Kapitel 10
Die Zeit in Paramaribo verging viel zu schnell. Als Karl zum dritten Mal in die Stadt kam, befahl er Julie und Martina, wieder mit auf die Plantage zu kommen. Julie wollte nicht, zwang sich aber zu schweigen. Sie mochte seinen Zorn jetzt nicht heraufbeschwören. Martina war auch nicht begeistert.
»Aber Pieter ist doch noch ...«, startete Martina einen vorsichtigen Versuch.
»Der findet den Weg zur Plantage auch allein«, knurrte Karl, »solange er es bis zur Hochzeit schafft.«
Er hatte recht. Jetzt waren es nur noch knapp drei Wochen bis zur Hochzeit, und alles Weitere war nun auf der Plantage zu regeln. Wehmütig packte Julie ihre Sachen, um mit Martina, Kiri und Liv nach Rozenburg zurückzukehren. Vielleicht bekam Pieter ja kalte Füße und kam nicht wieder ... Natürlich war ihr klar, dass das ein Wunschtraum war, denn die Chance auf die Plantage würde er sich nicht nehmen lassen. Das hatte er mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht.
Ivon Cornet würde ebenfalls in ein paar Tagen nach Rozenburg reisen, mit einem ganzen Frachtkahn voller Dekoration und Hochzeitsausstattung. Die ersten Gäste wurden dann bereits einige Tage vor der Hochzeit erwartet. Julie wollte noch zu den Nachbarn reisen, um die Unterbringung der Gäste zu besprechen, schließlich konnten nicht alle auf Rozenburg unterkommen, kaum jemand würde jedoch noch am selben Tag abreisen. So eine Hochzeit schien allen eine willkommene Gelegenheit, ein paar Tage Urlaub zu machen. Julie schmerzte jetzt schon der Kopf, wenn sie daran dachte, was noch alles zu erledigen war. Valerie hatte ihr zwar versprochen, sich zumindest um die Gäste zu kümmern, die aus der Stadt anreisten, und Julie eine lange Liste mit Namen gegeben, wer am besten bei wem unterzubringen war. Aber Julie wäre es viel lieber gewesen, Valerie vor Ort dabeizuhaben. Dies war allerdings undenkbar, Karl rückte keinen Millimeter von seiner Entscheidung ab, dass die Hochzeitsorganisation allein in der Hand seiner Frau lag, und Martinas Tante sowie seine ehemalige Schwiegermutter nur Martina zuliebe als Gäste geduldet waren. Allein die Anwesenheit dieser Personen auf der Hochzeit erregte sein Gemüt. Das entsprechende Versteckspiel war zwar für alle Beteiligen etwas nervenaufreibend, aber Martina und auch Valerie schien es auf gewisse Weise auch Spaß zu bereiten, Pieter hingegen enthielt sich einer Meinung und glänzte sowieso mit Abwesenheit. Julie empfand inzwischen keine Skrupel mehr, Geheimnisse vor Karl zu haben. Schließlich war er derjenige, der am meisten davon mit sich trug.
Während Julie mit Kiri sorgsam ihre Kleider für die Heimreise zusammenlegte, schweiften ihre Gedanken immer wieder zu Jean. Er hatte den nächtlichen Kuss mit keiner weiteren Silbe erwähnt. Empfand er vielleicht doch nicht ebenso wie sie? Leider hatte sie keine Gelegenheit mehr gehabt, allein mit ihm zu sein. Gern hätte sie noch einmal seine Hand auf ihrer Haut gespürt. Gleichzeitig schalt sie sich: Julie, du bist eine verheiratete Frau.
Aber was war diese Ehe schon wert, mit einem Mann, der die Zeit lieber mit seiner schwarzen Gespielin verbrachte? Gegen die sie selbst, davon war sie inzwischen überzeugt, vom Aussehen her nicht ankam. Julie war zwar recht ansehnlich, aber dieser dunkelhäutigen, exotischen Schönheit Suzanna hatte sie nichts entgegenzusetzen. Sie war einfach nur Karls kleines weißes Vorzeigepüppchen. Sie war das, was die Kolonie von der Ehefrau eines Plantagenbesitzers erwartete.
