2-12
Einst war Sunrise eine boomende Goldgräberstadt gewesen, aber nach einem Jahr oder zwei waren die Fundstellen schon leergeräumt, und nun bestand die Stadt nur noch aus einem kleinen Lager von Goldwäschern. Übrig blieb eine Ansammlung von hohläugigen Gebäuden und Hüttenskeletten, gut geschützt vor den Elementen auf einem kleinen Kieshügel zwischen zwei sich auftürmenden Erhebungen aus Schiefergestein. Die Stadt war vielleicht gerade einmal zwei Meilen von Whisper Lake entfernt, wenn man eine Krähe war. Für alle anderen waren es ein Dutzend Meilen über heimtückische Straßen, die steile Berge hinaufführten und in zerklüftete Canyons hinabstürzten.
Die Stadt war isoliert, schwer zu erreichen und in ihrer Abgeschiedenheit beinahe vergessen worden. Mit Ausnahme der Goldwäscher, die in den Bergflüssen arbeiteten, und der Erzschürfer, die nicht öfter als zwei, drei Mal im Jahr kamen, um ihre Vorräte im übrig gebliebenen Gemischtwarenladen aufzufüllen, einer Kombination aus Lebensmittelgeschäft, Bordell, Bank und Saloon.
Dort gab es Whiskey. Dort gab es Frauen. Dort gab es Glücksspiel.
Und diejenigen, die für ihr weniges Glück hart arbeiten mussten und sich weigerten weiterzuziehen, nachdem die großen Lagerstätten ausgeräumt waren, nannten es ihr Zuhause. Wenn man sich den Arsch abarbeitete und mit der Pfanne von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Gold wusch, waren ein paar Nuggets drin … genug wenigstens für ein paar Stunden Whiskey und Glücksspiel, bis es Zeit war, in eines der zu Dutzenden verlassenen Häuser und Gebäude zu kriechen und den Rausch auszuschlafen. Die meisten waren kaum bessere Baracken. Viele waren abgerissen und zu Feuerholz gemacht worden. Aber wenn man nicht zu wählerisch war und einem der durch die Wände heulende Wind oder der durch das Dach tropfende Regen nichts ausmachte, hatte man seine Schlafstatt.
So war das Leben in einer untergehenden Minenstadt.
***
Es war Nacht, und Sunrise lag im Dunkeln.
Die rote Erde, die man durch die in Büscheln wachsenden Präriegräser sehen konnte, war mit dem über sie hinwegziehenden Sturm zu Schlamm geworden. Es schien, als würde überall Wasser heruntertropfen, Pfützen bilden und dann wegfließen.
Jack Turner, voll bis Unterkante Oberlippe mit dem billigen Fusel, den sie Taos Lightning nannten, hielt sich an einer Hütte am Straßenrand fest. Der Saloon befand sich auf der anderen Seite der Straße. Er pinkelte, und das Meiste davon rann geradewegs sein Bein herunter, als er die Reiter den Weg von den Bergen herunterkommen sah. Obwohl es um sein Sehvermögen nicht mehr gut bestellt war nach all dem Zeug, das er geschluckt hatte, und obwohl die Nacht schwärzer war als ein Stollen in der Mine, konnte er sechs oder vielleicht sieben von ihnen ausmachen.
Stille Schemen auf stillen Reittieren.
Kein Reden, kein Lachen, kein Fluchen. Nicht ein Laut war von ihnen zu hören, nur das Geräusch der Hufe, die in den Schlamm einsanken und wieder herausgezogen wurden. Dazu das Rascheln der Kleidung, das gedämpfte Klingeln der Sporen und der Ausrüstung. Sie ritten hinab in die Überreste von Sunrise, einer hinter dem anderen, in dieser geschäftigen, nervösen Stille.
Turner stand schwankend da, sein bestes Stück in der Hand, und dachte einen verrückten Moment lang, dass die Augen der Reiter … und zwar alle … in einem leuchtenden Gelbgrün in der Dunkelheit strahlten. Wie die Augen von Wölfen im Feuerschein. Aber dann war es vorbei, er blinzelte und schob es auf den Schwarzgebrannten, der in seinem Hirn die Hölle lostrat.
Wenn man den Bauch voll hatte von dem Zeug, sah man manchmal alle möglichen Dinge, die gar nicht da waren.
Die Reiter näherten sich, und sie waren so still wie die Marmorplatte auf einem Grab. Turner hatte vor, ihnen etwas zuzurufen, aber er war einfach zu verdammt betrunken.
Er schlüpfte in die Hütte, verriegelte sie, sodass in der Nacht niemand über ihn stolpern würde, und fand seine Decke auf dem Boden. Und das war ihm genug, genug für eine Nacht. Als er wegdämmerte, kamen die Reiter an seiner Hütte vorbei und stoppten vor dem Saloon. Die Pferde schnaubten. Für einen Moment roch Turner etwas, etwas scharfes und moschusartiges, wie der Gestank aus einer Schlangengrube … aber er brachte es nicht mit den Reitern in Verbindung.
Vielleicht waren es nur seine Hosen.
