gibson. Sie schleppten sich durch Sümpfe und krochen durch dorniges Dickicht, bis sie von oben bis unten mit kaltem Schlamm bedeckt waren. Ihre Gesichter waren aufgerissen, und ihre Uniformen hingen in Fetzen herab.
Little Willy war völlig neben sich, kicherte und schluchzte abwechselnd, und Sammy Morrow schrie ihn wieder und wieder an, nannte ihn ein Muttersöhnchen und sagte ihm, es wäre langsam Zeit, sich von diesen verfickten Nippeln zu entwöhnen. Aber Little Willy ließ ihn links liegen und führte weiter Gespräche mit Männern, die schon längst tot waren.
»Er ist verrückt geworden, Tyler«, sagte Sammy zu Cabe. »Mit diesem Bastard an unserem Rockzipfel können wir nicht abhauen. Er wird uns verraten.«
»Wir können ihn nicht zurücklassen.«
»Warum nicht, zur Hölle?«, wollte Sammy wissen.
Aber Cabe dachte bei sich: Wenn Sammy die Antwort auf diese Frage nicht weiß, was hat es für einen Sinn, es ihm zu erklären?
In der Dämmerung des Sonnenuntergangs, erschöpft und eiskalt, ohne einen Bissen seit über vierundzwanzig Stunden, waren sie bereit, sich hinzulegen und zu sterben. Pete Oland, der voranging und die Gegend auskundschaftete, entdeckte einen Haufen toter Yankees auf einer Lichtung, die neben einem dunklen, blattlosen Dickicht lag. Cabe zählte zehn Männer. Zehn Männer in blauen Lumpen, die auf obszöne Weise verstümmelt worden waren. Jemand hatte sie skalpiert und zerstückelt. Ihre Gesichter waren von den darunter liegenden Schädelknochen abgetrennt worden. Die Bäuche waren geöffnet, die Eingeweide herausgerissen und überall verstreut wie Drahtbündel.
»Gottverdammt«, rief Pete. »Hast du schon mal so was gesehen?«
»Indianer«, sagte Sammy. »Diese ganzen Indianer unter Pike.«
Vielleicht hat er Recht, dachte Cabe. Die Cherokee und die Creek, die Chocktaw und die Chickasaw. Es wäre nicht das erste Mal, dass indianische Truppen ein klein wenig zu begeistert vom Gemetzel waren und wieder in ihre alten Gewohnheiten zurückfielen.
»Ich mag diese Yankee-Bastarde nicht«, sagte Sammy. »Aber das hier! Gott Allmächtiger, dafür gibt es keinen Grund! Hörst du? Keinen Grund! Verfluchte Indianer! Von wegen Zivilisierte Stämme!«
Cabe befahl ihnen, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die Männer waren tot, und sie waren auf grausame und primitive Weise gestorben, aber sie waren tot. Es gab nichts mehr, was man für sie tun konnte. Er ließ seine Leute durch die Leichen und ihre Überreste wühlen, und sie nahmen den Toten die Mäntel, Decken, Rucksäcke und Koppeltaschen ab. Dazu jegliche Verpflegung, die sie finden konnten, vor allem aber Waffen. Wer auch immer diese Männer abgeschlachtet hatte, hatte ihre Enfield-Gewehre liegen gelassen. Cabe rechnete sich Chancen aus, dass seine Einheit es gut ausgerüstet und bewaffnet schaffen konnte, zu den konföderierten Truppen aufzuschließen, die sich auf dem Rückzug befanden.
Es war ein Plan … nur, dass er nicht Wirklichkeit wurde.
Angeekelt von sich selbst waren sie noch dabei, die Leichen zu plündern, als plötzlich ein Platoon Yankee-Kavallerie aus dem Dickicht stürmte und die konföderierten Soldaten wie eine Schlinge umfasste. Es gab kein Entrinnen. Kein Pardon. Kein gar nichts. Cabe hatte bis zu diesem Zeitpunkt eine Menge mitgemacht … aber den toten Feind auszurauben und dabei erwischt zu werden wie eine Horde Leichenschänder … das mochte gut und gerne das Ende der traurigen, alten Straße sein.
Die Unionssoldaten stiegen ab.
Obwohl viele von ihnen heruntergekommen aussahen in ihren verschmutzten, zerrissenen Uniformen und mit den schmalen, von Krieg und Gewalt gehärteten Gesichtern, sahen sie im Vergleich mit Cabe und seinen Männern doch recht anständig aus.
Die Yankees waren außer sich, als sie den Zustand ihrer gefallenen Kameraden sahen. Ihre Sergeants mussten sie mit Gewalt zurückhalten. Wie ein Rudel geifernder, tollwütiger Hunde umkreisten sie die Südstaatler.
Dann lief ein Offizier durch ihre Reihen.
Er war ein großer, drahtiger Lieutenant im flatternden blauen Mantel, mit Hardee-Hut und Schwert an der Seite, in dem sich das Licht der untergehenden Sonne spiegelte. Sein Gesicht war hart wie Marmor, diese blauen Augen so elektrisiert wie Kugelblitze. Er lief um den vermüllten Haufen toter Nordstaatler herum. Drehte einen mit seinem glänzenden schwarzen Stiefel um. Er zeigte keine Emotionen, aber seine Augenbrauen zogen sich immer weiter zusammen, und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen wie bei einem Totenschädel.
