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Bis zu James Lees drittem Jahr in den Ozark Mountains in Taney County, Missouri, wiederholte man wöchentlich das gleiche Ritual. Wenn Onkel Arlen aus den Holzfällercamps oder der Bleimine heimkehrte, in der er manchmal Arbeit fand, holte er Marilynn Hope vom Dachboden, auf den sie verbannt worden war, und schleifte sie hinunter zum Bryant Creek. Gemeinsam mit James Lees Tantchen Maretta las er Gebete aus der Heiligen Schrift, während Marilynn abwechselnd wimmerte und wie ein Tier knurrte.

Während James Lee auf die simple Art und Weise der Leute aus den Bergen zu einem starken Mann heranwuchs, ließ der auf seiner Mutter liegende Fluch niemals nach. Sie war ein schmutziges, verrücktes Etwas, in Lumpen gehüllt und mit wilden, glitzernden Murmeln als Augen. Onkel Arlen hielt sie festgebunden auf dem Dachboden, wo sie Insekten aß und sich mit ihren Exkrementen besudelte. Flüsternd sprach sie mit jenen, die niemand außer ihr sehen konnte, und mit ihren langen gelben Fingernägeln ritzte sie fremdartige Symbole und Wörter in die grob behauenen Wände.

Aber einmal in der Woche kam die Läuterung.

James Lee saß dann immer im Staub, kratzte mit einem Stock auf dem Boden herum und verfolgte ohne Interesse, was sie mit der wahnsinnigen Frau anstellten. Onkel Arlen und Tantchen Maretta zerrten sie mit einem Seil hinter sich her, das um ihren Hals gewickelt war. Sie zogen sie nackt aus, warfen sie in den Fluss und gingen dann selbst ins Wasser. Abwechselnd lasen sie dann aus dem Gebetsbuch vor, während der andere sie in den Fluss tauchte und den Kopf solange unter Wasser hielt, bis sie aufhörte, sich zu wehren. Onkel Arlen sagte, die Taufe in »den Wassern von Christus« würde die Dämonen aus ihr vertreiben.

James Lee hatte die Prozedur viele, viele Male verfolgt, aber geholfen hatte es nicht. Obwohl er mit seinen drei Jahren nicht verstehen konnte, worum es ging, wusste er, dass was immer sie versuchten nicht funktionierte. Sie untertauchen, zu ihr predigen, sie wieder untertauchen, wieder zu ihr predigen. Er vermutete, dass es ein Spiel sein musste … aber eines, das nur Erwachsene spielen durften. Denn jedes Mal, wenn er vorsichtig näher kam und unbedingt auch ins Wasser springen wollte, befahl ihm Onkel Arlen, er solle wegbleiben, bleib weg, hörst du?

Aber auch nach drei Jahren ordnungsgemäßer Taufe und den Worten des Herrn ging es Marilynn nicht besser. Also sperrte Onkel Arlen sie in einen Schuppen in den Hügeln oberhalb seiner Hütte, damit sie »diesem heidnischen Wahnsinn« nicht länger zuhören mussten. James Lee war es verboten, dorthin zu gehen. Onkel Arlen und Tantchen Maretta kümmerten sich um die Bedürfnisse der irren Frau und gaben ihr Futter und Wasser wie dem übrigen Vieh auf ihrer armseligen Farm.

Das Leben in den Ozarks war hart, Meilen über Meilen entfernt von allem, was man auch nur im Entferntesten als Zivilisation bezeichnen konnte. James Lee besuchte im nächsten Tal eine Schule in einem morschen Gebäude, wo er lesen und schreiben lernte. Die anderen Kinder hielten Abstand von ihm, denn sie wussten, dass er der Sohn der Frau oben in dem Schuppen war, der Frau, von der jeder wusste, dass sie »weich in der Birne« war. Die Kinder erzählten sich – aber nur hinter James Lees Rücken, denn schon als Schuljunge hatte er ein bösartiges, aufbrausendes Temperament – dass die verrückte Frau Ratten, Schlangen und Kröten aß. Dass sie zwei Köpfe hatte, einen, mit dem sie unverständliches Zeug von sich gab, und einen, mit dem sie Essen zu sich nahm. Aber vielleicht hielten sie sich auch von James Lee fern, weil sie etwas witterten, das von ihm ausging, etwas Schlechtes.