Die Plantage Rozenburg verwandelte sich nach der Rückkehr binnen weniger Tage in einen wirren Bienenstock. Ivon begann frühzeitig mit der Vorbereitung der Gartenanlage, baute Pavillons auf und holte Unmengen an Tischen, Stühlen und Tand von seinem Boot, gefolgt von einer Schar Sklaven, die alles hin und her schleppten, drapierten und aufstellten. Martina stand meistens mittig im Geschehen und gab zusätzliche Anweisungen, während Pieter, der inzwischen auch aufgetaucht war, sich das Spektakel bei einem Glas Dram von der Veranda aus ansah. Karl zog es vor, jeden Morgen früh genug auf seinen Hengst zu steigen, um dem Ganzen zu entkommen. Julie ließ sich derweil mit dem Boot zu den Nachbarplantagen rudern. Dies dauerte meist einige Stunden, war aber, allein auf dem Fluss, ein recht angenehmer Zeitvertreib. Kiri war stets an ihrer Seite, und Amru sorgte mit einem gefüllten Picknickkorb dafür, dass die beiden auf der Fahrt keinen Hunger leiden mussten.
Bei den jeweiligen Nachbarn angekommen, führte Julie meist kurze Gespräche und übermittelte die Namenslisten der Gäste, was aber eigentlich überflüssig war, da sowieso jeder jeden kannte und die Gäste sich schon selbst entsprechend angemeldet hatten. Die Freude darüber, sich wieder einmal zu treffen, war überall zu spüren. Kinder kehrten auf die Plantagen heim, Verwandte kamen endlich einmal wieder zu Besuch, Freundschaften wurden gepflegt. Die eigentliche Hochzeit wurde fast zur Nebensache. Und Julie wurde schmerzlich bewusst, dass sie nach einem Jahr in diesem Land immer noch keinen Anschluss an die Bewohner gefunden hatte. Manche schienen sich kaum mehr an sie zu erinnern.
Nach den kurzen Gesprächen über die Gästeliste bestanden die Frauen des Hauses darauf, Julie noch zu bewirten, und so musste sie fast überall ein längeres Kaffeekränzchen über sich ergehen lassen, bis sie, mit einsetzender Ebbe oder Flut, je nach Reiserichtung, weiterfahren konnte.
Dann trafen die ersten Gäste ein. Traditionell versammelten sich alle zuerst auf der Plantage, die Quartiere wurden erst später bezogen. Julie fühlte sich schnell erschöpft von den unendlichen Begrüßungen und dem stetig freundlichen Lächeln auf ihren Lippen. Karl schaffte es irgendwie, sich immer schnell aus der Affäre zu ziehen. Er begrüßte die Damen höflich, aber knapp, um sich dann den Männern zuzuwenden, die sich verdächtig schnell von ihm in den Herrensalon geleiten ließen. Die ausgiebige Begrüßung und Bewirtung der Frauen überließ er Julie und Martina.
Ivons Sklaven erwiesen sich als gut geschultes und unauffälliges, aber flinkes Personal. Amru verzog zwar das Gesicht, wie so oft in den letzten Tagen, als ihr das Ruder aus der Hand genommen wurde, aber sie und ihre kleinen Hausmädchen hätten diese Flut anspruchsvoller Gäste allein kaum bewältigen können.
Martina gab sich redlich Mühe in der Rolle der Braut. Leider wurde sie immer wieder von kleineren Übelkeitsanfällen heimgesucht, die sie natürlich zu verbergen versuchte. Immer noch wusste keiner von ihrer Schwangerschaft, und das sollte, so hatte Karl es angewiesen, bis nach der Hochzeit so bleiben. Pieter unkte zwar, dass es wohl auffallen würde, wenn Martina ein Fünfmonatskind bekam. Karl schalt ihn jedoch dafür rüde.
»Freundchen – immerhin bist du nicht unschuldig daran. Du hast ja noch etwas Zeit, dir zu überlegen, wie du das dann erklärst.«
Julie vermutete, dass die Frage in einigen Monaten sowieso niemanden mehr interessierte. Wann genau Martina ihr Kind zur Welt brachte, würde dann den meisten wohl egal sein.
