19

»Wir werden die Hardluck Ruinen bei Tagesanbruch erreichen«, sagte Shade zu den Outlaws, als wir zurück in den Gemeinschaftsraum kamen. »Aber wir werden sie nicht vor Sonnenuntergang betreten.«

»Kann mich Pretty jetzt hypnotisieren?«, fragte Gemma.

»Zuerst musst du die nassen Sachen loswerden«, sagte Shade und sah dann zu Trilo hinüber. »Gib ihr irgendwas zum Anziehen von dir.«

Trilo machte ein finsteres Gesicht und strich über die Amulette um seinen Hals.

»Ich sage es nicht noch einmal«, warnte ihn Shade.

Ich warf Eel, der im Schneidersitz auf dem Tisch saß und an Haitrockenfleisch knabberte, einen fragenden Blick zu.

»Trilo glaubt, es bringe Unglück, ein Mädchen an Bord zu haben«, erklärte Eel belustigt.

Trilos Miene wurde noch finsterer, als Kale ihm eine Hand auf den Rücken legte und freundlich sagte: »Oder wir geben ihr die Sachen, die du anhast.«

Trilo schüttelte Kales Hand ab und funkelte ihn böse an. Doch als Shades Blick ihn traf, riss er sich zusammen. »Okay, mach ich«, sagte er scheinbar unbeteiligt.

»Und du überlässt ihr deine Koje«, wandte sich Shade an Pretty.

Obwohl sein Gesicht keinerlei Emotionen zeigte, war es offensichtlich, wie sehr es in Pretty brodelte. »Wieso ausgerechnet meine?«

»Du bist der Sauberste von allen. Außerdem wirst du auf Gemma aufpassen, solange sie an Bord ist. Sollte ihr irgendetwas zustoßen, bist du dran.«

»Ich kann auf mich selbst aufpassen«, fuhr Gemma verärgert dazwischen.

Shade lächelte. »Du kannst es gern versuchen.«

»Sie kann meine Koje haben«, bot Eel an.

»Die Koje, die so schlimm stinkt, dass nicht einmal du darin schlafen willst?«, fragte Kale angeekelt.

»Wenn ich die dreckigen Klamotten und die Seeigelschalen wegräume, ist es bestimmt gleich besser.«

»Warum soll ich auf sie aufpassen und nicht er?« Pretty hob sein Kinn in meine Richtung.

»Wenn diese Vollidioten sich danebenbenehmen, denkst du, sie hören dann auf ihn, wenn er ›Hört auf damit!‹ ruft?«

»Pretty sagt gar nicht erst ›Hört auf damit!‹«, beklagte sich Trilo. »Er wirft einfach ein Messer nach deinem Kopf und nennt das eine Warnung.«

»Das zeigt wenigstens Wirkung«, erwiderte Pretty trocken.

Nachdem Gemma sich ein Hemd und eine Hose von Trilo angezogen hatte, war sie in den Gemeinschaftsraum zurückgekommen. Shade hatte alle rausgeschickt außer mir, Pretty und Eel. Gemma saß mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl und Pretty stand ein paar Schritte hinter ihr. Eel gab mir zwei Ohrstöpsel.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich will hören, was er sagt.«

Er wollte protestieren, doch Pretty unterbrach ihn. »Es wird bei ihm keine Wirkung zeigen, solange er sich der Sache bewusst ist und sich dagegen wehrt.«

»Haben die Wachleute in Seablite versucht, sich dagegen zu wehren?«, fragte ich. Nach Prettys überraschtem Blick fügte ich hinzu: »So seid ihr doch entkommen, oder? Du hast sie hypnotisiert, sodass sie zwanzig Minuten geschlafen haben.«

»Das war ein Teil des Fluchtplans«, gab er zu.

»Können wir endlich weitermachen?«, fragte Gemma. Plötzlich drückte sie die Hände auf die Ohren. »Was war das?«

Ich hatte nichts gehört.