Also klammerte er sich an die Cobb-Farm, fütterte Schweine, säuberte die Ställe, sammelte Steine von den Feldern und hackte Holz. Ein großes, widerwärtiges Vergnügen bereitete es ihm, Onkel Arlen dabei zuzusehen, wie er Hühnern den Kopf abhackte. Es gefiel ihm, wie das Blut aus ihren Hälsen sprudelte und wie sie weiterzuleben schienen, obwohl sie schon tot waren.

»Können Menschen das auch, Onkel?«, fragte er eines Tages. »Sogar wenn sie tot sind?«

Onkel Arlen holte aus, um ihn wie so oft zu schlagen, aber er hielt seine Hand zurück und fixierte ihn mit glühenden und unerbittlichen Augen. »Junge … wenn Leute tot sind, sind sie tot, das ist alles, sie können nicht ohne Kopf herumlaufen, und wenn sie das doch tun …« Er unterbrach sich und kratzte sich am Bart. »Nun, Junge, das können sie nicht. Sie können es einfach nicht.«

»Aber …«

»Kein Aber, Junge! Zurück an die Arbeit! Hör auf mich, Junge!«

Und so gingen die Jahre vorüber, und James Lee wurde größer, und die Kinder ließen ihn in Ruhe. Bis auf Rawley Cummings, der es sich traute James Lee zu sagen, dass er nicht besser sei als die Verrückte da oben in dem Schuppen. Dass er in einiger Zeit genauso Pisse trinken und mit den Schweinen verrotten würde. Es war ein Geschenk. James Lee … obwohl drei Jahre jünger … sprang auf den Jungen wie ein Berglöwe mit einem Stachel im Hintern. Er trat und schlug, biss und kratzte. Vier Jungen waren nötig, um ihn wegzureißen. Dafür verpasste ihm Schulmeister Parnes eine ordentliche Tracht Prügel, und Onkel Arlen schlug ihn noch einmal, so hart, dass er beide Augen schloss.

Woraufhin Tantchen Maretta rief: »Nicht mein Junge, nicht mein süßer kleiner Engel Jimmy Lee! Fass ihn nicht an! Wehe du wagst es, ihn anzufassen!«

Also ließ Onkel Arlen von ihm ab, griff stattdessen nach der Rute aus Hickoryholz und nahm sich seiner Frau an. Wie die anderen Male, wenn er heftig zugeschlagen hatte, ging er nach oben in die Berge, um sich zu betrinken. Als er zurückkam, ging es ihm besser.

Der Teufel war vertrieben.

***

Eines Nachts, als sie dachten er schliefe schon, hörte James Lee sie am Ofen mit Flüsterstimmen reden.

»Wir wollen nicht, dass der Junge das jemals herausfindet, hörst du?«, sagte Onkel Arlen mit Grabesstimme. »Er darf nicht wissen, dass diese Frau seine Mutter ist.«

»Niemals«, sagte Tantchen Maretta. »Jimmy Lee … er ist mein Junge, mein großer und stolzer Junge. Er ist nicht wie sie, siehst du das nicht? Er ist wie mein eigen Fleisch und Blut.«

»Aber das ist er eben nicht, Frau«, stellte Onkel Arlen klar. »Der Ort, aus dem er stammt … die Dinge sind dort einfach nicht richtig. Es ist nicht richtig.«

Tantchen Maretta kaute eine Weile darauf herum, stellte fest, dass sie den Geschmack nicht mochte, und spuckte es geradewegs wieder aus. »Er gehört mehr zu mir als zu ihr. Kannst du das nicht sehen? Gott im Himmel, manchmal wünschte ich mir, sie würde aufgeben und es würde zu Ende gehen mit ihr.«

»Frau, sie gehört zur Familie.«

»Du wünschst dir das genauso, Arlen Cobb.«

»In den schwächeren Momenten, ja. Aber zur Hölle, es passiert einfach nicht … sie ist da oben in ihrem Schuppen, tut was sie tut und lebt weiter … wie kann das sein, Frau? Wie kann das sein? Sie erfriert nicht einmal im Winter, obwohl sie das müsste … wie kommt das?«

