17

Ich starrte auf die Szene, die sich vor mir abspielte. Das dünne Metallgitter bog sich, wenn der Bullenhai es rammte. Doch Shade schien es völlig egal zu sein, dass das rasende Biest kurz davor stand, das Gitter zu durchstoßen.

»Ich wusste, dass du hier aufkreuzen würdest.« Er grinste. »Ich wette, die Jungs waren nicht besonders nett zu dir.«

Ich konnte meinen Blick nicht von dem Hai abwenden, der dabei war, nicht nur das Gitter, sondern auch seine Schnauze zu zerfetzen. Das Tier war zwar nur etwa drei Meter lang, aber kräftig gebaut und äußerst aggressiv.

»Er hat mein blutiges Bein gerochen und will wohl Hallo sagen«, bemerkte Shade.

Ich sah zu dem Outlaw hinüber, der gelassen und mit leuchtender Haut in der überfluteten Gefängniszelle saß. Kein Schein konnte ein solches Leuchten verursachen. Aber eine Dunkle Gabe konnte es. »Ich möchte dir einen Deal vorschlagen«, sagte ich zu ihm.

»Bin ganz Ohr.«

Ein lautes, metallisches Krachen lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf den um sich schlagenden Hai.

»Ich lasse ihn die Arbeit machen«, erklärte Shade. »Er soll mich hier rausholen.«

»Und wenn er durchgebrochen ist, was dann?«

»Dann könnte es interessant werden.« Er hob die Faust aus dem Wasser, öffnete sie und zeigte mir ein scharfes Stück Metall, das wahrscheinlich vom Bettgestell stammte. »Es sei denn, du kannst etwas Besseres anbieten …«

Ich hielt den Schlüssel in die Höhe und sein Lächeln wurde noch breiter.

»Wie ich schon sagte, ich bin ganz Ohr.«

Ein weiterer Einschlag des Hais ließ mich meinen Plan ändern. Ich tastete unter Wasser nach dem Schlüsselloch, steckte den Schlüssel hinein und drehte ihn so schnell wie möglich um. Gerade als ich die Tür aufzog, krachte der Hai mit dem Maul durch das Gitter und arbeitete sich mit schnappendem Kiefer in die Zelle vor.

Shade erhob sich. »Ich denke, du willst mir einen Handel vorschlagen?«

»Komm einfach raus da!«

»Wenn du darauf bestehst.«

Der Kopf des rasenden Hais war in dem Loch im Gitter eingezwängt und Shade spazierte an ihm vorbei, als würde ihn das nicht die Bohne interessieren.

Ich schlug die Tür zu und schloss wieder ab.

»Verhandlungen sind nicht so deine Stärke, oder? Denn ich verstehe nicht ganz, was du bei diesem Geschäft herausschlagen willst. Es sei denn, du möchtest ein Outlaw werden.«

»Wir verhandeln immer noch. Sonst kann ich auch die Treppe hochgehen und Bürgermeister Fife erzählen, dass du auf freiem Fuß bist. Vielleicht kannst du mit der Specter rechtzeitig entkommen, vielleicht aber auch nicht.«

»Wenn ich dich umbringe, kannst du niemandem mehr irgendetwas erzählen.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Miene war todernst.

Ich wünschte, ich könnte auf seinen Bluff eingehen und ihn daran erinnern, wer Gemma ein Zuhause gegeben hatte. Doch ein Teil von mir war nicht wirklich davon überzeugt, dass er bluffte oder dass seine Dankbarkeit stärker als sein Verlangen nach Freiheit war. Genau in diesem Moment brach der Hai endgültig durch das Gitter, hinterließ dort ein klaffendes Loch und pflügte durch die nicht sehr stabil gebaute Zelle.

»Ich muss zu den Hardluck Ruinen«, sagte ich schnell und war mir nicht sicher, vor wem ich mehr Angst haben sollte – vor dem Bullenhai oder dem Outlaw. Ich wollte nur noch raus hier.

»Hättest einfach fragen können«, sagte Shade etwas freundlicher.

»Ich muss morgen dorthin und ich möchte, dass du mitkommst, für den Fall, dass Gabion vorhat, mich zu töten.«

»Ich hab schon gehört, dass du den Faustkampf gewonnen hast.«

Er wirkte nicht überrascht, dass Gabion mich umbringen wollte. Eigentlich schien er sogar damit gerechnet zu haben. Als wäre es ganz selbstverständlich, dass ich nach dem Sieg um mein Leben fürchten musste. »Heißt das, du machst es?«

»Wenn ich mich belästigt fühle, werde ich dir das schon sagen.«

Ich deutete das als Ja und watete den Gang zurück, um endlich von dem Bullenhai wegzukommen, der jetzt gegen die Zellentür hämmerte.

