Kapitel 16

»Wico hat gesagt, das ist sehr gefährlich«, flüsterte Julie, während sie sich an Jeans Schulter kuschelte.

Sie saßen im schwachen Licht des niedergebrannten Feuers, alle anderen Bewohner des Lagers hatten sich bereits zur Ruhe begeben. Wieder bemerkte Julie erstaunt, wie laut der nächtliche Dschungel war. Die Zikaden zirpten viel lauter als in bewohnten Gebieten, Baumfrösche ließen vielstimmig ihr hohes Quaken ertönen, und aus der Ferne zerschnitten tiefe, grollende Tierlaute die Luft. Julie wollte lieber nicht wissen, wer deren Urheber war.

Jean schob noch etwas feuchtes Holz in die Glut, der beißende Rauch hielt zuverlässig die Myriaden von Moskitos ab.

»Ja, es ist gefährlich. Die Vorarbeiter kontrollieren jeden, der das Lager verlässt. Einige haben sich schon sehr merkwürdige Stellen einfallen lassen, um das Gold zu schmuggeln. Aber ich kann sie verstehen, der Lohn ist wirklich schlecht. Hätte ich das vorher gewusst ...«, Jean seufzte leise. »Wenn wir es nicht schaffen, das Säckchen hier rauszubringen, stehen wir in der Stadt mit nichts da. Es muss einfach gelingen! Uns wird schon was einfallen.« Aufmunternd zog er Julie an sich. »Und jetzt lass uns versuchen zu schlafen, ich habe noch ein paar anstrengende Tage vor mir, bis wir abfahren können.«

Während Jean am nächsten Tag früh morgens tief im Wald verschwand, nutzte Julie die Abwesenheit der Männer, um sich erst einmal ausgiebig zu waschen und ihre Kleidung zu reinigen. Die Luft war schwül, und zähe Nebelschwaden standen zwischen den Bäumen am Fluss. Bis auf die Geräusche des Waldes war nichts zu hören. Vögel und Insekten schwirrten umher. Julie war das unheimlich. Sie war noch nie so allein in der Wildnis gewesen. Aufmerksam beobachtete sie das Wasser – hier gab es Kaimane und Schlangen. Auch von Büschen und Bäumen sollte sie sich fernhalten, hatte Jean ihr geraten. Das hier war das Reich der Urwaldbewohner, und der Mensch war nur ein ungern gesehener Gast, der sich allerdings gut beißen, stechen oder anderweitig angreifen ließ.

Julie hatte ihre Säuberungsaktion gerade beendet, als aus einer der Hütten ein leises Scheppern erklang. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Eigentlich konnte niemand mehr im Lager sein. Die Männer waren im Wald zum Goldsuchen, und die drei schwarzen Burschen, die in einigen Tagen als Ablöse für Heimreisende anfangen sollten, waren zur Jagd aufgebrochen. Julie war also allein im Lager.

Auf das Scheppern folgte nun ein kratzendes Geräusch, dann ein leises Klacken und wieder ein Kratzen.

Julie lauschte. »Ist da jemand?«

Keine Antwort. Dafür erneutes Scheppern.

Julie bekam Angst. Wenn das nun ein Dieb war? Ein Buschneger oder gar ein Eingeborener?

Rasch sah sie sich um, sie brauchte eine Waffe. Falls der Eindringling auf die Idee kam, Frauen zu rauben.

Sie fand einen dicken Ast und nahm ihn in die Hand. Vorsichtig schlich sie dichter an die Hütte heran, aus der die Geräusche gekommen waren, die im Moment allerdings verstummten. Julie versuchte, so leise wie möglich zu sein, aber der Sand unter ihren Stiefeln knirschte laut. Ein Rascheln, eine schnelle Bewegung, und schon sprang ihr ein kleines, gelbzahniges Ungetüm entgegen. Julie schrie auf, ließ den Stock fallen und rannte los. Ein fauchendes Geräusch ließ sie vermuten, dass das Biest sie verfolgte.

Sie erblickte neben einer Hütte einige Proviantkisten und sprang mit einem beherzten Satz hinauf. Hektisch wandte sie sich um und sah das graue Fell eines Tieres mit hässlichem Kopf, langer Schnauze und rattenartig kahlem Schwanz. Es erhob sich an der Kiste auf die Hinterbeine, als wolle es Julie folgen. Sie kletterte panisch noch eine Etage höher, bis sie das Dach der Hütte erreichte. Mühsam zog sie sich hinauf und stieß sich dabei so kräftig mit dem Fuß von den oberen Kisten ab, dass der Stapel ins Wanken geriet und mit einem lauten Gepolter umfiel. Das Tier machte einen Satz rückwärts und gab, als aus den Kisten diverse Bananen und anderes Obst purzelten, einen quietschenden Laut von sich. Genüsslich begann es, seine neue Beute zu verspeisen. Julie saß derweil mit klopfendem Herzen auf dem Dach und bedachte ihre Lage. Zum Herunterspringen war es ein bisschen zu hoch, zum Hinabklettern gab es nichts mehr, und solange dieses kleine Monster da unten herumlungerte, blieb sie lieber auf dem Dach.

