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Sieben Monate später …

Der schwarze Himmel entblätterte sich wie aus einem Korsett und schüttete eiskalten Regen wie aus Eimern herab. Der Regen fand den Wind und verband sich mit ihm zu einem tobenden, zornigen Etwas, das auf die Landschaft einprügelte, peitschte, um sich schlug und alles mit Blut in den Adern zwang, Schutz zu suchen. Staubiger, von der Sonne rissiger Boden wurde zu Schlamm. Schlamm wurde zu Sumpf. Sumpf wurde zu Flüssen und Bächen, die über ihre Ufer traten und die Welt versinken ließen.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Wasser zu gefrieren, der Regen wurde zu Schnee, und Eis überzog die San Francisco Mountains. Durch den Mahlstrom kam ein einsamer Reiter, der durch Schlamm, Schnee und eiskalten Regen trabte.

Sein Name war Tyler Cabe, und er war Kopfgeldjäger.

Gehüllt in einen gelben Regenmantel, der ihn wie eine nasse, flatternde Haut umgab, ritt Cabe in Whisper Lake ein. Viel von der Stadt konnte er durch den dichten Schneefall nicht ausmachen, der zu prasselndem Regen und dann wieder zu dichtem Schneetreiben wurde. Aber er war einfach froh, irgendwo anzukommen. Irgendwo, wo er Wärme und etwas Heißes zu essen finden konnte.

Er setzte seinen Rotschimmel in Galopp und brachte ihn im ersten Reitstall unter, den er finden konnte, verstaute seine Satteltaschen und Gewehre. Dann lief er durch die schlammigen, die Stiefel ansaugenden Straßen und fiel durch die Tür eines mit Zeltplane überspannten Saloons namens Oase. Der Boden war mit Sägespänen bedeckt. Es gab eine Bar und Tische, an die Bänke aus Pinienholz gestellt waren. Ein Holzofen in der Ecke spie schmierige Rußwolken aus, die sich mit Tabakrauch, billigem Parfüm und Körpergerüchen mengten. Ein Dutzend abgerissen und geschlagen aussehender Männer war über Bier und Whiskey gebeugt. Ein einsamer Glücksritter spielte in der Ecke Solitär.

Whisper Lake war eine Stadt, die praktisch den Minengesellschaften gehörte, soviel Cabe wusste. Diese Männer und alles um sie herum waren entweder Eigentum einer Minengesellschaft oder existierten mit ihrer Erlaubnis.

Cabe schüttelte den Regen von seinem Stetson mit dem Hutband aus Klapperschlangenleder, zog seinen Regenmantel aus und hängte beides an einen Haken in der Nähe des Holzofens. Gekleidet in gestreifte Hosen, hohe Stiefel und einen schwarzen Gehrock setzte er sich auf einen Hocker an der Bar und studierte das darüber hängende Ölgemälde, auf dem ein fleischiges Flittchen seinen Charme spielen ließ. Er betrachtete sich im Spiegel – die Narben, die sich quer über sein knochiges Gesicht zogen, die scharf blickenden grünen Augen, die aus schmalen Schlitzen spähten.

»Durstig, Freund?«

Cabe blickte hinüber zum Bartender, einem schwergewichtigen Mann mit einem Hals, der so dick war wie der Stumpf einer Schwarzpappel. Seine Nase war platt und die Augen schauten aus verquollenen Fleischpolstern. Er machte den Eindruck eines Faustkämpfers.

»Yeah«, sagte Cabe. »Will verdammt sein, wenn nicht.«

»Bier? Whiskey? Hab Roggenwhiskey da, wenn das deinen Geschmack trifft.«

Cabe schüttelte den Kopf. »Nein, nichts in der Richtung. Ich brauche etwas, das mich aufwärmt. Bin mir nicht sicher, ob das da zwischen meinen Beinen ein Schwanz ist oder ein Eiszapfen.«

Der Barmann lachte. »Frank Carny«, stellte er sich vor.

Cabe nannte seinen Namen. »Kämpfst du?«, fragte er.

»Früher mal«, sagte Carny. »Vor vielen Jahren.«

»Hat’s was gebracht?«

»Ich konnte ganz gut mithalten. Mit meinem linken Auge kann ich nichts mehr sehen, zu viele Treffer. Ein kluger Mann macht was anderes mit seinem Kopf und nimmt ihn nicht als Sandsack.«

Cabe nickte, das ergab durchaus Sinn.