Er verlor das Bewusstsein.
***
Im Inneren des Saloons tischte Hiley gerade sein Märchen von dem gigantischen Goldnugget auf, das er aus einem Fluss in Kalifornien gefischt haben wollte, damals, beim Großen Goldrausch von Neunundvierzig. Wie das Teil so schwer gewesen sei, dass er sich beim Hochschleppen auf das steile Ufer beinahe den Rücken kaputt gemacht habe. Angeblich mussten zwei Maultiere und drei kräftige Männer mit anpacken, um den Goldklumpen zum Büro des Prüfers zu bringen. »Aber ich habs geschafft, auf jeden Fall«, erzählte er ihnen. »Scheiße noch mal, wenn das nicht so war. Hat mich flüssig genug gemacht für zwei Monate Alkohol, Kartenspiel und heiße Weiber. Wenn ich schlauer gewesen wäre, hätte ich es vielleicht zur Bank geschafft, aber niemand hat je behauptet, ich wäre schlau.«
»Amen, das kannst du laut sagen«, meinte ein zotteliger Goldwäscher und riss sich mit den übrig gebliebenen Zähnen einen Streifen Dörrfleisch ab.
Der Raum füllte sich mit Lachen.
Hiley lachte ebenfalls. Er konnte es sich leisten, zu lachen. Von allen Männern im Raum war er der einzige, der es geschafft hatte. Ihm gehörte der Saloon. Ihm gehörten die Zimmer im Obergeschoss. Er nahm einen saftigen Anteil von allem, was seine Huren einbrachten. Ihm gehörte der Alkohol. Die Fässer und Säcke voller Waren. Die großen Schinken und das gepökelte Rindfleisch. Alles mit Wert in Sunrise gehörte Hiley. Vor langer Zeit hatte er es aufgegeben, in den Minen zu arbeiten, und hatte weise entschieden, dass beim Verkaufen mehr Geld zu machen war als beim Graben und Goldwaschen.
Während die meisten Männer im Raum dünn wie Streichhölzer waren, ein verzweifelt aussehender Haufen, dessen einzige weltliche Besitztümer aus Spitzhacken, Waschrinnen und den verwahrlosten Klamotten am Leibe bestanden, hatte Hiley rote Bäckchen und einen Bauch so rund und voll wie ein Medizinball. Dieser Bauch war eine Quelle endloser Stichelei, aber Hiley nahm das alles hin, lächelte und meinte stolz, das wäre eben der Preis des Erfolges. Oft bemerkte er dazu: »Jungs, wenn man so ein Riesending hat wie ich, muss man doch ein Dach drübersetzen.«
Es gab eine aus Holzbrettern gebaute Bar auf der einen Seite, an die sich ungefähr ein Dutzend schäbig aussehender Männer lehnte. An ein paar Tischen bearbeiteten die Huren ihre Interessenten und versuchten, die abgerissen Männer mit Gesichtern wie Leder von dem Gold zu trennen, das sie in ihren Wildledertaschen gesammelt hatten. Unter dem gleißenden Licht der Hurrikanlampen spielte ein halbes Dutzend anderer Gäste eine Runde Poker mit fettigen Karten und abgegriffenen Chips.
Die Huren lachten, die Männer tranken, die Spieler verloren … alles in allem eine durchschnittliche Nacht in Sunrise, und der Einzige, der bei Sonnenaufgang reicher sein würde, war Hiley.
Die Flügeltüren schwangen auf, und zwei Männer in grauen Reitmänteln traten herein. Sie trugen Hüte mit breiten Krempen, die ihre Gesichter im Schatten verschwinden ließen. Ihre Augen schienen zu funkeln wie nasses Kupfer.
Alle unterbrachen, was sie gerade taten, und beobachteten die Fremden.
Die beiden standen für einen Moment lang da, sahen sich um und nahmen alles in sich auf. Hinter ihnen, aus der Dunkelheit heraus, schnaubte ein Pferd … oder etwas anderes. Die Fremden schlossen die Tür. Sie beobachteten alle genau mit toten, hungrigen Augen. Es waren die Augen von Wölfen, die eine Schafherde abschätzten, um zu bestimmen, welches Tier sie zuerst reißen sollten.
Die Männer schauten einander an, nickten und bewegten sich dann ebenso weich und ölig in den überfüllten Raum hinein wie Schlangen aus einer Felsspalte. Ihre Sporen klingelten auf den Bodenbrettern, ihre Reitmäntel rauschten. Sie nahmen sich Zeit, bewunderten die Regale voller Spitzhacken und Schaufeln, die Fässer mit Pökelfleisch und Bohnen, die befleckten Nachtschwalben, die sich um die Goldwäscher bemühten. Ihnen schien zu gefallen, was sie sahen, und sie grinsten mit einem Lächeln aus schmalen gelben Zähnen. Der eine trug einen Bart, der andere war glatt rasiert mit tiefen Narben auf dem ganzen Unterkiefer.
Gemeinsam lehnten sie sich an die Bar und legten darauf identische abgesägte Remington-Schrotflinten ab.
Sie sprachen kein Wort. Alle Augen waren auf sie gerichtet.