Aber Tantchen Maretta hatte keine Idee. »Verhext, das ist alles.«

»Ich mach mir nur über den Jungen Sorgen … er trägt den Fluch ebenso, und das weißt du. Was in ihr ist, ist auch in ihm. Das Blut entscheidet, und es entscheidet sich jedes Mal gleich. An meiner Cousine Marilynn ist kaum noch etwas Menschliches. Diese ganze Sippe ist verflucht … lieber Gott, schau dir ihren alten Herrn an, hat sich umgebracht und was weiß ich nicht! Und das als Priester.«

»Leute aus dem Osten«, sagte Tantchen Maretta. »Die sind nicht ganz richtig im Kopf.«

»Genau wie der Junge … ihm gefällt das Blut und das Töten zu sehr. Wie seine Mama trägt er den Fluch auf seiner Seele …«

James Lee war dreizehn, als er das hörte.

Aber es war nicht das erste Mal gewesen.

Er kannte nicht die ganze Geschichte, aber er wusste genug, um einige Teile davon zusammenzusetzen. Diese Wahnsinnige war seine Mutter, und sie waren aus dem Osten gekommen, aus einem schrecklichen Ort voller Hexen und verdorbenen Blutlinien und Dingen, die zu widerlich waren, um sie in Worte zu fassen. In den Nächten lag er da, dachte darüber nach, wieder und wieder. Auf die eine oder andere Weise, ob die Hölle oder die Flut kommen mochte, würde er alles herausfinden. Sein erster Schritt, so dachte er, musste sein, die Berge hinaufzusteigen und einen Blick zu werfen auf … auf seine Mutter. Es war ihm verboten dorthin zu gehen, aber vielleicht war die Erkenntnis eine ordentliche Tracht Prügel wert.

Im nächsten Winter bekam er seine Chance.

Ein übler Blizzard hatte seine Zähne in die Ozarks gesenkt, und der Schnee schob sich hoch bis an die mit Frostblumen überzogenen Fenster, die festgefroren waren. Lumpen waren in die Ritzen gestopft, um den Wind draußen zu halten, aber im Inneren war es immer noch kalt. Eine Kälte, die auf einen befiel wie etwas Hungriges, wenn man sich zu weit vom Feuer entfernte. James Lee saß vor der Feuerstelle und arbeitete beim Kerzenschein an ein paar Rechenaufgaben. Sein Onkel und sein Tantchen saßen am Holztisch, er mit seiner Pfeife und sie mit ihrem Strickzeug.

Immer, wenn sein Blick den von Tantchen Maretta traf, schenkte sie ihm ein listiges, heimliches Lächeln, das voller Liebe, Vertrauen und Gutgläubigkeit war. Ihr Blick sagte: du bist ein guter Junge, und das weiß ich auch.

Wenn sein Blick auf den von Onkel Arlen traf, gab der ihm einen strengen, trockenen Blick, der nur sagte, mach deine Schulaufgaben, Junge, und hör auf mit der verdammten Tagträumerei.

So saß James Lee dort auf dem Boden und kritzelte vor sich hin.

Ihre Blockhütte war ganz aus Holz gebaut, mit Holzplanken als Fußboden und sich kreuzenden rauchgeschwärzten Balken über ihnen. Es gab einen abgetrennten Dachboden, der jedoch nicht mehr benutzt wurde, seit Marilynn oben in dem alten Schuppen hauste. Ein gusseiserner Herd stand in der Ecke, Feuer in seinem Bauch. Auf dem Herd standen zwei Kessel mit kochendem Wasser. Die Luft roch nach dem Rauch von brennendem Holz, verbranntem Fett und Ahornsirup. Während Tantchen Maretta damit beschäftigt war, das Geschirr vom Abendbrot abzuwaschen – blau bepunktete Teller und Blechtassen – räusperte sich Onkel Arlen. Räusperte sich so, wie er es immer tat, wenn er endlich bereit war das auszusprechen, was in seinem Kopf vor sich ging.

