
Fernsehrettung
Lenny und ich saßen eines Nachtdienstes in der Rettungswache, hatten den Fernseher angeschaltet und erfreuten uns unseres Nudelfertiggerichtes. Zum seichten Fernsehentertainment des Spätprogrammes gehörten nicht nur Krankenhausserien, sondern auch die x-ten Wiederholungen der Sendung über das waghalsige Rettungsteam des Medicopter 117, das mit actiongeladenen Szenen für Unterhaltung sorgen möchte. Lenny wollte diesen Käse auf jeden Fall sehen, weil er die leichte Unterhaltung schätzte. Ich akzeptierte es zähneknirschend und schob die Nudeln in mich hinein.
Dieser ganze Serienmüll lässt in jedem Fall eines vermissen: den medizinischen Realismus. Eine wesentliche Erkenntnis dieser Serie war, dass alle Rettungskräfte oder Ärzte Superhelden mit unbeschränktem medizinischen Fachwissen, erhabener Eloquenz und magischem Charisma waren. Also so, wie der normale Mensch niemals sein kann oder wird.
Der Zuschauer sitzt abends auf seiner Couch, hat eine Tüte Chips vor der Nase stehen und möchte gerne unterhalten werden. Er will einfach nur bequem gaffen und in die Abgründe unserer Gesellschaft blicken. Fatalerweise glaubt er, dass Serien wie Medicopter 117 hierzu das notwendige Schlüsselloch bieten. Vorgesetzt wird dem Zuschauer aber eine trübe Brühe aus medizinisch inkompetentem, vor Fehlern nur so strotzendem Gesülze und außerhalb jeglicher Realität liegender Fälle.
In dieser Medicopter-117-Folge bekam ich Folgendes serviert: Ein Arbeiter stürzt unter Umgehung berufsgenossenschaftlicher Vorschriften von einer Leiter und verletzt sich vermutlich an der Wirbelsäule.
Bereits in den ersten Minuten strahlen gestylte Ärzte und athletische Rettungsassistenten auf dem Bildschirm, die ihre teuren Autos vor der Wache parken. Möglicherweise ist mir entgangen, dass Besatzungen eines Rettungshubschraubers ein sehr viel höheres Gehalt bekommen, als ich es als bodengebundener Retter jemals erreichen könnte. Aber der Porsche im Hof hätte wirklich nicht sein müssen. Nachdem das peinliche Actionintro und die ersten Sequenzen hinter dem Zuschauer liegen, landet der Hubschrauber inmitten der Einsatzszenerie auf dem Fabrikgelände. Rettungswagen? Fehlanzeige. Dass der Rettungswagen sowie das bodengebundene Notarzteinsatzfahrzeug abgesehen von wenigen Ausnahmen grundsätzlich immer alarmiert und der Hubschrauber nur als schnelle Transportmöglichkeit dazuberufen wird, weiß offenbar niemand. Dies würde eine derartige Serie ja auch komplett überflüssig machen.
»Sie haben Glück gehabt. Ihre Wirbelsäule scheint in Ordnung, soweit ich das feststellen kann«, konstatierte die Ärztin beim aus großer Höhe herabgestürzten Patienten. Frau Doktor hat wohl den Röntgenblick aufgesetzt.
»Nur der Halswirbelbereich hat etwas abbekommen.« Die Ärztin besitzt offenbar eine für den Fernsehzuschauer unsichtbare Glaskugel, die sie zur Diagnose eingesetzt hat.
In dieser Folge werden Rettungskräfte in nicht abgesicherte Einsatzszenarien hineinbugsiert, was jedem echten Retter beim Zusehen nur die Sprache verschlagen kann. Und es kommt natürlich, wie es kommen muss: Während die Notärztin zurückläuft, um das nach der Bauarbeiterrettung zurückgelassene Equipment zu holen, stürzt sie beim Versuch, das Material über eine schmale Leiter zu erreichen, und bleibt handlungsunfähig am Fuße dieser Leiter liegen.
Irgendwann kommt der Obersanitäter dann auf die brillante Idee, die Feuerwehr zur Rettung einzuschalten. Dummerweise wird die Feuerwehr laut Leitstelle geschlagene 25 Minuten bis zum Einsatzort benötigen – zu lang für die Ärztin und fern jeglicher Realität. Bei Einsätzen mit derartigem Gefahrenpotenzial wird die Feuerwehr üblicherweise gleich mit alarmiert. Die Hilfsfrist beträgt je nach Bundesland zehn bis 15 Minuten, bis das Feuerwehrfahrzeug an der Einsatzstelle eintreffen muss. Also haben wir es auch hier mit völligem Quatsch zu tun.