Vielleicht rochen alle etwas Übles, etwas, das von den beiden ausströmte, ein unerklärlicher, primitiver Geruch, bei dem sich ihnen der Magen umdrehte. Denn er war definitiv da. Ein fremdartiger und betäubender Geruch von Schlachthöfen und Knochengruben. Ein Geruch, den wilde Hunde an sich haben mochten, von der Jagd und vom Aasfressen.
Hiley schaffte es, sich zu räuspern und seine Kehle von was auch immer sie blockiert hatte zu befreien. »Die Gentlemen sind durstig?«, fragte er.
Der Bärtige lachte, und es war ein hohles, bellendes Geräusch. »Hörst du das, Hood? Der Mann möchte wissen, ob wir Durst haben.« Er lachte wieder. »Bist du durstig, Junge?«
Hood strich sich über das vernarbte Kinn. »Denke das bin ich. Aber eine Flasche von meinem Lieblingsdrink kann ich hier nirgendwo entdecken. Sieht so aus, als müsste ich mir mein eigenes Fass anstechen. Du verstehst, was ich meine, Cook?«
»Schätze schon.«
Ein Goldschürfer an der Bar mit einem an seiner Hüfte hängenden Remington, Modell 1858, Kaliber 44, sagte: »Was zur Hölle soll das heißen?«
»Hörst du das, Hood? Der da will wissen, was das heißen soll.«
Hood musste lachen. Es war ein abgehacktes, metallisches Lachen, wie ein Schmiedehammer im Einsatz. Es war kein menschliches Lachen. »Habe ihn gehört. Denke der Kumpel versteht einfach nicht, was mit uns los ist.«
»Vielleicht solltest du es ihm zeigen«, sagte Cook.
»Vielleicht muss ich das.«
Hiley stand hinter der Bar, seine Hand ruhte auf dem Kolben eines Army-Karabiners gerade außerhalb des Sichtfelds und leckte sich bedächtig seine Lippen. »Wir wollen hier keinen Ärger, Gentlemen. Wir alle trinken hier nur, spielen Karten und machen unser Ding. Schlage vor ihr tut das Gleiche.«
Hood grinste wieder, und es war wie das Grinsen einer Leiche … nach zwei Monaten unter der Erde. »Soll das eine Drohung sein?«
Der Goldschürfer mit der 44er nickte. »So ist es verdammt noch mal, Junge. Ihr könnt entweder umgänglich und friedlich sein … oder es passiert etwas auf die harte Tour. Ihr seid nur zu zweit und wir sind zwei Dutzend, plus minus. Ihr solltet euch das genau überlegen.«
»Schätze das werde ich«, sagte Hood, »wo wir doch in der Unterzahl sind und so.«
Cook wischte mit dem Handrücken über seinen Bart und sagte: »Ihr müsst uns entschuldigen. Wir sind einfach sehr hungrig. Unsere Bäuche sind komplett leer und knurren daher etwas leidenschaftlich.«
Jetzt war es an Hiley zu lachen, nur dass es mehr ein nervöses Kichern war. »Scheiße Jungs, ihr hättet doch nur was sagen müssen.«
»Ich glaube das haben wir gerade getan«, erinnerte ihn Cook.
Hiley schien das nicht mitzubekommen oder wollte es nicht. Er konnte spüren, wie jetzt alle Augen im Raum auf ihn gerichtet waren, alle wollten sehen, wie er mit diesen schwierigen Fällen hier umging. Ihm war klar, dass die Situation noch nicht befriedet war, dass mehr oder weniger jeder im Raum eine Waffe hatte und dass jeden Moment Blei fliegen konnte. Er wollte das nicht. Das war sein Laden, und Kugeln verursachten Schaden. Der Geld kostete. Leichen konnte er mit dem Müll hinauskehren … aber das Inventar war nicht so leicht zu ersetzen hier am Arsch der Welt.
»Was ihr Jungs braucht«, sagte er, »ist eine Portion Fleisch im Magen. Das wird euch wieder auf die Beine bringen.«
Hood und Cook sahen sich an und lachten. Dann schauten sie sich im Raum um und nahmen alles, was sie sahen, in sich auf. Ihre Gesichter waren lang gezogen und bleich, ihre Augen weit aufgerissen, ohne Blinzeln und so dunkel wie offene Gräber.
»Fleisch«, sagte Cook. »Hast du das gehört? Der Kumpel hier bietet uns Fleisch an.«
»Ich hab’s gehört, und ich meine, das ist richtig gastfreundlich von ihm«, sagte Hood und wischte sich die Speichelfäden vom Mund. »Denn für das Fleisch sind wir ja hier. Frisches Fleisch. Ich mag mein Fleisch roh. Genau so. Frisch und roh. Mit diesem Blutgeschmack, weißt du? Das bringt Eisen in meine Hose.«
Einige Augen weiteten sich daraufhin, andere zogen sich schmal zusammen. Männer rutschten auf ihren Stühlen hin und her. Finger glitten nach unten zu den Pistolen im Holster. Eine Hure verzog das Gesicht zu einer Grimasse, eine andere lächelte … sie fand diese Männer interessant.
