
Sommertag
»Also, ich gehe jetzt«, sagte sie noch zu ihrer Mutter und warf ihr eine Kusshand zu. Sie wollte sich mit ihrem Freund treffen. Ihrem Noch-Freund, denn an diesem Tag wollte sie ihn verlassen. Dafür, die zweite Geige im Orchester zu spielen, war sie sich eindeutig zu schade. Hätte er sich endlich von seiner Ehefrau scheiden lassen, wäre sie bei ihm geblieben. Seitdem die beiden ein Paar waren, belastete sie außerdem sein zunehmend schlechter psychischer Zustand. Er litt unter Depressionen und zeigte sich emotional oft instabil. Eine Woche zuvor war er aus seiner Firma geschmissen worden. »Wir müssen reden!«, hatte sie zu ihm am Telefon gesagt. Und er hatte sofort gewusst, worum es ging.
Er fuhr zum Treffpunkt am Rande des Dorfes. Als auch sie dort ankam, schlug er sie und zerrte sie in seinen Wagen. Eigentlich war er sanftmütig. Niemand seiner Bekannten glaubte, dass er je einer Fliege etwas zuleide tun könnte. Aber er konnte.
Sie hatte Angst. Der schwarze Kunststoffgriff der automatischen Handfeuerwaffe blitzte unter seiner Jacke hervor. Er schrie im Wagen, dass das nicht sein könne. Dass sie ihn doch lieben müsse und was das Ganze solle. Er fuhr zu schnell, als dass sie einfach aus dem Wagen springen konnte. Also gab sie klein bei.
»Ich bleibe bei dir, wenn du mich gehen lässt«, bot sie an. Aber er antwortete nur, dass er sie einfach auslöschen werde. Ziellos fuhren sie in seinem Auto umher.
»Halt an und lass mich raus«, rief sie, »ich habe Angst!« Doch er reagierte nicht.
Zwei Handwerker in einem entgegenkommenden Lieferwagen schienen ihre Rettung zu sein. Sie würden ihr sicherlich helfen. Mit aller Gewalt riss sie die Handbremse bis zum Anschlag nach oben. Die Reifen des Wagens blockierten und hinterließen Bremsspuren auf dem Teer. Sie riss die Tür auf, die im Scharnier krachte und beim Zurückfedern gegen ihr Bein schlug. Sie stolperte, raffte sich wieder auf und floh aus dem rostigen Auto, an dem der schwarze Türgriff der Fahrertür fehlte und der Lack wie Schneeflocken vom linken Kotflügel abblätterte.
Die Venen traten an den Schläfen seines im Verhältnis viel zu großen Kopfes hervor, während seine Miene zu Eis erstarrte. Er stieg ebenfalls aus dem Auto aus, umrundete es und folgte ihr langsam und bedächtig – sein Blick haftete an ihr, er war absolut entschlossen, jetzt alles zu klären. Ein für alle Mal.
Die junge Frau stürzte auf die beiden Handwerker in ihrem Wagen zu, ihr Gesicht war in Todesangst verzerrt. Hilfeschreie hallten ihnen entgegen. Während der Verlassene in Richtung der Frau ging, zog er die großkalibrige Pistole wie in Zeitlupe unter seiner Jacke hervor. Dann legte er an. Ohne zu zögern, drückte er noch im Gehen ab und traf sein Ziel. Das Projektil bohrte sich durch den Hinterkopf der Frau, die auf der Stelle zusammenbrach und auf dem heißen Asphalt liegen blieb. Der weiße Lieferwagen mit den beiden Männern bremste abrupt und kam unmittelbar vor der Frau zum Stehen.
Jetzt schrie keiner mehr. Keiner bewegte sich. Niemand atmete. Die Zeit schien eingefroren.
Blut sickerte aus dem Kopf der Frau, ihre Augen waren halb geöffnet. Der Schütze stand noch immer mit gesenkter Waffe vor seinem Fahrzeug. Dann hob er seinen Kopf, registrierte den Lieferwagen und ging zielstrebig auf die Männer zu. Im Gehen feuerte er einige Schüsse auf deren Frontscheibe ab. Patronenhülsen fielen zu Boden und blieben auf der Straße liegen. Plötzlich machte er kehrt, sprang in sein Auto und verließ den Ort des Grauens, als ob er ein Rennen gewinnen wollte.
Einige Sekunden danach hätte man das Ticken einer Armbanduhr hören können.
Rettungsassistent Martin war zusammen mit dem Notarzt und dem Team des RTW 1/83/2 bereits an der Einsatzstelle, als wir den Einsatz über Funk gemeldet bekamen. Martin sprach von zwei Patienten mit Schussverletzungen und forderte Rettungshubschrauber an. Sirenen heulten in der Umgebung.