Einer der Minenarbeiter an der Bar lachte. »Wo kommst du her?«

»Bin den ganzen Tag geritten«, sagte Cabe. »Aus Nevada. Hab schon gedacht, ich würde es nicht mehr schaffen.«

»Ein beschissener Tag für so eine Tour«, sagte der Minenarbeiter. Er drehte sich zum Barmann um. »Mach ihm was Besonderes, Frank.«

Carny grinste. »Jemals einen Brigham Young getrunken?«

Cabe blickte ihn nur an. »Einen was?«

»Brigham Young«, sagte der Minenarbeiter. »Einer davon, und du wirst ein eingeschworener Freund der Vielweiberei.«

Cabe grinste.

»Oder vielleicht einen Wild Bill Hickok? Zwei Schluck, und du wirst ein reizbarer Revolverheld. Du ziehst gegen jeden sofort deine Knarren.«

Cabe gestattete sich ein Lachen.

Der Bartender schüttelte mit dem Kopf. »Nope, ich denke unser Freund hier braucht einen Crazy Horse. Du kippst einen hinter und nimmst es dann mit der Siebenten US-Kavallerie auf.«

Carny begann zu schütten und zu mixen, und der Geruch von Alkohol war so stark, dass sich Cabes Nackenhaare kräuselten. Ein Glas wurde vor ihn hingestellt. Er fragte nicht einmal, was drin war. Als er es zu seinen Lippen führte, spürte er, wie sich die Dämpfe nach oben durch seine Nase brannten, geradewegs ins Gehirn. Er setzte das Glas an und stürzte es mit einem Schluck herunter.

Ach du lieber Gott.

Das Getränk landete in seinem Magen wie flüssiges Metall, ließ Eis schmelzen und trockenen Zunder auflodern zur Mutter aller Feuerstürme. Cabe begann zu husten und zu würgen und zu spucken, und für einen göttlichen Moment sah er das Gesicht des Herrn … und dann streckten sich Finger voller Wärme in ihm aus, entzündeten ihn an Orten, von denen er nicht wusste, dass sie brennen konnten.

»Verdammt«, sagte er. »Gottverdammt.«

Ein paar der Minenarbeiter lachten. Carny schmunzelte.

Cabe fand seinen Sitzplatz wieder, bestellte noch einen. Er drehte sich eine Zigarette und steckte sie an. Alles in ihm loderte nun sehr angenehm, und ganz ehrlich, nichts auf der Welt kümmerte ihn. Seit nun schon sechs Wochen folgte er einem Mann, einem Killer, aber in diesem Moment hätte er zusammen mit ihm Whiskey trinken können. Der Crazy Horse war ein verdammt feiner Drink.

Vorsichtig schlürfte er den zweiten. »Ich glaube, seit dem Krieg hat man mir den Arsch nicht mehr so gründlich versohlt, Gentlemen.«

Carny nickte, wischte ein paar Gläser aus. »Auf welcher Seite hast du gekämpft?«

»Für die Konföderierten«, sagte Cabe lediglich. Jeden Tag dachte er an den Krieg, aber er sprach nicht davon. Manche Dinge blieben besser in der Vergangenheit. »Und du?«

Carny schüttelte den Kopf. »Ich war nicht dabei. Mein Bruder ist in der Schlacht bei Shiloh gefallen, für die Union, Achte Illinois-Infanterie.«

»Tut mir leid«, sagte Cabe und meinte es ernst. »Tut mir wirklich leid. Eine Menge guter Jungs sind auf beiden Seiten gestorben, und je älter ich werde, desto mehr frage ich mich, worum zur Hölle es eigentlich ging.«

»Amen«, sagte der Minenarbeiter.

Jemand hustete, würgte daraufhin und murmelte etwas. Am anderen Ende der Bar hob ein Mann in einem dreckigen Mantel aus Schaffell den Kopf. Er kippte den Rest seines Whiskeys hinunter, würgte und spuckte das Meiste davon auf den Boden. Er hatte einen zotteligen schwarzen Bart, der ihm bis auf die Brust reichte, und Augen wie untergehende Sonnen.

»Krieg, sagst du?«, brachte er gerade so heraus. Ein Gewirr von Speichelfäden hing von seinen Lippen herab wie schmutzige Bänder. Er wischte es mit einer schwieligen Faust weg. »Krieg zwischen Nord und Süd. Nein … Angriffskrieg des Nordens. Jawoll, Sir. Ich habe gekämpft. Oh ja, das habe ich. Gottverdammte Blaubäuche, gottverdammte Yankees. Hurensöhne.«

Der Minenarbeiter zuckte zusammen, als er den Bärtigen herüberwanken sah. Vielleicht weil er Ärger erkannte, wenn er ihn sah, vielleicht war es auch der Geruch des Mannes, der stank wie ein Haufen verrottender Ochsenhäute.