Der Goldschürfer mit der 44er fragte: »Wovon lebt ihr Jungs?«
Cook trommelte mit den Fingern auf die Bar. Hiley sah, dass ein Pelz aus rötlichem Haar das Handgelenk bedeckte, dass es wie Wildgras über den Handrücken floss, bis hin zu den Fingern … die merkwürdig lang waren und dünn genug, um Schlösser zu knacken.
»Man könnte uns Pelzjäger nennen«, antwortete ihm Cook. »Die Sache ist nur die, dass wir nicht nach Tierhäuten jagen. Wir jagen die andere Art.«
Der Goldschürfer war kurz davor, darauf zu antworten, und vielleicht Hiley und einige der anderen ebenfalls, als jemand von außen an die Tür hämmerte. Es war ein dröhnendes Geräusch, das sich nicht nach einer Faust, sondern eher nach einem Gewehrkolben anhörte. Was immer es war, das Hämmern hielt an.
»Machst du auf, Hiley?«, fragte einer der Pokerspieler, aber mit einem Klang in der Stimme, als hielte er das für überhaupt keine gute Idee.
Hiley sah die Fremden an, dann seine Gäste. Er schluckte schwer. »Schätze das muss ich wohl.«
»Das wäre sehr gastfreundlich«, sagte Hood. »Wir wollen doch nicht, dass die da draußen uneingeladen hereinplatzen, oder?«
Wieder starrten ihn alle an, und Hiley ging zur Tür, den Karabiner in der Hand. Ein paar Fuß davon entfernt stoppte er. Er schien etwas zu riechen oder zu hören, das ihn stutzen ließ. Hiley blickte zurück in die Bar, suchte vielleicht Hilfe, vielleicht einen göttlichen Wink, aber fand nichts davon.
»Sieh nach, wer es ist«, sagte jemand mit eigenartig angespannter Stimme.
Hiley schluckte erneut und riss die Türflügel auf.
Die Besucher der Bar sahen nach draußen, in eine Dunkelheit, die so schwarz war wie kochender Teer. Sahen, wie sie sich veränderte, brodelte und schwarze Fetzen absonderte. Dann bewegte sich plötzlich etwas. Eine verschwommene Spur. Rasend schnell, wild, zerreißend. Hiley brüllte, vielleicht schrie er auch. Aber alles geschah so schnell, dass niemand etwas tun konnte, außer auf die Füße zu springen und nach der Waffe zu greifen.
Und dann war es auch schon vorbei.
Hiley war verschwunden.
Die Flügel der Tür fielen zu, und Blutspritzer trafen einen der Gäste.
Ein Goldwäscher schrie mit wilder, sich überschlagender Stimme: »Etwas hat ihn gepackt! Etwas hat ihn erwischt! Etwas hat ihn geradewegs in die Nacht gezogen …«
Die Worte echoten und verstarben in der Stille.
Niemand bewegte sich.
Niemand sprach.
Niemand tat auch nur eine verdammte Kleinigkeit. Vielleicht warteten alle darauf, dass jemand anderes etwas tat. Herdentiere. Sie würden sich alle bewegen … aber nicht, ohne geführt zu werden. So liefen die Dinge in angespannten Situationen, und diese Situation war dermaßen angespannt, dass die dunklen Vorahnungen dick wie Nebel in der Luft hingen.
Stille.
Blut schillerte auf dem schmutzigen Bretterboden.
Draußen erhob sich ein schrilles Heulen, das alle durchdrang wie ein scharfes Messer.
Der Goldschürfer mit der 44er begann sich zu bewegen und hielt dann wieder inne. Seine Nackenhaare sträubten sich, und seine Hoden waren klein und hart und kalt geworden. Er wandte sich den beiden Fremden zu und holte seine Pistole aus dem Holster. »Ihr beiden! Gottverdammt, ihr habt das mitgebracht!« Die Pistole zitterte in seiner Hand. »Was ist da draußen? Was zur Hölle für ein Spiel spielt ihr?«
Cook lächelte nur … und fand es wirklich amüsant. Seine Lippen aber schrumpften und legten Zähne frei, die so lang und glänzend waren wie ein Stanzwerkzeug bei der Lederbearbeitung. Seine Augen waren riesig, gläsern und genau so grün wie ein Smaragd. Die Pupillen waren entsetzlich geweitet.
»Das ist kein Spiel, Freund«, sagte Hood, und sein zottiger Bart schien den Kiefer nach oben zu kriechen und bis zu den Wangenknochen vorzudringen. Die Knochen in seinem Gesicht schoben sich nach außen und spannten die Haut so straff wie das Fell einer Trommel. Die Nase wurde flacher und bekam hundeartige Züge. Die Kieferknochen wurden herausgedrückt, und die Zähne blitzten nun wie Messerklingen.
Jemand begann zu schreien.
Der Goldschürfer wich zurück. »Allmächtiger Jesus«, stieß er aus.
