Notarzt

Chemieunfall

Meinen Kollegen Manfred nannten alle nur Blaulicht-Manni. Er war ein drahtiger und quirliger Kerl, der seine allgemeine Missbilligung gegenüber allem gelegentlich durch cholerische Wutausbrüche zum Ausdruck brachte. Als Kaffee- und Zigarettenjunkie sah man ihn fast nie ohne seine geliebte Giftnudel in der einen und eine Tasse heißen schwarzen Wachmacher in der anderen Hand. Dass seit einiger Zeit Rauchverbot in allen Bereichen der Wache herrschte, störte Manni natürlich außerordentlich. Regelmäßig durften wir deshalb an lautstarken Verbalentgleisungen teilhaben. Seine Eskalationen endeten zumeist in der Feststellung, an welchem Körperteil man ihn bei gegensätzlicher Meinung lecken könne. Seitdem man ihm seine Steigbügel im Innenohr durch etwas Künstliches ersetzen musste, hörte Manni auch noch schlecht. Ich gönnte es ihm wirklich sehr, als er zwei Jahren später in den Ruhestand gehen konnte.

Wir schreiben den 2. August. Lkw-Fahrer Peter war an diesem Nachmittag unterwegs, um seine Lieferung zum Auftraggeber zu bringen. Sein Lkw war ein 27 Tonnen schweres Vehikel mit einem Anhänger, in dem sich alle Arten von Flüssigkeiten transportieren ließen. Peter fuhr die berüchtigte Bundesstraße entlang. Während er unsere Rettungswache passierte, hämmerte Born To Be Wild aus seinen Boxen. Seine Hand umklammerte den Kaffeebecher mit der Abbildung eines amerikanischen Trucks, den ihm seine Tochter zum 40. Geburtstag geschenkt hatte.

Kurz bevor Peter mit seinem Lkw die Anschlussstelle der Autobahn erreicht hatte, griff er zu seiner Zigarettenschachtel, nahm eine Kippe heraus, zündete sie an und legte das Päckchen zurück in die Ablage. In einem Moment der Unachtsamkeit rutschte die brennende Zigarette aus Peters Hand. Sie rollte über das Hosenbein und den Sitz in den Fußraum und fing an, sich durch die Fußmatte zu schmelzen. Peter schrie fluchend auf, beugte sich nach unten, um das Malheur zu beheben. Der Versuch, die Kippe mit einer Hand zu ergreifen, ging daneben, und zwar gründlich. Während die andere Hand das Lenkrad festhielt, angelte er vergeblich nach der Zigarette. Als er sich wieder aufrichtete, riss Peter unwillkürlich am Lenkrad, sodass das Unglück seinen Lauf nahm. Wenn man einen fast 30 Tonnen schweren Lkw fährt und während einer Geradeausfahrt bei 80 Kilometern pro Stunde unvermittelt am Lenkrad dreht, ist das Desaster unvermeidlich: Der Lkw ändert schlagartig seine Richtung und verliert dabei Stabilität und Spur. Er kippt und stürzt.

Zur gleichen Zeit ging es in unserer Rettungswache ruhig und gelassen zu. Manni saß am Küchentisch, las ein Boulevardblättchen und nippte wiederholt an seiner Tasse schwarzen Filterkaffees. Wie immer murmelte er dabei einige unverständliche Worte.

Plötzlich zerteilte der Alarmempfänger die Stille. Und Manni war nicht nur quirlig, er war auch zackig bei der Sache, wenn etwas passierte. Insbesondere, wenn es um Fahrten mit Blaulicht und Martinshorn ging. Er hatte seinen Spitznamen schließlich nicht umsonst bekommen. Stellen Sie sich bitte mal einen Comic vor, zum Beispiel Tom und Jerry. Kater Tom steht locker und lässig mit Zigarre, Zylinder und Schnapsglas da, während Jerrymaus einen Ballon direkt hinter ihm zum Platzen bringt. Im nächsten Bild sieht man nur noch Zigarre, Zylinder und Schnapsglas – und eine Staubwolke. Ohne Tom. So ähnlich sah eine Szene mit Manni aus, wenn der Alarmempfänger auslöste.

Sieben Minuten später war Manni mit seinem Kollegen bereits am Ort des Geschehens und machte Meldung.