»Junge«, sagte er. »Bist du bereit, etwas zu erledigen? Bist du so tapfer, und hältst Schnee und Nacht aus?«

James Lee klappte sein Buch zu. Er war nie so bereit gewesen wie jetzt. »Yessum, Onkel.«

»In Ordnung, hör mir zu. Ich will, dass du nach draußen zur Räucherkammer gehst. Die Schinken müssten jetzt fertig sein. Nimm einen davon, aber nicht den großen, hörst du, wickle ihn in einen Kartoffelsack und bring ihn hoch zur Straße, zu Miss Leevy.« Er stopfte seine Tonpfeife mit grob geschnittenem Tabak. »Sie war gut zu uns, und wir wollen gut zu ihr sein. Hochbetagt ist sie. Denkst du, du schaffst das?«

»Yessum.«

»Dann ab mit dir.«

Draußen war es bitterkalt, der Schnee pfiff und peitschte um die Hütte, aber James Lee wusste er würde es schaffen, jawohl. Hinter dem Gebäude, in dem sie den Ahornsirup kochten, war der Eingang zur Räucherkammer. Er schaufelte den Schnee vor der Tür zur Seite und packte den Schinken ein. Dann marschierte er geradewegs durch Schneewehen und heulenden Wind zur Straße hinauf und kämpfte sich durch, bis er bei Miss Leevy angekommen war. Sie nahm den Schinken und gab James Lee eine Tasse Kamillentee zu trinken, der mit Selbstgebranntem angereichert war.

Auf dem Rückweg schlug er sich in den Wald.

Er wusste genau, was sein Ziel war.

Er wusste, was er sehen musste.

Von den Pinien über ihm fielen ganze Schneehaufen herab, und die Luft war eisig. Sein Atem gefror, sobald er seine Lippen verließ, und die Nacht erschuf irrsinnige, tanzende Schatten, die ihn dicht umringten. Aber der Selbstgebrannte hatte ein Feuer in seinem Bauch entfacht, und er fühlte sich allem gewachsen. Bei sich trug er eine Öllampe, die er erst ansteckte, als er im Halbdunkel den Schuppen ausmachen konnte.

Den verbotenen Schuppen.

Er sog die kalte Luft in seine Lungen und machte sich innerlich hart wie Eisen, als er zu dem verfallenden Gebäude hinüberging. Im Schnee davorstehend dachte er, dass es noch nicht zu spät wäre umzukehren, ganz und gar nicht zu spät. Aber dann hatte er schon die Handschuhe ausgezogen, und seine Finger rissen den Bolzen heraus, rissen ihn einfach nur heraus.

Das erste, was er hörte, war ein klapperndes, schepperndes Geräusch … wie von Ketten.

Dann so etwas wie ein raues Atmen … so rau wie bei einem Blasebalg, in den Asche geraten war.

Seine Hand hielt inne, aber nicht lange. Gottverdammt, James Lee Cobb, rief eine Stimme in seinem Schädel, das ist es doch, was du wolltest, nicht wahr? Zu wissen? Zu sehen? Dem grausigsten Ding geradewegs ins Gesicht zu blicken und nicht wegzuschauen? War es nicht so? Nun, war es nicht genau so?

Das war es.

Diese Ketten … oder was immer es war … rasselten wieder, und es gab ein raschelndes Geräusch. James Lee öffnete die Tür, aber langsam, langsam, denn sein Kopf brauchte zweifellos Zeit, um zu begreifen. Es musste in kleinen Schritten geschehen, als wollte man im Frühling in einem kühlen See baden. Die Tür ging auf, und ein Schwall heißer, übel riechender Luft traf ihn mitten ins Gesicht. Es stank wie wurmzersetztes Fleisch, das auf dem Herd vor sich hin schmorte. Seine Knie wurden zu Gummi, und etwas in ihm – vielleicht sein Mut – schrumpelte im Nu zusammen.

Im flackernden Licht der Laterne sah er es.

Er sah seine Mutter ganz genau.

Sie war an den Boden gekettet und versuchte, wie ein gigantischer Wurm vor dem Licht davonzukriechen. Weiß wie Marmor war ihre Haut, feucht und glänzend, wie das Fleisch eines Pilzes. Sie war übersät von großflächigen Geschwüren und Furunkeln, und einige von ihnen hatten sich bis auf die Knochen hineingefressen. Man konnte kaum unterscheiden, ob sie Lumpen trug oder ob das ihre Haut war, die in Schlingen und Fetzen herabhing. Ihre Haare waren stahlgrau und strähnig, und ihre Augen waren lediglich bodenlose Höhlen in ihrem pergamentartigen Gesicht.