»Das hat nichts mit ihm zu tun«, sagte Cook mit einem knochigen, wolfsähnlichen Gesicht, aus dem der Kiefer hervorragte und auf dem sich tiefe Höhlen abzeichneten. Seine Zähne waren lang und spitz, und seine Stimme fiel zwei, drei Oktaven nach unten und wurde zum Knurren eines wilden Hundes. »Hat absolut gar nichts mit ihm zu tun …«
Hood bewegte sich auf den Goldschürfer zu. Seine Augen waren nun so gelb wie Sumpfgas, die Pupillen reduziert zu bloßen schwarzen Nadelstichen. Der Goldschürfer sah, dass diese langen Zähne wie Nadeln aussahen … und dann sprang Hood, und die Nadeln waren in seinem Gesicht und rissen das Fleisch von den Knochen.
Der Barraum wurde lebendig mit Schüssen, alles brüllte und schrie. Menschen versuchten zu fliehen, rannten ineinander, stießen sich gegenseitig aus dem Weg und trampelten über die am Boden liegenden hinweg. Aus dem oberen Stockwerk war zersplitterndes Glas zu hören, es hämmerte und dröhnte. Mehr Schreie. Schüsse knallten. Menschen brüllten.
Die Hölle hatte angeklopft … und irgendein Idiot hatte sie hereingelassen.
Gerade als eine Gruppe Goldwäscher die Tür erreicht hatte, explodierte sie nach innen, und fünf oder sechs Männer auf Pferden so dunkel wie Mitternacht donnerten herein. Wie Cook und Hood trugen sie Hüte mit breiten Krempen und Staubmäntel. Und auch sie hatten Wolfsgesichter und scharfe Zähne. Tische wurden umgestoßen, Karten und Spielchips flogen durch die Luft. Die Pferde traten Männer und Frauen zu Boden, und ihre Hufe zermalmten und zertrampelten Knochen und Fleisch. Die Reiter … die Menschenjäger … stürzten sich von ihren Pferden in die kreischende, um sich schlagende Masse. Ihre Hände waren mit Fell besetzt, und die langen Finger endeten in Krallen, die wie die Klauen jagender Falken aussahen.
Das Gemetzel begann.
***
Im Obergeschoss versuchte eine Hure namens Milly Short, ihren weißen, bebenden Vorbau unter das Bett zu bekommen. Ein Goldschürfer war auf und in ihr gewesen, hatte sie bearbeitet wie eine Pferdekopfpumpe, als etwas die Tür aufsprengte, von der nichts als umherfliegendes Kleinholz übrig blieb. Ein Wesen, das einem Mann ähnelte … aber bei Gott … kein Mann war, hatte den Goldwäscher von ihr heruntergezogen und in den Korridor geschleppt. Sie hörte ein reißendes, knackendes Geräusch, und der Goldwäscher versuchte, zurück ins Zimmer zu kriechen, vielleicht zu seiner Waffe. Aber etwas hielt ihn fest und zog ihn wieder nach draußen.
Seine Fingernägel hinterließen Furchen im Boden, als er weggezogen wurde.
Sein Gesicht war ausgezehrt, grau und blutverschmiert, und Milly hatte noch nie in ihrem Leben so eine Grimasse absoluten Grauens gesehen.
Milly, gefangen in einer grauen Zwischenwelt aus Schock und Entsetzen, versuchte unter das Bett zu gelangen. Aber sie war eine große Frau, fleischig und dick und rund, und es war wie der Versuch, ein Fass durch ein Einschussloch zu zwingen. Dann gab es ein ohrenbetäubendes Brüllen, gefolgt vom Geräusch sporenbesetzter Stiefel, die den Raum betraten.
Milly blickte über ihre Schulter, Schweiß lief über ihr ganzes Gesicht.
Sie sah ein Paar abgewetzte Kavalleriestiefel. Sah Blut auf sie herabtropfen, das sich in feinen Spritzern verteilte.
Etwas packte sie am Knöchel, drehte sie auf den Rücken … und dann starrte sie nach oben in das obszöne Gesicht eines dämonischen Wolfs, dessen Besitzer aber aufrecht ging wie ein Mann. Seine Lippen zuckten zurück von den an Eiszapfen erinnernden Zähnen, und ein tiefes, knurrendes Geräusch kam aus diesem dunklen Rachen.
Milly schrie und schlug um sich, aber dieses Ding zog sie hoch auf ihre Füße, als wäre sie gewichtslos. Sie kämpfte und landete einige Fußtritte, weinte und schrie: »Lieber Herrgott … lieber Herrgott im Himmel … was ist das? Was ist das?«
Das Biest presste sie an ihre Brust wie die lange verloren geglaubte Liebste. Sie konnte den scharfen, rohen Geruch des blutigen Fells riechen, und sie fühlte sich verschlungen von diesen riesigen gelbgrünen Augen, die grinsend und voll waren wie Opfermonde. Lange Fäden blutigen Speichels hingen von seinen knirschenden Zähnen herab … und eine Stimme … weder menschlich noch tierisch, sondern irgendwo dazwischen, sagte: »Das kommt von der Skin Medicine, Ma'am, das macht Dinge mit einem Mann …«
Die Stimme wurde zu einem Fauchen, und das Biest zerquetschte sie in seinen Armen. Ihre Knochen knackten, ihre Innereien wurden zu Mus zerquetscht und schäumten aus ihrem Mund. Dann senkten sich die Zähne in ihren Hals und trennten beinahe ihren Kopf mit einem einzigen Biss ab.
