28

Ich hielt kurz inne, um zu dem gekenterten Skimmer zurückzuschauen. Gemma tauchte neben mir auf. Eine Wolke verdeckte den Mond und machte uns im dunklen Ozean fast unsichtbar.

»Da hinten.« Ich deutete auf das U-Boot, das gerade beidrehte. Ich hatte es bis jetzt nur ein einziges Mal gesehen, aber ich würde den Anblick dieses widerlichen, grünen Narwals nie vergessen. »Das ist Fifes U-Boot.«

»Er ist bestimmt nicht wegen uns den langen Weg hierhergekommen«, meinte Gemma.

Ich beobachtete, wie das U-Boot den Skimmer umkreiste. Wahrscheinlich waren sie auf der Suche nach dem Fahrer. »Fife ist hier, um die Drift zu versenken«, vermutete ich.

»Wieso? Die Menschen an Bord sind doch schon dem Tode nahe.«

»Er muss irgendwie Wind davon bekommen haben, dass die Meereswache den Strudel absucht.«

Die obere Luke des U-Boots sprang krachend auf und eine dunkle Gestalt kletterte auf die Brücke in der Mitte des grünen Gefährts.

»Versteck dich im Skimmer«, flüsterte ich Gemma zu. »Ich komme gleich nach.«

Zunächst wollte ich nach einer Möglichkeit suchen, Fifes U-Boot außer Gefecht zu setzen. Ich musste ihn davon abhalten, die Drift zu versenken.

Gemma tauchte lautlos ab.

Ich schwamm näher und nahm die spiralförmige Spitze des U-Boots ins Visier, die aussah, als könnte sie sich selbst durch Felsen bohren. In diesem Moment kam der Mond hinter der Wolke hervor und warf sein Licht über das Meer.

Der Mann auf dem Deck entdeckte mich in den Wellen, gerade als ich ihn erkannte – Ratter. Natürlich, Fife hatte seinen Hund geschickt, damit er die Drecksarbeit für ihn erledigte.

Sein Gelächter brach die Stille. »Bist du etwa hier, um mir auch dieses Bergungsgut zu stehlen?« Er stellte einen Fuß auf die kreisförmige Reling und legte demonstrativ eine Harpunenkanone quer über den Oberschenkel.

Ich ließ mich in Richtung Skimmer treiben und sah Gemma im Inneren des umgekippten Gehäuses. Luft war darin eingeschlossen, denn sie hatte ihren Helm zurückgeschoben und warf mir einen fragenden Blick zu. »Wieso Ihnen? Sie mei-nen wohl Fife?«, rief ich, nur um ihn in ein Gespräch zu verwickeln, während ich sein U-Boot unter die Lupe nahm. Wie könnte ich es beschädigen?

»Bürgermeister Fife wird gerade verhaftet«, schnaubte Ratter. »Er hat das Gesetz gebrochen und Diebesgut verkauft. So ein Pech, dass er der Kommandantin der Meereswache nichts über die Drift sagen kann, egal wie sehr sie ihn zum Weinen bringen wird.«

»Aber Hadal hat gesagt, dass Fife hinter all dem steckt.«

»Die dummen Surfs tun alles, wenn sie denken, dass der Befehl von Fife kommt – er könnte ja sonst ihre Rationen zurückhalten oder so.« Ratter grinste. »Oder glaubst du, ich könnte mir ein solches Boot leisten, wenn ich mein Geld auf ehrliche Art und Weise verdiente?«

»Wie sonst?«

»Townships als Bergungsgut zu verkaufen.« Ratter zeigte stolz auf sein U-Boot. »Hat sich für mich schon ausgezahlt.«

Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Hunderte von Menschen auf einmal zu töten, um Anspruch auf ihr Township zu erheben – nein, das war nicht Fifes Art. Es war grausam, brutal und sinnlos. Das war absolut Ratters Handschrift. »Fife muss gewusst haben, wozu Sie in der Lage sind.«

»Er hatte nicht die leiseste Ahnung«, prahlte Ratter. »Und dabei behauptet er immer, dass ich nicht schauspielern kann.«

Mangelnde Aufsicht. Die Vorstellung war so bitter, dass ich es fast schmecken konnte. Das war Fifes wahres Verbrechen – dass er einen schlimmen Verbrecher wie Ratter seine Drecksarbeit machen ließ, ohne ihn zu kontrollieren. Fife hätte leicht herausfinden können, dass Ratter Befehle in seinem Namen erteilte – wie den Befehl, Mum und Dad als Geiseln zu nehmen. Die Erinnerung daran, wie sie in dieses U-Boot gedrängt worden waren, versetzte mir einen Stich ins Herz.