Aber was James Lee am härtesten traf, waren nicht die Augen oder der Gestank, noch nicht einmal die Fäkalien und das verschmutzte Stroh und die kleinen Tierknochen, die überall verteilt waren … es war der Fakt, dass es aussah, als habe sie Tentakel. Wie eines dieser Seemonster aus Bilderbüchern, die ganze Schiffe verschlingen. Lange, gelbe Dinger, geringelt und gewunden wie Uhrenfedern.

Aber dann … dann begriff er, dass es ihre Fingernägel waren.

Sie mussten mehr als zwei Fuß lang sein … harte, knochige Auswüchse, die aus ihren Fingerspitzen hervorkamen und sich über sie legten wie zusammengerollte Schlangen.

James Lee machte ein Geräusch … er war nicht sicher, was es war … und sie öffnete ihre abblätternden Lippen und entblößte graue, verfallene Zähne, die aus dem zerfressenen Zahnfleisch nach oben ragten wie verwitterte Zaunpfähle. Sie gab ein Grunzen und Quietschen von sich wie ein Schwein. Und dann griff sie nach ihm, schien ihn zu erkennen, und diese Fingernägel klapperten aufeinander wie Kastagnetten.

Er schlug die Tür zu.

Er verriegelte den Schuppen.

Und er rannte hinunter durch den Schnee und die Dornenzweige, duckte sich unter toten Eichen hindurch und übersprang umgefallene Bäume. Den ganzen Weg bis zur Blockhütte rannte er und fiel und stolperte dann gegen die Tür. Onkel Arlen riss sie auf, zog ihn herein, in diesen Mund voller Wärme und Sicherheit, und verlangte zu wissen, was geschehen war, was geschehen war.

Aber James Lee konnte nicht erzählen.

***

Damals gab es in den Ozarks die großartige Tradition, Geschichten zu erzählen. Manchmal bemaß sich der Wert eines Mannes danach, wie hart er arbeitete und wie gut das Garn war, das er zu spinnen vermochte. James Lee waren sie also nicht fremd, die Märchen von Geistern und Spuk, von Kinder fressenden Ogern in den Tiefen der Wälder und blutsaugenden teuflischen Clans, die geheime Täler bevölkerten. Für alles, was kaum verstanden oder völlig missverstanden wurde, gab es eine erklärende Geschichte. In dieser Gegend waren Märchen und Mythen ein untrennbarer Teil täglichen Lebens. Es gab Geisterheiler und Hexendoktoren, Wassernymphen und Kräuterhexen … alles Mögliche und Unmögliche zeigte sich früher oder später.

Die eine Sache, die in den Ozarks niemals ausging, waren die Hexen.

Einige waren gut, andere böse, manche real und manche ausgedacht – so oder so, es gab sie. Man brauchte nur irgendjemanden in den Bergen zu fragen, und derjenige wusste, wo man eine finden konnte … oder konnte einen an jemanden verweisen, der es wusste.

In der Schule erzählten sich die Kinder von einem alten Mann namens Heller, dem Hexer, der oben in einem nebeligen Tal lebte, zu dem sich kaum jemand hinzugehen traute. Er konnte Teufel austreiben und heraufbeschwören, Krankheiten heilen und das Haar wachsen lassen. James Lee nahm an, das sei nur eine dieser Geschichten … dann war er eines Tages in der Stadt. Onkel Arlen holte Futter für die Tiere. James Lee stand auf dem Fußweg und kickte Steine auf die Straße. Plötzlich … überkam ihn das merkwürdigste Gefühl. Er fühlte sich benommen, und das Muttermal auf seinem Rücken begann, scheußlich zu brennen.

Er drehte sich um, und ein gräulicher alter Mann stand vor ihm und starrte ihn an.

Er sah aus wie ein Hillbilly hoch oben aus den Bergen, dreckig und schlecht riechend in seinem alten Pelzmantel. In seinem Unterkiefer hatte er einen einzigen Goldzahn, der in der Sonne funkelte.

»Junge, du hast das Zeichen an dir«, sagte er. »Du hast es an dir, und du kannst es nicht loswerden …«

Dann kam Onkel Arlen heraus und riss James Lee heftig mit sich fort. Sogar nachdem er ihn in den Wagen geworfen hatte und sie auf dem Weg hinaus aus der Stadt waren, konnte James Lee diese auf ihn gerichteten Augen spüren, so wie er das Muttermal spüren konnte, das auf seinem Rücken wie ein Stück glühende Kohle brannte.