Als Valerie und ihre Mutter eintrafen, ließ Karl sich überhaupt nicht blicken. Einige Gäste bemerkten diese Unverfrorenheit, angesichts Valeries fröhlichem Auftreten nahm aber niemand ernsthaft Anstoß daran. Julie war froh, dass Karl Valerie und seiner ehemaligen Schwiegermutter konsequent aus dem Weg ging, denn so konnte sie selbst ganz ungezwungen mit diesen Gästen umgehen. Wobei das bei Valeries Mutter, Martinas Großmutter, nicht einfach war. In der Stadt waren sich Julie und diese Frau trotz Julies häufiger Besuche im Hause Fiamond nie begegnet. Jetzt zeigte sich, dass Mevrouw Fiamond wenig mit ihrer Tochter Valerie gemein hatte. Sie wirkte kühl und distanziert. Valerie hingegen trat Julie gewohnt freundlich entgegen. Karl würde nicht bemerken, dass während der Zeit in der Stadt ein zartes Band geknüpft worden war. Mittlerweile duzten sich die Frauen sogar, es sei denn, Karl war in der Nähe.
Ungleich schwerer fiel Julie der Umgang mit einem anderen Gast. Als Jean eintraf, musste sie den Kopf senken, damit niemand ihre geröteten Wangen sah. Auch er begrüßte sie freundlich und distanziert. Anders hatte sie es nicht erwartet, schon der Etikette wegen. Im Stillen hoffte sie aber ...
Der 23. März, der Tag der Hochzeit, war mit einem strammen Programm gefüllt. Ivon hatte keine Kosten und Mühen gescheut. Geplant war ein Frühstücksempfang, danach eine kleine Vormesse in der Gartenanlage. Dann die Trauung, das Dinner, eine Kaffeetafel und abends ein Ball mit Musik.
Die Gäste überfluteten die Plantage schon morgens wie eine Schar summender Fliegen. Julie kannte nur wenige, obwohl sie am Vortag fast jeden persönlich begrüßt hatte. Aber an den Grüppchen, die sich bildeten, war deutlich zu erkennen, dass diese Hochzeit im Grunde nur eine willkommene Gelegenheit war, sich wieder einmal zu treffen, zu reden und zu feiern. Die Marwijks von der Nachbarplantage Watervreede schienen gleich ein eigenes kleines Familienfest daraus zu machen, am nächsten Tag sollte sich die Tochter des Hauses verloben.
Während der Trauung, die sich trotz des straffen Zeitplans bis in die schwülen Mittagsstunden zog, verfolgte Julie neben Karl in der vordersten Stuhlreihe das Geschehen. Martina sah hübsch aus, ihr Kleid kaschierte das kleine Bäuchlein perfekt, und eine üppige Frisur, mit weißen Orchideenblüten besteckt, lenkte die Aufmerksamkeit zusätzlich auf ihr Gesicht. Wenn man von der Schwangerschaft nichts wusste, war sie nicht zu bemerken. Martina hatte am Morgen noch einen Tee von Amru zu sich genommen, der sie vor neuerlicher Übelkeit schützen sollte. Sie hatte zwar das Gesicht verzogen, den bitteren Trank dann aber hinuntergestürzt – nicht auszudenken, wenn sie während der Trauung unpässlich werden würde.
Inzwischen hoffte Julie, dass der Tee auch wirklich stark genug gewesen war, denn mit der aufkommenden Hitze wich Martina nach und nach die Farbe aus dem Gesicht.
Währen der langen Predigt des Geistlichen, der bereits mit schweißnasser Stirn auf seinem kleinen Podest stand, schweiften Julies Gedanken ab. Wie spartanisch doch ihre eigene Hochzeit gewesen war! In der kleinen Kapelle in Amsterdam, die Bänke mit Fremden bestückt, die Zeremonie lieblos und hastig. Dagegen war dies hier der organisierte Traum einer jeden Frau. Wenn Karl sie in Surinam geheiratet hätte, wäre ihre Hochzeit dann auch so ausgefallen? Hätte er dann vielleicht auch keine Kosten und Mühen gescheut? Ein Seitenblick auf ihren Mann holte sie in die Realität zurück. Ihm war seine Hochzeit sicher recht so gewesen. Still und heimlich. Dieses ganze Tamtam hier stieß ihm auf, sein mürrischer Gesichtsausdruck sprach Bände.
