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Cabe zog an seiner Zigarette und schickte den Rauch durch die Nase. »Also, von dem, was ich von dir höre, hast du mit deinen indianischen Freunden gesprochen?«

Charles Graybrow nickte. »Ja, das habe ich.«

»Und …?«

»Schlimmer als ich dachte.«

Sie saßen in Cabes Hotelzimmer auf dem Bett und gingen all die Dinge durch, die noch vor einer Woche für jeden vernünftigen Menschen undenkbar gewesen wären. Jetzt aber gab es keine andere Wahl mehr, als dem Teufel ins Angesicht zu blicken und ihm das zu geben, was er verdiente.

»Zuerst einmal musst du etwas über einen Snake-Medizinmann namens Spirit Moon wissen«, sagte Graybrow und spielte unruhig mit den Fingern auf seinem Schoß, die es nicht gewohnt waren, ohne eine geöffnete Flasche zu sein. »Also, Spirit Moon … oh Junge, er war eine große, böse Hokus-Pokus-Rothaut von einem Hexendoktor …«

»Würdest du endlich mit dem dummen Gelaber von Rothäuten aufhören?«, sagte Cabe ungeduldig. »Es ist manchmal ganz witzig. Aber jetzt nicht.«

Graybrow nickte und lächelte. »Sicher, sicher, habe verstanden. Okay, also Spirit Moon, weißt du etwas über ihn?«

»Ich habe ein paar Sachen gehört.«

»Was du gehört hast, ist wahr. Das war eine Rothaut, die die Macht hatte, das sage ich dir«, sagte Graybrow in völliger Gewissheit. »Ich werde nichts davon erzählen, was er getan hat, die Kranken, die er geheilt und die Schlechten, die er verflucht hat … wir belassen es bei den Worten, dass Spirit Moon echt war. Er weigerte sich, mit den anderen ins Reservat zu gehen, behauptete, die Snake-Nation würde sich vor keinem Menschen beugen, ob weiß oder andersfarbig. Also versteckten er und seine Anhänger sich in Skull Valley auf dem Land der Goshute. Und der alte Spirit Moon, er wusste Dinge, die längst vergessen waren, Dinge, die andere vielleicht wissen wollten …«

»Wer zum Beispiel?«, fragte Cabe.

»Zum Beispiel James Lee Cobb.«

Ah, wieder dieser Name. In Cabes Kopf begann sich ein Bild von diesem verrückten Bastard zu formen, und in diesem Bild hatte er Hörner und einen Schwanz. Sogar der Klang dieses Namens fing an, ihn frösteln zu lassen.

»Also ging Cobb zu Spirit-Moon?«

»So geht die Geschichte weiter. Cobb und seine Bande böser Männer statteten Spirit Moon einen Besuch ab.« Graybrow unterbrach sich, wollte so korrekt wie möglich erzählen, so, wie er es gehört hatte. »Du musst verstehen, dass Spirit Moon aus Cobb keinen Finsterling machte, er war es ohnehin schon. Sie sagen, er wurde aus der Finsternis geboren. Dass er ein Leben der Verderbtheit lebte, und dergleichen. Dass er oben in den Bergen … dass er da oben, na ja, seine Freunde nicht deswegen aß, weil er es wollte, sondern weil etwas in ihn gekrochen war. Etwas in der Art, was die Ojibwa im Norden einen Wendigo nennen mochten. Einen kannibalischen Teufel, einen Seelen-Fresser …«

Graybrow erzählte ihm dann die Geschichte, die er von einem alten Goshute namens Er-Der-Schnell-Rennt gehört hatte.

Cobb und seine Jungs waren geradewegs in Spirit Moons Camp geritten, etwas, das viele andere vor lauter Angst nicht getan hätten. Zuerst war Cobb freundlich. Er erfand irgendeine Bullshit-Geschichte über ein benötigtes Refugium, solange die Weißen ihn und seine Männern jagen würden. Es war eine Lüge, aber insofern dem Grunde nach wahr, als dass alle seine Jungs irgendwo gesuchte Verbrecher waren.

Aber man konnte Spirit Moon nicht täuschen.

Er hatte die Gabe, in die Köpfe zu schauen, Wahrheiten, Dinge, zu sehen, die noch nicht einmal geschehen waren. Er wies seine Leute an, freundlich zu Cobb und seinen Männern zu sein, denn schon an diesem Punkt wusste er, was Cobb war, und hoffte nur, dass er nach einer gewissen Zeit wieder fortreiten würde. Aber dem war nicht so. Das, was in Cobb lebte, der Samen, der bei seiner Geburt eingepflanzt und durch das genährt wurde, was Spirit Moon »Der Alte vom Berge« nannte, hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die volle Kontrolle. Aber es war auf fruchtbaren Boden gestoßen und blühte Tag für Tag auf.