Cabe begutachtete ihn, und was er sah, gefiel ihm nicht. Dieses lange, strähnige Haar, dieser schwere, ganz und gar verknotete Bart, der so vergammelt aussah, als würde er damit Spucknäpfe auswischen. Seine Triefaugen waren rot umrandet, aber unter diesem Dunst von Alkohol … war der Mann genauso finster wie ein offenes Grab. Irgendein besoffener, ignoranter Hillbilly.

Carny hörte auf, die Bar zu wischen. »Setz deinen Arsch hin, Orv. Setz dich einfach hin. Du kriegst noch einen Whiskey aufs Haus. Andernfalls kannst du dich einfach verpissen.«

»Fick dich«, sagte der Hillbilly und kratzte sich an der Fußmatte, die sein Bart sein sollte. Er kam näher, und mit ihm der Gestank von Urin. Die Flecken in seinem Schritt sagten, dass er eingepisst hatte, nicht zum ersten Mal. »Gottverdammter Krieg, jawoll Sir. Ich war dabei. Jawoll. Habe zwei Brüder in diesem gottverdammten Krieg verloren.« Er starrte Cabe an und mochte nicht, was er sah. »Bist ein Yankee, stimmt’s?«

Cabe seufzte. »Nein, Konföderierter. Zweites Arkansas-Infanterieregiment. Hab meine Unschuld in der Schlacht am Wilson's Creek verloren und meine Seele in der Schlacht am Pea Ridge.«

Der Hillbilly konnte oder wollte das nicht hören. »Du auf unserer Seite? Zur Hölle damit. Warst wahrscheinlich als verdammter Guerilla da draußen, Babys kaltmachen und Farmer plündern. Bist wahrscheinlich mit Bloody Bill und seinen mordenden, vergewaltigenden Feiglingen geritten, was? Nicht wie ich. Nein Sir, nicht wie ich. Du bist kein richtiger Soldat.«

Der Minenarbeiter tippte sich mit dem Finger an den Kopf, um deutlich zu machen, dass der Hillbilly durchgeknallter war als tanzende Katzen. Aber so viel hatte Cabe schon mitbekommen. Dazu brauchte es keinen Baum voller Eulen.

»Komm schon, Orv«, sagte Carny und sagte es so ruhig, als würde er zu seinem Beagle sprechen, der gerade auf den Teppich geschissen hatte. »Der Kumpel hier genehmigt sich nur einen Drink. Er will keinen Ärger. Er ist kein Yankee wie ich oder Bob hier. Er ist ein Südstaatenjunge wie du, und er war regulärer Soldat. Also lass ihn einfach in Ruhe, hörst du?«

Der Hillbilly hustete einen Klumpen Rotze aus und spuckte ihn zu seinen Füßen. »Jetzt fick dich, du Hurensohn.«

Cabe nahm an, dass der alte Orv einen Fehler machte. So wie Carny aussah, konnte er mit bloßen Fäusten kalten Stahl zu Zeltpflöcken schlagen. Und man mochte einfach nicht darüber nachdenken, wie viele Gesichter er entstellt und wie viele Schädel er eingeschlagen hatte. Bei so jemandem machte man sich besser nicht unbeliebt. So was war verdammt gefährlich. Dachte Cabe … bis der Schaffellmantel des Hillbillys aufging und er den großen, bösen 1851er Navy-Colt, Kaliber 44, an der Seite hängen sah.

Cabe hörte auf, sich über das Gesicht vom alten Orv Gedanken zu machen und fing an zu überlegen, wie rasch das Blut aus dem Loch von einer 44er in seinem Bauch fließen würde. Man durfte annehmen, dass es verdammt noch mal ziemlich schnell fließen würde.

Er leckte sich die Lippen, die trockener waren als Sand in der Wüste, und ließ die Finger seiner rechten Hand beiläufig nach unten wandern, zum Griff seines Starr-Revolvers, konvertiert auf Kaliber 44, Double-Action. Die Waffe war kleiner als Orvs Colt. Ohne Zweifel konnte er schneller ziehen … aber, zur Hölle, das Letzte, was er wollte, war Mord und Totschlag. Deswegen war er nicht hier.

Der Hillbilly kam immer näher, ganz langsam, wie ein tollwütiger Hund, der noch nach einer Stelle sucht, um seine schaumbedeckten Zähne zu versenken.