***
Unten lief es kein Stück besser.
Die Bestien ließen ihre Klauen reißen und ihre Zähne zubeißen, trennten Gliedmaßen ab und rissen Bäuche auf. Knochen zersplitterten unter kraftvollen Kiefern, und die Haut wurde von zitterndem Muskelfleisch abgerissen. Die Schreie der Sterbenden wurden nur noch übertroffen vom Geheul ihrer Peiniger und der abgefeuerten Schüsse. Die Luft war voller Pulverdampf und blutiger Nebelschwaden.
Überall war Blut. Trümmer und Leichen lagen herum, dazu Wesen, die man für Männer halten konnte, die aber keine Männer waren, und die das Fleisch verschlangen und fraßen und sich immer neue Stücke abrissen. Es sah wie eine grausige Szene aus einer mittelalterlichen Darstellung der Hölle aus.
Eine Hure, die versuchte, mit einem Sprung über die Toten und Sterbenden hinweg davonzukommen, wurde durch einen Treffer mit einem abgerissenen Kopf in den Rücken umgeworfen.
Ein Mann, der nach Jesus und der Jungfrau Maria rief, wurde mit seinen eigenen abgetrennten Gliedmaßen bewusstlos geprügelt.
Zwei der Menschenjäger quälten mit abscheulicher Fröhlichkeit einen der Spieler zu Tode, einen Biss nach dem anderen.
Ein Goldwäscher namens Danny Smith kroch auf seinen Händen und Knien durch ein Meer von Blut und war halb von Sinnen. Mit dem Colt in den Händen sah er die Bestien, und er sah, wie die Verzweifelten auf sie schossen und sich dabei oft gegenseitig erwischten. Er sah, wie ein Fenster in einem Regen aus Glas explodierte und sich die Dunkelheit in den Raum ergoss, wie sich die Dunkelheit zu mit Klauen besetzten Händen verfestigte, die zwei Goldschürfer hinaus rissen in die Nacht. Gefühlte Sekunden später wurde einer von ihnen wieder in den Raum hineingeworfen und taumelte über den Boden. Er war blutverschmiert und zerkratzt, seine Kleider hingen in Fetzen herab … aber er lebte.
Er lebte und schrie, bettelte um Hilfe.
Aber um seinen Hals war eine Schlinge, und ein gutes Stück Seil führte in die Nacht hinaus. Plötzlich, als er gerade versuchte, sich im Krebsgang in Smiths Richtung zu bewegen, ließ ein kräftiger Ruck das Seil straff wie einen Draht werden, und er wurde quer über den Boden geschleift. An der Kehle zog ihn das Seil nach oben und wieder aus dem Fenster hinaus.
Smith sah, dass die Tür offen stand. Die Nacht war pechschwarz und fließend wie schwarze Seide. Er konnte es schaffen, er wusste, dass er es schaffen konnte. Auf Händen und Knien stürmte er wie wild auf die Tür zu, und sein Mund stammelte Unsinn, den sogar er selbst nicht verstehen konnte. Er kam auf die Füße, und eine der Bestien trat durch die Tür, ihr Staubmantel purpurrot von Blut. In einer Pfote hielt das Biest die abgetrennte Hand eines Mannes und klopfte sich damit gegen das Bein. Smith konnte den ranzigen, gelben Atem riechen, und er sah, wie sich Friedhöfe und Galgen spiegelten in diesen grünen, einen ansaugenden Gruben, die seine Augen waren. Das Wolfsgesicht grinste mit allen Zähnen. »Wohin des Wegs, Freund?«
Smith entfuhr ein wilder Schrei, und er pumpte zwei Kugeln in den Bauch des Menschenjägers. Doch die Bestie lachte ihn nur aus, grausam und voller Hohn. Ihre Augen loderten triumphierend, und eine Klauenhand krallte sich in Smiths Bauch.
Smith spürte den Aufprall … aber er merkte, dass es ihm gut ging, gut … aber dann sah er, dass sein Unterleib mit einem blutenden, klaffenden Schnitt aufgerissen war und seine Eingeweide heraushingen, wie die glänzenden Federn einer Uhr.
Er stand da, geschockt und verblüfft.
Er stand nicht lange.
***
Im Obergeschoss gab es einen Überlebenden.
Noch vor drei Minuten waren es zwei mehr gewesen. Der eine war von den Menschenjägern abgeschlachtet worden … der andere hatte sich selbst das Leben genommen, bevor es die Klauen an sich rissen.
Und nun war nur einer übrig.
