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Jackson Dirker, der ausgesprochen blass aussah, sagte: »Ich habe Gräueltaten gesehen, Doc, ich habe absolut Schreckliches gesehen … aber das, so etwas wie das hier … ich kann noch nicht einmal anfangen, das zu verstehen.«

Dr. Benjamin West, ein in Whisper Lake ansässiger Chirurg und der Gerichtsmediziner von Beaver County, nickte nur. Er war ein großer, spindeldürrer Mann in einem schwarzen Anzug mit goldener Uhrenkette, die in der Sonne wie ein Auge zwinkerte. Er presste seinen Derby-Hut an die Brust und fuhr mit langen, zarten Fingern durch sein spärliches weißes Haar. Seine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt.

»Obwohl ich ein Mann der Wissenschaft bin«, sagte er schließlich, »denke ich, dass hier der Teufel in einer ganz miesen Stimmung durchgeritten sein muss.«

Dirker mochte dem nicht widersprechen.

Sie standen außerhalb des Gemischtwarenladens der Goldgräberstadt Sunrise, der nicht nur Lebensmittelmarkt, sondern auch Saloon und Spielhalle war. Sie standen draußen vor den Flügeltüren, schauten und schauten in die Ferne, und wünschten, sie wären blind. Denn das, was sie hier in Sunrise gesehen hatten, hatte sich dauerhaft in ihre Augen eingebrannt wie ein plötzlicher, schmerzhafter Lichtbogen.

Dirker studierte, was an der Tür angebracht war.

Ein Mann mit einem auf den Rücken tätowierten Adler war komplett gehäutet und seine Haut in einem Stück an die Tür genagelt worden. Nicht weniger als drei Köpfe hingen über dem Eingang wie grässliche Laternen. Kupferdraht war durch ihre Ohren gezogen worden und hing an darüber angebrachten Nägeln. Die Gesichter waren vollgespritzt mit nunmehr getrocknetem Blut, und stumm starrten die glasigen Augen. Der Kopf auf der linken Seite sah aus, als wollte er gerade etwas sagen.

Doc West winkte ein paar darauf sitzende Fliegen fort. Obwohl der Wind kalt war, heizte der Sonnenschein die Dinge auf und brachte das Ungeziefer und den allgegenwärtigen Gestank bakteriellen Verfalls hervor. »Ich vermute, dass diese Köpfe«, sagte er, »nicht mit einem Beil oder einem Messer abgetrennt, sondern tatsächlich vom Körper abgerissen wurden.«

Dirker hatte sich das schon gedacht.

Am Stumpf der Hälse hingen Wirbel und Gewebe heraus wie Konfetti auf einer Party. Nirgendwo war auch nur ein sauberer Schnitt zu sehen. Jemand … oder etwas … hatte tatsächlich die Kraft gehabt, den Kopf eines Mannes vom Körper abzureißen. Dirker zog nicht gern voreilige, fantastische Schlüsse wie diesen, aber was sonst sollte er sonst denken? Die Beweise sprachen Bände.

Seufzend, so sehr an das Blutbad gewöhnt, wie er jemals sein würde, betrachtete er die Hütten und verwitterten Gebäude, die Sunrise in seiner Blütezeit ausgemacht hatten, bevor die Goldadern versiegt waren. Es wirkte auf ihn wie eine Begräbnisstätte, und die grauen, fensterlosen Strukturen ähnelten Grabsteinen auf einem einsamen, windigen Friedhof. Die über der Stadt brütenden Berge sahen schweigend herab, gleich Trauernden.

Ein Minenarbeiter namens Jim Tomlinson war für Besorgungen im Laden aus dem Hochland heruntergeritten und hatte das Massaker entdeckt. Zu dem Zeitpunkt, als er es nach Whisper Lake geschafft hatte, war er so überreizt gewesen, dass Doc West Morphium in ihn spritzen musste, um etwas Vernünftiges aus ihm herauszubekommen. Eine Stunde später machten sich Dirker, West und zwei der Deputys – Henry Wilcox und Pete Slade – auf den Weg nach Sunrise.