Onkel Arlen schrie und tobte und warnte James Lee davor, mit Fremden zu reden, denn eines Tages träfe man auf den Falschen, der sich kurz darauf auf die Farm schleichen und allen die Kehle durchschneiden würde.

James Lee sagte nur: »Das ist er, nicht wahr? Der Hexer.«

»So was gibt es nicht, verdammter Bengel! So was gibt es nicht!«

Aber James Lee konnte nicht aufhören. »Sie sagen … sie sagen, dass er Dinge tun kann. Dinge, die niemand sonst tun kann. Vielleicht … wenn wir vielleicht die … die verrückte Frau zu ihm bringen würden, könnte er sie heilen …«

James Lee fing sich dafür Onkel Arlens Faust ein, die ihm mit dem Handrücken auf den Mund schlug. Und als er nach Hause kam, bekam er noch mehr von ihr zu spüren. Als Onkel Arlen fertig war, lag James Lee blutend und zusammengefaltet auf dem Boden.

»Das erwähnst du nie, nie wieder in meiner Gegenwart, hast du verstanden?«, befahl ihm Onkel Arlen. »Dieser heidnische, teuflische Hexenmann bringt nichts als Schmerzen und Ärger! Er kann nichts und niemanden heilen, alles, was er dir bringt, sind sieben Yard aus der Hölle!«

Danach erwähnte James Lee Heller den Hexer nie wieder.

Auch Tantchen Maretta sah ihn jetzt anders an. Sie verhielt sich nicht gerade kalt und abweisend, aber die Wärme und Liebe, die er einst gekannt hatte, waren nicht mehr da. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sie Angst vor ihm hatte. Und eines Nachts hörte er Onkel Arlen sagen:

»Was habe ich dir gesagt, Frau? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

Obwohl er nie von dem seltsamen alten Mann sprach, hörte James Lee nie auf, an ihn zu denken, oder daran, was da oben in dem Schuppen lebte. Aus Tagen wurden Wochen, um die sich Monate und Jahre wickelten. Und es war ein alter Schwarzbrenner namens Crazy Martin, der James Lee endlich die Antworten verschaffte, die er suchte. Crazy Martin kannte den alten Mann. Er lebte hoch oben in einem kleinen Tal, das man Hell's Half-Acre nannte, und das aus gutem Grund.

Eines Sommernachmittags begab sich James Lee auf die Pilgerreise.

Er brauchte Stunden, um über schlammige Wege und Trampelpfade, die sich durch den dichten Wald schlängelten, ans Ziel zu kommen. Aber endlich, in einer Senke, in der keine Vögel sangen, keine Insekten summten und die Vegetation grau und tot wirkte, sah er die Hütte des Hexers.

Heller saß vor dem Feuer. »Komm, setz dich, mein Junge«, sagte er, ohne auch nur einmal in James Lees Richtung zu blicken. »Ich wusste du würdest kommen, früher oder später, ich wusste, dass du kommen musstest. Also setz dich. Die Leute sagen, ich beiße Menschen, aber das darfst du nicht glauben.«

James Lee setzte sich vor das Feuer und weigerte sich, dem alten Mann in die Augen zu schauen.

Heller hatte eine Geige auf seinem Schoß, und er spielte eine langsame, melancholische Melodie, während sein Mund weiter und weitererzählte, über sein Getreide, wie es wuchs und gedieh, und dass es ein gutes Jahr werden würde, bis auf gelegentliches Feuer und Frost.

»Du hast gesagt, ich hätte das Zeichen«, brachte James Lee heraus, nachdem er erkannt hatte, dass der alte Mann kein fleischfressendes Monster war, wie sie gesagt hatten. Er war nur ein alter Mann, der in einem seltsamen Tal lebte und sich über das Getreide auf seinen Feldern sorgte.

»Ich erinnere mich, Junge, ich erinnere mich.« Er setzte die Geige auf dem Schoß ab. »Dein Pa … nein Sir, dein Onkel war es, glaube ich, ja … dein Onkel mochte es ganz und gar nicht, dass du mit mir geredet hast, nicht wahr?«

James Lee war erstaunt. Hier, all die Jahre später, erinnerte sich der alte Mann an eine zufällige Begegnung, als sei es gestern gewesen. Und er schien Dinge zu wissen, ohne dass er sie gesagt bekam. Vielleicht war doch mehr als nur ein alter Kleinbauer.