»Warum haben Sie Hadal dazu gezwungen, meine Eltern zu entführen?« Ich hielt mich am Puffer des Skimmers fest, um nicht unterzugehen. Meine Glieder waren plötzlich zu schwer geworden, um mich über Wasser zu halten.

»Fife wollte, dass ich euer Geschäft mit den Surfs platzen lasse.« Ratter lehnte sich nach hinten an die kreisförmige Reling. »Und ich habe mir überlegt, wenn ich dabei zwei Siedler schnappe, würde mich das davor bewahren, weitere Geschäfte verhindern zu müssen. Ich hätte nie gedacht, dass die Meereswache deshalb nach Rip Tide kommen würde.«

Seine Augen verengten sich, als wäre das alles allein meine Schuld gewesen.

»Was haben Sie mit ihnen gemacht?« Sosehr ich mich auch vor der Antwort fürchtete, ich musste es wissen. »Meine Eltern – wo sind sie?«

»Wie wär’s, wenn ich dich gleich hier erledige, Dunkles Leben?«

Ich nutzte den Sekundenbruchteil, den er brauchte, um seine Harpunenkanone zu heben, und warf ich mich auf den Rücken. Ein Luftzug strich über mein Gesicht, als die Harpune vorbeizischte – nur wenige Zentimeter von meiner Nase entfernt.

Ratter fluchte laut. Dem folgte ein Doppelklicken, als er die Waffe erneut lud. Schnell schwamm ich unter den Skimmer und tauchte neben Gemma im Inneren des Gehäuses auf. Ich ließ das Wasser aus dem Helm herauslaufen, zog ihn über den Kopf und verriegelte ihn.

»Ty, er kommt!« Sie deutete an mir vorbei auf das grüne U-Boot, das jetzt rückwärtsfuhr. Ich konnte Ratter durch das große Aussichtsfenster neben dem spitzen Bohrer erkennen.

»Tauch!«

Wir ließen uns aus dem Gehäuse fallen und schwammen, so schnell wir konnten, in die Tiefe. Ich wusste, was jetzt kam. Und tatsächlich schaltete Ratter das U-Boot auf volle Fahrt, rammte den Skimmer mit der Spitze und bohrte sie in die Seite des Fahrzeugs.

Die Bedienfelder des Skimmers waren versiegelt – Wasser würde ihnen nichts anhaben. Aber wenn beide Gehäuseteile beschädigt waren, würde das Fahrzeug sinken. Wasser schoss bereits in die erste Kapsel. Das Gewicht würde schon bald das Heck des Skimmers nach unten ziehen.

Ratter ging wahrscheinlich ebenfalls davon aus, dass der Skimmer sinken würde, denn sein U-Boot ließ von dem Fahrzeug ab und tauchte schnell nach unten.

Ich deutete in Richtung Oberfläche und Gemma und ich brachen gemeinsam durch die Wellen. Sobald Gemma Luft geholt hatte, rief sie: »Wir müssen ihn aufhalten. Er ist dabei, die Drift zu zerstören!«

»Ja«, erwiderte ich aufgebracht. »Aber zuerst müssen wir uns um den Skimmer kümmern. Sonst haben wir keine Möglichkeit, um Hilfe zu funken.«

Das Frontgehäuse war schon fast komplett mit Wasser vollgelaufen und würde jede Sekunde sinken. Ich drängte mich in das hintere Gehäuse, drehte mich auf den Rücken und suchte das auf dem Kopf stehende Bedienfeld ab. Sobald ich die Taste »180« gedrückt hatte, drehte sich das Heckgehäuse und ich fiel auf den Boden.

Gemma schlängelte sich herein, während ich mich aufrappelte und neben ihr auf der Pilotenbank Platz nahm. Doch bevor wir erleichtert aufatmen konnten, zog uns das Gewicht des überfluteten Frontgehäuses nach unten. Während der Skimmer sank, suchten wir fieberhaft nach dem Schalter, der die beiden Teile voneinander trennen würde. Schließlich drückten wir wahllos irgendwelche Knöpfe, bis einer von uns den richtigen erwischte. Mit einem hydraulischen Zischen schnappte die Verbindung zwischen den Gehäusen auf. Das Vorderteil fiel ab und wir erlangten die Kontrolle über die hintere Kapsel zurück.

