Kapitel 7

Kapitän Parono steuerte sein »altes Mädchen« mittig auf dem Fluss. Rechts und links des großen Bootes waren die kleinen Korjale der Buschneger festgemacht. Da die Männer nicht rudern mussten, kamen sie sehr schnell voran.

»Der Buschneger, der bei Masra Pieter war, gehört auf keinen Fall zu unserem Stamm.« Dany stand vorne am Bug des Schiffes neben Julie und Jean. Kiri war unter Protest im Dorf zurückgeblieben, aber Dany erklärte ihr, dass es ab jetzt zu gefährlich für sie und das Baby werden würde. Jean hatte Julie mit einem besorgten Blick bedacht, auf eine Diskussion über Julies Weiterfahrt aber wohlweislich verzichtet.

»Ich glaube, ich weiß, woher er kam«, fuhr Dany fort. »Ganz oben an einem Seitenfluss des Surinam lebt noch ein Stamm. Der ist allerdings«, er verzog das Gesicht, »Fremden nicht besonders freundlich gesinnt.«

»Und warum gewähren sie dann so einem Schuft Unterschlupf?«, fragte Jean.

Dany zuckte mit den Schultern. »Mit Geld lässt sich fast alles erkaufen in diesem Land.«

Sie fuhren die ganze Nacht durch, und erst am nächsten Vormittag spürte Julie an der aufsteigenden Nervosität der Schwarzen, dass sie nun in das Gebiet des berüchtigten Buschnegerstammes kamen. Dany und ein weiterer Mann standen am Bug und spähten aufmerksam die Uferbereiche aus.

Julie erschrak, als Dany plötzlich den Arm hochriss – das Zeichen für Parono, sofort das Schiff zu stoppen.

Kaum war der Anker ins Wasser eingetaucht, glitt aus dem Uferdickicht ein Boot. Ein einzelner Mann saß darin.

Er lenkte sein Korjal schräg vor das Schiff.

»Was wollt ihr?«, rief er hinauf.

Jean trat an die Reling. »Wir suchen einen weißen Mann mit zwei Kindern.«

Der Buschneger im Boot lachte. »Hier ist niemand. Haut ab!« Er machte Anstalten sein Boot zu wenden.

»Hören Sie!«, rief Jean. »Der Mann ist ein Verbrecher, auf ihn ist eine hohe Belohnung ausgesetzt.«

Der Mann zögerte. »Belohnung?«

Julie zog geistesgegenwärtig das kleine Säckchen Geld aus ihrem Kleid und winkte damit. Das Klimpern der Münzen war deutlich zu hören.

»Na ja, wenn ich mal überlege ... Ich glaube, heute am frühen Morgen ist einer hier vorbeigekommen.«

»Wo wollte er hin? Wissen Sie das?«

Der Buschneger schüttelte den Kopf. »Den Fluss weiter hoch, denke ich. Krieg ich jetzt auch eine Belohnung?«

Jean verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Julie aber nahm zwei Münzen aus dem Beutel und warf sie dem Mann in sein Korjal hinunter. Der grinste.

»Julie! Vielleicht hat er gelogen, nur um die Belohnung zu kassieren!«

Julie sah ihm eindringlich in die Augen. »Das hat er nicht, das spüre ich. Pieter war hier. Außerdem ist jedes Mittel recht, wenn wir nur endlich die Kinder wiederfinden.«

Parono lichtete den Anker, und der Buschneger drehte zufrieden mit seinem kleinen Boot ab.

Es war kurz nach Mittag, die Sonne brannte auf das Deck. Jean verteilte aus einer Kalebasse etwas Trinkwasser. Sie hatten im Buschnegerdorf keinen Proviant nachgeladen, und auf über zehn Mann an Bord waren sie nicht eingerichtet. Julie nahm nur einen kleinen Schluck. Ihr Magen knurrte schon nicht mehr, obwohl sie seit gestern kaum etwas getrunken und gegessen hatte.

»Hier!« Jean hielt ihr eine reife Mango hin. »Iss, sonst kippst du noch um.«

Julie lutschte widerwillig an dem süßen Fruchtfleisch. Hier saß sie und aß, während ihr Sohn vielleicht ...

Plötzlich hallte ein Schuss über den Fluss. Alle zuckten zusammen, die Männer schmissen sich bäuchlings auf den Holzboden des Decks, und Jean zog Julie mit nach unten. Noch ein Schuss hallte.