Pretty schien überrascht zu sein. »Du kannst es hören?«

»Dieses vibrierende Geräusch? Ja, ihr nicht?«

Eel zog die Stöpsel aus den Ohren. »Wovon redet ihr?«

Gemma legte erneut die Hände auf die Ohren und drehte sich zu Pretty um. »Bist du das?«

Ich hatte wieder nichts gehört, doch diesmal war ich schon besser darauf eingestellt, sodass ich die Schwingungen zumindest gespürt hatte. Es war viel schwerer, sie in der Luft aufzufangen als im Wasser, aber sie waren definitiv da. Wie der tiefe Gesang der Wale. Zu tief für ein menschliches Ohr, aber man konnte die Vibration trotzdem spüren, wenn man genau aufpasste.

»Machst du irgendwelche Geräusche in besonders niedrigen Frequenzen?«

Er nickte. »So versetze ich die Menschen in eine Art Trance. Aber niemand, bei dem ich es versucht habe, hat jemals etwas gehört. Nicht einmal ich kann das.«

Gemma zuckte die Schultern. »Ich habe ein gutes Gehör.«

»Mehr als gut«, sagte ich und erinnerte mich daran, wie sie gehört hatte, dass Zoe in der Slicky auf uns zugesteuert war, obwohl wir über Wasser gewesen waren. »Und wenn du noch tiefer gehst?«, fragte ich Pretty.

»Das kann ich nicht. Und selbst wenn ich es könnte, so tiefe Frequenzen bringen deine Eingeweide, Trommelfelle oder Augäpfel zum Beben … bis du kotzen musst.«

»Dann lass das lieber«, sagte Gemma.

»Eigentlich müsste es völlig egal sein, dass du die Töne hören kannst«, meinte Pretty. »Dann ist es wie mit Trommeln oder Gesang. Du hörst die Geräusche zwar, aber sie können dich trotzdem in einen Dämmerzustand versetzen.«

»Und warum?«, fragte ich.

»Töne können deine Hirnströme beeinflussen«, sagte Eel, als sei das keine große Sache. »Das hat der Doc gesagt. Pretty ›regt die Theta-Gehirnwellen bei seinen Zuhörern an‹. So, als würde man gerade einschlafen.«

Pretty warf ihm bei der Erwähnung des Docs einen bösen Blick zu. Und ich konnte es ihm nicht verübeln. Wenn mir ein Arzt das Gehirn aufgeschnitten hätte, um herauszufinden, wie meine Dunkle Gabe funktioniert, wäre ich auch verbittert.

»Ist das der Grund, weshalb sich Menschen ruhiger fühlen, nachdem sie mit Delfinen geschwommen sind oder dem Gesang der Wale zugehört haben?«, fragte ich, denn ich wusste, dass es auf mich zutraf. »Wegen der tieffrequenten Geräusche, die sie machen?«

Pretty dachte darüber nach und wirkte ausnahmsweise sogar einmal interessiert. »Klingt logisch.«

»Nun hypnotisiere mich endlich«, meldete sich Gemma zu Wort.

Diesmal nahm ich die Ohrstöpsel an, als Eel sie mir hinhielt. Doch sowie Gemma in einen Trancezustand gefallen war, zog ich sie wieder heraus. »Bist du mit den Tönen fertig?«, fragte ich Pretty.

Er nickte und begann, in einer völlig normalen Stimmlage mit Gemma zu sprechen. Er sagte ihr, dass sie keine Geister mehr sehen werde. Dass sie nicht einmal wissen werde, dass sie da waren. Dass sie sie, egal in welcher Form, weder fühlen noch wahrnehmen werde. So machte er für etwa zehn Minuten weiter und brachte sie dazu, ihm alles nachzusprechen. Dann holte er sie aus der Trance zurück.

Natürlich wollte sie sofort das Ergebnis testen und eilte auf die Brücke, um Shade zu bitten, die Specter anzuhalten. Doch er lehnte das ab, denn er wollte einen möglichst großen Abstand zwischen sich und die Skimmer der Meereswache bringen, die vermutlich ausgeschwärmt waren, um nach ihm zu suchen.

