18

Die meisten der umstehenden Outlaws verschwanden durch eine Luke nach Nebenan, als Pretty sich daranmachte, zwei Neunaugen aus meinem Nacken zu ziehen. Ich hatte starke, stechende Schmerzen. Er stellte einen Fuß auf meine Schulter und drückte mich auf den Boden, dann öffnete er eine Flasche Alkohol und begoss mich damit. Beinahe hätte ich laut geschrien. Er hätte die offenen Wunden auch gleich anzünden können. Doch ich biss lieber die Zähne zusammen, als zu zeigen, wie sehr es wehtat. Eel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Ich sah mich in dem Chaos um, das im Ausrüstungsraum der Specter herrschte. Ein Teil der Gerätschaften schaukelte ungesichert an Haken über uns, Waffen waren wahllos auf Regalen gestapelt, während Taucheranzüge, Helme und Stiefel die Sitzbank und den Boden bedeckten. Der Geruch nach alten Socken und Schweiß war aber noch schlimmer als das ganze Durcheinander.

Die Specter nahm Fahrt auf, doch weil ich keine Schiffsschrauben hören konnte, vermutete ich, dass sie eine Art Tarnkappen-U-Boot war, das von künstlichen Muskeln angetrieben wurde, die sich zwischen dem inneren und äußeren Schiffsrumpf befanden und das Boot so lautlos wie einen Hai durch das Meer gleiten ließen.

»Wo ist Gemma?«, fragte ich. Eels Grinsen verschwand und er nickte zur Luke, die in den nächsten Raum führte.

Ich richtete mich auf und mein Körper schmerzte. »Geht es ihr gut?«

»Es geht voran«, erwiderte Eel. »Sie ist auf dem Weg von ›starr vor Angst‹ zu ›zittrig‹.«

»Es geht ihr gut«, mischte sich Pretty ein, als wäre er der Mediziner an Bord.

Ich schob die Luke auf und trat in den Gemeinschaftsraum, in dem die Atmosphäre und der Geruch einer Walfänger-Schlafbaracke herrschten. Waffen und ausgestopfte Meerestiere schmückten die Wände und ein Sandsack schaukelte in der Ecke. Die Lampen waren in die Zimmerdecke eingelassen und gedimmt, sodass keine hell erleuchteten Aussichtsfenster die Anwesenheit des U-Bootes verraten konnten. Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah ich Gemma in einer Ecke auf einer gepolsterten Bank hocken.

Shade, der immer noch seine nasse Kleidung trug, warf mir ein Handtuch zu. »Na, gut durchgeatmet?«

Ich nickte. Das Handtuch war nicht ganz sauber – aber wenigstens trocken.

Jetzt konnte ich ein Fleckchen Meer durch das dunkle Aussichtsfenster auf der anderen Seite erkennen. In welche Richtung wir auch immer unterwegs waren, wir bewegten uns sehr schnell. Ich hoffte, das Ziel waren die Hardluck Ruinen.

»Okay«, sagte Shade, als würde er zur Sache kommen.

Ich sah zu ihm hinüber, aber er hatte sich Gemma zugewandt. »Er ist hier.« Shade deutete auf mich. »Er ist am Leben. Jetzt rede endlich.«

Obwohl Gemma in eine Decke gehüllt war, zitterte sie. Unsere Blicke trafen sich und in ihren Augen las ich eine stille Bitte um Hilfe.

»Sie ist immer etwas nervös, wenn sie im Meer taucht«, erklärte ich Shade und ging zu ihr. Als ich nah genug war, flüsterte ich ihr zu: »Ist es wieder passiert?«

Sie nickte und sah ganz elend aus.

»Etwas ›nervös‹?«, höhnte Shade. »Sie hat sich überhaupt nicht mehr bewegt, sich zu einem Ball zusammengerollt und in die Tiefe sinken lassen.«

»Passive Angst«, sagte ich. »So nennt man dieses Verhalten. Das passiert unerfahrenen Tauchern andauernd.«

»Kann ich mich einen Moment hinlegen?«, fragte Gemma. »Dann geht es mir gleich wieder gut.«

»Nicht, bevor du alles erklärt hast«, antwortete Shade und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Sie möchte nicht darüber reden«, sagte ich schnell, doch er blieb unbeeindruckt.

»Das ist mir egal.«

»Du willst wissen, was nicht mit mir stimmt?«, platzte es aus Gemma heraus. »Ich bin nicht hart genug im Nehmen, das ist es. Jedenfalls nicht im Meer. Alles daran und darin jagt mir Angst ein.«

»Na bitte«, erwiderte Shade seelenruhig. »Das wollte ich doch nur wissen.« Er sah zu Pretty hinüber, der gelangweilt an der Wand lehnte. »Kannst du dich darum kümmern?«

Pretty nickte.

»Wie denn ›darum kümmern‹?«, fragte ich.