Julie ärgerte sich über Karls Verhalten. Dass er nicht mal am Tag der Hochzeit seiner Tochter etwas freundlicher sein konnte! Wenn sie schon die brave Frau spielen musste, obwohl sie nicht mal die Mutter der Braut war, war es dann zu viel verlangt, dass er sich ein paar Tage zusammenriss? Als Vater der Braut? Aber Karl stand der Sinn lediglich nach alkoholgetränkten Abenden mit den männlichen Gästen, wobei er nur Auserwählte mit in sein Reich nahm. Aiku hatte unablässig Gläser und Flaschen aus dem Lagerhaus Richtung Herrensalon getragen, und der Geruch von Zigarren durchzog das ganze Haus. Amru hatte wohlweislich einige der Gästezimmer auf der Plantage gar nicht erst belegt, da sich des Nachts erfahrungsgemäß immer jemand fand, der nicht mehr per Boot zu seinem eigentlichen Übernachtungsort gebracht werden konnte. Julie wollte ihren Nachbarn schließlich keine betrunkenen Männer ins Haus schicken. Sie hoffte nur, dass Karl es heute nicht übertrieb und der Tag ohne unschöne Szenen ausklingen würde.
Als die Gäste endlich das junge Brautpaar beglückwünschen konnten und sich alle nach und nach auf die schattigen Plätze unter den Palmen im Garten verteilten, atmete Julie auf. Jetzt ging es eindeutig zum entspannteren Teil der Festlichkeiten über. Sie wies Kiri an, in ihrem Zimmer kühles Wasser bereitzustellen, sie musste sich frisch machen.
Als Julie vom Haus zurückkam, traf sie auf Valerie. Julie hatte eigentlich gehofft, Jean irgendwo zu begegnen. Seit sie in der Stadt ... seit ... hatte sie ihn nicht mehr allein gesprochen.
»Juliette, komm, wir gehen ein Stück«, schlug Valerie unvermittelt vor. Julie dachte einen kurzen Moment daran, sich zu entschuldigen, entschied sich dann aber anders. Gemeinsam gingen die beiden Frauen in Richtung Fluss. »Es war eine sehr schöne Trauung.« Valerie lächelte Julie an. Julie wollte schon erwidern, dass dies ja Valeries Verdienst sei und nicht ihrer, als diese ihren Arm nahm und ihn tätschelte. »Schon gut, Juliette, ich habe es für Martina gemacht, und ich habe es gern gemacht. Schon wegen Felice ...« Valeries Blick umflorte sich etwas. »Du musst wissen ... Damals, die Hochzeit von Karl und Felice ... es war auch ein schönes Fest, obwohl es unter keinem guten Stern stand.«
Julie blickte Valerie erstaunt an. Sie hatte gedacht, dass Karl seine Felice damals in aller Glückseligkeit geheiratet hatte. Nach allem, was sie bis jetzt gehört hatte, waren die beiden doch ein Traumpaar gewesen. »Aber ich dachte ...?«
»Ach, Juliette, in diesem Land ist vieles nicht, wie es scheint. Du glaubst bestimmt auch an die Geschichte von Felices großer Liebe und die Traumhochzeit unter Palmen.« Valerie senkte betroffen den Blick. »Aber es war anders ... meine Schwester ... unser Vater wollte Felice damals mit einem Juristen aus Europa verheiraten. Felice wollte diesen Mann aber nicht heiraten, und schon gar nicht nach Europa ziehen. Es gab also einen langen Zwist. Bis sie mit Karl ankam.« Valerie stieß einen leisen Seufzer aus. »Ich glaube nicht einmal, dass sie Karl wirklich geliebt hat, er war ihr zwar ganz ergeben, seine Verehrung war in der Tat echt, aber Felice hat ihn, glaube ich, nur geheiratet, damit sie im Land bleiben konnte und unser Vater zufrieden war.«
»Oh.« Julie war sprachlos. Sie wusste nicht, was sie zu dieser Version der Geschichte sagen sollte. Sie war immer davon ausgegangen, dass Felice eine vor Glück strahlende Braut gewesen war.
