Notarzt

Herr Krause

Jedes Mal, wenn ich nach meinem Schichtdienst nach Hause kam, sah ich ihn auf der alten Parkbank sitzen, von der die braune Farbe längst abgeblättert war. Die Bank stand auf einer kleinen Rasenfläche an der Hauptstraße zwischen einer Telefonzelle und der Einmündung zur Straße, in der ich wohnte. Ich nannte den Platz »Herrn Krauses Wohnzimmer«.

Richtig bewusst nahm ich Herrn Krause erst seit dem winterlichen Einsatz einige Monate zuvor wahr. Wir wurden damals in die Hauptstraße unseres Ortes geschickt. Angeblich sollte dort jemand vor einem Lebensmittelgeschäft kollabiert sein. Herr Krause war betrunken und lag im nassen Rinnstein. Er besaß einen Rollator, mit dem er sich eigentlich gut vorwärtsbewegen konnte. Ich versuchte, ihm aufzuhelfen und ihn in unser Krankenhaus zu bringen, da er unterkühlt sein musste. Schließlich war es Mitte November und hatte knapp unter null Grad. ­»... dann können Sie sich aufwärmen«, sagte ich, obwohl ich mir dafür in der Notaufnahme einige Schiefer eingezogen hätte. Er wollte aber nicht und meinte nur, er warte auf seine Limousine und den Chauffeur, damit er endlich zur Arbeit fahren könne. Dann beschwerte er sich noch, dass ich nie grüßen würde, wenn ich an ihm vorbeiginge. Trotz allen Zuredens wollte Herr Krause immer noch partout nicht mitkommen.

»Lass mich auf meine Kutsche warten, damit ich meine Einkäufe nach Hause bringen kann«, sagte er zum Schluss, lud seine Bierdosen in den Rollator und lief davon.

Seitdem rief er immer: »Der Sani kommt!«, wenn er mich sah. Ab und zu hielt ich bei ihm an und gab ihm ein paar Euro mit den mahnenden Worten, die Kohle nicht für Alkohol rauszuhauen.

»Klar, mach ich nicht«, antwortete er dann lachend, »ich versaufe nur das Geld, das ich von den anderen bekomme. Von deiner Knete besorge ich mir schöne Gladiolen.«

»Wofür das denn?«

»Für meine große Liebe.«

Zwei Wochen später hatte ich frei und kam vom Einkaufen zurück. Herr Krause rief: »Der Sani kommt!« und hob seine Bierdose. Als ich vor ihm stand, um mich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen, lud er mich ein, seinen Namenstag mit ihm zu feiern. Seit unserem Treffen bei dem Einsatz hatte ich ihn zwar immer gegrüßt, war aber noch nie lange bei ihm stehen geblieben. Diesmal machte ich eine Ausnahme und setzte mich zu ihm auf die Parkbank. Er erzählte mir aus seinem Leben und von der Zeit, bevor er auf der Straße gelandet war. Er behauptete, Diplompsychologe in einer Suchtberatungsstelle dieses Ortes gewesen zu sein. Natürlich glaubte ich ihm das zunächst nicht, bis er mir begeistert von Freuds Theorien und den Anfängen der Psychoanalyse vorschwärmte. Die Denkansätze Carl Gustav Jungs hatten es ihm besonders angetan. »Jeder kann eine Psychose bekommen, wenn alle Umstände gegen dich sind und alles über dich hereinbricht«, schloss er ab und nahm einen tiefen Schluck aus seiner zerbeulten Dose.

Seinen Job hatte er nach dem Unfall seiner Frau verloren. Er hatte alles mitangesehen, hatte aber keine Zeit mehr gehabt zu reagieren, als seine Frau schreiend auf die Schienen gestürzt war. Sekundenbruchteile bevor der Fahrer der Bahn eine Notbremsung eingeleitet hatte. Als sie auf der Trage des Rettungshubschraubers lag, war sie bei Bewusstsein gewesen. »Mach dir keine Sorgen«, hatte sie ihn noch beruhigt, »es ist fast nichts passiert.«

Er war in die Leere abgestürzt, und niemand hatte ihn aufgefangen, als seine Liebste kurz nach dem Unglück auf der Intensivstation in der nahe gelegenennen Großstadt gestorben war. Da er dann immer öfter zur Flasche gegriffen hatte, machten seine Arbeitgeber kurzen Prozess und beförderten ihn mit einem Arschtritt in die Arbeitslosigkeit. Kurz darauf verlor er seine Wohnung.

Nach einiger Zeit verabschiedete ich mich von Herrn Krause und lief die paar Meter nach Hause, in mein warmes gemütliches Heim. Als ich die Schwelle zu meiner Wohnungstür überschritt, hatte ich mir ganz fest vorgenommen, ab jetzt öfter bei Herrn Krause anzuhalten, mich nach seinem Befinden zu erkundigen, etwas mit ihm zu plaudern und vielleicht noch etwas mehr über sein bisheriges Leben zu erfahren. Aber wie das leider mit Vorhaben oft so ist: Alles blieb so, wie es gewesen war. Als ich beim nächsten Mal an Herrn Krauses Wohnzimmer vorbeikam, rief er schon von Weitem: »Der Sani kommt!« Wieder gab ich ihm ein paar Kröten und ermahnte ihn, nicht alles zu vertrinken.

Drei Monate später war es auf einen Schlag kalt wie in der Arktis. Das Thermometer hatte die Minus-20-Grad-Grenze unterschritten. Bevor ich an diesem Abend meinen Nachtdienst antreten musste, sah ich nach draußen, dachte an meine Hightechjacke und wie ich trotz ihrer guten Isolierung frieren würde. Keine Ahnung, wie Herr Krause das machte. Ich beschloss, kurz »Guten Tag« zu sagen und Herrn Krause wenigstens einen Becher Tee zum Aufwärmen vorbeizubringen. Doch als ich bei der Parkbank ankam, war sie leer. Nichts lag mehr dort, was an Herrn Krause erinnert hätte. Alle leeren Bierdosen waren verschwunden. Weder stand ein Rollator herum, noch war irgendwer da, den ich nach Herrn Krauses Verbleib hätte fragen können. Doch trotz des leichten Schneefalls lag auf der Bank kein Schnee. Sie wirkte vielmehr so, als wäre Herr Krause vor Kurzem noch hier gewesen. Ich stand noch einige Minuten herum, trank den Plastikbecher Früchtetee selbst aus und machte mich dann auf den Weg in die Rettungswache.

»Hallo, Christian«, begrüßte mich Lenny, »hoffentlich wird es nachts ein wenig ruhiger als tagsüber.«

»War so viel los?«

»Die hatten einen Kälteeinsatz nach dem anderen. Ein Obdachloser ist bei der Scheißkälte sogar erfroren.«

»Was?«

»Das muss fast vor deiner Haustür gewesen sein.«

»Und wo genau?«

»An der Ecke. Dort, wo die Telefonzelle steht ...«

»Shit.«

Lenny wandte sich der Thermoskanne zu, schenkte sich einen Kaffee ein und wunderte sich nicht darüber, dass ich den Rest der Nacht wortkarg auf dem Beifahrersitz des Rettungswagens verbrachte.

Und ich war traurig, dass Herr Krause es einfach nicht geschafft hatte.

Sie sehen aber gar nicht gut aus!
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