Cabe wusste, dass er eine hässliche Situation entschärfen musste. »Corporal Tyler Cabe, Zweites Arkansas-Infanterieregiment, Sir.«
Der Lieutenant verkündete, er sei Jackson Dirker von der 59sten Illinois.
Etwas an seinem Auftreten und seiner stählernen Ruhe ließ Cabes Blut gefrieren. Hier war ein Mann, dem seine Truppen offensichtlich sofortigen Respekt zollten und der zweifelsohne ein guter Soldat war … aber hier war auch ein Mann, der trotz seiner Zurückhaltung und seines gleichgültigen Verhaltens eine fast gewalttätige, grausame Aura an sich zu haben schien, die unmittelbar hinter diesen kristallblauen Augen brodelte wie Säure, die nur darauf wartete, Fleisch und Knochen zu verschlingen.
»Sir, wir sind auf diese Männer in diesem Zustand gestoßen. Unsere Einheit wurde bei Pea Ridge zerschlagen, seit gestern versuchen wir, uns durchzuschlagen. Meine Männer haben seit Tagen nichts Vernünftiges gegessen«, erklärte Cabe. Seine Stimme war schrill und brach, denn bei Gott, er wusste, wie übel das alles aussah. »Wir haben nur die Waffen und etwas zu essen von diesen … diesen Toten genommen … nur genug, um zu überleben.«
Die Unionssoldaten zitterten vor Wut, vor nackter, blinder Wut. Little Willy fing an Unsinn zu erzählen, den niemand verstehen konnte, und ein stämmiger Sergeant befahl ihm mit irischem Akzent, sein weißes Südstaatenmaul zu halten, und zwar sofort. Aber Little Willy war durchgedreht, verloren in seiner Traumwelt, und machte einfach weiter. Im schlechtesten Moment begann er zu prahlen, wie viele Yankees die Zweite Arkansas getötet hatte. Der Sergeant gab einen schmerzvollen, erstickten Laut von sich, zog seinen Army-Colt und schoss ihm in den Kopf. Little Willys Schädel brach auseinander wie eine zersplitternde Glasvase, sein Gehirn ergoss sich auf das Gras, und er fiel um wie ein gefällter Baum.
Cabe und die anderen fingen an zu schreien und zu brüllen, und blitzartig wurden sie von den Yankees überwältigt. Cabe wurde mit einem Schlag von einem Gewehrkolben an die Schläfe zu Boden gestreckt, Sammy und Pete wurden an Eschenbäume gebunden und dann bis zum Gürtel entkleidet.
Dirker kam mit einer Bullenpeitsche von seinem Pferd zurück, und er hatte etwas so Dunkles und Giftiges an sich wie ein Haufen sich windender Klapperschlangen in einer Grube. »Grabschänder, Leichenfledderer«, sagte er mit einer seltsam flüsternden Stimme. »Einen Mann zu töten ist eine Sache … aber ihn zu verstümmeln, so etwas zu tun wie … das hier …«
Die Peitsche knallte in der Luft, rollte sich zusammen und breitete sich dann in ganzer geflochtener Länge aus, erwachte und streckte sich … und dann explodierte Dirker. Die Peitsche traf das bloße Fleisch von Petes und Sammys Rücken und überzog beide mit klaffenden Wunden. Dirker ließ die Peitsche knallen, bis beide Männer aufhörten zu schreien und schlaff zusammensackten. Ihre Rücken bestanden nur noch aus blutendem Fleisch. Jetzt kam Cabe wieder zu Sinnen, warf zwei Yankees aus dem Weg, stürzte auf Dirker zu – und dann leckte die Peitsche quer über sein Gesicht mit einer Explosion beißender Qual, die ihn auf die Knie zwang. Und wieder schlug die Peitsche zu, riss seine Wangen auf und machte aus seiner Nase eine zerfetzte Fleischwunde. Dann lag er am Boden, nahezu bewusstlos, und die Peitsche krallte sich wieder und wieder in sein Gesicht.
Als Cabe wieder zu sich kam, fand er sich auf einem Feld mit vielleicht hundert anderen konföderierten Soldaten wieder. In Gewaltmärschen wurden sie zum Mississippi getrieben und dort auf halb verrottete alte Dampfschiffe geladen. Die nächsten beiden Wochen verbrachten sie in den unteren Decks in kalter, verdreckter Dunkelheit und aßen, schliefen und lebten direkt auf der zwei Fuß hoch geschichteten Steinkohle. Die Schiffe brachten sie den Mississippi hinauf über St. Louis nach Alton in Illinois, wo man sie für die Fahrt nach Chicago auf Viehwagen verfrachtete. Als sie ihr Ziel erreichten, teilten sie die Dunkelheit mit Dutzenden starr blickender Leichen von Männern, die sich der Kälte, dem Hunger, den Krankheiten ergeben hatten.