»Du kannst morgen Früh schwimmen gehen«, sagte er. »Zeig ihr deine Koje«, wandte er sich dann an Pretty. »Und halt die anderen von ihr fern.«

»Es ist sowieso besser, am Riff zu tauchen«, erklärte ich ihr, als wir die Brücke wieder verließen. »Im offenen Meer gibt es längst nicht so viel zu sehen.«

Sie nickte nur und lief mit Pretty davon.

»Ich bekomme nie die Jobs, die Spaß machen.« Eel seufzte. »Hey, wenn sie die Wahl zwischen mir und Pretty hätte, was glaubst du, für wen sie sich entscheiden würde?«

Das war genau die Art von Unterhaltung, die ich eigentlich nicht führen wollte. Ganz und gar nicht. »Er ist ein menschlicher Gefrierbrand und du bist ein Chaot.«

Er grinste. »Damit bin ich eindeutig im Vorteil, denkst du nicht?«

»Ich geh mich mal umsehen, falls das kein Problem ist«, wechselte ich das Thema.

»Sie ist eine echte Schönheit«, sagte er und klang völlig hingerissen.

»Gemma?«

»Die Specter.«

Ich machte einen kurzen Rundgang durch das U-Boot, kletterte aber nicht die Leiter zum zweiten Deck hinauf. Eel hatte mir erzählt, dass sich dort die Schlafkojen befanden, dass ich jedoch auf der gepolsterten Bank im Gemeinschaftsraum übernachten müsste.

Er hatte mir auch gesagt, dass ich mir im Ausrüstungsraum zwei Taucheranzüge aussuchen konnte, also legte ich zwei auf die Seite, die Gemma und mir am besten passen würden und auch die saubersten waren.

Als ich mich schließlich auf der Bank im Gemeinschaftsraum ausstreckte, konnte ich nicht einschlafen. Die Sorge um meine Eltern ließ mich nicht los.

Im Moment hatte ich nichts, was mich ablenken konnte, und es traf mich wie ein Schlag, dass ich Mum und Dad vielleicht niemals wiederfinden würde. Dass sie niemals zurückkehren würden, weil das Schlimmste geschehen war. Ich gab den Versuch auf einzuschlafen, und machte mich auf den Weg in die kleine Kombüse. Ich musste diese Gedanken abschütteln, denn sonst wäre ich bald vor Kummer wie gelähmt.

Ich hatte gerade ein Fass mit Äpfeln geöffnet, als ich aus dem Augenwinkel ein Muster aus Punkten und Streifen wahrnahm. Ich richtete mich auf und sah durch ein großes Aussichtsfenster. Es war ganz von einer grauen Fläche mit blassen gelben Flecken und senkrechten Streifen ausgefüllt. Das musste die Flanke eines vorbeiziehenden Walhais sein. Ich trat näher, um einen besseren Blick auf den größten Fisch im ganzen Ozean werfen zu können, und lief dabei direkt gegen eine unsichtbare Wand. Nein, keine Wand. Es war Shade. Ich stolperte zurück. Der Outlaw hatte sich vor das Aussichtsfenster gestellt und war kaum zu erkennen gewesen, weil seine Haut perfekt das leicht wogende Muster des Hais angenommen hatte.

»Entschuldigung«, murmelte ich, doch es schien ihn nicht zu kümmern.

Mit freiem Oberkörper sah er dabei zu, wie der Walhai vorbeischwebte, und ich fragte mich, ob ihm klar war, dass seine Haut den vorbeiziehenden Fisch widerspiegelte oder ob der Farbwechsel unbewusst ablief.

»Was glaubst du, was sie wirklich sieht?«, fragte er, ohne sich umzudrehen.

»Keine Ahnung.« Ich trat neben ihn und sah dem Walhai hinterher, bis er aus unserem Sichtfeld verschwand.

»Könnte eine Dunkle Gabe sein.« Er sah mich an, während die Flecken und Streifen auf seiner Haut verblassten.

»Vielleicht«, stimmte ich ihm zu. »Aber sie hat nur drei Monate bei uns gewohnt.«

»Ach, und danach?«, wollte er wissen. Es überraschte mich nicht, dass mit seiner wechselnden Laune auch die sich windenden Tätowierungen wiedererschienen.