Oben auf der Treppe angekommen, blieb Shade stehen und seine Haut wurde pechschwarz. Auch seine Augen wurden schwarz, was mehr als beunruhigend war, vor allem, als er sie auf mich richtete. »Ist die Specter noch in der Nähe?«, fragte er.

»Ich glaube schon.«

»Hol Gemma. Nehmt die Seilbahn zurück zum Festland. Wir holen euch an den Docks ab.«

Ich sagte nichts und fragte mich, ob ich ihm vertrauen konnte. Wenn er erst an Bord der Specter war, könnte er sich genauso gut dazu entschließen, ohne uns ins offene Meer abzutauchen.

Schritte näherten sich. Dann erklang Gemmas Stimme. »Kommen Sie schon, Ratter, lassen Sie mich einen kurzen Blick auf den Outlaw werfen. Im Ring konnte ich ihn gar nicht richtig sehen.«

»Das geht nicht, Kleine«, erwiderte Ratter. »Fife hat gesagt, dass ich niemanden zu ihm lassen darf.«

»Sie sollten wissen, dass Bürgermeister Fife ein Freund von mir ist«, verkündete sie.

»Fife hat keine Freunde«, entgegnete Ratter mit einem hässlichen Lachen. »Entweder du arbeitest für ihn oder du bist für ihn ein Nichts. Das ist alles.«

Geduckt rannten Shade und ich über das Deck und schlüpften hinter einen leeren Verkaufsstand für frittierte Krabben.

Shade konnte wegen seines verletzten Beins nur humpeln und verzog jetzt das Gesicht vor Schmerzen. »Planänderung«, sagte er.

Als Gemma und Ratter am Treppenabsatz auftauchten, sah ich, wie sie sich umblickte, und ich wusste, dass sie nach uns Ausschau hielt.

Shade stieß mich an. »Du hast keinen Grund, dich zu verstecken.«

Ich trat hinter der Krabbenbude hervor und winkte Gemma zu, gerade als Ratter die Stufen hinabstieg.

»Hol sie her«, flüsterte Shade. »Wir werden zur Specter schwimmen.«

»Von Rip Tide aus? Das wird sie nicht machen wollen.« Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich winkte sie trotzdem herüber.

»Gut, dann gehen wir eben ohne sie.« Er stand auf. »Hier ist es sowieso sicherer für sie. Aber wenn du immer noch eine Mitfahrgelegenheit zu den Hardluck Ruinen haben willst, musst du tauchen. Sobald Ratter die leere Gefängniszelle entdeckt, wird er Alarm auslösen.«

Wir fingen Gamma am Bohrschacht ab und Shade erklärte ihr kurz seinen Plan.

»Ich komme auf jeden Fall mit«, sagte sie bestimmt.

»Ich habe aber keine Zeit zu warten, bis du die Seilbahn genommen hast und die Klippen hinuntergeklettert bist«, erwiderte Shade grob.

»Ich werde tauchen so wie ihr.«

Ich sah sie entgeistert an und dachte daran, was passiert war, als sie sich das letzte Mal auf einen Tauchgang eingelassen hatte.

»Ty hat mir beigebracht, wie man schwimmt«, fügte sie hinzu, als ob das das Problem wäre.

Shade tippte sich an den Kopf, als wollte er sagen »wie auch immer«, und machte sich auf den Weg zum anderen Ende der Stadt.

»Hier lang ist es näher«, zischte ich und zeigte auf die halbhohe Wand hinter der Treppe.

Er blieb stehen. »Auf dieser Seite müssten wir am Gefängnis vorbeitauchen. Und nachdem wir abgehauen sind, ist der Hai wahrscheinlich zurück ins offene Meer geschwommen.«

»Der Hai?«, fragte Gemma.

»Ein Hai!«, gellte ein Schrei. Eine Sekunde später kam Ratter die Treppe hinaufgestürmt.

»Oder vielleicht auch nicht«, meinte Shade.

In diesem Moment entdeckte uns Ratter und glotzte uns an. »Du!«, rief er.

Shade hakte sich bei Gemma ein und zog sie mit sich fort.

»Halt!« Ratter riss seine Harpunenkanone vom Rücken und zielte auf Shade, obwohl Gemma neben ihm herrannte. »Bleib stehen oder ich nagele dich auf dem Deck fest!«

Ich sprang auf Ratter zu und warf ihn um, sodass er den Abzug nicht drücken konnte. Er war wesentlich schwerer als ich und versuchte mich wegzuschieben, doch ich bekam die Harpune zu fassen. Als ich sie ihm aus der Hand reißen wollte, rollte er sich zur Seite und setzte sein Gewicht ein, damit ich losließ.

