Notarzt

Titty-Twister

Nüchtern betrachtet, besteht der Job eines Rettungsassistenten in der Regel zu 80 Prozent aus Krankentransporten und lediglich zu 20 Prozent aus Notfall- und Notarzteinsätzen. Dabei ist bereits eingerechnet, dass sich ein Großteil der Notfalleinsätze als Krankentransport herausstellt, da sich die Sachlage im Nachhinein als doch nicht so dramatisch erweist wie angenommen. Und ab und an ist auch einfach kein passendes Fahrzeug verfügbar – dann muss eben der Rettungswagen dafür herhalten.

Krankentransporte gehören organisatorisch zu den oberhalb von Taxifahrten angesiedelten Einsatzarten. Sie bedeuten, dass Patient X während des Transportes unmittelbare medizinische Betreuung benötigt. Beispielsweise erhält der Erkrankte während der Fahrt Blutzucker- und Blutdruckmessungen oder Sauerstoff. Bei mindestens zwei Dritteln der Krankentransporte braucht der Patient aber überhaupt nichts außer einer Fahrgelegenheit nach irgendwohin. Theoretisch würde eine Krankenkasse auch Taxifahrten zahlen. Da das Genehmigungsverfahren aber unangenehmer ist und dem beauftragenden Herrn Dr. med. Y die Abrechnungsmodalitäten mit den Taxiunternehmen zu blöd sind, ruft er einfach uns. Weshalb denn auch den ganzen Kram ausfüllen? Wir sind schließlich schnell da, transportieren fast immer und hinterfragen viel zu wenig. Häufig fehlt eine Ein- oder Überweisung oder der Transportschein. Letzterer stellt aber die Fahrkarte für einen Transport mittels eines Kranken- oder Rettungswagens dar. Meistens fehlt sogar alles zusammen. Selten finden wir überhaupt irgendwelche Informationen vor. Aber welchen Nutzen hätte auch kryptisches Ärztegekritzel auf einem Stück Klopapier?

Wenn die Transportfrage geklärt ist, kommen wir zu dem Punkt, wie schnell das Fahrzeug kommen soll. Egal, ob Hausarzt, ein Angehöriger oder sonst wer – alle vertreten den gleichen Standpunkt: Zwei Stunden kann ein Patient mit Grippe auf gar keinen Fall warten. Die finale Waffe daher: Der Krankentransport wird zum Notfalleinsatz erklärt.

Gelegentlich begegnen wir tatsächlich kranken Menschen. Oft aber auch Menschen, die sich irgendwelche Krankheiten einbilden. Noch häufiger treffen wir auf neurotische Angehörige, die Teile ihrer Verwandtschaft gerne im Krankenhaus sehen würden. Vor allem ist dies vor Feiertagen wie Weihnachten oder Pfingsten eine außerordentlich willkommene Abwechslung für die Angehörigen. Im Krankenhaus gibt es schließlich eine praktische Rundumversorgung mit Urinkellner- und Zimmerservice für den lästigen, am Feiertag störenden Pflegefall.

Für den Erfolg dieses Plans ist ein bestimmtes Kriterium entscheidend – der richtige Zeitpunkt der Einweisung. Nein, tagsüber schiebt man selbstverständlich keine Patienten in ein Krankenhaus ab. Auch nicht vormittags. Denn da besteht grundsätzlich die Gefahr, dass der Patient nach zwei Stunden zurück in die Obhut der Angehörigen entlassen wird. Und zwar geschieht dies, nachdem er nach allen Regeln der ärztlichen Kunst durch die Mangel gedreht wurde und der Arzt nur eines festgestellt hat: nichts. Der perfekte Zeitpunkt für dieses perfide Unterfangen ist halb drei Uhr morgens. Dann, wenn alles schläft und kein Arzt der Welt einen neuen Rekord in Sachen Schnelligkeit aufstellen möchte, wenn es der Patient nicht zwingend benötigt. Und so war es auch in der Nacht auf den siebten Dezember.

Das Telefon, das eine Standleitung zur Leitstelle bereitstellte, holte Lenny und mich aus dem Traumland in die Realität zurück. Auf der anderen Seite: ein gewohnt ahnungsloser Disponent mit einem Spezialauftrag. Eine Patientin war angeblich unklar erkrankt. Heutzutage sind die Disponenten aus irgendeinem Grund nicht mehr gewillt, differenzierte Meldebilder an uns Retter abzuliefern. »Die Angehörigen wünschen einen Krankenwagen«, hieß es noch. Auf meine Frage an den Disponenten, weshalb denn kein ärztlicher Bereitschaftsdienst hingeschickt worden sei, kam als Antwort: »Weil wir das so entschieden haben.« Die Entscheidungsfreudigkeit einiger Disponenten endet öfter im Nirwana, als der Central Park Tower in Tokio Schrauben verbaut hat. Glauben Sie mir: Auf 167 Meter Höhe und 46 Stockwerken kann man eine Menge davon unterbringen. Die Notrufleitung – Ihr klassisches Wunschkonzert. 112 – wir sind für jeden Spaß zu haben.

Um 2.45 Uhr rollten wir vor das Ziel und schalteten das von der Leitstelle gewünschte Blaulicht ab. Die Patientin war eine 80-jährige rüstige Rentnerin, der unser Einsatz gehörig gegen den Strich zu gehen schien.