Dany richtete sich leicht auf und lauschte. Dann stand er ganz auf und deutete Parono, anzuhalten. Dieser schüttelte verschreckt den Kopf.

»Setzen Sie den Anker. Der Schuss ging nicht in unsere Richtung!«, sagte Dany und bedeutete den anderen, aufzustehen. »Ich denke, es war ein Jäger.«

Kaum hatte er die Worte gesprochen knallte es wieder, und neben Jean und Julie splitterte die Bordwand.

»Wenden! Wenden!«, schrie jetzt ein anderer Mann in geduckter Haltung.

Parono zerrte mit der einen Hand an der Winde seiner Ankerkette und riss gleichzeitig mit der anderen Hand das Ruder herum. Julie lag geschützt durch Jeans Arm nahe an Paronos Steuerkabine und lauschte in die Stille. Flussabwärts, mit der Strömung, war man immer am schnellsten. Das wusste selbst Julie.

»Das galt eindeutig uns!« Jean schaute besorgt zu Dany, der vorne am Bug kauerte. Dieser nickte zur Bestätigung und kam dann auf allen vieren herübergekrochen. »Wir fahren ein ganzes Stück flussabwärts, dann halten wir, am besten zwischen den kleinen Inseln, die wir vorhin passiert haben. Heute Nacht gehen wir dann mit den kleinen Booten an Land und versuchen es durch den Wald. Selbst ein Buschneger würde nicht ohne Grund schießen. Ich denke, wir sind hier richtig.«

Parono lenkte sein Schiff geschickt in die schmale Furt zwischen zwei baumbewachsene Flussinseln. Dort war das Boot geschützt und vom Fluss aus kaum zu sehen. Bis zum Sonnenuntergang saßen trotzdem alle nervös und in geduckter Stellung an Deck.

Dann machten die Buschneger ihre Korjale klar und setzten mit Julie und Jean zum Ufer über. Parono hatte Anweisung, auf dem Schiff zu warten und beim Eintreffen der anderen sofort abzulegen. Julie hatte ein mulmiges Gefühl. Es war so fürchterlich dunkel, man konnte nur wenige Meter weit sehen.

Am Ufer half Dany ihr aus dem Korjal. Die Buschneger bewegten sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das Unterholz. Jean und Julie hatten sie in ihre Mitte genommen, und trotzdem stolperten die beiden Hand in Hand unbeholfen vorwärts. Sie liefen eine scheinbare Ewigkeit, es war inzwischen wohl mitten in der Nacht, als der vordere Mann plötzlich stoppte. Die anderen schlichen leise bis zu der Stelle, wo er sich niedergekauert hatte, und spähten in den Wald. In einiger Entfernung war ein schwacher Feuerschein zu sehen.

»Das ist kein Buschnegerdorf! Das ist nur ein Lager«, flüsterte Dany. »Kommen Sie.« Die Gruppe näherte sich in einem größeren Bogen von der Flussseite, und Julie überlegte, warum sie diesen Umweg liefen. Schnell wurde ihr klar, dass damit ein möglicher Fluchtweg abgeschnitten wurde. Zudem rauschte der Wind zum Fluss hin so in den Bäumen, dass er verräterische Geräusche fast verschluckte.

Julies Herz klopfte bis zum Hals. Jean ließ ihre Hand los und griff nach dem Gewehr, das er bei sich trug. Die vorderen Männer gingen in Deckung, und Julie spähte aufmerksam nach vorn. In der Tat: Im Wald, auf der kleinen Lichtung, brannte ein Feuer neben einem provisorischen Zelt. Am Feuer saßen zwei Gestalten.

»Pieter!«, flüsterte Julie aufgeregt, heimste sich damit aber einen bösen Blick der Männer ein.

»Du bleibst hier sitzen, ist das klar?«, beschied Jean Julie. Er nickte den anderen zu und deutete mit der Hand einmal nach rechts und einmal nach links.

Die Männer verstanden und teilten sich auf.

Auf ein Zeichen traten sie schließlich in breiter Front auf die Lichtung. Alle Fluchtwege waren abgeschnitten.

»Pieter!« Jeans Stimme klang dunkel und bedrohlich. Julie sah aus ihrem Versteck, wie Pieters Begleiter sofort die Hände in die Luft riss und wie erstarrt sitzen blieb. Pieter jedoch sprang auf, eine Waffe in der Hand.

»Ah, der feine Herr Liebhaber meiner Schwiegermutter«, lachte er höhnisch und richtete seine Waffe auf Jean.