Henry Wilcox – ein Mann, der seinen gerechten Anteil an Blut und Eingeweiden gesehen hatte – warf einen Blick auf das, was im Saloon zu sehen war und rannte prompt nach draußen, um sich zu übergeben. Die anderen drei waren geneigt, das Gleiche zu tun, konnten sich aber beherrschen.

Massaker war das Wort, das Tomlinson benutzt hatte, und ein Massaker war es. Punkt. Es gab keine Chance herauszufinden, wie viele getötet worden waren. Leichen und Teile davon waren überall verstreut wie Bisonkadaver in einem Lager von Büffeljägern. Die Bar war mit abgerissenen Gliedern übersät … Beine, Arme, Hände und Füße. Einige Hände hielten noch immer Pistolen in ihrem Griff, und einige Beine trugen noch ihre Stiefel. Überall war Blut, Ozeane von Blut, Blut, das in klebrigen Pfützen auf dem Boden trocknete, die Wände überzog und bis an die Decke gespritzt war. Tische waren umgeworfen und Stühle zu Kleinholz gemacht worden. Säcke mit Salz und Mehl waren aufgerissen und ihr Inhalt überall verteilt worden, sodass es aussah wie nach einem plötzlichen Schneegestöber. Poker-Chips und Spielkarten waren in alle Richtungen verstreut.

Ein Gemetzel, schlicht und einfach.

Im Laden hatte alles von Hacken über Schaufeln bis zu Petroleumlampen und Waschrinnen gegeben. Eine der Hacken war einer guten Verwendung zugeführt worden – man hatte sie benutzt, um einen Mann an die Wand pfählen, dessen Füße gut sechs Zoll über dem Boden hingen. Dirker vermochte sich nicht einmal im Ansatz vorzustellen, welche Kraft nötig war, um so etwas zu tun.

Und als wäre all das noch nicht übel genug, hier im Obergeschoss … lieber Herrgott, war es noch schlimmer.

Wie in einem Schlachthaus. Der Korridor sah tatsächlich wie ein großes, rotes, von Kinderhänden gemaltes Fingergemälde aus, und er war gefüllt mit Körpern und Gliedmaßen und Eingeweiden. Dirker unternahm hier oben keine größeren Erkundungen – der Anblick und der Geruch von all dem vergossenen Blut und rohen Menschenfleisch war einfach zu viel für einen Mann – aber was er gesehen hatte, war genug, um ihn in seinen Träumen für immer zu verfolgen. Wer oder was auch immer hier bei der Arbeit gewesen war, hatte sich Zeit gelassen. Im Gegensatz zum Erdgeschoss, wo es bis auf wenige grausige Beispiele aussah ,wie auf einem blutigen Wühltisch knapp diesseits der Hölle, waren die Teufel auf dem Flur im Obergeschoss in keinster Weise in Eile gewesen.

Fünf Leichen waren rituell auseinandergerissen worden – Gliedmaßen und Köpfe von den Körpern getrennt – und dann hatte man sie an den Wänden wieder zusammengesetzt und an ihren neuen Platz genagelt. Dirker nahm an, dass das ein Zeichen für eine kranken, grausamen Sinn für Humor war. Als er es zum ersten Mal sah, dachte er, es wären blutige Schaufensterpuppen, aber die Wahrheit drang früh genug zu ihm durch. Um die anderen Räume im Obergeschoss hatte er sich dann nicht mehr gekümmert. Ohne Zweifel waren dort noch mehr Gräuel verborgen, aber er konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Im Erdgeschoss beobachtete Dirker, wie Doc West die Leichen untersuchte. Er sondierte Stiche und Schnittwunden mit Instrumenten, maß Wunden und Abschürfungen. Dirker dachte über die anderen nach. Über die Minenarbeiter, die in den Bergen in den letzten Monaten verschwunden waren. Und über diejenigen, die von Tieren zerfleischt worden waren … zumindest was er bisher für Tiere gehalten hatte.

