4-13
Charles Graybrow verfolgte Orville DuChien bis zu einer Hütte am Rande des Sees. Er saß auf einem kleinen Hügel voller Bäume, die alle abgestorben waren durch den Dreck der nahe gelegenen Raffinerieanlagen. Die Luft stank stark nach Chemikalien und Industrieabfällen. Auf dem Wasser schwappte glatter, schwarzer Schaum. Orv saß auf einem Felsen und starrte über die nebligen Gewässer. Er murmelte etwas.
Graybrow trat hinter ihn und machte dabei jede Menge Lärm, damit Orv wusste, dass er kam.
»Sie haben mir davon erzählt, jawohl, sie haben mir alles darüber erzählt«, sagte Orv. »Sie sagten, diese Rothaut würde kommen und Dinge wissen wollen. Er würde Fragen an mich haben, sagten sie, und wenn sie das sagen … nun, sie haben immer Recht, nicht wahr? Ist es nicht so?« Orv rieb sich die Schläfen. »Manchmal … manchmal rede ich wie ein Verrückter … es liegt an meinem Kopf, er tut weh, er tut so weh, voll mit ihren ganzen Stimmen, bla, bla, bla!«
Graybrow nickte und dachte, es würde wohl nicht ganz einfach werden. »Was dagegen, wenn ich mich zu dir setze?«
Orv kratzte sich an seinem Bart. »Du bist eine Rothaut, nicht wahr? Ist mir egal, ob du eine Rothaut bist, ich frage nur so. Ich kannte Rothäute daheim, yessum, viele Rothäute. Cherokee. Das Volk der Cherokee, genau. Ja, setz dich da unten hin, Charlie … siehst du, ich erinnere mich an dich von früher.«
Graybrow hatte eine Flasche Whiskey mitgebracht. Er nahm einen Schluck und reichte sie Orv.
»Das ist sehr gastfreundlich von dir, Charlie. Yessum.« Orv setzte die Flasche an, nahm einen großen Zug und gab sie zurück. »Ich versuche … ich versuche, meinen Kopf zu bewahren, aber es funktioniert nicht immer. Ich fange an, wirr zu reden und so weiter. Aber du … du verstehst mich, nicht wahr? Manche verstehen mich nicht, aber du tust es …«
»Ja, ich glaube, ich verstehe.«
Orv knirschte mit den Zähnen. »Deliverance … die Stadt, die der Teufel gebaut hat. Oh, denk darüber nach, Charlie! Sie, die das Licht nicht mögen, aber die dunklen Plätze! Sie, die in Kellern und auf Dachböden hausen und nicht herauskommen bei Tageslicht! Sie, die das Fleisch und das Blut von Menschen mögen! Sie, mit ihrer Skin Medicine … oh, yessum, sie ist auf ihr Fleisch tätowiert!«
»Wer sind sie?«
Aber Orv verweigerte die Antwort. Er hielt nur die Arme um sich geschlungen, bis was auch immer es war, aus ihm heraus war. »Du … du erinnerst dich noch an Johnny Hollix?« wollte Orv wissen. »Er … er war daheim der Indianeragent, hat den Cherokee echt Ärger gemacht. Natürlich haben das einige von meiner Sippe auch. Wie Cousin Stookey … aber er war niemandem mehr wert als ein Stück Scheiße. Aber ich erinnere mich an Johnny Hollix … er fischte immer nach Welsen zusammen mit Grandpappy Jeremia, unten an der südlichen Gabel des Suck River. Manchmal war ich mit dabei, und manchmal auch dieser Cherokee-Medizinmann … wie hieß er noch mal, Charlie?«
Graybrow genehmigte sich gerade einen Schluck aus der Flasche. »Ich fürchte, es ist mir entfallen.«
Orv fing an, mit seinen Händen gegen seine Beine zu schlagen und schüttelte den Kopf. »Ja, ja, ja, ich erinnere mich! Ihr müsst nicht schreien! Charlie! Sag ihnen, sie sollen nicht schreien!«
Graybrow stellte sich hinter ihn und empfand großes Mitleid mit ihm. Er legte seine Hände auf Orvs Schultern und massiert die dort gebündelten Muskeln auf dieselbe Art und Weise, wie seine Mutter es einst für ihn getan hatte. Langsam, allmählich hörte Orv auf, zu zittern.