Ohne Feuerwehr oder Notärztin muss der Obersanitäter selbst ran. Es gilt jetzt, die Strecke zur mittlerweile bewusstlosen Ärztin in einem möglichst kurzen Zeitraum zurückzulegen. Erschwerend kommt nun aber hinzu, dass diese Strecke aufgrund eines Defektes an einem Ventil einer Anlage plötzlich überflutet ist. Um die Ärztin zu erreichen, muss also getaucht werden. Was in der Realität die Kollegen von der Wasserwacht mit ihren Tauchern übernehmen, macht der Obersanitäter in dieser Folge völlig bereitwillig selbst. Hierzu bedient er sich einer Sauerstoffflasche, an die er eine Maske angeschlossen hat und die man im Realfall nur zur Inhalation verwenden kann. Menschen mit einer Lungenerkrankung besitzen so etwas zum Beispiel, um sich zu Hause selbst mit Sauerstoff versorgen zu können. Wenn Sie mit dieser Konstruktion in der Realität versuchen würden, unter Wasser einzuatmen, hätten Sie in nullkommanix die Lungen voller Wasser. Doch wie hätte es anders sein können, der Sanitäter schafft es natürlich und rettet die Notärztin selbstlos und heroisch aus der Gefahrensituation. Mit nur einem kleinen Schönheitsfehler: Die Ärztin ist danach leider reanimationspflichtig. Scheinbar mussten die letzten Sendeminuten eine besondere Spannungsklimax erreichen.
Die Reanimation und Defibrillation sind in diesem Zusammenhang beliebte Stilmittel, die nicht nur den Patienten, sondern auch den Zuschauer in maximale Spannungszustände versetzen sollen. Wenn Strompaddels am Defibrillator betätigt werden, bäumen sich die Patienten unter gewaltigem Zucken auf. Ein explosionsartiges Geräusch des sich entladenden Stromes ertönt und impliziert, dass den Patienten jetzt 100 000 000 Volt durchfahren.
Eine defibrillationswürdige Herzrhythmusstörung ist übrigens zum Beispiel das Kammerflimmern. Stellen Sie sich einfach vor, dass die Herzzellen nicht so arbeiten, wie der Boss das gerne haben möchte. Normalerweise »hören« die Herzzellen auf den »Boss« und ziehen sich allesamt ungefähr zur gleichen Zeit zusammen. Sie bewirken damit, dass das Blut in den Organismus gepumpt wird. Der Boss ist in diesem Fall der Sinusknoten, der im rechten Vorhof des Herzens platziert ist. Wenn das Herz flimmert, schlagen alle Herzzellen so, wie es ihnen in diesem Moment gerade gefällt – und der Sinusknoten wird ignoriert. Dies ist fatal und kontraproduktiv für den menschlichen Kreislauf, der damit zum Erliegen kommt, da die wild gewordenen Herzzellen kein Blut mehr pumpen. Unbehandeltes Kammerflimmern führt nach kurzer Zeit zum sicheren Tod.
Bei der Defibrillation »haut« man den Herzzellen mit dem Stromhammer auf den Kopf und bewirkt, dass diese im Optimalfall alle gleichzeitig und kurz innehalten und anschließend wieder auf den Boss hören. Eine elektrische Peitsche sozusagen. Das aus Filmen bekannte explosionsartige Geräusch ist natürlich Quatsch mit Soße. Das Gerät gibt 200 bis 360 Joule Energie ab. Die Spannung wird zwischen einer und 20 Millisekunden angelegt und beträgt bis zu 750 Volt. Die Stromstärke erreicht bis zu 15 Ampere. Ein überzeugender Grund, den Patienten während der Schockabgabe nicht zu berühren.