»Hat sie auf der Handelsstation gewohnt. Aber die Meereswache hat die Station eingenommen, also kann sie da nicht länger bleiben.«

Shade sah wieder aus dem Aussichtsfenster und seine Haut nahm einen bräunlichen Farbton an, den er zu bevorzugen schien, auch wenn er in Wirklichkeit genauso blass und sommersprossig war wie Gemma. Nach einer Weile sagte er: »Kale war nur drei Monate in Seablite, bevor wir ausgebrochen sind. Und er hat eine Gabe.«

Da er sich wieder entspannt hatte, beschloss ich, ihm die Frage zu stellen, über die ich die ganze Zeit nachdachte. »Weißt du, wer hinter den vermissten Townships steckt?«

»Ich wusste bis heute nicht einmal, dass welche vermisst werden.«

Ich vermutete, dass das Nein bedeutete.

»Möchtest du etwas hören, worüber du dir den Kopf zerbrechen kannst?«, fragte er. »Wie wär es damit: Es war schon vorher bekannt, dass ihr Geschäfte mit der Drift machen wolltet. Die Nachricht hat die Runde gemacht, bis zu den Leuten, die den Surfs auf dem Schwarzmarkt ihre Waren verkaufen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit.«

»Und wer sind die?«

»Die kaufen uns regelmäßig unsere Ladung ab. Sie sind unsere wichtigsten Handelspartner. Ich kann es mir also nicht leisten, mit Namen um mich zu werfen.« Seine Stimme nahm einen verbitterten Ton an. »Du hast doch selbst erlebt, dass wir nicht besonders viele Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen.«

»Wenn du mir keine Namen nennen willst, warum hast du dir dann überhaupt die Mühe gemacht, mir das zu erzählen?«

»Die Jungs und ich hatten den Auftrag, euer Geschäft mit der Drift platzen zu lassen. Wir sollten die Wagenladung klauen. Aber wir haben das abgelehnt, weil ihr Siedler seid und so.«

Er sah mich von der Seite an und ich erinnerte mich an den Moment, als er mir, nachdem ich ihn vor dem Galgen bewahrt hatte, versprechen musste, dass er keine Siedler mehr bestehlen würde. Demnach hielt er sich an dieses Versprechen.

»Du fragst dich vielleicht, ob die Surfs auf der Drift das auch konnten«, fuhr er fort.

»Was konnten?«

»Nein sagen.«

Ich sah ihn verdutzt an, denn ich verstand gar nichts.

»Menschen oder Situationen sind nicht immer, was sie scheinen«, fügte er hinzu.

Jetzt kapierte ich. Shade deutete an, dass jemand die Surfs auf der Drift dazu gezwungen haben könnte, meine Eltern zu entführen. Jemand, der so weit gegangen war, sie sogar mit einem hoch entwickelten U-Boot auszustatten. »Das ist nur eine Theorie, oder? Du weißt es nicht mit Sicherheit?«

»Wenn ich wüsste, wer deine Eltern entführt hat«, sein Tonfall wurde eisig, »hätte ich es schon auf Rip Tide gesagt.«

Ich hatte keine Ahnung, was seine Stimmung hatte umschlagen lassen. Doch im nächsten Moment scholl Lachen vom Oberdeck herab – Gemmas Lachen –, gefolgt von männlichem Gelächter, und ich war froh, dass Shade seinen Ärger auf jemand anderen richten konnte. Er schwang sich auf eine Leiter und nahm zwei Sprossen auf einmal. Ich folgte ihm etwas langsamer. Gemma hatte das Recht zu lachen, mit wem sie wollte – auch wenn mir dieser Gedanke fast die Luft abschnürte.

Die Leiter endete an einem Geländer, von dem aus man die Brücke sehen konnte. Ich entdeckte den leeren Pilotensitz und hoffte, dass der Bordcomputer der Specter ein zuverlässiger Autopilot war.