»Pretty kann Menschen hypnotisieren«, antwortete Eel, der aus dem Ausrüstungsraum herüberkam. »Und das nicht nur aufgrund seiner umwerfenden Persönlichkeit.«

Nach und nach kamen weitere Outlaws aus dem Gang herein, wo sie offensichtlich schon gelauert hatten.

Trilo verzichtete auf die Leiter an der Wand und ließ sich aus einer Luke in der Decke fallen. »Pretty kann dafür sorgen, dass du deine eigene Mutter vergisst«, sagte er zu mir und warf dann Gemma einen Seitenblick zu.

»Wirklich?« Sie drehte sich auf der Bank um und sah Pretty fragend an.

Er blieb gelassen. »Angst kann man ganz leicht verschwinden lassen.«

»Kannst du auch dafür sorgen, dass eine Person etwas nicht mehr sieht?«, fragte sie.

»Was zum Beispiel?«

Diese Frage hätte ich auch gestellt.

Sie räusperte sich. »Dinge, die nicht da sein sollten …«

»Du siehst Dinge?«, wollte Shade wissen.

»Ich sehe Geister«, gab sie leise zu. »Im Meer.«

Plötzlich wurde es ganz still im Raum, bis Shade ungläubig wiederholte: »Geister?«

Auch ich fragte mich, ob sie sich das nur ausgedacht hatte, damit er sie wegen ihrer Angst vor dem Tauchen in Ruhe ließ.

»Ja.« Sie hob trotzig das Kinn und erwiderte seinen Blick. »Das Meer ist voller Geister.«

Mist. Sie hatte sich das nicht nur ausgedacht. Sie war vollkommen überzeugt davon.

»Bist du deshalb heute Morgen durchgedreht?«

Sie nickte.

»Warum hast du mir das nicht gesagt?«

»Ich wollte nicht, dass du denkst, ich sei verrückt. Ich weiß, dass ihr nicht an Geister glaubt.«

»Wie sehen sie denn aus?« Eel lehnte sich über den Tisch, um ihr näher zu sein. Er glaubte ihr offensichtlich.

»Sie sind nur eine Art Bewegung. Gebilde am Rande meiner Wahrnehmung.«

Sie wollte noch mehr sagen. Hatchet drängte sich nach vorn und schob mich zur Seite, um ihr besser zuhören zu können.

Von Shade einmal abgesehen, hielt sich nur Pretty mit skeptischer Miene zurück, was mich ärgerte. Nicht, weil seine Zweifel berechtigt waren, ich hasste es nur zu wissen, dass wir dasselbe empfanden.

»Sie verschwinden, wenn ich versuche, sie direkt anzusehen«, fuhr Gemma fort. »Aber es ist mehr als das. Ich kann sie auch spüren.«

»Du meinst, in deinem Inneren?« Trilos giftgrüne Augen leuchteten. »Als wärst du von ihnen besessen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Zuerst nehme ich etwas um mich herum wahr. Überall um mich herum. Meine Haut beginnt zu kribbeln, bevor ich weiß, wie mir geschieht. Und dann wird dieses Gefühl immer schrecklicher.«

»Tut es weh?«, fragte Kale.

»Nein, es ist kein Schmerz. Es ist als … Ich fühle mich schlecht. Schlimmer als schlecht. Und dann sehe ich sie, bewegliche verschwommene Gebilde, die neben mir schweben. Doch wenn ich mich umdrehe, um sie besser sehen zu können, verschwinden sie.«

Shade wandte sich an Pretty. »Nun?«

»Vielleicht.« Auf mehr wollte er sich wohl nicht festlegen.

Gemma warf die Decke ab und ihr durchnässter, völlig ruinierter Sari kam zum Vorschein. »Kannst du mich hypnotisieren, sodass ich sie nicht mehr sehe?«

»Vielleicht«, wiederholte er. »Auf jeden Fall kann ich dir die Angst nehmen.«

»Du sorgst dafür, dass sie sie nicht mehr sieht«, sagte Shade bestimmt.

»Mach am besten beides«, sagte Gemma. »Wie fangen wir an?«

»Warte!«, rief ich und sah Pretty an. »Du hast vor, an ihrem Verstand herumzupfuschen?«

»Sie kann es rückgängig machen«, erwiderte Pretty, als sei das keine große Sache. »Wenn sie sich wirklich stark auf das konzentriert, was sie vor der Hypnose gefühlt und gesehen hat.«

»Und wenn ich das nicht tue«, wollte Gemma wissen, »bleibe ich hypnotisiert, stimmt’s? Dann sehe oder spüre ich die Geister nie wieder und habe auch keine Angst mehr, im Meer zu tauchen, oder?«

»Das kann ich nicht genau sagen.« Pretty stieß sich von der Wand ab und trat näher. »Ich habe noch nie versucht, jemanden davon abzuhalten, Geister zu sehen.« Der Spott in seinen Worten war nicht zu überhören.

