
Letzte Ausfahrt Altenheim
Am Morgen des fünften Oktober lag der Schichtwechsel noch in weiter Ferne. Lenny und ich waren seit kurz nach 18 Uhr durchgefahren und hatten allmählich ziemlich Hunger. Die Uhr zeigte genau 4.01 Uhr.
Vor einer Minute hatte demnach unsere Lieblingsbäckerei geöffnet. Nicht den Haupteingang für den Kundenverkehr, sondern die Hintertür eigens nur für Retter und Polizisten. Wir steuerten also auf den Laden zu und stellten den Rettungswagen im Hof ab. Die Tür stand offen und lud uns ein einzutreten. Im grellen Licht waren die Gesellen zu sehen, die seit zwei Uhr frische Backwaren und vieles mehr produzierten. Schließlich wollten die Bürger pünktlich zum Frühstück mit frisch gebrühtem Kaffee ihre Brötchen genießen.
Mit dem Eintreten tauchten wir ein in einen Duft von frischem Brot, Croissants und Süßwaren, der unsere Nasenschleimhäute durchdrang und uns den Mund wässrig werden ließ. An diesem Tag musste es eine Marzipanstange sein: Zuckersüßer Blätterteig mit gerösteten Mandelblättchen und Puderzucker umgab den weichen, saftigen Kern aus Marzipanmasse. Ich schnappte mir gleich zwei Stück. Der Blätterteig war mittlerweile auf mundschleimhautverträgliche Temperatur abgekühlt. Ich biss also hinein. Meine obere Zahnreihe durchdrang den Blätterteig und knackte dabei einige Mandelblättchen. Dann trafen meine Zähne auf die Marzipanmasse, von der ich ein großes Stück auf einmal abbiss. Was ich in diesem Moment leider nicht bedacht hatte: Der Geselle hatte das Backblech erst kurz vorher aus dem Ofen genommen. Man muss in Physik nur ab und zu aufgepasst haben, um sich vorstellen zu können, dass die Abkühlzeit von luftigem Blätterteig im Vergleich zu einer dichten Marzipanmasse wesentlich geringer ist. Das Marzipan hatte noch geschätzte 80 Grad. Es war, als hätte ich ein Stück glühende Holzkohle aus dem Grill gefischt und versucht, davon abzubeißen. Kurzum: Ich habe mir so dermaßen die Klappe verbrannt, dass ich aufschrie. Lenny quittierte meinen Einsatz am Backblech lachend mit den Worten, mir würde schon niemand etwas wegessen. Ich solle mir doch Zeit lassen, da wir ja keinen Einsatz hätten. Und dass es einfach unmöglich sei, wie ich mit dem Essen umgehe. Ich warf die restliche Marzipanstange nach ihm und nannte ihn eine Napfsülze.
20 Minuten später alarmierte uns die Leitstelle. Im Altenheim sei jemand kollabiert. Als wir vor der Schiebetür des Heimes anhielten, erwartete uns bereits eine Pflegerin.
»Kommen Sie schnell. Ich glaube, Frau Heiner atmet nicht mehr.«
»Was ist passiert?«
»Keine Ahnung. Meine Kollegin hat sie am Abend noch den Gang entlanglaufen sehen. Vorhin hatte sie einen sehr niedrigen Blutdruck.«
»Ist Frau Heiner ansprechbar?«
»Nein. Haben Sie keinen Notarzt dabei? Sie ist immerhin schon 95 Jahre alt.«
Schnell eilten wir in den ersten Stock und betraten das kleine Zimmer am Ende des Ganges. Frau Heiner lag im Pflegebett. Ihr Mund atmete die stickige Zimmerluft in flachen Zügen. Sofort fiel mir das magische Dreieck zwischen den Mundwinkeln und der Nasenspitze auf, das besonders empfindlich auf den durch die flachere Atmung verursachten Sauerstoffmangel reagiert. Es war auffallend weiß geworden und kündigte den bevorstehenden Tod an. Lenny stellte das EKG auf dem Boden ab und schloss die vierpolige Ableitung an Frau Heiners Körper an.