Nun gut, jetzt wusste er es besser.

Aber wenn es keine Tiere waren, was dann? Verrückte mit Hunden?

Überall in den Wänden und an der Decke waren Einschusslöcher. Kugeln hatten die Fässer mit Salzfleisch und Trockenfleisch durchschlagen und die Schnapsflaschen hinter der Bar platzen lassen. Die Ladungen von Schrotflinten hatten große Löcher in Tischplatten gerissen, und die Kügelchen spickten die Holzplanken auf dem Boden.

Doc West seufzte. Er untersuchte eine offensichtliche Bisswunde im Gesäß einer Frau. »Das war irgendein Tier … aber der Abstand der Zähne, ich weiß nicht. Wie vorhin bei den anderen.« Er stand langsam auf und fühlte sich, als würde ein immenses Gewicht auf ihm lasten. »Diese Menschen wurden auf ganz unterschiedliche Art und Weise getötet. Einige wurden erschossen. Andere erstochen. Wieder anderen hat man die Kehle herausgerissen oder sie ausgeweidet. Aber letztendlich wurden sie alle teilweise gegessen. Getötet aus sportlichen und aus kulinarischen Gründen. Und als Bonus wurden die meisten von ihnen skalpiert.«

Das war ein neuer Fakt, soweit Dirker wusste. Die anderen Leichen, die sie in den vergangenen Wochen gefunden hatten, waren nicht skalpiert worden.

Dirker räusperte sich. »Also haben wir es hier mit einem Rudel von Tieren zu tun, die Waffen tragen und ihren Opfern wie die Indianer den Skalp vom Kopf schneiden?«

»Das ist richtig, genau.«

Dirker leckte sich die Lippen, und seine Zunge war so trocken wie Sandpapier. »Skalpiert … das behalten wir besser für uns. Wenn die Leute das hören, fallen sie wieder über die Indianer her.«

Doc West nickte. »Wir behalten besser das Meiste davon für uns.«

Dirker ging zurück nach draußen, um diesen Schlachthofgestank aus seinem Gesicht zu bekommen. Der Wind blies und heulte zwischen den schiefen, maroden Gebäuden. In seinem Kopf war es das Heulen von Geistern, die Gerechtigkeit forderten. Er dachte an das Kopfgeld, das er ausgesetzt hatte. Ausgesetzt auf die Tiere, von denen er gehofft hatte, dass sie dafür verantwortlich waren. Bisher hatten Jäger gerade einmal drei armselige Schwarzbären, zwei klapprige Wölfe und einen Dachs angeschleppt.

Das alles hätte man ganz witzig finden können, wenn es nicht so schrecklich gewesen wäre.

Henry Wilcox lehnte an einer Hütte auf der anderen Straßenseite. Die Tür war offen, und darin war eine weitere Leiche zu sehen. Diesen Kerl eine doppelte Ladung Schrot aus kürzester Entfernung erwischt. Wahrscheinlich war es der einzige tatsächlich normale Tod in Sunrise.

Wilcox und Dirker vermieden es, sich gegenseitig anzusehen.

Dirker, dessen Bauch mit so etwas wie nassem Sand gefüllt war, folgte der schlammigen, überwucherten Straße zwischen den leeren Gebäuden. Die Mörder hatten eine Reihe von Köpfen auf hüfthohe Stangen gespießt, um den Weg zu markieren. Wie aufmerksam von ihnen. Sie fanden drei weitere Leichen in einer der Hütten – einem alten Büro zur Analyse von Erzproben. Sie waren an den Füßen aufgehängt und ausgeweidet worden. Dirker versuchte, frische Luft in die Lunge zu bekommen, aber alles, was er wahrnehmen konnte, war verwester, madendurchsetzter Tod.

Am Ende der Straße befand sich ein graues Gebäude mit falscher Fassade, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren. Dieses Haus hatte Dirker noch nicht überprüft. Er nahm an, dass er es tun musste, ob er es mochte oder nicht.