Ein Mann namens Provo, der sich im Kleiderschrank versteckte. Er war einer der vielen hart und glücklos arbeitenden Goldschürfer, mit schlechter Leber und einer mit zahllosen winzigen Quarzkristallen verseuchten Lunge, in der sich die Silikose breitmachte, die viel gefürchtete Berufskrankheit der Minenarbeiter. Als das Blutbad begann … als die Bestien durch die Fenster hereinsprangen und die Türen einschlugen … hatte er gerade auf eine übergewichtige Prostituierte namens Abilene Sue gewartet. Hatte alleine in ihrem Zimmer gewartet.
So schnell er konnte, war er in den Kleiderschrank gesprungen.
In der Enge und dichten Dunkelheit hörte er, wie sich die Geräusche von Stiefeln und das Klingeln der Sporen der suchenden Bestien wieder entfernten. Seit zehn Minuten hatte er jetzt auf der oberen Etage nichts mehr von ihnen gehört. Sogar unten hatte sich eine trostlose Stille ausgebreitet. Eine Stille, die eine Endgültigkeit an sich hatte. Der Kampf war vorüber, dachte er.
Sein Herz klopfte und sein Atem pfiff in seinen Lungen, als Provo die Tür einen Spalt öffnete.
Der Raum schien leer zu sein.
Er lauschte und hörte nichts außer entferntem Tropfen und einem losen Brett auf dem Dach, das im Wind klapperte.
Leise glitt er aus seinem Versteck. Sein Brustkorb war angespannt und schmerzte, er konnte kaum atmen. Er trat hinaus in den Korridor … und rutschte prompt in einer Blutlache aus und fiel auf den Hintern.
Und im Licht der einzigen Öllampe sah er … lieber Gott.
Überall war Blut vergossen und verspritzt worden. Es sammelte sich in Pfützen auf dem Boden, war an den Wänden verschmiert und sogar an der Decke versprüht. Ein paar Schritte von ihm entfernt sah er den blutigen Abdruck einer Hand. Neben ihm im Korridor waren die Leichen und die Teile von ihnen. Er sah Köpfe, Gliedmaßen und einen einzelnen Torso mit herausgerissenen Eingeweiden, der aussah wie etwas, das beim Schlachter von der Decke hing. Da war totes Gewebe und Fleisch, und der rohe, metallische Gestank drang bis in seinen Bauch und zog alles mit sich hoch.
Provo übergab sich, schluchzte und hustete.
Schlimmer konnte es nicht kommen, ganz sicher konnte es nicht schlimmer kommen.
Aber genau das geschah.
Er hörte ein tiefes Knurren, und eines der Biester trat durch die Tür. Es sah wie ein Tier aus, genau wie ein Wolf, bis hin zu der hervorstehenden Schnauze und den leuchtend grünen Augen und verwilderten Zähnen. Aber es war wie ein Mann angezogen, lehnte am Türrahmen und sah … amüsiert aus. Ja, amüsiert. Es hatte den Hunger einer blutrünstigen Bestie, aber das Hirn und das Erscheinungsbild eines Mannes. Mit der Kralle kratzte es sich an einem der spitzen Ohren.
Ein weiteres Biest kam die Treppe herauf, leicht nach vorne gebeugt laufend, und nahm mit weit aufgerissener Nase Witterung auf, schmeckte und dann … ja, dann fand es seine Beute. Fand Provo. Ein Speichelfaden fiel von den Lippen des Biests herunter. Seine Augenbrauen waren ausgeprägt, stark behaart und abstehend, und sie ließen diese Jadeaugen in ihren knochigen Höhlen im Schatten verschwinden.
Provo bepisste sich.
Aber er konnte kein Wort sprechen, nicht einmal um sein Leben betteln … er empfand einfach nur Ehrfurcht vor diesen Wesen, diesen Dämonen, die die Tore der Hölle aufgesprengt hatten. Ein übler Geruch strömte von ihnen aus, mit einer ekelhaften Note von frischem Blut und Fleisch. Die Bestien schienen einander zuzunicken, und dicke Lippen zogen sich von begierigen Zähnen zurück.
Eine dritte Bestie kam die Treppe herauf und stieß die anderen zur Seite.
Die Biester grunzten und schnappten gegenseitig nach sich.
Das im Korridor auf Provo zulaufende Biest trug wie die anderen einen Staubmantel und einen Hut mit breiter Krempe. Sein Hemd war bis zur Taille geöffnet und zeigte die haarige und muskulöse Brust, die sich mit jedem Atemzug hob, den es mit seinem bluttropfenden Schlund tat. In beiden klauenbewehrten Händen hielt es einen Colt. Und es waren Hände, das konnte Provo erkennen, keine Pfoten, sondern Hände. Menschliche Hände. Aber sie waren grotesk lang und schmal, die Finger unglaublich dünn und mit Krallen besetzt.
Es spuckte einen Klumpen Blut auf den Boden. Seine Zähne entspannten sich wie bei einer mit Zacken versehenen Fußfalle, und ein gurgelndes, gutturales Geräusch kam aus seiner Kehle, aus dem unfassbarer Weise eine Stimme wurde: »Wenn du an uns vorbeikommst, du kleiner Wichser, dann lassen wir dich leben …«
Die anderen lachten … ein hervorgewürgtes, gurgelndes Lachen.
