2-17

Im St.-James-Gasthaus sagte Janice Dirker: »Mein lieber Mister Tyler Cabe, Sie riechen wie des Teufels eigenes Brauhaus. Für einen Mann, der nicht nach Whisper Lake gekommen ist, um Spaß zu haben, haben Sie es ganz sicher geschafft, in unseren Lokalen tief und ausgiebig in die Gläser zu schauen.«

Cabe stand einfach nur da. »Yeah … war eine harte Nacht.«

»Sie sehen wie frisch aus der Hölle aus, Mister Cabe. Ich hoffe es macht Ihnen nichts aus, dass ich das sage.«

»Nein, Ma'am.«

Er wollte nur noch ins Bett und den Tag zu verschlafen, aber sie bestand darauf, dass er mit ihr frühstückte. Er sagte sich, dass es nicht sehr höflich wäre, das abzulehnen. Also folgte er ihr in den Essensraum und stellte sich vor, wie der alte Crazy Jack einen Herzinfarkt bekommen würde, wenn er hereinkam und niemand anderen als Tyler Cabe zusammen mit seiner Frau speisen sah. Gestern hätte diese Vorstellung Cabe vielleicht noch Vergnügen bereitet … aber nach dem, was er erlebt hatte an diesem Tag oder in dieser Nacht oder was zur Hölle auch immer es war, hatte er einfach keine Kraft mehr, Dirker zu hassen.

Das Gefühl war einfach nicht mehr da.

Der Koch brachte Eier und Pfannkuchen, Ahornsirup und Kaffee.

Cabe starrte auf das Essen, sein Magen knurrte, aber er sah immer noch Mizzy Modine in diesem Schlachthaus liegen. Er nahm seine Gabel und legte sie wieder hin.

»Bitte Mister Cabe, essen Sie«, sagte Janice Dirker. »Die anderen Gäste schlafen noch. Ich frühstücke sonst immer allein, aber ich bin dankbar für Gesellschaft. Ich kann mich noch an die Tage erinnern, als mein Mann das Frühstück mit mir teilen würde. Aber er hat jetzt einfach zu viel zu tun.«

»Ich denke ich brauche etwas Schlaf, Ma'am«, sagte Cabe.

»Sicher brauchen Sie den. Aber bleiben Sie einen Moment oder zwei bei mir sitzen.«

Sie schnitt sich einen Bissen vom Pfannkuchen ab und kaute ihn recht zierlich. Cabe konnte erkennen, dass sie aus gutem Hause stammte. Die Frauen, die er von zu Hause aus dem Yell County kannte, schaufelten alles in sich hinein, bevor jemand ihnen etwas vom Teller wegschnappen konnte.

»Also, wo stammen Sie her, Mister Cabe?«, fragte sie.

»Aus Arkansas. Yell County. Und Sie?«

»Georgia. Daddy besaß dort eine Plantage. Er besaß eine Menge Dinge.« Ein Schleier zog für einen Moment über ihre Augen, aber etwas verhinderte, dass der Schmerz kam, vielleicht die Erziehung. »Daddy ist schon von uns gegangen … alles ist von uns gegangen.«

Sie fuhr fort, ihm von ihrem Leben in Georgia zu erzählen, einem Leben, von dem er nur träumen konnte. Die Privilegien. Die guten Schulen. Die gute Erziehung. Das alles stand in großem Kontrast zu dem Süden, den Cabe kannte … der immer hart und gnadenlos gewesen war. Sie war eine Lady, und die Yankees hatten den Besitz ihrer Familie zerstört, und doch war sie fortgegangen und hatte einen von ihnen geheiratet. Sie war, gelinde gesagt, ein Rätsel. Aber der Krieg hatte eine Menge Rätsel geschaffen, das wusste er.

»Waren Sie im Krieg, Mister Cabe?«

»Ja, Ma'am.«

»Aber Sie reden nicht gerne darüber?«

»Nein, Ma'am.«

Sie schien zu verstehen. »Mein Mann war auch im Krieg. Auch er spricht nicht gerne darüber.«

»Es war eine wirklich üble Zeit, Ma'am. Eine wirklich üble Zeit für alle, die betroffen waren.«

Sie lächelte verschwörerisch. »Aber vielleicht am übelsten für uns Südstaatler … meinen Sie nicht auch?«