»Ich glaube … ich glaube, er hat Angst vor dir«, sagte James Lee ehrlich. »Ich denke eine Menge Leute haben Angst.«

»Yessum, das haben sie. Ganz sicher.« Der alte Mann dachte darüber nach. »Dein Onkel … ich denke, er ist von der klugen Sorte. Denn mit mir zu handeln kann einen schrecklichen Preis kosten. Ein Junge wie du … kann es sich nicht leisten, was ich habe. Es sei denn, er weiß seine Seele nicht zu schätzen. Ist dir deine Seele etwas wert, Junge?«

»Ja … ja, das ist sie.«

»Guter Junge. Jetzt sag mir, weshalb du hier bist. Ich kann dir nicht alles aus dem Kopf ziehen.«

Also erzählte James Lee es ihm. Von seiner Mutter und den Geheimnissen, die mit ihrem Kommen nach Missouri verbunden waren. Er erzählte weiter und weiter, erzählte ihm alles und stellte alle Fragen, denn dies waren die Dinge, über die er noch nie mit jemandem gesprochen hatte, die ihm aber immer auf den Nägeln gebrannt hatten.

»Zunächst mal, Junge, deine Mama … ich kann ihr nicht mehr helfen. Meine Macht reicht nicht weit genug, um das zu bekämpfen, von dem sie besessen ist. Sie ist verflucht, Junge, verflucht von … ja, von dieser bösen alten Hure. Yessum, ich sehe sie in meinem Kopf, die alte Vettel. Sie hat einen Haufen Macht, Junge … ihre Medizin ist stark, obwohl sie tot ist.«

»Ich hatte gehofft …«

»Nein, mein Junge. Aber das, was Besitz von deiner Mama ergriffen hat … ja, es ist etwas geschwächt. Wenn du wartest … dann wird es ganz sicher Frieden für deine Mama geben.« Der alte Mann lehnte sich nach vorne, seine Augen brannten. »Aber hör mir zu, Junge, du trägst das Zeichen … dein Leben wird eine dunkle Angelegenheit sein. Da kommt kein Sonnenschein des Weges … nur Finsternis.«

James Lee verstand nichts von dem, was er gehört hatte. Heller trug weiter dick auf mit dem »Teufelszeichen«, er erzählte, dass diejenigen, die es trugen, verflucht waren. Aber schließlich, die Schatten wurden schon länger, ließ Heller ihn gehen und wies ihm den direkten Weg heraus aus dem kleinen Tal. Er trug James Lee auf, keinesfalls anzuhalten, auch nicht, um zu pinkeln. Immer weiterzugehen und nur geradeaus zu schauen. Sollte er Menschen auf dem Pfad begegnen, dann sollte er sie auf keinen Fall anschauen, ihnen auf keinen Fall zuhören. Und wenn er aus dem Wald Stimmen hörte … sollte er sie einfach ignorieren, egal, was sie sagten, egal, was sie versprachen.

»Dieses kleine Tal, Junge … es ist voll von denen, die nicht zur Ruhe kommen.«

James Lee rannte heraus aus der Senke und nach oben, zurück in den Sonnenschein und das Grün der Wiesen und Wälder. Als er zurück in die Hütte kam, sprach niemand mit ihm, als würde er ein Schandmal tragen. Oder den Gestank von verrückten alten Männern und Hexen. Am nächsten Tag packte er das zusammen, was er besaß, und verließ die Hügel, denn er war siebzehn und ein Mann. Er fand, dass es Zeit war, seinen Weg in der Welt zu gehen.

Er ging in den Westen.

Und auf dem Weg dahin kam er mit den falschen Typen zusammen. Er schien wie von einer Naturkraft von ihnen angezogen zu werden. Und während die Wochen und Monate vergingen, begann was auch immer in ihm all die Jahre gewartet hatte zu sprießen, Wurzeln zu schlagen und aufzublühen. Aber es war keine Blume, sondern ein Beizmittel und ein sich in ihn hineinfressendes Krebsgeschwür, das ihn Stück für Stück verschlang.

Bis zu der Zeit, in der er im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg kämpfte, hatte James Lee bereits sechs Männer getötet … mit seinen Händen, seinen Pistolen, mit Messer und Beil.