Cabe sagte: »Ich geb dir einen Drink aus, Freund. Wir trinken auf die gute alte Armee der Konföderierten Staaten von Amerika und die ganzen guten Jungs, die wir verloren haben. Was meinst du?«

Orvs Hand glitt nach unten zum Gürtel, strich über den Griff des im Holster wartenden Männermörders … und glitt weiter hinunter zum Schritt. Dort kratzte Orv sich ausgiebig.

Cabe entspannte sich ein wenig.

Ein paar der Minenarbeiter, die an den Tischen saßen, verzogen sich leise, schlüpften aus der Tür mit einer Böe nasser, schwarzer Nacht. Die verbliebenen Männer hielten großzügig Abstand. Cabe hatte kein gutes Gefühl. Die Sache sah so aus: wenn die Leute sich davon machten, war das hier nicht nur irgendein verrückter Besoffener. Sondern ein verrückter Besoffener, der gerne anderen das Licht ausblies.

Carny versuchte, nach etwas hinter der Bar zu greifen, und der Hillbilly, der vielleicht nicht so betrunken war, wie er aussah, drehte sich um und holte leicht und behände seinen Colt hervor.

Aber Cabe war schon aufgesprungen, den Starr in der Hand. Es gab einen Moment schmerzhafter, quälender Stille, die Atmosphäre war so dicht, dass man sie auf einen Stock hätte aufspießen können.

Der Hillbilly lachte, in seinen Augen standen Tränen. »Hast dir einen Starr besorgt, Junge? Hab welche im Krieg gesehen. Ein Perkussionsrevolver, richtig?«

»Konvertiert«, hörte Cabe sich sagen, völlig perplex über die absurde Situation, in der zwei Männer, die gerade dabei waren sich umzubringen, über Waffen diskutierten. »Habe ihn auf Metallpatronen umrüsten lassen. Ist einfacher so.«

Der Hillbilly lachte, er gluckste geradezu. Speichel rann aus seinen zuckenden Mundwinkeln. »Ich mag meine 1851er, jawoll Sir. Vorderlader, zum Selberdrehen, nicht wahr? Habe damit bei Fort Donelson eine ordentliche Zahl Yankees kaltgemacht, stimmt’s? Die Blaubäuche haben um ihr Leben gebettelt, und ich hab ihre Gehirne in der Gegend verteilt, oder etwa nicht?« Er gackerte jetzt wie ein Wahnsinniger, der Revolver bebte in seiner Faust, hungrig nach Fleisch. »Zehnte Tennessee, jawoll Sir. Die blutige Zehnte, so nannten sie uns. Weißt du warum? Weil wir so viele getötet haben und so viele Verluste hatten. Blut … oh ja … so viel Blut. Es lief überall. Vor dem Blut gab es kein Entkommen, nicht wahr? Bekomme es immer noch nicht runter von meinen Händen. Die Yankees haben uns gefangen genommen, so war’s doch? Meine Brüder waren alle tot, alle tot, sagst du? Jawoll Sir, ich glaube das waren sie. Sie haben mich nach Camp Douglas gebracht, in das Kriegsgefangenenlager da oben bei Chicago. Junge Junge, hatten diese Yankees aber auch einen Spaß mit uns! Nachts haben sie durch die Barackenwände geschossen, haben drauf gewettet, wie viele Südstaatler sie mit einer einzigen Kugel töten konnten. Hoho, kannst du dich daran erinnern?«

Cabe räusperte sich, um den Staub aus der Kehle zu bekommen. »Mich haben sie auch gefangen genommen, Orv. Nach Pea Ridge. Auch ich war in Douglas. Später haben sie uns ausgetauscht … wir haben uns wieder aufstellen lassen und weitergekämpft.«

»Lügner! Lügner! Lügner! Gottverdammter Yankee-Lügner!«, stammelte der Hillbilly. Speichelfäden flogen um seinen Mund, und seine gelben und braunen Zähne schnappten wie Bärenfallen. »Du bist ein Yankee! Ich kann das an deinem Gestank riechen! Dreckige Mörderbande, ihr habt Roy und Jesse getötet! Verfickte Blaubäuche! Ich mach sie auf der Stelle kalt, ich mach sie auf der Stelle kalt!«

Er hob den Revolver.

Cabe begann, Druck auf den Abzug des Starr auszuüben.

»Wenn du sie auf der Stelle kalt machst«, sagte Carny, »dann machst du dich jetzt besser bereit, denn hier kommt gerade einer.«

Durch die aufschwingenden Türflügel trat ein großer Mann herein.