Es dauerte nicht lange, dann räumte Cobb ein, dass er von Spirit Moon wusste, von seinem großen Wissen, und dass er gekommen war, um von ihm zu lernen. Zu diesem Zeitpunkt hatten alle Stammesmitglieder bereits Angst vor Cobb. Angst davor, was in ihm war, und vor dem scheußlichen Geruch, der von ihm ausging, vor den Stimmen, die nachts aus seinem Zelt zu hören waren … sogar wenn er allein war. Spirit Moon sagte Cobb, er würde ihn in der Tat lehren, aber nur ihn. Dass er seine Männer wegschicken müsse. Cobb stimmte zu. Spirit Moon hatte keine Absicht, ihn zu unterrichten; er plante, ihn zu töten. Es gab keinen anderen Weg. Denn Cobb war das Böse, und er musste gereinigt werden. Der Tod war der einzige Weg. Aber Spirit Moon war klar, dass er vorsichtig sein musste … denn wenn er es falsch anfing, würde das, was in Cobb lebte, sich erheben und den ganzen Stamm vernichten.

»Nun, Tyler Cabe«, fuhr Graybrow fort, »bevor Spirit Moon tun konnte, was getan werden musste, verschwand eine Frau aus dem Camp. Ihre sterblichen Überreste wurden kurz danach entdeckt. Cobb hatte sie fast komplett verschlungen …«

»Um Gottes willen. Sie haben ihn auf frischer Tat erwischt?«

Graybrow zuckte die Achseln. »Vielleicht. Ich weiß es nicht. Nur, dass er, als er über das Verbrechen von Spirit Mond und den Ältesten befragt wurde, freimütig zugab, dass er sie gegessen hatte. Er prahlte damit. Prahlte von den vielen Menschen, die er gegessen hatte. Dass seine Kraft direkt aus dem Fleisch derer hervorging, die er schlemmend verzehrt hatte.

»Nun, es bedurfte nicht weniger als fünf oder sechs starker Krieger, um ihn festzuhalten, damit er gefesselt werden konnte«, sagte Graybrow. »Also war vielleicht etwas Wahres an dem, was er sagte. Und als nächstes …«

Was mit Cobb als nächstes geschah, war nicht angenehm.

Die Snake nannten es »Der Lebende Tod«. Es war ein heiliges, dunkles Ritual, das nur für diejenigen bestimmt war, die nicht auf übliche Weise sterben konnten und etwas Körperloses und Bösartiges an sich hatten. Spirit Moon entschied, dass es der einzige Weg war. Denn was in Cobb war, musste zu Tode gehungert werden. Nur so würde es in eine kalte Winterstarre fallen. So wurde Cobb mit dem Lebenden Tod verflucht. An den Handgelenken aufgehängt wurde Cobb von der Zauberei des Medizinmanns gebunden. Er wurde mit Kräutern und Wurzeln, geheimen Chemikalien und auszehrenden Flüchen behandelt. Die Haut von einer Seite seines Körpers wurde buchstäblich von Ameisen gefressen. Er hing in einer Medizin-Hütte vom Dach herab und wurde über einem Feuer heiliger Balsame drei Tage lang geräuchert, während Spirit Moon und die anderen heiligen Männer eine Begräbniszeremonie skandierten. Als es vorbei war, war Cobb weder tot noch lebendig, sondern irgendwo dazwischen.

»Was geschah dann?«, wollte Cabe wissen.

»Er wurde in einem zugenagelten Sarg eingeschlossen. Auf diese Weise sollte er lebendig begraben werden. Denn das, was in ihm war, musste langsam zu Tode gehungert werden. Es war der einzige Weg.«

Spirit Mond hatte erfahren, dass Cobb einen Halbbruder in Deliverance hatte, also wurde der Sarg über Whisper Lake zu ihm geschickt. Aber Spirit Moon hatte die Stärke von dem, was in Cobbs Inneren war, unterschätzt. Es sollte nicht aufwachen, bevor es im Grab war. Stattdessen wachte es auf der Reise nach Whisper Lake auf. Und als Hiram Callister die Kiste öffnete …

»Cobb kehrte in das Land der Lebenden zurück«, erklärte Graybrow. »Kehrte zurück in einer wahrscheinlich ganz üblen Laune. Vielleicht eine Woche später ritten er und seine Verbündeten zum Camp der Snake. Sie töteten alle, auch Spirit Moon … Cobb war zu stark geworden, um ihn bekämpfen zu können.«

Aber Cobbs Bande tötete die Indianer nicht nur.

Sie schlachteten sie rituell. Frauen wurden vergewaltigt und gehäutet, Männer gezogen und gevierteilt, Kinder über Feuer geröstet und gegessen. Spirit Moon wurde ermuntert, das Fleisch seiner eigenen Kinder zu essen … als er sich weigerte, wurde er selbst gekocht. Cobb und die anderen aßen ihn und absorbierten alles, was er war.

