Notarzt

Schicksalsnacht

Feuerwehr und Polizei waren bereits vor Ort und berieten das weitere Vorgehen vor der Haustür. »Gefahr im Verzug« war für uns angesagt. Ich stellte den Notfallrucksack ab, nahm Anlauf und ließ mein ganzes Gewicht gegen die Haustür fallen. Noch mal. Und noch mal. Ein Bersten und Brechen, dann hatten Lenny und ich freien Zutritt zur Wohnung, deren edler weißer Türrahmen anschließend neu verschalt werden musste. Ein schmaler Gang führte in das großzügige Wohnzimmer dieser Galeriewohnung im zweiten Stock eines Mietshauses. Eine steile Wendeltreppe verband zwei Ebenen miteinander. Warmes Licht, das von einem Schienenleuchtsystem ausging, flutete die obere Ebene und machte die ganze Tragik des Einsatzes sichtbar. Von »Gefahr im Verzug« konnte keine Rede sein.

Ein Tag zuvor. Die Freundin, die den Notruf abgesetzt hatte, hatte an diesem Tag mit Frau Roth telefoniert, der stolzen Besitzerin eines florierenden Kleiderladens mitten in der Altstadt.

»Du hörst dich an, als hätte man dir die Luft aus den Reifen gelassen. Soll ich vorbeikommen?« Ein kläglicher Versuch, Frau Roth aufzuheitern.

»Nein, nein, alles in Butter. Es geht schon – irgendwie! Du weißt ja, was mich nicht umbringt, macht mich hart wie Stahl.« Die Antwort hatte die Freundin beunruhigt, denn Frau Roth klang ernst und bitter.

Es war Anfang Januar gewesen, als Frau Roth ihren Ehemann durch ein Unglück verloren hatte. Auf dem Heimweg war er auf glatter Fahrbahn mit dem Auto ins Schleudern geraten und mit hoher Geschwindigkeit frontal gegen einen Baum geprallt. Frau Roth hatte sich dafür entschieden, ihn so in Erinnerung zu behalten, wie sie ihn am Morgen dieses Unglückstages verabschiedet hatte. Ohne ihn noch einmal zu sehen.

»Ich bin dann weg. Bis heute Abend, ich freu mich!«, hatte er noch gesagt und war zur Arbeit verschwunden, in seinen letzten eiskalten Wintermorgen hinein.

Seitdem ging es abwärts mit Frau Roth. Sie litt zunehmend an paranoiden Zwangsgedanken und Depressionen. Die Arbeit in ihrem Kleiderladen hielt sie über Wasser, aber die einsamen Abende zogen einen unüberwindbaren Graben aus Angst, Isolation und Erschöpfung zwischen dem Leben um sie herum und der Insel, auf der sie sich befand.

Am Tag nach dem Telefonat war der Kleiderladen geschlossen. Keiner wusste, weshalb. Es war kein Schild angebracht, nirgends eine Mitteilung hinterlassen. Der Laden wirkte aufgeräumt, wenn man durchs Fenster sah.

Die Freundin wollte Frau Roth nach der Arbeit einen spontanen Besuch abstatten, um sie etwas aufzumuntern. Sie beeilte sich, zur Wohnung von Frau Roth zu gelangen, und klingelte. »Ich komme schon«, würde diese gleich rufen und die große Tür aus Birkenholz öffnen. Dann würden sie sich ins Wohnzimmer setzen und bei einem Gläschen Pergliamici über alte Zeiten und Frau Roths verstorbenen Ehemann reden. Wie die letzten Male.

Aber die Tür blieb an diesem Tag verschlossen. Frau Roth öffnete nicht, und es war auch nichts zu hören. Ein beklemmendes Gefühl ergriff die Freundin. Adrenalin rauschte durch ihre Blutbahn und flutete ihren Körper, der mit Herzrasen reagierte. Sie lief auf die Straße und versuchte, von der Rückseite der Wohnanlage einen Blick in die Wohnung zu erhaschen.

Wie festzementiert stand sie da und blickte durch die regnerische Dunkelheit in die hell erleuchtete Galerie. Das Regenwasser rann ihr die Stirn hinab. Es vergingen einige Minuten, bis sie zu einer Reaktion fähig war. 112.

»Feuerwehr- und Rettungsdienstnotruf, guten Abend.«

»Ich glaube, meine Bekannte ist tot. Können Sie bitte jemanden herschicken?«

Eine algorithmische Notrufabfrage erfolgte. Der Mitarbeiter in der Notrufzentrale sicherte der Freundin einen Rettungswagen und den Notarzt zu. Doch wir kamen zu spät. Emilie Roth hatte sich erhängt.

Sie glich einer von Madame Tussauds Wachsfiguren. Unversehrt lag sie da. Einfach so, als ob sie bei den eisigen Temperaturen eines sibirischen Winters schliefe, denn sie hatte tiefblaue Lippen. Eine durchdachte Seilkonstruktion an der Decke ließ vermuten, dass Frau Roth planvoll vorgegangen war. Das grüne Telefon im Zimmer schellte unaufhörlich und störte die Ruhe. Jemand ahnte wohl etwas. Frau Roth hatte das Foto eines jungen Mädchens vor sich auf einen Schemel gelegt, bevor sie sich in die Schlinge hatte fallen lassen. Das Mädchen war wahrscheinlich das Letzte, was Frau Roth gesehen hatte.

Als Lenny und ich den Einsatzort verließen, sagte niemand von uns ein Wort. Das Blau der durch Regen fragmentierten Lichtblitze war noch lange zu sehen und verschmolz mit dem grellen Neonlicht der Straßenlaternen, bis wir endlich in die Hauptstraße einbogen.

Kurz darauf kam der nächste Notfallauftrag. Eine Geburt. Der Geburtsakt an sich ist zwar eine außerordentlich blutige Sache, und in der Regel kann bis zum endgültigen und erfolgreichen Abschluss nur der Sanitäter lachen. Aber auch die zitternden Ehemänner sorgen dabei für amüsanten innerbetrieblichen Gesprächsstoff. Und so schlossen wir diesen Tag mit einem positiven Einsatz ab: einem gesunden Mädchen und einer glücklichen Mutter. Und natürlich dem Vater, der seinen Kollaps während des Geburtsvorganges ohne weitere Schäden überstanden hatte und sich ebenfalls freute wie ein König. Freud und Leid liegen im Rettungsdienst gelegentlich nur wenige Minuten auseinander. Auch das macht die Arbeit eines Retters enorm reizvoll.

Sie sehen aber gar nicht gut aus!
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