Er trug einen knielangen Mantel, die Manschetten und der Kragen waren aus Pelz gearbeitet. Auf seinem Kopf saß ein runder Hut aus Büffelfell. Sein Gesicht war schmal und kantig, der unter seiner scharf geschnittenen Nase reitende Schnurrbart war perfekt gestutzt. Er war ein gut aussehender Mann, und seine fahlblauen Augen strahlten Autorität und Haltung aus. Ein Abzeichen war an seine Brust geheftet. Darauf stand: SHERIFF BEAVER COUNTY UTAH.

Der Hillbilly stierte ihn geradezu an, aber das galt ebenso für Cabe.

Cabe war sprachlos. Etwas Heißes und Flüssiges war in ihm übergelaufen, machte ihn zittern, machte ihn wütend, sorgte dafür, dass er innerlich kochte. Aber er sagte nichts, noch nicht.

»Orv«, sagte der Sheriff mit leiser Stimme. »Gib mir deine Waffe. Wenn du das nicht tust, und ich schwöre zu Gott, dann erschieße ich dich an Ort und Stelle.«

Der Sheriff hatte noch nicht einmal seinen Mantel geöffnet, um seine Schießeisen zu zeigen … wenn er überhaupt welche trug. Aber diese Augen … Cabe erinnerte sich an diese Augen … sie waren erbarmungslos. Und wenn sie dich an- und in dich hineinblickten, dann schmolz dein Inneres wie Butter auf einer heißen Ofenklappe.

Der Hillbilly schaute beinahe verzweifelt zu Cabe. Sein Kopf schwankte leicht von einer Seite zur anderen.

Der Sheriff kam herüber. »Die Waffe«, sagte er. »Jetzt sofort.«

Der alte Orv sah aus wie kurz vor dem Hosenschiss, außer dass der Gestank eher darauf hindeutete, dass er das bereits getan hatte. Seine Finger klammerten sich fester an den großen, Leben fressenden 1851er Colt. Seine Knöchel waren weiß wie Perlenknöpfe. Er blickte von Cabe zu Carny, warf einen Seitenblick auf die Minenarbeiter. Merkwürdig hilflos sah er aus.

Der Sheriff knöpfte seinen Mantel auf und achtete höllisch darauf, dass der Hillbilly sah, wie ruhig und gelassen er das tat. Und er gab Acht, dass er einen guten Blick auf den Griff des kurzläufigen 45er Peacemakers bekam, der in seinem Holster wartete.

Er streckte seine linke Hand aus. »Die Waffe«, sagte er, und die Wörter waren scharf genug, um Stahl zu schneiden.

Der alte Orv war dabei, seinen Revolver auszuhändigen … bis vielleicht die Spannung des Moments, vielleicht aber auch nur blanker Größenwahn ihn überkam, denn er brachte die Waffe zurück nach oben, seine Augen verhärtet und wild. Aber der Sheriff war zu schnell, zu sicher. Mit der Rechten griff er nach dem Handgelenk des Hillbillys, gab diesem eine hässliche Drehung, und der große Revolver fiel in seine linke Hand. Er nahm ihn beim Lauf und, ohne länger nachzudenken als beim Töten einer Fliege, prügelte er dem alten Orv fünf, sechs Mal den Griff quer durch das Gesicht, bis er zu Boden ging. Orv umklammerte sein blutendes Gesicht mit seinen schmutzigen Fingern, stöhnend und sabbernd.

Ein kräftiger Kerl, der einen Blechstern an seinem Regenmantel trug, trat durch die Tür und blickte zuerst zum Hinterwäldler, dann zum Sheriff.

»Sperr diesen Mistkerl weg«, sagte der Sheriff. Dann wandte er sich Cabe zu. »Sir, wenn Sie die Pistole bitte zurück ins Holster stecken würden.«

Cabe merkte, wie er der Bitte nachkam, ohne auch nur einmal nachzudenken. Diese Stimme, diese Augen … auf gewisse Weise waren sie beinahe hypnotisch. Aber dann kam er wieder zu sich, als der Deputy den Hillbilly nicht allzu sanft durch die Tür nach draußen beförderte. In seinem Gesicht leuchtete dieses freche, schiefe Grinsen auf. »Well, well, well, Jackson Dirker«, sagte er. »So wahr ich hier stehe.«

Der Sheriff hob eine Augenbraue, aber zeigte keine Anzeichen des Wiedererkennens. »Kennen wir uns, Sir?«

Cabe lächelte, und dieses Lächeln brannte vor Hass. »Das will ich meinen.« Er berührte die alten Narben, die sich über den Nasenrücken von einer Wange zur anderen zogen. »Diese Narben …«

»Was ist damit?«

»Die habe ich dir zu verdanken«, sagte Cabe.