»Kann ich kurz mit dir reden?« Ich drängte mich durch die Outlaws und bot Gemma meine Hand an. »Allein.«

Ihr Blick wanderte zu Shade, der seinen Arm in Richtung Ausrüstungsraum ausstreckte. »Geh schon. Er soll ruhig alle Gründe aufzählen, warum das keine gute Idee ist.«

»Es ist nur dann keine gute Idee, dich hypnotisieren zu lassen, wenn Pretty gerade sauer auf dich ist«, sagte Eel und knuffte Hatchet am Arm, »und du nicht den ganzen Tag damit verbringen willst zu denken, du wärst ein Schwein.«

Während die anderen Outlaws auf Hatchets Kosten grölten und johlten, zog ich mich mit Gemma in den Ausrüstungsraum zurück.

Ich schloss die Luke hinter uns. »Seit wann fragst du jemanden um Erlaubnis für irgendetwas?«, wollte ich wissen. Bei ihrem verwirrten Blick fügte ich hinzu: »Shade. Du hast ihn fragend angesehen, bevor du zugestimmt hast, mit mir zu kommen.« Und das brachte mich zur Weißglut.

Sie winkte ab. »Es ist sein U-Boot.«

Da ich wusste, dass sie bei ihm leben wollte, hätte es mich nicht wirklich überraschen dürfen, dass sie sich den Mitgliedern seiner Gang anpasste und sich ihm unterordnete. Ich sollte mich lieber dem wirklich wichtigen Thema zuwenden. »Hör zu, du darfst nicht zulassen, dass Pretty dich hypnotisiert.«

»Wieso nicht?«

»Weil irgendetwas mit ihm nicht stimmt.«

Sie setzte diesen Blick auf, den sie immer hatte, wenn sie sich etwas nicht ausreden lassen wollte. »Er war als Jugendlicher in einer Besserungsanstalt eingesperrt. Wir haben nicht alle das Glück, eine Familie wie deine zu haben.«

»Darum geht es doch gar nicht. Du kannst besser in den Menschen lesen als ich einen Tiefenanzeiger. Du weißt, dass Pretty so viel menschliche Wärme wie ein Eisfisch besitzt. Wahrscheinlich hat er sogar wie dieser Fisch durchsichtiges Blut und ein weißes Herz. Und so jemanden willst du an deinem Verstand herumfuhrwerken lassen?« Als sie nichts erwiderte, fügte ich hinzu: »Wir finden eine andere Möglichkeit, wie wir dir helfen können.«

»Welche denn?«, höhnte sie. »Ein Arzt würde mich für nicht ganz dicht erklären. Und wer weiß, vielleicht bin ich das auch.« Zitternd ließ sie sich auf eine Bank fallen. »Ich will nicht auf irgendeine Heilung warten, die vielleicht nie eintritt. Nicht, wenn die Chance besteht, dass Pretty es jetzt ändern kann.«

»Weil Shade es so will?«

»Wie bitte? Nein«, erwiderte sie hastig. »Ich habe meine eigenen Gründe. Geister!«

»Aber du machst es auf seine Weise, weil du willst, dass er dich akzeptiert und auf der Specter leben lässt. Das ist okay, ich hab schon verstanden. Er ist das einzige Familienmitglied, das du noch hast.«

Sie wurde ganz still. »Ich dachte, ich sei jetzt ein Teil deiner Familie«, sagte sie leise. »Das haben deine Eltern gesagt. Das hast du gesagt. Egal wo ich wohne.«

»Natürlich bist du das«, beeilte ich mich zu sagen. »Aber der Plan war doch, Shade zu fragen, ob du bei ihm leben kannst, oder?«

»Es gibt keinen Plan. Ich habe dir gesagt, dass ich mich nicht um meine Probleme kümmern will, bis wir deine Eltern gefunden haben. Weil es mir egal ist, wo ich landen werde, solange deine Familie nicht wieder beisammen ist … auch wenn ich kein Teil mehr von ihr bin.«

»Du bist ein Teil unserer Familie«, versicherte ich ihr und ignorierte den pochenden Druck hinter meinen Augen und dass sich mir die Kehle zusammenschnürte. »Ich wollte doch nur …«

»Ist schon gut.«

»Ich wünsche mir, dass du wieder bei uns wohnst. Das weißt du doch.«

Sie schenkte mir ein schwaches Lächeln. »Weil Zoe keine Schiffswracks mit dir erkunden möchte?«

»Und aus Millionen anderen Gründen.«

»Genau deshalb soll Pretty mich hypnotisieren – damit ich wieder unter Wasser leben kann. Und damit ich, egal wohin ich gehe, nie wieder einen Geist sehen muss.«

Was sollte ich da sagen? Es war ihre Entscheidung, auch wenn ich Pretty nicht einmal zugetraut hätte, eine Hypnose bei einem Goldfisch durchzuführen.

»Würdest du im Raum bleiben, während er es tut?«, fragte sie.

»Du wirst mich nicht davon abhalten können.«

Sie lächelte traurig. »Sorg dafür, dass er mir keine zusätzlichen Verrücktheiten in den Kopf setzt, okay?«