Im Heckgehäuse des Skimmers rasten wir durch die Dunkelheit und schnappten gleichzeitig nach Luft, als wir im Scheinwerferlicht Ratters U-Boot entdeckten. Der Bohrer hatte sich tief in die Drift gefressen. Als der Bohrer wieder zurückgezogen wurde, hinterließ er ein klaffendes Loch über dem Puffer des Townships.

Angst schnürte mir die Kehle zu. Sobald die Drift mit Wasser vollgelaufen war, würde sie trotz der Gegenströmung sinken und alle Menschen an Bord würden entweder ertrinken oder erfrieren.

»Wir müssen die Ankerketten durchscheiden«, rief Gemma und suchte das Bedienpult ab. »Hat diese Skimmerhälfte ausfahrbare Schneidewerkzeuge?«

»Nein.« Ich beobachtete, wie Ratters U-Boot vorschnellte, um ein weiteres Loch in das Township zu bohren. »Das würde Ratter aber auch nicht aufhalten oder die Drift befreien.«

»Was können wir denn dann tun?« In ihrer Stimme schwang Panik mit.

Ich hatte nur eine lausige Idee, doch unter diesen Umständen würde ich einfach alles versuchen. Ich kletterte über die Bank zur Backbordseite. »Es ist zu spät für die Drift. Selbst wenn wir die Ankerketten durchschneiden, ist bis dahin schon viel zu viel Wasser in das Township gelaufen. Es wird nicht an die Oberfläche treiben.«

»Wohin willst du denn dann?«

»Ich will Ratter austricksen, sodass er die Kette an einer Luke durchschneidet, damit die Leute fliehen können.«

»Wohin denn fliehen? Ty, du weißt doch nicht einmal, ob sie schwimmen können.«

»Das stimmt, aber wenn sie in der Drift gefangen sind, während das Meerwasser hereinströmt, haben sie überhaupt keine Chance.« Ich verriegelte meinen Helm. »Während ich da draußen bin, bringst du den Skimmer nach oben. Versuch, irgendein Schiff zu erreichen. Selbst wenn es die Surfs schaffen, ohne Taucherausrüstung an die Oberfläche zu schwimmen, werden sie es im offenen Meer nicht lange aushalten können.«

Ich wartete nicht ab, was sie dazu sagen würde, sondern füllte meine Lunge mit Liquigen und kletterte durch die Öffnung. Sobald ich im Wasser war, steuerte Gemma den Skimmer nach oben und verschwand aus meinem Blickfeld.

Ich durfte keine Zeit verlieren und unterdrückte meine Angst. Mit eingeschalteten Helmlichtern schwamm ich zur Drift hinunter. Ich musste gegen den Auftrieb ankämpfen, um eine der Luken zu erreichen. Ratter hatte eine Kette vom Hebelgriff der Tür zu einem Handgriff am Schiffsrumpf geschlungen und mit einem Vorhängeschloss versehen. Mit einem Metallschneider wäre das schnell erledigt gewesen – aber ich hatte keinen. Mit etwas Glück würde Ratter das jedoch von seinem U-Boot aus nicht erkennen können.

Als das grüne U-Boot um die Drift herumgefahren kam, drehte ich ihm schnell den Rücken zu und tat, als würde ich die Kette durchtrennen. Zuerst dachte ich, Ratter hätte mich nicht gesehen, doch dann schnellte das U-Boot wie ein zurückweichender Tintenfisch nach hinten. Ich blieb, wo ich war, obwohl ich wusste, dass nur eine geringe Chance bestand, dass mein Plan funktionieren würde. Es war eher wahrscheinlich, dass ich als Thunfischhappen auf dem Meeresgrund landen würde.

Das grüne U-Boot war jetzt direkt auf mich gerichtet und pflügte mit sich drehender Bohrspitze durch das Wasser. Ich rührte mich nicht von der Stelle, obwohl jede Zelle meines Körpers schrie: »Weg!« Erst in allerletzter Sekunde warf ich mich zur Seite.

Der Bohrer rammte die Luke, und als er sich tief hineingrub, stoben Metallsplitter zu den Seiten. Ich schnappte mir das Ende der Kette und schleuderte es über die Bohrspitze. Dann suchte ich so schnell wie möglich das Weite und schwamm über das grüne U-Boot, um einen guten Blick auf das Geschehen zu haben. Während sich der Bohrer drehte, wickelte sich die Kette um den spiralförmigen Schaft, bis sich die Glieder spannten. Das dadurch verursachte Klirren hätte eigentlich eine Warnung sein sollen. Aber Ratter hatte es entweder nicht bemerkt oder war zu verbissen, um dem hässlichen Stottern des Bohrers Beachtung zu schenken. Letzteres hielt ich für wahrscheinlicher.