Manni: »Hier ist der RTW 1/83/2. Ein Lkw hat sich auf die Seite gelegt.«

Leitstelle: »1/83/2, verstanden. Um welchen Fahrzeugtyp handelt es sich?«

Manni: »Um einen Lkw. Das sagte ich bereits.«

Kurze Funkstille. Irgendetwas rauschte im Lautsprecher unseres Funkgerätes. Man konnte förmlich sehen, wie der Leitstellendisponent in sich zusammengekauert auf seinem Bürostuhl schwitzte. Der Kopf hochrot, die Adern geschwollen, mit Schweißperlen auf der Stirn. Die Atmosphäre: dynamitgeladen. Auch der Disponent wusste, mit welchem Rettungsassistenten aus unserem Bereich er es hier zu tun hatte.

Manni: »Da sprudelt etwas aus dem Lkw.«

Leitstelle: »Muss ich mir hier alles selbst zusammenreimen?«

Manni: »Könnte Benzin sein.« Stille. »Nein, Moment. Die Brühe läuft aus dem hinteren großen Tank aus.«

Leitstelle: »Chemieunfall? Geben Sie mir bitte die Ziffern der Warntafeln durch.«

Manni: »Das Zeug blubbert gerade ins Erdreich. Auf jeden Fall scheint es ein Chemielaster zu sein.«

Leitstelle: »Bitte Funkstille bis auf Widerruf, mehrere Alarmierungen ...«

Auf Knopfdruck waren ein vollständiger Sanitätszug, der ABC-Trupp der nahe gelegenennen Feuerwehr, verschiedene Rettungshubschrauber, das Technische Hilfswerk und mehrere Rettungswagen und Notärzte zur Einsatzstelle unterwegs, insgesamt etwa 50 Einsatzfahrzeuge. Der Dialog zwischen Manni und dem Leitstellendisponenten war aber noch nicht beendet.

Manni: »Wir haben es mit einer flockenden weißen Flüssigkeit zu tun. Da ist ein riesiger Krater im hinteren Teil des Lkw.«

»Können Sie mir jetzt endlich sagen, was auf den orangefarbenen Warntafeln steht?«, schnauzte der Disponent. Die Gefahrentafel ist eine rechteckige, orangefarbige Tafel, anhand deren man den Inhalt eines Fahrzeugtanks identifizieren kann. Die darauf abgebildete Gefahrnummer gibt Aufschluss über die Art der Gefahr.

»Es gibt keine Warntafeln«, antwortete Manni, bestand aber darauf, dass die Warneinrichtung beim Umkippen abgefallen sein musste. Den Einwand, diese Tafeln müssten sich dann doch irgendwo in der Nähe des Lkws befinden, überhörte Manni geflissentlich.

»Dann verziehen Sie sich mal lieber, bevor Ihnen das Ding um die Ohren fliegt«, warnte der Disponent.

Nein, keine Warntafeln. Aber Manni konnte immerhin durchgeben, was auf dem Anhänger des Lkw stand. Vermutlich stockte dem kompletten Rettungsdienstbereich der Atem. Mittlerweile hatten sich auch nicht nur Polizei und Presse auf unseren Funk aufgeschaltet, sondern ebenfalls die oberste Rettungsdienstbehörde – das Innenministerium. Alle warteten. Vermutlich befand sich Acetonperoxid im Tank. Oder sogar Pikrinsäure. Womöglich auch Toluol, bei dessen Explosion man lieber dezent die Köpfe einziehen sollte. Oder, oder, oder.

Hätte Manni beim Familienurlaub in Rimini doch nur besser aufgepasst!

In geschwungener Schrift standen die Worte »Trasporto Latte« auf dem silbernen Tank. Milchlaster. Milch, die beim Auftreffen auf den knallheißen Asphalt sofort ausgeflockt war. Mit seiner Lagemeldung hatte Manni unseren Rettungsdienstbereich schlichtweg lächerlich gemacht.

Nach diesem Ereignis machten wir Manni regelmäßig und liebevoll kleine Präsente. Und zwar zu seinen Geburtstagen und den Jahrestagen des Milchlasterunfalls. Das erste Geschenk war ein kleines Taschenwörterbuch der italienischen Sprache. Manni hat dazu nicht viel gesagt. Außer dass wir ihn endlich in Frieden lassen sollten.

Sie sehen aber gar nicht gut aus!
CoverImage.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht.xhtml
Section0001.xhtml
Section0002.xhtml
Section0003.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-1.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-2.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-3.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-4.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-5.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-6.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-7.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-8.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-9.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-10.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-11.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-12.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-13.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-14.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-15.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-16.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-17.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-18.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-19.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-20.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-21.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-22.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-23.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-24.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-25.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-26.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-27.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-28.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-29.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-30.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-31.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-32.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-33.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-34.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-35.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-36.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-37.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-38.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-39.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-40.xhtml
strzoda_Sie_Sehen_Aber_garnicht-41.xhtml