Auf Fotos auf dem Sideboard sah ich ein junges Paar, vermutlich die Enkelin mit ihrem Mann. Sie lächelten uns an und hatten die letzten Jahre hoffentlich Fröhlichkeit in Frau Heiners Leben gebracht. Einige Fotos zeigten eine gut gelaunte Frau Heiner – die Erinnerung an bessere Zeiten, als sie noch alles selbst hatte unternehmen können. Sie war bereits vor einigen Jahren in dieses Pflegeheim gezogen, weil sie ihren körperlichen und geistigen Verfall nicht hatte abwarten wollen. Ihr war es bis zu diesem Tag gut gegangen.
Das EKG zeigte eine Herzfrequenz von 45. Ich tastete nur leichten Puls am Handgelenk. Die Pflegerinnen irritierte unser langsames Arbeitstempo.
»Frau Heiner stirbt.« Ich blickte nach kurzer Pause in die Runde der Frauen, die am Fußende des Bettes verharrten. Eine Pflegerin fing an zu weinen. Die beiden anderen sahen mich an und sagten nichts. Es gab keine Patientenverfügung.
»Frau Heiner ist fast 100 Jahre alt und längst auf der Zielgeraden ihres Lebens angekommen. Besser konnte es für sie nicht laufen.« Ich sprach etwas langsamer, weil ich merkte, dass den Pflegerinnen das drohende Ableben von Frau Heiner sehr nahezugehen schien. Natürlich ist es im Rettungsdienst einfacher. Wir sehen Patienten immer nur eine kurze Zeit. Nach einer Stunde können wir sie im Krankenhaus abgeben und uns wieder in die Wache trollen. Altenpflegerinnen haben mit ihren alten Menschen dagegen sehr viel länger zu tun. Dabei entwickeln sich automatisch eine persönliche Beziehung und ein enges Verhältnis.
Die Pflegerinnen erzählten, dass Frau Heiner große Angst vor dem Sterben gehabt habe. Oft waren Notarzteinsätze daraus resultiert, dass Frau Heiner panisch in der Rettungsleitstelle angerufen und um Hilfe gebeten hatte. Wenn die Besatzung dann bei ihr eingetroffen war, hatte niemand etwas feststellen können. In diesem Fall hatte Frau Heiner nichts davon mitbekommen, dass sie in die akute Phase des Sterbens eingetreten war. Sie lag auf dem Bett und atmete ganz ruhig, während der Blutdruck und die Herzfrequenz sanken.
Lenny telefonierte mit einem Disponenten. »Hier ist Lenny vom 1/83/1. Schick uns bitte einen Notarzt.«
»Was liegt vor?«, fragte der Disponent.
»Bevorstehendes Ableben.«
»Verstanden. Notarzt kommt.« Klick.
Die Herzfrequenz sank weiter auf 30 Schläge pro Minute. Die Linien des EKGs sahen seltsam deformiert aus. Frau Heiners Körper begann, letzte Signale auszusenden und die letzte Runde einzuläuten. Der Blutdruck war im Keller. Wir standen nur da und konnten ihr beim Sterben zusehen. Irgendwann betrat der Notarzt das Zimmer, erkannte die Situation und stimmte durch Nicken zu, keine Behandlung mehr durchzuführen. Einige wenige Atemzüge später war es zu Ende.
»Zeitpunkt des Todes ... 6.15 Uhr.« Der Notarzt schrieb sein Protokoll, während wir alle Kabel von Frau Heiners Körper entfernten. Die Pflegerinnen mussten nun die Angehörigen anrufen und sie ins Heim bitten. Eine Aufgabe, um die ich sie nicht beneidete.
Und Frau Heiner? Sie hatte es geschafft und war nach einem langen Leben sanft und ohne Schmerzen entschlafen. So, wie es sich bestimmt jeder von uns wünscht.