Zu meiner Linken befand sich ein Gang, der an beiden Seiten von Doppelstockkojen gesäumt war. Jede Koje hatte einen Vorhang, die meisten davon waren zurückgezogen. Etwa in der Mitte des Ganges blieb Shade kurz vor Trilo stehen, der auf dem Boden lümmelte, während sich andere Outlaws aus ihren Kojen gelehnt hatten und still lauschten. Goldenes Licht kam aus einer der oberen Kojen, aus der auch Gemmas Stimme zu hören war. Ich konnte ihre Worte nicht verstehen, aber ich erkannte Hatchets Lachen wieder.

»Soll ich dir runterhelfen?«, knurrte Shade böse zu der Koje hinauf.

Tatsächlich purzelte kurz darauf Hatchet heraus und landete direkt auf Trilo. Die beiden rappelten sich schnell auf.

»Wenn ich mir euch so ansehe«, wandte sich Shade drohend an alle, »dann habe ich das Gefühl, ihr seid gar nicht müde und wollt lieber etwas tun, anstatt zu schlafen …«

Sofort zogen sich die Outlaws in ihre Kojen zurück.

»Mann, ich wäre als Nächstes dran gewesen«, beklagte sich Eel und ließ sich in die Koje neben mir plumpsen.

»Womit denn dran gewesen?«, fragte ich.

»Gemma hat uns die Karten gelegt. Sie sagt, dass Kale eines Tages Präsident der Versammlung wird.«

Inzwischen war der Gang leer, doch Shade blieb noch einen Moment vor Gemmas Koje stehen. »Mach mir das Leben nicht noch schwerer und schließ den Vorhang.«

Dann entdeckte er Pretty, der in seinem Spind wühlte. »Nennst du das, die Kerle von ihr fernhalten?«

Pretty zuckte die Schultern. »Ich hatte mein Messer nicht zur Hand.«

Nachdem Shade den Gang hinunter verschwunden war, lief ich zu Gemmas Koje, denn ich nahm an, dass seine Anordnung nicht für mich galt. Gemma hockte auf den Knien und hatte sogar noch reichlich Kopffreiheit. Als sie den Vorhang zuziehen wollte, entdeckte sie mich und winkte mich zu sich hinauf – aber ich wollte mein Glück nicht unnötig herausfordern, also schüttelte ich den Kopf.

»Ist es nicht perfekt?«, flüsterte sie und lehnte sich zu mir in den Gang hinaus, während ihr Haar das Gesicht umspielte.

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Obwohl die Koje recht geräumig war, war sie nur etwa halb so groß wie der Wandschrank auf der Handelsstation. Vielleicht hatten es ihr die eingebauten Schubladen und Regalfächer angetan, wer weiß? Was Pretty betraf, hatte Shade jedenfalls Recht. Seine Koje war makellos.

»Perfekt«, stimmte ich ihr zu und entfernte mich wieder. »Gute Nacht.«

Sie winkte zum Abschied und schloss den Vorhang.

Als ich den Gang hinunterlief, bemerkte ich, dass Pretty uns beobachtet hatte, was meinen Schein aufleuchten ließ. Insbesondere, weil er mich mit einem leicht verwirrten Gesichtsausdruck betrachtete.

»Was?«, wollte ich wissen.

»Nichts.« Er warf seinen Spind zu. »Ich bin mir nur nicht sicher, ob du gleichgültig bist oder dumm.«

Mit diesen Worten ließ er mich stehen. Ich blieb mit heiß gelaufenem Gesicht zurück und erhellte den Gang.

Das unterseeische Tal, das sich unter uns ausbreitete, schimmerte, wie eine eisige Strömung, die auf wärmeres Wasser trifft. Hier im Meer fühlte ich mich wieder wie ich selbst. Ich konnte mich so bewegen, wie ich wollte, in alle sechs Richtungen, fließend und leicht. Ich blickte zu Gemma hinüber. Ich musste wissen, ob sie trotz des beeindruckenden Anblicks in Panik geriet.

Als sie mich anlächelte, entspannte ich mich. Sie hatte keine Angst. Sie konnte wieder tauchen. Sie konnte wieder wie früher mit mir im offenen Meer schwimmen.