Er musste die Tür aus den Angeln treten, um hereinzukommen.

Und sofort roch er es – ein nasser, ranzig stinkender Geruch. Schwaches Sonnenlicht fiel durch klaffende Öffnungen in den Wänden herein, wo sich die Bretter gelöst hatten. Staubkörnchen tanzten um die Balken herum. Das Gebäude war einst so etwas wie ein Hotel gewesen, aber die Einrichtung war längst herausgerissen worden. Sogar die Treppe, die nach oben führte, war entfernt worden, wahrscheinlich um Feuerholz daraus zu machen. Es war dreckig, schattig und feucht wie in einer Gruft. Auf der verblichenen Tapete war ein blutiger Handabdruck zu sehen, und ein einziger Stiefelabdruck zeichnete sich im Staub ab.

Dirker sog die Lunge voll mit der abgestandenen Luft und ging zu einer Tür, die vielleicht ein Zoll offenstand. Er konnte hören, wie der Wind durch die Löcher im Dach pfiff und das Gebäude stöhnen, knarren und zittern ließ. Da waren noch andere Geräusche … das Summen von Insekten. Fleischfliegen, ohne Zweifel.

Dirker griff nach der Tür und riss sie auf.

Ein Mann stand vor ihm.

Er stand noch für den Bruchteil einer Sekunde stocksteif da, fiel dann geradlinig wie ein Pfosten nach vorne und sorgte dafür, dass Dirker beinahe auf dem Hintern landete. Dirker gab einen erstickten Schrei von sich, aber der Mann war tot. Eine Blase hysterischen Lachens glitt den Hals des Sheriffs nach oben, aber er ließ sie nicht heraus.

Nur eine weitere Leiche, das war alles. Ihr Inneres war ausgehöhlt, das Gesicht von Fliegen bedeckt. In dem Raum dahinter war überall getrocknetes Blut zu sehen. Blutige Stiefelabdrücke führten zu einem Fenster, bei dem die Bretter abgeschlagen worden waren.

Dirker ließ die Leiche dort liegen und ging zur Tür.

Er hörte das Geräusch von Hufen, die die Straße hinauf hämmerten.

Er wusste, dass es Pete Slade war, der wieder zurückkam, aber für Augenblick, für einen Moment dachte er, dass es vielleicht etwas anderes war …

Draußen sprach Slade mit Wilcox. Dirker ging zu ihnen.

»Hast du was?«, fragte er.

Slade schüttelte nur den Kopf und strich über seinen Schnurrbart. »Ich habe die Spuren ziemlich weit verfolgt. Ich denke, es waren sieben Pferde, aber es gibt kein Anzeichen dafür, dass Hunde oder andere Tiere dabei waren. Etwa drei Meilen von hier sind die Reiter in einen Fluss abgebogen. Ich bin dem Fluss für eine Meile oder so gefolgt … aber da waren keine Spuren, die wieder ans Ufer geführt hätten.« Er zog einen Zigarrenstummel aus der Tasche seiner Lederweste und steckte ihn in den Mund. Er zündete ihn nicht an, sondern kaute nur darauf herum. »Der Fluss schlängelt sich meilenweit durch die Berge. Wenn wir vielleicht einige Hunde hätten, könnten wir sie auf die Fährte ansetzen.«

Dirker schluckte. »Schon gut. Ich will nicht, dass ihr gegen diese … diese Meute auf eigene Faust vorgeht. Unsere Zeit wird kommen, aber noch ist es nicht soweit.«

Slade sagte: »Ich denke, diese Jungs … ich denke, sie wissen, was sie tun. Sie sind schon einmal verfolgt worden, vermute ich, und sie sind schlau.«

Dirker befahl ihm und Wilcox, die Köpfe von den Stangen und die Leichen, die sie finden konnten, zu begraben. Dann ging er zurück in den Laden. Er machte sich nicht die Mühe, die Leichen herauszuziehen. Als Doc West fertig war, verschüttete er überall Petroleum und steckte das Haus in Brand.

Auch eine Art von Reinigung.