
Das Recht auf Hilfe
Jeder hat ein Recht auf Hilfe. Das klingt einfach, das klingt fair. Glauben Sie mir: Es ist weder das eine noch das andere.
»Wie kann er das schreiben, wie kann er das denken? Er ist ein Retter, ein Helfer. Er muss helfen. Jedem und gerne«, wird Ihnen jetzt vielleicht durch den Kopf gehen.
Na gut, dann kommen Sie doch mal mit. Rückblick auf einen Nachmittag im August.
Eine Einsatzmeldung kam bei uns herein: »Verkehrsunfall. Mehrere Personen schwer verletzt, Rettungshubschrauber ist unterwegs.«
Tragisch. Immer. Aber was Lenny und mich an diesem Tag vor Ort erwartete, war nicht ein unglücklicherweise von der Fahrbahn abgekommener Fahranfänger oder ein abgelenkter Autofahrer, der beim Griff ans Radio das abbiegende Fahrzeug übersehen hatte. Was auf uns zukam, war kein reumütiger Unfallgegner, der die Szenerie schockiert vom Rande aus betrachtete und die Tragik der durch ihn ausgelösten Situation kaum fassen konnte. Der in Tränen aufgelöst, traumatisiert und schuldgefühlzerfressen war.
Was uns an diesem Tag begegnete, war ein substanzabhängiger Mitbürger, ein Junkie. Er saß auf dem Trittbrett des bereits postierten RTW, beruhigte seine Nerven mit einem Joint und beklagte den Verlust seines Autos.
Sein Auto war durch einen entgegenkommenden Kleinbus zerstört worden, in dem eine Familie gesessen hatte. Vater. Mutter. Sohn und Tochter. Alle tot.
Die Ermittlungen ergaben später, dass der nur leicht verletzte Unfallgegner aufgrund seiner durch den Drogenkonsum beeinträchtigten Reaktion von der Fahrbahn abgekommen war und seinen Wagen in den Gegenverkehr gelenkt hatte.
Unsere Aufgabe war es nun, den Junkie zu versorgen.
Einfach?
Fair?
Vermutlich hatte auch der Junkie seine Geschichte und seine Gründe, warum er nun dort war, wo er war. Womöglich hatte er eine schlimme Kindheit gehabt, seinen Job oder die Freundin verloren. Vielleicht war sogar beides passiert, oder irgendwer war gestorben – was auch immer. Doch ich sah in diesem Moment nur, wie einer der vier Körper mit einer Plastikplane zugedeckt wurde. Eine zarte Kinderhand war darunter noch zu sehen. Mit einem rosa Plastikarmband um das Handgelenk, wie es nur kleine Mädchen schön finden. Ein Stoffhund lag im Schmutz der Unfallstelle. Meine Kollegen hantierten hektisch umher. Versuchten verzweifelt, das Schicksal zu überlisten. Doch in diesem Fall war völlig klar, dass sie auf ganzer Linie verlieren würden. Sie arbeiteten eigentlich mehr für sich selbst, um sich später versichern zu können: »Ich habe alles versucht.«
»Wisssssn Sie, wie lang ich auf des Auto gespart hab?«
Ach ja. Unser Patient. Prellungen. Eine Schürfwunde am Kopf. Und natürlich die Vergiftung mit den Drogen.
»Steigen Sie in den Wagen.«
Meine Halsvene pulsierte, meine Hände zitterten. Ich versorgte ihn und brachte ihn ins Krankenhaus. Nicht, weil das fair ist, sondern weil es mein Job ist. Denn jeder hat ein Recht auf Hilfe.