Bis zur Abenddämmerung hatten wir massig Zeit, aber ich wollte die Grenzen von Prettys Hypnose nicht gleich beim ersten Mal austesten. Ich gab ihr ein Zeichen, dass wir uns auf den Weg zurück zur Specter machen sollten, doch sie schüttelte den Kopf und spannte Hatchets ausgeliehene Armbrust, die mit einem spitzen Pfeil aus Messingdraht geladen war. Sie wollte versuchen zu jagen, wie ich es ihr vor ein paar Monaten beigebracht hatte.

Ich grinste und löste Eels Speer von der Schlinge an meinem geborgten Taucheranzug. Mit einer Drehung ließ ich den Teleskop-Schaft herausfahren, bis ich einen eineinhalb Meter langen Speer in den Händen hielt. Er war leicht, stabil und hatte eine rasiermesserscharfe, dreikantige Spitze – ein guter Speer. Ich konnte kaum erwarten, ihn zu benutzen. Anders als mit einer Harpune erforderte das Speerfischen List und eine flinke Hand. Eine weitaus aufregendere Art, sich das Mittagessen zu erbeuten. Außerdem gab es dem Fisch eine faire Chance.

Das Tal lag verborgen zwischen ein paar unterseeischen Bergkämmen. Ich bezweifelte, dass irgendjemand sonst von seiner Existenz wusste, was bedeutete, dass es dort massenhaft Fisch gab.

Ich wollte auf keinen Fall die Erinnerung an ihren letzten Tauchgang heraufbeschwören und war deshalb äußerst vorsichtig vorgegangen, umso überraschter war ich, als sie einfach über den Rand der Klippe in das Tal schwamm.

Ich folgte in ihrem Kielwasser und tauchte an der Klippenwand hinab, an der unzählige farbenfrohe Seeanemonen die Felsvorsprünge bedeckten, während neonblaue Krabben sich darunter verkrochen. Knapp außer Reichweite huschte eine Schar Goldener Schnapper davon.

Als ich auf dem Boden aufsetzte, hatte Gemma bereits einen fetten, fast zwei Meter langen Schwertfisch im Visier. Sie hielt ihren Arm ruhig und zielte, doch bevor sie den Pfeil abfeuern konnte, war sie plötzlich von einem Schwarm silberner Stachelmakrelen umgeben. Mit ihren rundlichen und flachen Körpern reflektierten die Fische das Sonnenlicht wie tausend Spiegel. Gemma verscheuchte sie. Doch als sie sich endlich zerstreut hatten, war der Schwertfisch längst fort. Ich lachte über ihren frustrierten Blick und deutete auf den pilzförmigen Kegel eines erloschenen unterseeischen Vulkans in einiger Entfernung, denn dorthin hatte sich der Schwertfisch davongemacht.

Gemeinsam tauchten wir durch das Tal, geschützt durch die hohen Felswände, an denen sowohl Weichkorallen als auch Schwämme und Seefedern blühten. Als wir uns der Felsformation näherten, ließ ich mich auf den Meeresboden sinken. Höchstwahrscheinlich hatte sich der Schwertfisch am Boden versteckt. Gemma kam neben mir auf und ich schob den hüfthohen Seetang zur Seite. Ich entdeckte den grünmetallisch glänzenden Fisch unter einer Felsnase. Nur sein gegabelter Schwanz lugte hervor und ich winkte Gemma näher.

Gerade als sie die Armbrust hob und zielen wollte, hallte eine Stimme in unseren Helmen wider.

»Wir sind auf dem Weg zu euch«, rief Trilo durch den Empfänger. »Macht euch bereit, an Bord zu kommen.«

Zu gerne hätte ich auf meinem Tauchcomputer am Handgelenk als Antwort eingetippt, dass wir noch nicht umkehren wollten, doch etwas an seinem aufgeregten Ton machte mir Sorgen.

Als wir die Silhouette der Specter über uns erblickten, schwammen wir hinauf zur Luke an der Unterseite und zogen uns hinein. Gleich nachdem Trilo den Deckel zugemacht hatte, rief er in die Sprechanlage: »Sie sind drin. Los!«