Ob es sein Instinkt war oder schierer Terror oder Gott weiß was, Provo sprang auf die Füße und entschied sich für den Spießrutenlauf. So heftig stürzte er sich auf die Menschenjäger, dass sie tatsächlich einen Schritt zurück machten. Und vielleicht hätte er es geschafft. Vielleicht.
Aber etwas ließ ihn stolpern.
Etwas ließ ihn in dem matschigen Brei menschlicher Überreste hängen bleiben, und als er sich auf dem Boden drehte und wand um freizukommen … sah er, dass er sich in Eingeweiden verfangen hatte. Menschliche Eingeweide, die sich wie nasse Taue über den Boden schlangen, und er war in sie hineingetreten bei seinem verrückten Fluchtversuch, und sein Fuß war hängen geblieben.
Kreischend versuchte er, seinen Fuß aus dem Gewirr zu befreien. Aber es war schlüpfrig, gummiartig und feucht. Er verfing sich nur noch schlimmer. Die ersten beiden Bestien traten wie nebensächlich über ihn. Packten ihn an, hoben ihn hoch und rissen seine Gliedmaßen ab, eines nach dem anderen, wie ein Kind, das einer Fliege die Flügel ausreißt.
Provo versuchte sich davon zu schlängeln, aber um ihn herum ergoss sich sein Leben in einen Ozean von Blut. Er würgte und hustete, und mit einem warmen, nassen Geräusch, das nur er hören konnte, verließ ihn sein Bewusstsein.
Der Menschenjäger mit den Colts beugte sich über ihn.
Das Biest hob den Kopf vom Boden auf und starrte in die glasigen, schockierten Augen. Dann steckte es den Lauf des Revolvers in seinen Mund.
»Ich hasse es wirklich, sie leiden zu sehen«, sagte es mit heiserer Stimme.
Und blies Provo den Schädel weg. Wieder und wieder zog es den Abzug durch, bis sein Hinterkopf nichts mehr war als ein riesiges rauchendes Loch und sich die Kugeln in die Wand hinter ihm gefressen hatten.
Es ließ ihn mit dem Revolver im Mund fallen.
Dann gingen die drei nach unten, bevor das beste Fleisch weg war.
***
In seiner Hütte auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam Jack Turner – das letzte lebende menschliche Wesen in Sunrise – wieder aus dem Schlaf des Betrunkenen zu sich und hörte ein kratzendes, schabendes Geräusch, als ob so etwas wie Nägel über die Außenseite seiner Tür gezogen würden.
Ein Tier. Irgendetwas.
Vielleicht ein Wolf, dachte er.
Verdammte Viecher. Waren wahrscheinlich hungrig, gezwungen, auf der Suche nach Nahrung aus den Bergen herunterzukommen. Aber heute Nacht würde es nichts geben. Turner konnte hören, wie es keuchte und schnüffelte und kratzte wie ein Hund vor einem Kaninchenloch.
Turner warf sein Bettzeug beiseite und nahm seinen 36er Paterson-Revolver in die Hand.
Vorsichtig und leise spannte er den Hahn und trat die Tür auf.
Was er sah, war kein Wolf … nicht im eigentlichen Sinne. Der Mond schien über den Wolken, und es war hell genug, sodass Turner ausmachen konnte, dass er einem Mann gegenüberstand.
Einem Mann mit dem Gesicht einer Bestie.
Wer oder was auch immer es sein mochte, trug einen Lederponcho, der wie eine Kriegsflagge im Wind flatterte. Ein aufwallender, heißer und ekelerregender Geruch ging von ihm aus. Turner fühlte, wie sein Inneres zu flüssigem Wachs wurde.
Dieses Gesicht.
Dieses schauderhafte Teufelsgesicht.
Auf der rechten Seite war es das monströse Gesicht eines Wolfs, fellbesetzt, mit grünen Augen und gelben Zähnen … aber auf der linken Gesichtshälfte war der Schädel freigelegt, war keine Haut, nur Sehnen und Muskeln. Und an der Stelle, wo das Auge hätte sein sollen, war nur eine fürchterliche schwarze Höhle. Die Haut war perfekt abgetrennt, als ob eine unsichtbare Linie durch die Mitte dieses furchtbaren Gesichts gezogen worden wäre … halb Fleisch, halb Knochen.
Eine verfärbte Zunge leckte über spitze Zähne.
Die grausige, vertrocknet klingende Stimme schien aus großer Entfernung zu kommen, meilenweit weg, echote durch die Berge und ritt auf dem Novemberwind wie eine heiß begehrte Sünde. »Willkommen in der Hölle«, sagte sie.
Und Turner erwartete diese Klauen, diese Zähne.
Aber das Biest brachte eine abgesägte Schrotflinte in Anschlag und feuerte aus nächster Nähe beide Läufe auf ihn ab. Die Schrotkugeln zerfetzten seine Brust und schleuderten ihn zurück in die Hütte.
Dann stakste es davon, was auch immer es war.
Es gab einen seltsamen, brummenden Ton von sich, der nur ein Summen sein konnte. Ein belustigtes, befriedigtes Summen.