»Gib die Kinder frei, es ist vorbei.« Jeans Stimme klang entschlossen. Falls er Angst hatte, war sie ihm nicht anzumerken.

»Die Kinder«, schnaubte Pieter, »wenn ich die Plantage nicht bekomme, dann war es das mit den Kindern.«

Er machte einen Schritt rückwärts auf das kleine Zelt zu.

Jean zielte auf ihn. »Ich warne dich zum letzten Mal.«

Links von Jean trat Dany einige Meter neben Jean hervor, die Waffe ebenfalls auf Pieter gerichtet.

»Oh, wie nett, ist ja fast ein Familientreffen hier. Der kleine Bastard von Karl ist auch gekommen.«

Julie hörte, wie Dany ein verächtliches Prusten von sich gab, sich ansonsten aber nicht rührte. Zitternd kauerte sie in ihrem Versteck.

In diesem Moment kroch die Sklavin mit Martin auf dem Arm aus dem Zelt. Pieter war einen Moment abgelenkt. Es war der Moment, in dem Jean schoss. Die Kugel traf Pieter an der Schulter, was diesen aber nicht daran hinderte, sein Gewehr abzufeuern, bevor er zu Boden ging. Die Sklavin schrie auf und umklammerte das Kind auf ihrem Arm. Julie sprang aus ihrem Versteck auf die Frau mit dem Kind zu, während die Männer sich auf Pieter stürzten.

»Martin!« Julie riss der Sklavin das Kind aus den Armen, dann zerrte sie die Plane beiseite, die als Zelt gedient hatte. »Henry? Henry!« Der Kleine lag auf dem nackten Boden und erwachte nun langsam.

Julie drückte beide Kinder an sich. Dann betrachtete sie die Jungen aufmerksam, beide schienen unverletzt. Erleichtert schloss sie die zwei fest in die Arme.

Die Sklavin kauerte am Boden und weinte. »Misi Juliette, ich ...«

»Steh auf, du kannst ja nichts dafür, steh auf«, sagte Julie sanft. Dann sah sie sich um. Die Buschneger hatten Pieter und seinen Komplizen unter Kontrolle, von ihnen ging keine Gefahr mehr aus. Pieter blutete an der Schulter und versuchte lauthals, sich aus der Fesselung zu befreien. Doch wo war Jean? Hektisch suchte Julie mit den Augen die Lichtung ab, bis sie ihn am Boden liegend erblickte. Dany hockte neben ihm. Sie hastete in seine Richtung, die verwirrten Kinder auf ihrem Arm. »Dany, Jean, was ist passiert?«

Jean richtetet sich mit schmerzverzerrtem Gesicht halb auf, während er sein Bein untersuchte.

»O Gott, bist du getroffen?«

»Das ist nur ein Streifschuss.« Dany half Jean, sein Hemd auszuziehen und knotete es sorgfältig um die Wunde, bevor er ihn auf die Füße stellte. Jean stöhnte und betrachtete besorgt die Kinder. »Sind die Jungen unversehrt?«

»Ja.« Julie beruhigte Martin, der jetzt weinte und seine Arme in Richtung seines Vaters ausstreckte. Henry hingegen beäugte die ganze Aufregung um ihn herum von seiner Position auf Julies anderem Arm nur schlaftrunken und nuckelte an seinem Daumen.

Sie schoben Pieter und seinen Komplizen zu Paronos Boot. Dany stützte Jean, und Julie folgte mit Henry auf dem Arm. Einer der Buschneger trug den immer noch protestierenden Martin sicher durch das Unterholz. Die Sklavin tappte verschüchtert hinterher, gefolgt von den restlichen Buschnegern.

Am Boot angekommen, platzierten sie die gefesselten Entführer am Mast des Segels, zwei der Buschneger bauten sich neben den beiden auf. Eine Flucht war unmöglich.

Julie übergab Dany ihren Sohn und machte sich dann an die Versorgung von Jeans Wunde. Auf dem Schiff gab es keine Medikamente, aber Julie fand zwei Flaschen Schnaps, von denen sie nun eine öffnete. Sie gab Jean zunächst einen großen Schluck daraus zu trinken und goss dann den gesamten Rest über die Wunde. Jean stöhnte auf.

»Tut mir leid«, murmelte sie mitleidig und zog den provisorischen Verband fest.

Dany trat neben Julie. »Das wird schon wieder, bei uns im Dorf wird sich der Medizinmann darum kümmern. Und jetzt lasst uns von hier fortkommen.«

Mit einem Wink deutete er Parono, den Anker zu lichten.