Erst nach einigen endlosen Stunden kamen die drei schwarzen Burschen von der Jagd. Das graue Untier hatte sich vollgefressen in den Schatten einer Hüttenwand gelegt und gab laute schnarchende Geräusche von sich.

»Heee ... psst ...!« Julie versuchte, nicht zu laut zu sprechen.

Als die Burschen Julie auf dem Dach bemerkten, tauschten sie verwunderte Blicke aus. Julie deutete derweil hektisch mit dem Finger auf das schlafende Tier. Die Männer folgten ihrem Wink und lachten laut auf, als sie das Biest erblickten. Das Tier schreckte hoch und verzog sich schnellstens in den Wald. Die Burschen lachten immer noch, zeigten abwechselnd auf Julie und auf den Weg, den das Tier genommen hatte, und klopften sich prustend auf die Schenkel.

Julie war die Situation jetzt peinlich. »Ja, sehr lustig! Könntet ihr mir jetzt bitte hier herunterhelfen?« Die Burschen stapelten die Kisten und halfen ihr, immer noch grinsend, wieder auf den Erdboden zurück.

Als die Männer abends zurückkehrten, erzählten die drei natürlich sofort, wie sie Julie auf dem Dach vorgefunden hatten.

»Du hast dich von einem Opossum aufs Dach jagen lassen?« Jean sah Julie ungläubig an und grinste dann übers ganze Gesicht.

»Freut mich, dass ich zur Belustigung des ganzen Lagers beitragen kann«, schnaubte Julie wütend.

»Wie wäre es, wenn wir uns jetzt einmal über wichtige Dinge Gedanken machen? In zwei Tagen wollen wir zurück in die Stadt und wissen noch nicht, wie wir ... also?«

Jean setzte sich neben Julie ans Feuer. »Mir ist da heute so eine Idee gekommen, aber dafür müsstest du morgen etwas erledigen ...«

Jean und Wico saßen an den Rudern und versuchten, das Boot ruhig flussabwärts gleiten zu lassen. Sie waren auf dem Weg zum Lagerposten, um die übliche Visitation der Arbeiter und des Gepäcks über sich ergehen zu lassen. Wenn sie in die Stadt fuhren, ohne dort anzuhalten, würde man sofort die Polizei benachrichtigen.

»Also werden wir so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen«, hatte Jean gesagt. Sein Plan war ebenso genial wie gefährlich. Julie saß vorne im Boot und rutschte unruhig hin und her. Wenn sie den Wachposten doch endlich hinter sich hätten!

Zu ihren Füßen glucksten drei dicke schwarze Hühner in ihren kleinen Käfigen.

»Mevrouw, würden Sie bitte ...«

»Fassen Sie mich bloß nicht an«, herrschte Julie den hageren weißen Wachmann des Lagerpostens an. Der aber grinste nur breit, wobei er eine Reihe fauliger Zahnstumpen entblößte. Er wischte sich die Hände an seinem speckigen Hemd ab. Wico und Jean hatten die Prozedur schon über sich ergehen lassen.

»Das können Sie doch nicht machen! Das ist eine Dame!«, warf Jean ein.

»Ja, ja«, blaffte der Mann. »Schon merkwürdig, dass sich die Dame hierher verirrt hat ... Mevrouw, wenn Sie jetzt nicht ... dann ...«

»Ja, ist ja schon gut, schon gut.« Julie betrat den kleinen Büroraum im Haus der Wachstation und zog sich bis auf das Unterkleid aus.

»Bitte!« Sie hob die Arme und drehte sich einmal im Kreis.

Jean protestierte im Hintergrund immer noch: »Unerhört, dass Sie sogar von einer Frau verlangen ...«

»Hören Sie mal, wenn Sie wüssten, wie viele Mulatten schon versucht haben, mit ihren Mädchen hier Gold rauszuschmuggeln, würden Sie sich nicht so aufregen. Und Befehl ist Befehl!«, rief der Mann nach draußen. Er nahm grinsend seinen Stock, der an der Wand lehnte, und schob damit Julies Unterrock bis über das Knie hoch.

