
Kurz nach vier
Der große dicke Mann sollte sich an diesem Tag seinen Taten stellen. Er fühlte sich auf jeden Fall ungerecht behandelt. Dass der Dicke mit den grau melierten, ungepflegten Haaren lediglich eine Bewährungsstrafe bekommen würde, sollte für ihn keinen Unterschied machen. Er wollte einfach nicht schon wieder für etwas geradestehen, was er nach seiner ganz persönlichen Ansicht nicht zu verantworten hatte. Schuld waren für ihn immer nur die anderen.
Das goldene Los hatte er die letzten Jahre nicht gezogen und in einer schäbigen Wohnung am Stadtrand vor sich hingelebt. Als ihm der Schlaganfall die Möglichkeit genommen hatte, für sich selbst zu sorgen, fing er an zu betrügen. Irgendwann war ihm jemand auf die Schliche gekommen und hatte ihn hingehängt. Er hätte für seine Angestellten keine Sozialbeiträge bezahlt, hieß es. Der Hass des dicken Mannes auf die Justiz war unermesslich. Als er und seine Anwältin vor dem Prozess im Café saßen, konnte er die Wut in seiner Stimme kaum bändigen, und die Venen an der Schläfe seines roten Kopfes traten deutlich hervor.
»Beruhigen Sie sich. Wir holen das Beste für Sie heraus«, beteuerte seine Anwältin. Das Beste war ihm aber nicht gut genug. Seinen Plan hatte er auch längst gefasst.
Wo auch immer er eine belgische Armeepistole ohne Waffenschein herbekommen hatte – der dicke Mann besaß eine. Er wirkte aufgrund eines Sprachfehlers nicht intelligent, wusste jedoch, dass das Kaliber 6,35 Millimeter das Beste für seine Zwecke war. Obwohl die illegale Waffe seine Jacke auf einer Seite nach unten zog, fiel dies niemandem auf.
Kurz nach 16 Uhr. »Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen Betrugs und Unterschlagung von Sozialbeiträgen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt«, verlas der Richter in monotonem Amtsdeutsch, während der Staatsanwalt ins Nichts sah. Vielleicht dachte er gerade daran, was es wohl zu Hause zum Abendessen geben würde. Routine. Vermutlich war der Ausgang des Prozesses bereits vorher klar, weil die Sachlage unumstritten war. Der Verurteilte hatte nur noch einige Sekunden, um seinen Entschluss nochmals zu überdenken und den Gerichtssaal als freier Mann zu verlassen. Aber diesmal würde ihm niemand seinen Willen streitig machen. Niemand würde mehr daran zweifeln, dass er etwas durchziehen konnte. Diesmal würde er es allen zeigen und gewinnen.
16.08 Uhr. Völlig unvermittelt zog der unbewegliche Dicke die Knarre und visierte den Richter an. Schüsse knallten durch den Gebäudekomplex, Patronenhülsen klimperten auf den Steinboden. Die vor dem Saal stehenden Zeugen hatten zunächst gedacht, dass etwas umgestürzt sei. Erst als es mehrmals in Folge krachte, war klar: Jemand musste geschossen haben.
Der Richter konnte sich gerade noch durch einen Sprung hinter den hohen Richtertisch retten. Doch der Staatsanwalt hatte Pech – er hatte keine Deckung vor sich. Ein Projektil durchdrang sein Handgelenk und bahnte sich einen Weg in den rechten Unterbauch. Der Mann beugte sich vor Schmerzen nach vorne. Die zweite Kugel schlug unterhalb des linken Schlüsselbeines ein, das Projektil schwamm durch das Körpergewebe hindurch wie nichts. Der Staatsanwalt fiel.