Er beschleunigte den Motor des U-Boots und versuchte, den Bohrer noch tiefer in die Luke zu treiben. Doch er zerrte damit nur noch mehr an der Kette, bis die Glieder in einem Funkenregen auseinanderrissen, gefolgt von einem lauten, metallischen Kreischen, das meine Nerven aufs Äußerste strapazierte. Ich spähte nach unten und sah, wie der im Lukendeckel vergrabene Bohrer abrupt stoppte.

Ich ließ Ratter schäumend vor Wut zurück, schwamm um die Drift herum und landete auf dem Puffer. Surfs drängten sich vor mir am Fenster und machten verzweifelte Gesten. Im Licht meiner Helmlampen sah ich ihre blauen Lippen und die blasse Haut. Sie waren in Decken gewickelt und trugen Schwimmwesten. Für einen Moment kam mir wieder der Junge aus der Nomad in den Sinn, erstarrt und stumm.

Ich hatte die Luke von der Kette befreit, aber diese Menschen waren schon halb erfroren. Wie sollten sie die Kraft aufbringen, bis an die Oberfläche zu schwimmen? Was außerdem voraussetzte, dass sie Liquigen hatten.

Ein Mädchen in meinem Alter drängte sich durch die Menge. Nach der Art zu schließen, wie die Erwachsenen ihr Platz machten, war sie vermutlich Hadals Tochter. Sie zeigte auf den Boden. Ich sah, dass ihnen das Meerwasser bereits bis zu den Knien stand, und bekam einen Riesenschreck. Wenn noch mehr Wasser in das Township lief, würde es schon bald wie ein Felsen in die Tiefe stürzen. Uns lief die Zeit davon.

Verzweifelt zeigte ich auf den Schlauch an meinem Helm und tippte mir dann auf die Brust, um auf meine Lunge hinzuweisen. Sie nickte und sprach mit jemandem, der hinter ihr stand. Er gab ihr eine Liquigen-Packung, die sie hochhielt. Ich deutete auf die Menge um sie herum, um zu fragen, ob es genug für alle gab. Wieder nickte sie.

Plötzlich neigte sich der Puffer und die Leute im Inneren der Drift rutschten am Fenster vorbei zur Seite. Die Angst hämmerte in meinen Ohren, während ich nach unten schwamm und in jedes Fenster spähte, um sie wiederzufinden. Sie mussten sofort da raus. Wenn die Drift auf den Meeresboden sank, konnten diese Menschen selbst mit Liquigen in den Lungen nicht ohne Taucheranzüge, die sie vor der Kälte schützten, bis an die Oberfläche schwimmen. Niemand konnte das.

Dann sah ich, dass nicht das steigende Wasser der Grund dafür war, dass sich die Drift auf die Seite geneigt hatte, sondern das Gewicht von Ratters U-Boot, das jetzt am Township festhing. Ratter bemühte sich erfolglos, den Bohrer zu befreien. Wenn er nicht aufpasste, würde er den Motor durchbrennen. Doch Ratter war meine geringste Sorge. Ich überdachte die Situation und meine Zweifel schienen sich wie Amöben zu vervielfachen. Ein ganzes Township durch eine auf- und zuschlagende Luke zu evakuieren, in der auch noch eine tödlich scharfe Bohrspitze feststeckte, war äußerst gefährlich. Wenigstens hatte die Luke eine günstige Lage – am Boden des Townships. Wir durften keine Zeit verlieren.

Ich hielt mich an dem fast senkrecht stehenden Puffer fest und hangelte mich bis zum untersten Fenster, wo das Mädchen bereits auf mich wartete. Ich deutete nach unten und gab Zeichen, dass sie die Schotte zur Luftschleuse öffnen sollten, doch niemand verstand, was ich zu sagen versuchte.

Das Mädchen drehte sich um und rief nach jemandem. Sie hielt einen Finger in die Höhe und zeigte mir damit, dass ich warten sollte. Verstand vielleicht ein Surf an Bord die Zeichensprache? Ich wagte es kaum zu hoffen.

Die Gruppe teilte sich und ließ jemanden durch … Jemanden in einem Taucheranzug.

Dad!