So weit, so gut. Zurück zum Medicopter-Einsatz. Die Ärztin liegt auf der Erde, das EKG-Gerät zeigt Kammerflimmern. Dies erkennt auch der Obersanitäter sehr richtig und defibrilliert mehrmals hintereinander unter jämmerlichem »Komm schon, komm endlich«-Gerufe. Nach dem dritten Stromstoß zeigt der EKG-Monitor einen scheinbar gesunden Sinusrhythmus. Und jetzt beginnt das Unbegreifliche: Der Obersanitäter schreit, dass er jetzt Adrenalin bräuchte, da die Ärztin es ohne nicht schaffen würde. Dem unkundigen Zuschauer wird hier suggeriert, dass die Truppe ohne Adrenalin an der Endstation angekommen wäre. Tatsächlich würde das Adrenalin dem gesunden Herzrhythmus hier allerdings schaden, da es Kammerflimmern auch auslösen kann. Fatalerweise hat jemand das Adrenalin bei der Rettung der Ärztin verloren. Als der EKG-Monitor daraufhin erneut Kammerflimmern anzeigt, bricht der Sanitäter in schlimmstes Geheule aus. Theoretisch müsste es jetzt so weitergehen, dass die Herzdruckmassage kontinuierlich fortgeführt wird. Nach fünf Zyklen würde einmal defibrilliert. Wenn der Herzrhythmus eingesetzt und sich stabilisiert hätte, würde man sich Gedanken um den Transport in eine Zielklinik machen. Der Obersanitäter unternimmt jedoch nichts weiter, als zu winseln.
Und jetzt passiert das nächste »Wunder«: Das EKG piept auf einmal und zeigt einen gesunden Herzrhythmus. Zur Erinnerung: Kammerflimmern kann nicht selbstständig in einen normalen Rhythmus zurückkehren, sondern lediglich durch einen Stromstoß, auch Defibrillation genannt, dorthin befördert werden. Der Zuschauer wird hier völlig für blöd verkauft – es ist zum Weinen.
Die Serie endet damit, dass die Ärztin wohlbehalten auf der Intensivstation ankommt und diese auch völlig gesund wieder verlässt. Kein neurologisches Defizit, nichts ist von dem minutenlangen Herzstillstand übrig geblieben. Doch wenn ein Mensch bereits eine einzige Minute keinen Blutkreislauf aufweist, nimmt das Gehirn irreparablen Schaden. Und nach der Zeitspanne, während der die Ärztin im Film einen Herz-Kreislauf-Stillstand hatte, könnte sie normalerweise nicht einmal mehr ihr großes Geschäft selbstständig verrichten.
Auch ist nicht klar, wie der verletzte Bauarbeiter die Einsatzstelle verlassen hat, da die Gurkentruppe vergessen hatte, weitere Rettungskräfte nachzualarmieren. Das würde bedeuten, dass ein einziger Eurocopter 135 zwei liegende Patienten transportiert hätte. Wenn Sie einmal hinten in einen Rettungshubschrauber hineingelinst haben, haben Sie bestimmt bemerkt, dass ein Transport darin sicher nichts für Klaustrophobiker ist. Da passt unter größter Mühe gerade mal ein einziger Mensch liegend hinein. Und dieser sollte auch nicht besonders überdimensioniert sein.
Fazit: Wenn Sie sich als an Rettungsserien interessierter Zuschauer aus medizinischer Sicht eines sparen können, dann ist es sicherlich eine Serie wie Medicopter 117.
Mir fällt aber auch eine Vorabendserie ein, die uns Sanitätern gerecht wird. Third Watch – Einsatz am Limit ist perfekt inszeniert. Es geht um den Alltag von Sanitätern, Polizisten und Feuerwehrleuten des fiktiven 55. Bezirks in Manhattan. Sowohl die medizinischen Abläufe als auch Dosierungen gängiger Medikamente stimmen mit der Realität überein. Alle Sanitäter tragen Einmalhandschuhe und haben jederzeit sämtliche Algorithmen für jede erdenkliche Notfallsituation parat. Man könnte meinen, die Schauspieler seien wirklich Rettungsassistenten oder amerikanische Paramedics. Sie werden hier niemals sehen, dass diese eine Asystolie defibrillieren.
Aber auch in Deutschland gibt es wirklich brauchbare Geschichten rund um den Rettungsdienst. Der Film Kammerflimmern zeigt die Geschichte des völlig kaputten und schwer traumatisierten Rettungsassistenten Paul Partenheimer, der von allen Kollegen immer nur »Crash« genannt wird. Dieser Film bietet durch die aus meiner Sicht hochkarätige Besetzung und den brillanten Soundtrack eine ganz besondere Atmosphäre.
»Meine Güte ... ich geh mal den Papierkram erledigen«, seufzte ich, packte meine Jacke und verließ den Aufenthaltsraum, während der Abspann von Medicopter 117 über den Schirm flimmerte und die Vorschau eine Doppelfolge androhte.
Als uns die Leitstelle wieder auf einen Einsatz schickte, hatte ich im Gegensatz zu Lenny absolut nichts dagegen.