Er nickte. »Das sehe ich auch so. Die Yankees, die zu Hause geblieben waren, hatten es wahrscheinlich nicht schlecht. Aber die, die kämpfen mussten? Nein, man kann nicht sagen, dass die viel Spaß hatten. Jemand, der durch diese Hölle gegangen ist, kann den Krieg unmöglich in guter Erinnerung haben. Ohne Zweifel, die Yankees waren besser ausgerüstet als wir. Aber sie bluteten und starben genauso.«

Janice gab zu, dass ihr Mann ein Yankee war. »Ich erinnere mich an ihn … es war ein paar Jahre nach dem Krieg. Wie groß und stolz er war auf seinem Pferd, wie gut aussehend. Er warb um mich, und er hat mich für sich gewonnen. Ich schäme mich nicht dafür.«

»Dafür gibt es auch keinen Grund. Ob Norden oder Süden, Männer sind Männer, und Frauen sind Frauen.«

Janice sagte ihm, dass sie sein Verständnis schätze, denn es gab viele aus dem Süden, die das nicht so sahen. Ungeachtet dessen gab es viele Mädchen, die Yankees geheiratet hatten. Sie war sich nicht sicher, woran es lag … vielleicht lag ein gewisser Teil der Anziehung darin begründet, dass sie die Sieger waren. Vielleicht war es eine Frage von Macht. Machtvolle Männer waren … anziehend. Und vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass man schnell aus dem Süden verschwinden wollte, aus dem Trümmerfeld, das daraus geworden war. Um vor Erinnerungen und Dämonen und der Melancholie zu fliehen, die zusammen mit dem Alten Süden begraben waren und einfach nicht Ruhe geben mochten in ihren Gräbern.

»Ich kannte viele schneidige Männer, die in den Krieg gezogen sind, Mister Cabe. Diejenigen, die zurückkehrten, waren gebrochene, kaputte Männer. Ihre Augen waren leer, und sie waren verbittert und wütend. Auf die Yankees, auf sich selbst, ihre Befehlshaber, auf die Politiker, die sie erst in eine solche Situation gebracht hatten«, erklärte Janice. »Viele von ihnen haben nichts als gesoffen und sich gegenseitig verprügelt. Einige waren wirr im Kopf und glaubten nicht, dass der Krieg vorbei war. Es war alles sehr traurig. Vielleicht musste ich vor alldem fliehen.«

Cabe verstand. Er wusste nichts von dem Leben, das sie geführt hatte. Privilegien und Geld waren ihm fremd. Als er in den Krieg gezogen war, hatte er nichts. Als er zurückkam, hatte er immer noch nichts. Er machte, dass er fortkam aus Arkansas, wollte um keinen Preis der Welt werden, was sein Vater war – das Eigentum eines reichen Mannes. Er würde kein armer Pächter sein, der sich auf einer Farm zu Tode arbeitete, die einem anderen gehörte. Also ritt er mit all den anderen nach Westen, suchte und suchte nach etwas, das er immer noch nicht gefunden hatte.

Cabe räusperte sich. »Ihr Ehemann … ist er ein guter Mann?«

»Ja, das denke ich«, sagte Janice. »Er gibt immer sein Bestes, versucht immer, allem gerecht zu werden … manchmal scheitert er daran, wie wir alle, aber er gibt nie auf. Sagen wir es so: in seinem Job ist ihm niemand dankbar, wenn alles ruhig bleibt, aber man schimpft auf ihn, wenn das nicht so ist.«

Cabe hörte zu, aber er war nicht sicher, ob er alles mitbekam. Sein Denken war durcheinander, und er wusste gerade nicht einmal mehr, welcher Tag es war. Immer noch hatte er die verstümmelte Prostituierte vor Augen, Virgil Clay, den alten Indianer in der Zelle, Henry Freeman, Jackson Dirker … eine Parade von Gesichtern und Begebenheiten, die ineinanderflossen und ungreifbar wurden.

Er schlürfte seinen Kaffee, aber schmeckte ihn nicht, und er dachte: Alle außer mir scheinen Dirker für einen anständigen Kerl zu halten … vielleicht liege ich falsch, aber vielleicht kennen sie ihn nicht, und vielleicht hat er sich geändert und ich ebenfalls.

»Kennen Sie meinen Mann?«, fragte ihn Janice.

»Der Sheriff«, sagte Cabe und nickte. »Ich habe ihn getroffen.«

»Kennen Sie ihn gut?«

Cabe schluckte. »Nein Ma'am, ich schätze ich weiß überhaupt nichts über ihn.«