Von Chicago aus trieben sie die konföderierten Soldaten zu einem Marsch von zwei Meilen durch eiskalten Schlamm und sumpfiges Gelände zum Camp Douglas. Ihre nassen Uniformen waren festgefroren, steif wie Ochsenleder. Die Menschen kamen heraus, gafften und glotzten und johlten, als die Kolonne besiegter Südstaatler vorüberzog … doch es gab auch einige, die Mitleid zu haben schienen und beinahe beschämt aussahen. Manchmal bewarfen sie die Kinder, manchmal lachten sie und winkten. Zumindest bis ihre Eltern sie eines Besseren belehrten.
Cabe verbrachte sechs Monate in Camp Douglas.
Das Camp war ursprünglich als Ausbildungslager für die Unionsarmee errichtet worden, aber nach der Kapitulation der Konföderierten bei Fort Donelson hatte man es zu einem Kriegsgefangenenlager umgebaut. Über siebentausend Männer waren hier gefangen, und es gab nur einen einzigen Arzt, der sich um ihre Leiden kümmern sollte, von denen es mehr als genug gab. Das Lager war eine Jauchegrube voll mit stehendem, gammeligen Wasser, unbegrabenen Leichen, verrottenden Knochen, grassierenden Krankheiten und Ungeziefer. Ratten durchstreiften ungestört das Gelände und fraßen an den Toten und manchmal auch an den Lebenden, die zu schwach und krank waren, sich zu bewegen. Männer erfroren. Männer wurden zu Tode geprügelt. Männer wurden für die kleinsten Vergehen hingerichtet und gefoltert. Der Hunger tötete Hunderte. Ausbrüche von Blattern und Ruhr töteten Hunderte mehr. Das Wasser war dermaßen mit dem Abfluss aus den Latrinen verseucht, dass sich die mit dem fauligen Zeug behandelten Wunden schnell entzündeten. Im Sommer wurde das Lager zu einer Brutstätte umherschwirrender Fliegen und bissiger Mücken, die die Luft mit dichten Schwärmen bevölkerten. In den Bergen von Müll und herumliegenden Toten vermehrten sich Maden und Ratten.
Die Wachen nannte man Etappenschweine, und sie waren grundlos sadistisch. Häufig warfen sie Essen lieber auf den Müll, statt es den Gefangenen zu geben. Sie schlugen die Männer erbarmungslos und ließen sie nackt im Schnee antreten. Oft wetteten sie darauf, welcher Gefangene am längsten ohne Essen und medizinische Versorgung überleben würde. Achtzehn Gefangene starben im Schnitt jeden Tag. Ab und an wurden offene Wagen durch das Lager gezogen, auf die man die Toten warf, einen über den anderen wie Holzscheite, mit Gliedern dünn wie Besenreiser und eingefallenen Gesichtern. Die Sterbenden wurden häufig gleich mit auf den Wagen geworfen. Häufig ließ man die Wagen tagelang in der Sonne stehen, bis die aufgehäuften Kadaver sich buchstäblich drehten und wanden, ausgelöst durch die fressenden Würmer und Ratten und die sich ausdehnenden Gase.
Cabe hatte in der Konföderierten Armee nicht viel zu essen bekommen.
Von ursprünglich hundertsiebzig Pfund waren bei Pea Ridge noch magere hundertvierzig Pfund übrig gewesen … doch als er Camp Douglas durch einen Gefangenenaustausch verlassen konnte, wog er gerade noch knapp über hundert Pfund. Ein Strichmännchen, eilig hingekritzelt von einer Kinderhand, gekleidet in Lumpen und zusammengenähte Reste aus Uniformen und schmutzverkrusteten Decken.
Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Krankenhaus der Konföderierten wurde Cabe wieder in die Zweite Arkansas eingegliedert, die kurz darauf mit der von Bragg kommandierten Tennessee-Armee zusammengelegt wurde. Cabe kämpfte bei Murfreesboro und nahm an General Joe Johnstons glücklosem Versuch teil, die Belagerung von Vicksburg durch die Nordstaaten aufzubrechen. Danach kamen Chickamauga, Chattanooga, der Atlanta-Feldzug. Während der Carolina-Kampagne verletzten ihn Schrapnellsplitter schwer, aber er überlebte, um seinen Brüdern beizustehen, als die Tennessee-Armee im April 1865 in North Carolina kapitulierte.
Nach dem Krieg trieb er Rinderherden von Texas nach Kansas, war Nachtarbeiter auf einer Ranch, Eisenbahndetektiv und begleitete einen Geldtransport nach Kalifornien. Kurz darauf verlegte er sich auf die Kopfgeldjagd.
Aber bei allem, was er gesehen hatte, bei allem, was er getan hatte, bei den Gräueln des Krieges und dem durchlebten Albtraum in Camp Douglas – ein Ereignis überschattete sie alle: seine Gefangennahme bei Morgan's Woods nach der Schlacht am Pea Ridge.
Und sein erstes Treffen mit Jackson Dirker.
Dem Mann, der sein persönliches Feindbild wurde, der ihn jahrelang in seinen Träumen und oft genug auch im wachen Zustand verfolgte.