An diesem Tag war ich krank und lag von einer Grippe niedergestreckt zu Hause im Bett. Glücklicherweise, wie ich im Nachhinein sagen muss. Lenny war deshalb ausnahmsweise mit Schichtpartner Theo eingeteilt, als um 16.09 Uhr das Telefon in der Rettungswache klingelte. Der Leitstellendisponent war dran und hatte etwas Brisantes: »Im Amtsgericht gab’s eine Schießerei. Ich brauche euch dort. Notarzt und Einsatzleiter sind auch alarmiert. Unbedingt die Eigensicherung beachten!«
Lenny hetzte mit Theo zum Rettungswagen. Kurz zuvor hatte ich noch mit Lenny telefoniert, musste das Gespräch aber wegen des Anrufes der Leitstelle beenden. Lenny erzählte mir den Einsatz später in allen Einzelheiten.
Die Stille nach den Schüssen war unheimlich und drückend. Der Staatsanwalt hatte starke Schmerzen, krümmte sich am Boden und war kalkweiß. Der dicke Mann verstand nicht, was gerade geschehen war. Er hatte noch weitere Patronen im Magazin. Und eine davon war für ihn selbst gedacht gewesen, doch er war zu langsam gewesen. Die beiden Männer vom Zoll, die als Zeugen geladen gewesen waren, hatten ihm die Pistole aus der Hand geschlagen und ihn zu Boden geworfen. Festnahme. Ende der Fahnenstange.
Das Notarzteinsatzfahrzeug und der leitende Notarzt waren zusammen mit dem Einsatzleiter bereits am Gerichtsgebäude, als Lenny und Theo vor der Eingangstür stoppten. Menschen weinten und liefen nach draußen, ein paar von ihnen standen wie Wachsfiguren vor dem Gebäude und froren scheinbar. Der Schock. Überall waren Polizisten.
Der überdimensional wirkende Schütze stand mit Handschellen gefesselt vor einem Streifenwagen. Er machte den Eindruck, als hätte er als Junge einfach nicht aufgehört zu wachsen. Zwei Polizisten hielten ihn links und rechts und schoben ihn irgendwann in den grünweißen T5. Der leitende Notarzt rief durch die Eingangstür, Lenny solle die Trage mit hineinnehmen. Theo schob die Herumstehenden auf die Seite und betrat den Ort des Geschehens. Es war überhaupt kein Blut zu sehen.
Der an diesem Tag als Fahrer des Notarzteinsatzfahrzeugs eingeteilte Kollege Andreas und die Notärztin hatten zwei großvolumige Zugänge gelegt, über die Infusionen in das Venensystem strömten. Etwas zischte. Sauerstoff, den der Staatsanwalt über eine Gesichtsmaske verabreicht bekam. Er sagte nichts und bewegte sich nicht. Nur die Augen blinzelten und folgten dem, was die Retter taten. Theo drehte den Mann so, dass Lenny das Tragetuch unterlegen konnte. Die Schussverletzungen hatten sie mit Kompressen tamponiert.
»Wir brauchen noch vier Männer zum Tragen«, rief Lenny hinaus. Schon kamen Polizisten angerannt. Sie legten den Mann auf die Trage, verließen den Gerichtssaal im Laufschritt und wurden dabei von Reportern abgelichtet.
Andreas drückte die Gaze auf das Einschussloch unter dem Schlüsselbein.
»Er verliert zu viel Blut! Ist alles vorbereitet?«
»OP gebucht. Wir können los.«
»Blutdruck sinkt!«
»Halt die Infusion höher!«
»Drück drauf!«
»Schneller!«
»Noch schneller!«
»Hilf mir beim Reinheben!«
»Haltet euch fest!«
»Der Polizist soll im RTW mitfahren.«
»Wir brauchen jede Hand.«
»Kein messbarer Druck mehr ...«
Das Team war so schnell wie selten zuvor. In diesem Fall kam ihnen außerdem zugute, dass das Amtsgericht nur einen guten Kilometer vom Krankenhaus entfernt lag. Bereits um 16.25 Uhr jagte Lenny die Rampe zur Nothilfe hoch. Die Notärztin kritzelte unleserliche Werte auf ihr Einsatzprotokoll, während Lenny direkt vor dem Eingang der Nothilfe auf die Bremse trat. Mit einem Ruck kam der Rettungswagen zum Stehen. Theo flog dabei gegen den Medikamentenschrank, der Polizist konnte sich gerade noch festhalten.