Ich schlug gegen das Aussichtsfenster und vergaß für einen Moment, dass es uns voneinander trennte. Dad rief etwas über seine Schulter, die Surfs traten zurück und Mum erschien. Sie warf sich genau wie ich gegen das Fenster und presste die Hände dagegen.

Trotz ihres Lächelns erkannte ich, dass meine Eltern wie die Surfs blaue Lippen hatten, und meine Freude darüber, sie wiederzusehen, geriet plötzlich ins Wanken. Alles war genauso schrecklich wie vorher. Nein, es war sogar noch schlimmer. Das Wasser in der Drift stand inzwischen noch höher. Wir hatten jetzt keine Zeit für Wiedersehensfreude, nicht wenn wir ein richtiges Zusammentreffen an der Meeresoberfläche erleben wollten.

Im Schnelldurchlauf unterrichtete ich sie per Zeichensprache über die Geschehnisse, warnte sie vor Ratters bockendem U-Boot und der Bohrspitze, die in der auf- und zuschlagenden Luke steckte. Mum übersetzte alles für die Surfs.

Dad entschied, dass es am besten wäre, die Scharniere der Lukenabdeckung vom Inneren der Luftschleuse aus zu lösen. Sobald Mum den Plan dem Mädchen erklärt hatte, forderte es die anderen dazu auf, alle dafür nötigen Werkzeuge bereitzustellen.

»Ty«, hörte ich Gemma durch den Empfänger in meinem Helm. »Kannst du das gebrauchen?«

Ich stieß mich von der Drift ab und sandte ein paar Klicks in das dunkle Wasser, um das Skimmergehäuse ausfindig zu machen. Doch bevor ich fündig wurde, sank etwas Massiges zu mir herab, das sich in der Strömung drehte. Ein altes Fischernetz. Ich schwamm ein Stück zur Seite, denn ich wollte mich nicht darin verheddern.

»Ich habe den oberen Rand des Netzes am Skimmer befestigt«, hörte ich Gemma in meinem Helm sagen. »Falls die Surfs nicht schwimmen können, hätten sie zumindest die Möglichkeit, an dem Netz hochzuklettern. Oder sie halten sich einfach daran fest und ich ziehe sie an die Oberfläche.«

Das war brillant! Ich schwamm an dem langen Netz entlang, bis ich im Scheinwerferlicht des Skimmers zu sehen war. Ich zeigte Gemma schnell meine erhobenen Daumen und tauchte wieder hinunter zur Drift. Ich hielt mich am Rumpf fest und zog das Netz vor dem Fenster entlang, um es den Leuten im Inneren zu zeigen. Das Mädchen machte kletternde Bewegungen. Als ich nickte, lächelte es zaghaft – als hätte ich ihm ein kleines bisschen Hoffnung gegeben.

Ich schwamm zu der Stelle, wo Ratters U-Boot unter der Drift festhing. Gerade als ich bemerkte, dass das U-Boot verdächtig ruhig war, sauste eine Harpune durch das Wasser und verfehlte mich nur um ein Haar. Ich schoss wieder nach oben und ging hinter der Drift in Deckung. Vorsichtig kroch ich am Rand entlang, spähte dann nach unten und entdeckte Ratter, der in einem schlecht passenden Taucheranzug mit einer Harpunenkanone in der Hand neben der Luke im Wasser trieb. Er hatte sich mit einer Halteleine an seinem U-Boot festgebunden.

Wieder sank die Drift ein paar Zentimeter in die Tiefe. Wie sollte ich Ratter ohne eine Waffe von der Luke verscheuchen, damit meine Eltern und die Surfs fliehen konnten?

Plötzlich wusste ich die Antwort. Ich hatte eine Waffe. Eine, auf die mich Abgeordneter Tupper gebracht hatte. Meine Haut kribbelte vor Unbehagen.

Ich hatte mir geschworen, niemals zu versuchen, einen Menschen mit meiner Dunklen Gabe zu betäuben. Aber was hatte ich für eine Wahl? Zu viele Menschenleben hingen davon ab. Ich musste die Leute rechtzeitig zur Oberfläche bringen. Denn nur so konnte ich sie vor dem Ertrinken bewahren.

In meinem Kopf nahm ein Plan Gestalt an. Ich würde Ratter gerade lange genug betäuben, um ihm die Harpunenkanone abzunehmen.