Als wir mit unserem Rettungswagen ankamen, wehte ein heißer Westwind und trug den Duft von Kakao und Gras zu uns. Zivi Jörg winkte uns zu. Sein Gesicht war blass wie Magermilch, seine Haut hob sich kontrastreich vom gestoppelten braunen Haar ab und glitzerte vor Schweiß. Jörg stand etwas abseits neben der Trage und hatte von Martin den Auftrag bekommen, das Bewusstsein des verletzten Handwerkers zu überwachen, der auf der orangefarbenen Trage lag und am Hals blutete. Martin war zusammen mit dem Notarzt und dem Kollegen Dietrich bereits bei der jungen Frau.
Wir stiegen aus. Die Eindrücke summierten sich für Lenny und mich und fügten sich lupenrein zu einem makaberen Szenario zusammen. Der Lieferwagen am Straßenrand, die Fahrertür weit geöffnet, mehrere Einschüsse in der Windschutzscheibe. Das geschätzte Kaliber: neun Millimeter. Daneben stand der unverletzte Handwerker in seinem Blaumann. Fast durchsichtig, still und unfähig, sich zu bewegen. Davor lag die junge Frau auf der Straße.
»Ein Patient mit Kopfschuss, ein Patient mit Schussverletzung am Hals und ein Schock«, funkte ich der Leitstelle als endgültige Lagemeldung durch. Und ich wollte wissen, wo der Helikopter blieb.
Mit professionellen Handgriffen versuchten wir, das Leben der jungen Frau zu retten. Sie hatte Puls, doch die Pupillen waren weit und reagierten nicht auf den sommertaghellen Lichteinfall. Die Hirnfunktionen waren vermutlich erloschen. Die schwere Verletzung des Gehirns ließ den Hirndruck ansteigen und Hirnmasse aus den Schusswunden austreten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr Herz stoppen und ihr junges Leben zu Ende sein würde. Wir wussten das.
Die Ermittlungen der Polizei ergaben später, dass der Schütze zunächst seine Geliebte durch einen Kopfschuss hingerichtet hatte. Anschließend hatte er auf den Lieferwagen geschossen, der rein zufällig in dem Moment dort vorbeigekommen war, und den Fahrer am Hals getroffen. Danach war der Psychopath weiter zu seiner Ehefrau gefahren und hatte auch diese durch einen Schuss ins Gesicht getötet. Anschließend hatte er sich selbst umgebracht und so seinen armseligen und feigen Amoklauf beendet. Das »Warum« nahm er mit ins Höllenfeuer.
Jetzt steht ein Holzkreuz an der Stelle, an der er den ersten Schuss abgefeuert und getroffen hat. Die Intarsien der Bretter erinnern mich an meine Grundschulzeit, weil meine Schrift damals noch so schön geschwungen war. Serifenreiche Buchstaben prägen die Mitte des Querbalkens wie ein Relief. Ihr Name war Marie. Wenn ich zufällig an dieser Stelle vorbeifahre, flackern jedes Mal einige Grablichter auf dem Balken. Irgendjemand kommt noch immer sehr oft hierher – dabei ist das Geschehene schon 13 Jahre her. Für mich eine halbe Ewigkeit.
Manchmal werde ich gefragt, was ich dabei so dachte. Immerhin war es für Lenny und mich der erste Einsatz dieser Art. Ich weiß es nicht. In der Magengegend blieb zunächst nur das miese Gefühl eines Einsatzes zurück, bei dem ich machtlos hatte dabei zusehen müssen, wie Ungerechtigkeit geschah. Ich glaube, ich habe überhaupt nichts gedacht, sondern die Eindrücke in mich aufgesogen wie ein trockener Schwamm das Wasser. In dem Moment war ich in einer Blase aus unzerstörbarem Material gefangen, in der die Zeit für einen Augenblick stillstand und Geräusche zu einem Einheitsbrei zusammengematscht wurden. Ich registrierte Sprache, konnte das Gesprochene aber niemandem mehr zuordnen. Und der Algorithmus Traumamanagement lief unaufhaltsam vor meinem geistigen Auge ab und zwang mich zum Handeln.
Auch wir als Einsatzkräfte hätten damals in Gefahr sein können. Martin hatte mir später berichtet, dass einige Schaulustige bei seinem Eintreffen vor Ort gewesen waren und in großem Radius um die Frau herumgestanden hatten. Nur ein einziger Passant hatte sich neben sie gekniet und sich anscheinend um die Angeschossene gekümmert. Martin hatte sich damit zufriedengegeben, dass der Passant gerufen hatte, dass der Täter geflohen sei. Die Polizei war damals noch nicht da gewesen, und oberste Priorität hat eigentlich immer die Eigensicherung der Retter. Was wäre gewesen, wenn dieser Passant der Täter gewesen wäre? Was, wenn der Mann die Waffe und genügend Munition bei sich gehabt hätte? Mich fröstelt, wenn ich daran denke.
Der Beifahrer des Lieferwagens blieb übrigens als Einziger unverletzt. Glück gehabt? Er lebt – ja. Aber die Traumatisierung, die er an diesem Tag erhalten hat, wird Therapeuten zukünftig an den Rand ihres Könnens bringen. Lebenslang.