Um 16.29 Uhr hetzte das Team durch die Nothilfe in Richtung des OP. Der Staatsanwalt hatte keinen Puls mehr.
Bei traumatologischen Einsätzen gibt es nur einen wesentlichen Grundsatz: so wenig Zeit wie möglich verlieren! Der Patient muss schnellstens auf dem OP-Tisch liegen. Je nach Munition und Eintrittswinkel treten bei Schussverletzungen große Schäden am Gewebe auf. Teilmantelgeschosse dehnen sich im Körper aus und verursachen lebensgefährliche Defekte. Der Patient hat besonders schlechte Chancen, wenn große Gefäße getroffen werden und er in kurzer Zeit Blutmassen in die Körperhöhle verliert. So war es vermutlich leider auch bei diesem Einsatz.
Vor Ort kann in solchen Fällen wenig ausgerichtet werden. Die oberste Priorität hat ein in Lichtgeschwindigkeit durchgeführter Notfalltransport in den Schockraum eines geeigneten Krankenhauses, in dem die erste Diagnostik durchgeführt wird. Aber in diesem Fall war es noch dringender. Lenny und Theo übersprangen daher den Schockraum, liefen direkt in den vorbereiteten OP-Saal und überließen den Staatsanwalt den erfahrenen Händen der Chirurgen. Ab diesem Zeitpunkt war der Einsatz der beiden beendet.
Im OP fanden vermutlich mehrere Diagnosen und Behandlungen gleichzeitig statt. Während ein Chirurgenteam den Bauch aufschnitt, führte ein zweites Team eine Thorakotomie durch, eine Brustkorböffnung, um starke Blutungen zu ermitteln und zu stoppen. Die Anästhesie kümmerte sich um das Atemwegsmanagement. Der Mann hatte bereits einen Beatmungsschlauch in der Luftröhre – er wurde kontrolliert beatmet. Optimalerweise wurden diverse Konserven Blut in Null-Negativ im Behandlungsraum bereitgehalten, die unmittelbar transfundiert wurden.
Einige Zeit später klingelte mein Handy, Lenny war am anderen Ende der Leitung. Er und Theo standen immer noch vor der Ambulanz. Aus dem Radio des Rettungswagens drangen Fetzen irgendwelcher Nachrichten eines Lokalsenders durch das Telefon an mein Ohr und erzählten mir das, was Lenny und Theo gerade live und hautnah erlebt hatten. Der Moderator wusste im Gegensatz zu Lenny noch nichts Genaues. Er berichtete von schweren Verletzungen und dem Täter, der noch vor Ort festgenommen worden war.
»Sie haben ihn gerade zugedeckt«, sagte Lenny, »eine OP-Schwester hat es mir erzählt.«
»Sie haben aufgehört?«, fragte ich.
»Die Blutungen waren zu stark. Keine Chance ...« Lenny kramte nach seinen Zigarillos.
Was letztendlich bei der Obduktion herauskam, weiß ich nicht. Es spielt aber auch keine Rolle. Aus meiner Sicht war alles optimal gelaufen. Meine Kollegen hatten ihr Bestes gegeben. Sie hätten nichts besser oder schneller machen können, als sie es getan hatten.
Der Faktor Zeit ist nach wie vor der schlimmste Angstgegner im Rettungsdienst. Im Fall des Staatsanwaltes hätte das Team bereits fahrbereit danebenstehen können und wäre trotzdem zu langsam gewesen. Sie konnten einfach nichts mehr ausrichten.