Ich schwamm an der Drift entlang, bis ich etwa sechs Meter von der Stelle entfernt war, wo Ratter mich zuletzt gesehen hatte. Sobald ich meine Deckung verlassen hatte, würde er mich sicher schnell entdeckt und den Abzug im gleichen Moment gedrückt haben. Ich musste schneller sein als er. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, kam hinter der Drift hervor, und sowie ich Ratter im Blick hatte, schoss ich meinen Sonar auf ihn ab, stärker als jemals zuvor.

Sein Körper zuckte, als hätte er einen Elektrozaun berührt, dann öffneten sich seine Hände. Er ließ die Harpunenkanone los und sie schraubte sich spiralförmig in die Tiefe. Ohne zu wissen, wie viel Zeit mir blieb, bis er wieder zu sich kam, schwamm ich auf Ratter zu. Er trieb auf der Stelle und schien zu schlafen. Seine Gesichtszüge waren erschlafft und hinter dem Plexiglas seines Helms sah ich auch, dass sein Mund offen stand.

Ich fing das Ende des Netzes wieder ein und schwamm zur Luke, als plötzlich die Scheinwerfer des U-Boots ausgingen. Wahrscheinlich hatte Ratter tatsächlich die Motoren überlastet. Alles um mich herum versank in Dunkelheit, denn auf der Drift funktionierte – abgesehen von den Taschenlampen – kein Licht. Aber ich musste mir deshalb keine Sorgen machen. Mit den Helmlichtern und meiner Dunklen Gabe konnte ich mich sehr gut orientieren. Was die Surfs betraf, sah das natürlich schon wieder ganz anders aus.

Ohne Vorwarnung fiel plötzlich die Abdeckung der Luke, in der noch immer der Bohrer des U-Boots steckte, ab. Meine Helmlichter fingen den metallischen Schimmer von Dads Taucheranzug im Inneren der Luftschleuse ein. Er hatte es geschafft, das letzte Scharnier zu entfernen. Ich blickte mich um und sah, wie das U-Boot langsam sank. Ohne einen Motor, der den Großteil der Arbeit machte, war es zu schwer, um vom Auftrieb in der Schwebe gehalten zu werden. Dad schwamm durch die Lukenöffnung und gab mir ein Zeichen, dass ich das Netz herbringen sollte. Erst nachdem ich ihm das eine Ende des Netzes gereicht hatte und gerade meine Position an der anderen Ecke einnahm, fiel mir Ratter wieder ein. In einem Anflug von Panik schickte ich schnell ein paar Klicks in die Tiefe, wo das U-Boot gesunken war.

Die Echos, die zu mir zurückgeworfen wurden, ließen vor meinem geistigen Auge ein Bild von Ratter entstehen. Er war nicht mehr betäubt und schlug wild mit den Armen und Beinen um sich, während er rückwärts durch das Wasser geschleppt wurde. Er war noch immer mit der Halteleine an seinem U-Boot festgemacht. Das Gewicht des U-Boots zog ihn so schnell nach unten, dass er sofort reagieren musste – er hätte nur den Tauchgürtel lösen müssen und er wäre frei gewesen.

Doch er tat es nicht. Vielleicht war sein Gehirn immer noch betäubt. Oder es hatte unter Hochdruck nie gut funktioniert. Doch jetzt verließen die Surfs einer nach dem andern die Drift und kletterten an dem Fischernetz hinauf, sodass ich meine Ecke des Netzes gut festhalten musste. Andernfalls würde das Netz in der Strömung nach oben peitschen und es könnte sein, dass es dann unmöglich wurde, sich daran festzuklammern. Ich entschied mich dafür zu helfen.

Immer mehr Menschen strömten nun aus der Luke. Trotz der Umstände blieben sie ruhig. Diejenigen, die schwimmen konnten, blieben neben dem Netz und halfen den Kletternden beim Aufstieg.

Ich überwand mich, mit meinem Sonar noch einmal nach Ratter zu sehen, und beobachtete, wie er von seinem U-Boot mitgezogen wurde, bis es in einen Berg aus Schrott krachte und daran herabrutschte, bis es gefährlich wippend auf einem Wrackteil zu liegen kam. Warum löste er nicht seinen Tauchgürtel? Dann wäre er frei. Doch an diesem Punkt scheiterte Ratter, der immer noch vergeblich versuchte wegzuschwimmen. Das U-Boot rutschte quälend langsam weiter an dem Wrackteil ab, zog Ratter dabei mit sich, bis er unter den Bootsrumpf gezerrt wurde – zerquetscht von seinem eigenen U-Boot.