»Du hast die Hände, die guten Hände«, sagte Orv. Sein Kopf kippte nach vorn, bis sein Kinn seine Brust berührte. »Yessum, ich höre, ich höre. Der Cherokee-Medizinmann, Charlie, sein Name war Spoonfeather oder so ähnlich, aber jeder nannte ihn nur King Paint. King Paint. Er und Grandpappy Jeremia hatten die gleiche Liebe zu Wurzeln und Kräutern, Hexendoktoren, nicht wahr? King Paints Frau – die schöne Junge, die nur Beine und Titten und große Augen war, yessum, die meine ich – sie hat sich zu Johnny Hollix gelegt. Eines Tages war der alte Johnny einfach verschwunden, und die Squaw? Hey, hey, hey! Die schrecklichste Sache, die allerschrecklichste!
Obwohl Graybrow hier war, um bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen, wusste er, dass er Orv auf seine wirre Weise reden lassen musste. Er ließ ihn sein Ding machen, und früher oder später würde er auf die dringenderen Angelegenheiten kommen. Also erzählte Orv ihm die Geschichte der Squaw von King Paint und der schrecklichen Strafe dafür, regelmäßig mit Johnny Hollix geschlafen zu haben. Da war ein Pferd, das in einem Graben lag, zu Tode geritten. Mit Seilen spannten sie den Kadaver zwischen zwei Bäumen in sechs Fuß Höhe auf und nähten die Squaw bei lebendigem Leib in die Überreste des Tieres, sodass nur ihr Kopf aus seinen Flanken heraus sah. Der Kadaver war voller Fliegen, Käfer und Ameisen. Ziemlich bald war er auch voller Maden. Der Kadaver war ganz weich und faulig und wurmstichig. Orv erzählte, nach einer Woche wäre er so voller Maden gewesen, dass es aussah, als tanzte er dort oben, sich drehend und pulsierend. Und die Sqaw, natürlich, die in diese Fäulnis eingenäht war, mit Millionen von Würmern, die über sie krochen, wurde wahnsinnig. Lachte und gackerte, spuckte und schrie. Sie biss sich die Zunge ab und zerfetzte ihre Lippen. Die Krähen und Geier hackten in ihr Gesicht und in das Innere des Kadavers … na ja, man mochte einfach nicht darüber nachdenken, wie sich das anfühlte, einfach vor sich hinzuschmoren inmitten von Grabwürmern.
»Schrecklich, Charlie, das ist es, was es war«, sagte Orv und zitterte jetzt. »Und es dauerte zwei Wochen, zwei Wochen, bevor das Pferd verfault war und zu Boden fiel. Und die Squaw? Tot, die Augen ausgepickt und die Haut sauber aus dem Gesicht gerissen … oh, und den Rest willst du lieber nicht erwähnen, oder? Nein, Sir! Nein, Sir!«
Graybrow musste zugeben, dass er von einigen absolut obszönen Strafen für Ehebruch gehört hatte, aber das hier schoss ganz klar den Vogel ab. Orv wurde ruhig, er kicherte und wimmerte abwechselnd und flüsterte zu seinen Brüdern Roy und Jesse, die offenbar beide tot waren.
»Orv?«, sagte Graybrow schließlich. »Erzähl mir von Deliverance«.
Orv stieß tatsächlich einen Schrei aus und begann, sich zu bekreuzigen. »Ich kann nicht! Ich kann nicht! Oh, das ist er, das ist der Teufel James Lee Cobb! Er … er … er, der aus der Finsternis geboren wurde, yessum, ich weiß es. Etwas, das an diesen dunklen Orten kriecht und sich windet, an denen die Leute keinen Körper haben, das war sein Vater! Oh, oh, oh … seine Mutter! Gott möge ihr helfen! Helft ihr! Und Cobb, Charlie, hey, hey, Cobb stieg diese Berge hinauf und fand das andere, was all die Jahre auf ihn gewartet hatte! Das, was in diesen Höhlen auf die Macabro gewartet hatte … oh, frag mich nicht mehr, nicht mehr! Denn es war in Cobb, und dann kam Cobb herunter … er aß sie, aß die Männer … kam herunter und es dauerte nicht lange, bis er von Spirit Moon hörte …«
Danach bekam Orv hysterische Anfälle. Er weinte und schrie. Graybrow musste ihn immer wieder mit Whiskey füttern, bis der Mann über die Schmerzen hinaus war, und dann brachte er ihn in die Hütte, damit er sich ausruhen konnte.
Er war sich nicht sicher, was das alles genau sollte, aber es gab keinen Zweifel mehr, dass James Lee Cobb der Auslöser des Ganzen war. Wenn man Orv glauben konnte, dann hatte etwas Unheimliches oben in den Bergen die Kontrolle über Cobb übernommen, etwas, das ihn bei der Geburt berührt hatte.
Und, dass etwas ihn zu Spirit Moon gebracht hatte, der ein sehr mächtiger Snake-Medizinmann gewesen war.
Das Puzzle fing an, sich zusammensetzen zu lassen, und Graybrow mochte überhaupt nicht, worauf das Bild hindeutete.