»Also ... Nein!«, mokierte sich Julie, ließ es aber geschehen.

»Na, was haben wir denn daaaaaa?« Der Wachmann tickte mit dem Stock an ein breites, ledernes Band, welches knapp über dem Knie um Julies Bein geschlungen war. Er trat an sie heran und riss es mit einem Ruck ab. Julie machte ob der ungebührlichen Berührung einen Satz zur Seite. Dem Wachmann war die halb nackte Frau aber egal. Mit einem gehässigen Lachen verließ er das Büro und hielt Jean den kleinen Lederbeutel unter die Nase.

»Ob weiß, braun oder schwarz, wenn’s ums Gold geht, sind doch alle gleich.«

Jean machte ein betroffenes Gesicht. Julie zog sich wieder an.

Der Wachmann öffnete den Beutel und ließ ein paar Goldkrümel auf seine Hand rieseln. Er schaute etwas verwundert drein. »Mann, das ist aber nicht gerade viel.«

»Das«, schniefte Julie jetzt herzerweichend, »das ist für unsere Hochzeit.«

»Na, die müssen Sie jetzt wohl anders finanzieren, das Gold ist beschlagnahmt!«, sagte er kalt und verstaute den Beutel sorgfältig in einer großen, eisernen Kiste.

»So, jetzt noch das Boot und ihr könnt weiterfahren.« Er stapfte, gefolgt von Julie, Wico und Jean zum Ufer. Im Boot schaute er unter die Bänke, wühlte im Gepäck, befühlte jeden Hosensaum und Hemdkragen, und sogar die Hühner in ihren Käfigen mussten sich ordentlich durchschütteln lassen, was sie mit bösem Gegacker quittierten.

Nach gut zwei Stunden war die Durchsuchung vorbei, und Julie, Jean und Wico konnten wieder in das Boot steigen. Erst als die Wachstation nicht mehr zu sehen war, atmete Julie auf.

»Puh, das war knapp.« Auch Jean machte einen erleichterten Eindruck. »Er hätte uns auch anzeigen können, obwohl es ein paar Krümel waren.«

Wico grinste und schüttelte den Kopf. »Jean, deine Idee ist genial! Trotzdem, schade um das verlorene Gold.«

»Wir mussten den Kerl doch was finden lassen. Und hätte er Julie nicht durchsucht, dann hätten wir auch das noch mitgenommen. Aber so«, er klopfte mit der flachen Hand auf die Hühnerkäfige, »so haben wir es doch sicher an ihm vorbeigebracht.«

»Schade nur«, bemerkte Julie jetzt, »dass die Hühner dafür ihr Leben lassen müssen.« Das war für sie der einzige Haken an der Geschichte.

»Ach, die würden so oder so in der Suppe landen. Sei froh, dass der alte Gorven gerade welche übrig hatte und ich sie ihm abkaufen konnte.« Jean imitierte noch einmal seinen Auftritt vor dem alten Mann: »Na, komm, drei der Hennen, sei nicht so! Ich will ein Fest geben, wenn ich wieder in der Stadt bin, und deine Hühner sind einfach die besten.«

Gorven hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit einer kleinen Hühnerzucht hinter seiner Hütte sein mageres Auskommen in den Goldlagern aufzubessern. Zwar vermehrten sich die Tiere nicht so zahlreich wie in der Stadt, aber hier und da ein Hühnchen in der Suppe oder über dem Feuer, das ließen sich die ausgehungerten Goldsucher schon mal etwas kosten.

Als Jean gleich drei kaufen wollte, hatte Gorven allerdings gemurrt. »Lass den anderen auch noch was übrig. Bis die Kleinen so weit sind, dass man sie essen kann, das dauert noch. Und das sind meine letzten.«

Gottlob hatte Julie noch ein paar Münzen zurückbehalten, die Jean Gorven jetzt geben konnte. Und so hatte Jean einen Tag zuvor morgens mit den drei Hühnern vor der Hütte gestanden. Julie war müde gewesen. Die halbe Nacht hatte sie Jeans Goldausbeute in Maiskörner gestopft, die sie dann am morgen nach und nach an die Hennen verfüttert hatte. Diese freuten sich sichtlich über das üppige Mal. Julie hoffte nur, dass sie nicht gleich tot umfielen, wenn ...

Aber bis jetzt machten die Vögel einen munteren Eindruck. Sie hatten das Gold sicher am Wachposten vorbeigebracht. In wenigen Tagen würden sie wieder in der Stadt sein und dann, dann würde alles gut werden, da war Julie sich sicher.