»Das ist meine Mutter. Vorhin war ihr schlecht.« Wie eine englische Adelige sah uns die Tochter über den Rand ihrer goldenen Brille an. Die Haare streng im Dutt, die Arme verschränkt. Die Mundwinkel nach unten gezogen. Um diese Uhrzeit war mir allerdings ebenfalls nicht nach Lächeln zumute.

»Einmal oder mehrfach?« Ich packte das Stethoskop und untersuchte die alte Dame.

»Nur einmal. Außerdem schmerzt ihre Arthrose.«

Ein EKG wie das einer 20-Jährigen. Die Lunge frei von Geräuschen, Puls regelmäßig. Darmgeräusche wohlklingend. Aussehen: genervt, sonst unauffällig. Weniger Vorerkrankungen als der durchschnittliche Mitarbeiter im Rettungsdienst. Und jetzt?

»Haben Sie es denn schon beim Hausarzt Ihrer Mutter oder dem ärztlichen Bereitschaftsdienst versucht?« Ich blickte zu Lenny, der den Telefonhörer bereits in der Hand hielt, um den Hausarzt zu informieren.

»Nein, meine Mutter muss ins Krankenhaus. Morgen ist doch Feiertag.« Und am Feiertag wollte die Tochter anscheind ihre Ruhe haben. »Ein Feiertag ist doch kein Grund, jemanden in ein Krankenhaus zu fahren«, war meine Reaktion. Die Oma lächelte und verstand vermutlich überhaupt nicht, worum es in diesem Moment ging. »Stellen Sie sich doch mal vor: Ein Transport ist für Ihre Mutter total unangenehm.« Für uns übrigens auch. »Wir würden sie ins Krankenhaus bringen, sie würde dort untersucht.« Der Arzt würde aber nichts finden, wäre sauer auf uns und würde unsere Kompetenz infrage stellen. »Man wird vermutlich nichts finden. Ihre Mutter nimmt ein Medikament, das nächtliche Übelkeit hervorrufen kann. Ihr Hausarzt könnte ihr ein Mittel gegen diese Übelkeit geben«, fuhr ich fort. »Und wir könnten uns endlich wieder zurück ins Bett legen«, dachte ich.

Die Tochter legte die Stirn in Falten. Der Plan, die Mutter für ein paar erholsame Tage abzuschieben, drohte zu scheitern. Lenny befand sich bereits im Gespräch mit dem Bereitschaftsdienst. In der nächsten Viertelstunde erwarteten wir den Arzt. Eine Viertelstunde kann ganz schön lang werden, wenn man bereits alles Nötige getan und untersucht hat – besonders zu solch einer frühen Stunde. Lenny trat auf der Stelle. Durch den Schichtdienst der letzten zwei Wochen war er müde und ungeduldig wie ein kleines Kind. Irgendwann stellte er sich genau vor die Patientin und musterte sie. Ihr Bauch hatte es ihm dabei offenbar besonders angetan. Er trat schließlich auf die alte Dame zu und piekte ohne Ankündigung mit ausgestrecktem Zeigefinger in den Hügel, der wie ein Artefakt in der Bauchmitte zur Erkundung einlud. Er war weich. »Was ist denn das da?« Eine unangenehme Stille breitete sich im Raum aus. Die alte Dame blickte nun nicht mehr genervt, sondern verzückt zu Lenny, die Tochter stand mit aufgerissenen Augen da und wirkte wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Bei der 80-jährigen Dame hatte die Zeit eben ihre Spuren hinterlassen. Kein frischer Teint mehr. Und natürlich hätte sie die physikalischen Gesetze durch einen perfekt sitzenden BH überlisten können, doch den besaß sie offensichtlich nicht. Und wo keinerlei Spannung mehr vorhanden ist, da fällt eben alles nach den Regeln der Erdanziehungskraft. Ich wagte es nicht, mich zu bewegen, und auch meine Müdigkeit war wie weggefegt. Meine Augen wanderten langsam zur Tochter, und ich wartete gespannt auf ihre Reaktion.

»Nun ... das da ist eine weibliche Brust.«

Ihre Antwort schlug in die entstandene Stille ein wie ein Hammer beim Hau-den-Lukas. Lennys Kopf glich nun einem Feuerwehrauto, dem nur das Blaulicht fehlte. Doch anstatt jetzt einfach nichts mehr dazu zu sagen und den Fuß aus dem Fettnapf herauszuziehen, manövrierte Lenny sich noch tiefer hinein. Die Bemerkung, er habe während der Untersuchung ursprünglich an einen Krebstumor oder so etwas Ähnliches gedacht, trug nicht gerade zur Entspannung der Lage bei.

Nach weiteren fünf Minuten schweigsamen und peinlich berührten Wartens klingelte es an der Haustür. Endlich. Der ärztliche Bereitschaftsdienst war ebenfalls der Meinung, die Patientin solle über die Feiertage besser zu Hause bleiben. Also fuhren wir wieder zurück zur Wache und konnten endlich zurück in unsere Betten. Und Lenny hatte sich einen neuen Spitznamen erworben. Er war nun der Titty-Twister.

Sie sehen aber gar nicht gut aus!
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