Er drückte mich so fest auf den Boden, dass er mich beinahe zerquetschte. Doch als er versuchte, sich mit einer Hand hochzustemmen, während er mit der anderen die Harpunenkanone festhielt, kam er ins Straucheln. Er musste sein Gewicht verlagern, um auf die Knie zu kommen. Schnell schob ich mich unter ihm hervor und packte den Griff der Waffe. Während ich versuchte, sie ihm aus der Hand zu reißen, half ich ihm unbeabsichtigt auf die Füße. Dann begann ein regelrechtes Tauziehen, denn jeder von uns zerrte an einem Ende der Harpune.

Aber er hatte das falsche Ende.

Ich hätte ganz leicht den Abzug drücken und mit dem Pfeil direkt in Ratters Bauch treffen können – aber das würde ich niemals tun. Das konnte er natürlich nicht wissen. Die meisten Leute hätten sofort losgelassen, wenn sie den Lauf einer Waffe in der Hand hielten. Ratter nicht. Er war offensichtlich so dumm, dass er nicht einmal erkannte, in welcher Gefahr er sich befand.

Er benutzte seine Körpermasse als Vorteil und begann, mich umherzuschleudern, um mich auf diese Weise abzuschütteln. Ich wehrte mich nicht dagegen und ließ mich von ihm im Kreis herumwirbeln, denn ich vermutete, dass ihm zuerst schwindlig werden würde oder er sich verausgabt hätte, bevor ich am Ende meiner Kräfte war. So ein Leichtgewicht war ich nun auch wieder nicht. Und er konnte mich auch nicht einfach so in die Luft heben. Er musste sein ganzes Körpergewicht einsetzen und taumelte dabei umher.

Während er sich zum zweiten Mal schwankend im Kreis drehte, bemerkte ich, dass wir uns auf den Rand des Bohrschachtes zubewegten – genau auf die Stelle, an der sich kein Geländer befand. Im Bruchteil einer Sekunde wurde mir klar, dass ich nur eine Wahl hatte: die Waffe loszulassen oder in das Becken mit den Neunaugen geworfen zu werden. Doch ein Blick in Ratters verbissenes Gesicht genügte und ich wusste, dass es eine weitere Möglichkeit gab. Ich klammerte mich noch fester an die Harpune und ließ mich in das Becken schleudern. Und tatsächlich: Ratter weigerte sich hartnäckig, sein Ende der Waffe loszulassen. Als ihm bewusst wurde, dass er mit mir in die Tiefe stürzen würde, war es schon zu spät. Nur eine Sekunde nach mir klatschte er in die Wellen.

Unter Wasser ließ ich die Harpune los und sie versank. Ratter musste seinen Griff ebenfalls gelöst haben. Doch schon hatte ich ein anderes Problem, denn mit einem Schlag war ich von lauter Neunaugen umgeben. Ich bedeckte mein Gesicht mit den Armen und wollte mit ein paar kräftigen Beinstößen wegschwimmen, doch ich konnte nirgendwo hin. Die Neunaugen waren überall, schlängelten auf der Suche nach nackter Haut an meiner Kleidung entlang. Nutze deine Dunkle Gabe als Waffe, rief eine Stimme in meinem Kopf.

Ich sandte sofort mehrere Klicks aus, doch die Neunaugen wurden nur noch mehr angestachelt.

Verstärke sie.

Diesmal stieß ich den tiefsten Ton aus, den ich erzeugen konnte, und augenblicklich erstarrte alles um mich herum. Ich schlug die erschlafften Viecher vor meinem Gesicht zur Seite und strampelte in Richtung Wasseroberfläche. Es funktionierte! Ich hatte die Neunaugen betäubt, genau, wie es ein Delfin mit seiner Beute tat. Warum hatte ich das nicht schon eher versucht?

Ich tauchte gerade lange genug auf, um meine Lunge mit Sauerstoff zu füllen. Ein paar Meter entfernt paddelte Ratter in Richtung Beckenrand. Ohne ihn auf mich aufmerksam zu machen, tauchte ich wieder unter und schwamm zwischen den dahintreibenden Neunaugen hindurch.

Ich stieß mehrere Klicks aus, die mir verrieten, wo sich das Netz befand, das um die Stelzen der Stadt gewickelt war. Es war nicht weit entfernt. Über mir hievte Ratter sich aus dem Becken.

Ich zog mein Tauchermesser hervor und stach in das engmaschige Netz. Die Klinge schnitt fast ungehindert durch das geflochtene Metall. Zum Glück war es kein Titan. Die Kälte nagte an meiner Haut. Ich beeilte mich, ein Loch in das Netz zu schlitzten, das groß genug war, damit ich mich hindurchschlängeln konnte. Hätte ich doch nur meinen Taucheranzug angehabt.