»Felice hat das Leben auf der Plantage auf sich genommen, denn die Alternative, mit einem fremden Mann in ein fremdes Land zu gehen, widerstrebte ihr.«
Das wiederum konnte Julie verstehen, wenn sie an ihre eigene Geschichte dachte. Wie töricht war sie gewesen!
»Na ja, aber Karl und Felice ... ich dachte immer, es wäre eine glückliche Ehe gewesen?«
Inzwischen waren die beiden Frauen an einem kleinen Pavillon am Flussufer angekommen. Hierher hatte sich noch keiner der Gäste verirrt. Valerie nahm Platz, und Julie setzte sich neben sie. Sollten die anderen Gäste nur warten. Valerie schien dieses Gespräch sehr wichtig zu sein, und Julie brannte darauf, mehr über ihre Vorgängerin zu erfahren, jetzt, da sich anscheinend zeigte, dass ihr Bild von Felice völlig falsch gewesen war.
Valerie sah schweigend auf den Fluss hinaus, wo die Luft über dem Wasser in der Hitze flimmerte. Beide Frauen zuckten erschrocken zusammen, als Nico sich zu ihnen gesellte. Dann lachten sie.
»Nico, dich gibt’s ja immer noch!« Zärtlich strich Valerie dem Papagei mit dem Zeigefinger über die Brustfedern, was er sich zu Julies Erstaunen gefallen ließ. Sonst war er etwas eigen, was Berührungen durch andere Menschen außer Julie betraf – zumal ihn Aiku heute Morgen etwas unwirsch eingefangen und angebunden hatte, damit er die Gäste nicht belästigte. »Hast du dich befreit?« Julie schmunzelte, als der Vogel ihre Frage mit einem wippenden Kopfnicken quittierte. Auch Valerie lächelte. »Nico war Felices ganzer Stolz, sie hat ihn damals aufgezogen, nachdem Aiku ihn aus dem Wald mitgebracht hatte. Eigentlich wollte er ihn den Sklavenkindern geben, aber Felice hat darauf bestanden sich selbst um ihn zu kümmern. Ich glaube, er war in den letzten Monaten, bevor ... ihr einziger Freund hier.«
»Aber Valerie, so darfst du nicht reden! Ich denke doch, dass Karl ... wo Felice doch wieder schwanger war.«
Valerie gab ein leises Prusten von sich. »Karl? Der hat Felice vollkommen ignoriert, nachdem Martina auf der Welt war. Felice wurde immer stiller ... ich schätze, die Einsamkeit hier bekam ihr nicht gut. Ich hätte sie öfter besuchen sollen.«
»Nein, du hast bestimmt keine Schuld daran, manchmal ... manchmal kann man nicht wissen, was in Menschen vorgeht«, warf Julie ein.
»Doch, ich wusste es ja.« Valerie kniff verbittert die Lippen zusammen, und eine Träne rann über ihre Wange. »Ich wusste es leider ganz genau. Aber ich konnte Felice nicht helfen. Nicht nach ... nachdem sie schwanger war.«
Julie spürte Valeries tiefe Traurigkeit und war zutiefst erschüttert. Sie setzte zu einer Erklärung an. »Na ja, aber viele Frauen werden etwas ... schwermütig, wenn sie schwanger sind, das lässt ja nicht ahnen, dass sie ... Außerdem, wenn jemand hätte reagieren müssen, wäre es doch wohl Karl gewesen, ich meine, wenn seine Frau damals ...«
»Das war es ja eben, er hat sie ignoriert und sozusagen verstoßen ...«
»Ach, warum hätte er das denn tun sollen? Meinst du, dass es wirklich so schlimm war?« Julie konnte sich das nicht vorstellen, selbst bei Karl nicht, zumal er Felice zunächst offensichtlich wirklich geliebt hatte. Es rührte sie jedoch zutiefst, dass Valerie das Ganze immer noch so zu Herzen ging. Sie nahm beruhigend Valeries Arm, der jetzt unverhohlen die Tränen über die Wangen liefen. »Warum hätte er Felice ... er als zukünftiger Vater!«
»Das ist es doch ... Juliette. Karl war nicht der Vater!«