»Sie wurden zu Bestien, Tyler Cabe«, sagte Graybrow und sah jetzt sehr besorgt aus. »Sie hatten geschmeckt, was tabu war. Es brachte das Biest in jedem Mann zum Vorschein. Und Cobb, jetzt im Besitz von Spirit Moons Geheimnissen oder jenen, die die Seele des Mannes nicht in die jenseitige Welt mitnehmen konnte, war weit schlimmer als zuvor. Er war im Besitz dessen, was die Snake 'Skin Medicine' nannten.

Cabes Mund war inzwischen trocken geworden. »Was … was zur Hölle ist das?«

»Ein System schwarzer Magie, nehme ich an. Sehr alt und verboten. Statt eine Formel in ein Buch zu schreiben oder auf einen Felsen zu kratzen, wird sie in das Fleisch tätowiert. Die Skin Medicine erlaubt es dem Biest, das in uns allen lebt, an die Oberfläche kommen, sich in Blut und Fleisch zu manifestieren …«

»Und das ist es, was die Menschen tötet? Diese Anhänger der Skin Medicine, diese Bestien?«

Graybrow nickte.

Daheim im Yell County hatte es einen anderen Name gegeben für Männer, die sich in Bestien verwandelten. Werwolf. Cabe erinnerte sich an eine Geschichte, die er als Jugendlicher über ein Dorf gehört hatte, das angeblich voll von ihnen war und hoch in den Ozarks lag. Nur eine Geschichte … oder nicht?

Es klopfte an der Tür, und sie schwang auf.

Jackson Dirker stand da und wirkte tapfer und gut aussehend in seinem pelzbesetzten Mantel und dem runden Büffelhut. Seine Augen blitzten wie blaue Feuer. »Charles«, sagte er, »ich muss mit Mister Cabe reden.«

Der Indianer nickte. »Sicher, sicher. Es gibt Dinge, die weiße Männer nicht vor Rothäuten besprechen können. Ich war nur hier, um zu sehen, ob ich zu Diensten sein kann. So was wie Schuhe putzen oder Nachttöpfe entleeren.«

Er mochte sich amüsant finden, aber bei Dirker wirkte es kein Stück. Er verließ den Raum und Dirker schloss die Tür.

Cabe dachte: Er sieht angepisst aus. Er sieht aus wie jemand, der die Scheiße aus mir rausprügeln will. Vielleicht weiß er es, vielleicht …

Dirker setzte sich neben ihn.

Aus der Nähe konnte er sehen, dass Dirker nicht wirklich wütend war. Etwas brodelte in ihm, aber es hatte nichts mit dem Mann zu tun, den er aufgesucht hatte.

»Cabe«, sagte er und starrte jetzt auf den Boden. »Tyler. Darf ich dich so nennen?«

»Natürlich.«

Dirker klopfte ihm auf das Bein. »Wir hatten ganz bestimmt unsere Differenzen, nicht wahr? Du hast Jahre damit verbracht, mich zu hassen, und ich mache dir keine Vorwürfe. Denn ich glaube, ich habe Jahre damit verbracht, mich selbst dafür zu hassen, was ich bei Pea Ridge getan habe. Aber es ist zu Ende. Der Krieg ist längst vorbei, und wir sind wieder eine Nation. Ich mag den Gedanken, dass sich die Dinge zwischen uns verändert haben, seit du hierher gekommen bist. Wenn wir auch keine Freunde sind, dann sind wir nun sicher Verbündete. Ist das eine korrekte Annahme?«

Cabe schluckte. »Das ist es.«

»Einst haben wir auf gegenüberliegenden Seiten gekämpft, und ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wer im Recht war … manchmal, manchmal kann ich mich nicht einmal erinnern, wofür ich gekämpft habe.« Dirker lächelte, sah dann peinlich berührt aus. »Die Zeit ist gekommen, zu der wir Seite an Seite kämpfen müssen. Also bin ich mit offenem Herzen zu dir gekommen, um dich zu bitten, dich sogar anzubetteln, mit mir nach Deliverance zu reiten …«

»Du willst mich an deiner Seite?«, fragte Cabe, überwältigt von Emotionen, die er noch nicht einmal erraten, geschweige denn zu fassen vermochte.

»Ja. Ich würde dir an meiner Seite mehr vertrauen als jedem anderen Mann. Ich möchte dich als Deputy verpflichten, mit dir einen Trupp von Männern an diesen höllischen Ort führen. Bin ich zu weit gegangen, dich das zu fragen?«

Cabe räusperte sich. »Nein, bist du nicht.« Er spürte, wie sich etwas Warmes in seiner Brust verbreitete. Er stand auf und schaute aus dem Fenster auf die Straße herab. Er wandte sich wieder Dirker zu. »Ich würde mich geehrt fühlen, an deiner Seite zu reiten.«

Und dann schüttelten sie sich die Hände, und endlich kam für sie alles zusammen, und der Kreis schloss sich.