Als ich gerade durch das Netz geschlüpft war, strömten die Neunaugen hinter mir durch das Loch und umschwärmten mich. Sie waren aus ihrer Starre erwacht und griffen erneut an. In meinem Nacken und hinter den Ohren breiteten sich Schmerzen aus, denn jetzt bohrten sich die Viecher in meine Haut. Ich versuchte noch einmal, sie mit meinem Biosonar zu bekämpfen, doch diejenigen, die sich bereits festgesaugt hatten, ließen nicht mehr los. Inzwischen tat auch meine Lunge weh, denn ich brauchte dringend Luft zum Atmen. Völlig benommen schwamm ich auf den Rand der Plattform zu. Ich fragte mich, wo Shade und Gemma waren. Hatten sie es bis ins U-Boot geschafft?

Verzweifelt darum bemüht, unter der Ölplattform hindurchzuschwimmen, erhöhte ich meine Geschwindigkeit. Ich unterbrach meine Schwimmzüge nicht einmal, um die Neunaugen von mir abzusammeln, obwohl ihre Bisse höllisch wehtaten und ihre dicken, weichen Körper beim Schwimmen gegen meine Brust schlugen.

Es pfiff in meinen Ohren und meine Trommelfelle pochten. Ich schwamm mit aller Kraft, doch ich kam kaum voran. Plötzlich wurde ich von Todesangst ergriffen, denn mir wurde bewusst, dass mich eine starke Strömung unter der Stadt gefangen hielt. Ich tauchte tiefer, um dem Widerstand zu entgehen, musste aber feststellen, dass die Unterströmung in der Nähe des Meeresbodens noch stärker war. Und zwar so stark, dass ich jetzt fast auf der Stelle schwamm. Meine Kräfte ließen nach. Ich war kurz davor, ohnmächtig zu werden. Nur die Angst hielt mich bei Bewusstsein.

Die Neunaugen, die sich noch nicht tief genug in mein Fleisch gebohrt hatten, lösten sich von meiner Haut und verschwanden. Dabei wurde mir plötzlich bewusst, dass hier irgendetwas nicht stimmte.

Die Unterströmung müsste sich in Richtung offenes Meer bewegen und nicht auf die Küste zu. Ich schickte ein paar Schallwellen über meine Schulter und verlor fast drei Meter, während ich nach hinten gepeitscht wurde. Genau in diesem Moment sah ich es vor meinem geistigen Auge – eine schwerfällige Unterwasserturbine saugte das Wasser an, um die Stadt mit Energie zu versorgen. Ihr vergittertes Gehäuse würde mich zwar davor bewahren, von den Turbinenschaufeln zerfleischt zu werden, aber ohne Atemluft würde ich kaum die Kraft haben, mich von ihm wegzubewegen. Wie ein Wahnsinniger versuchte ich, noch schneller zu schwimmen.

Da tauchte plötzlich etwas Großes herab. Der Bullenhai! Ich keuchte und schluckte Meerwasser. Obwohl ich fast erstickte, warf ich meine Arme über den Kopf, um mich zu schützen … und stieß mit den Händen gegen Metall, nicht gegen das Fleisch eines Meerestieres. Für eine Sekunde konnte mein Hirn die graue Masse über mir nicht einordnen, dann begriff ich, wogegen ich gestoßen war. Über mir schwebte die Specter.

Immer noch würgend, tastete ich mich auf der Suche nach einem Eingang an der Unterseite entlang, während ich gleichzeitig gegen die Dunkelheit ankämpfte, die meine Sinne zu verfinstern drohte. Ich registrierte, dass die Einstiegsluke noch geschlossen war, und mir wurde klar, dass Shade die ganze Zeit nur einen Plan verfolgt haben musste – mich ertrinken zu lassen. Ich sah einen Lichtschimmer und etwas streifte meinen Nacken. Sicher ein weiteres Neunauge, das auf ein Festessen aus war. Ich versuchte, das Vieh wegzuschlagen, doch es biss noch fester zu und zerrte mich nach oben. Ein großes Neunauge, war mein letzter Gedanke. Dann wurde ich ohnmächtig.

Ich kam wieder zu mir, als ich auf festem Boden landete. Ich rollte mich auf die Seite und hustete fast das halbe Meer aus. Als meine Augen endlich wieder scharf sehen konnten und ich mich umblickte, war ich wieder einmal von der Seablite-Gang umstellt.

Shade lächelte mich schief an. »Willkommen an Bord der Specter