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»Erstens, der Häuptling der Nomad ist nicht unter den Toten. Jemand soll herausfinden, ob er lebend gesehen wurde, seit die Nomad verschwunden ist – vielleicht auf Rip Tide oder auf dem Schwarzmarkt. Wenn Sie das geregelt haben, nehmen Sie seine Aussage auf.« Revas deutete in meine Richtung. »Alle wichtigen Details und Anhaltspunkte. Dann schicken Sie drei Skimmer raus, die nach der Drift suchen sollen. Besorgen Sie sich Bilder und die Abmessungen des Schiffes, damit sie nicht jedem Echoimpuls auf dem Radarschirm nachgehen müssen.«
»Das ist alles?«, beschwerte ich mich. »Nur drei Skimmer?«
Die Gardistin zog bei meinem respektlosen Ton die Augenbrauen hoch. Doch das war mir egal. »Mehr bringen Sie nicht auf, um nach meinen Eltern zu suchen?«
»Selbst wenn ich mehr Fahrzeuge übrig hätte, was nicht der Fall ist«, Revas Stimme nahm einen warnenden Unterton an, »verlangt die Situation ein diplomatisches Vorgehen und keine Machtdemonstration. Die Surfs auf der Drift haben deine Eltern aus einem bestimmten Grund entführt.«
»Sie hatten keinen Grund. Wir wollten ihnen etwas von unserer Ernte verkaufen.«
»Geh nach Hause, Kind, sonst machst du alles nur noch schlimmer. Ich werde tun, was ich kann, um deine Eltern zu finden und ihre Freilassung zu erreichen. Obwohl ich aus einem ganz anderen Anlass hier bin.« Sie zeigte auf die Reihen der Toten. »Deshalb. In den letzten neun Monaten sind drei Townships verschwunden. Das sind mehr als eintausend Menschen, die auf zu vielen Prioritätenlisten ganz nach unten geschoben wurden. Aber nicht auf meiner.«
Verschwundene Townships? Das hörte ich zum ersten Mal. Eigentlich erfuhr man innerhalb des Staatenbundes nie viel über die Surfs, es sei denn, ein Township hatte wieder einmal irgendeine arme Floaterfamilie angegriffen, ihre Vorräte geraubt und ihr Hausboot angezündet. »Was meinen Sie mit verschwunden?«
»Tja, genau diese Frage stelle ich mir auch. Die Nomad ist das erste Township, das wieder aufgetaucht ist. Und wenn du sagst, du hättest sie verankert im Müllstrudel gefunden, vermute ich mal, dass die anderen nicht unbedingt in einem Sturm gesunken sind.«
»Wer von Ihnen ist Kommandantin Revas?« Ein stämmiger Mann kletterte die Leiter am Anlegering hinauf. Angesichts der Hitze war er ziemlich übertrieben gekleidet, denn er trug ein Hemd mit hochgeschlossenem Kragen und einen violetten Gehrock. Beim Anblick der Leichen blieb er kurz stehen, dann klappte er die Gläser an seiner Sonnenbrille nach oben und beäugte das Kommandantenabzeichen an Revas’ Overall. »Das sind dann wohl Sie. Bürgermeister Fife schickt mich. Er will wissen, ob es wahr ist, dass jemand die Nomad gefunden hat.«
»Wer sind Sie?«, fragte Kommandantin Revas.
»Ratter«, sagte er schlicht und hängte noch ein »gnädige Frau« an, gepaart mit einem Lächeln, das seine grünen Zähne und ein Stück Kaugras zum Vorschein brachte, das er sich in die Wange gestopft hatte.
»Also, Ratter, sagen Sie Ihrem Boss, dass es keine Überlebenden gibt.«
»Ein furchtbarer Skandal.«
»Hat etwa einer von Fifes Preisboxern auf der Nomad gelebt?«, fragte Revas demonstrativ. »Ist er deshalb so interessiert an der Geschichte?«
»Nein, gnädige Frau. Bürgermeister Fife geht es nur um die Surfs. Seit die Nomad vermisst wird, ist er krank vor Sorge um die armen Menschen.« Ratter spuckte den Batzen Seegras auf das Deck zwischen zwei mit Planen bedeckte Leichen.
»Machen Sie das weg!«, befahl Kommandantin Revas.
Der heftige Ton in ihrer Stimme ließ mich zusammenzucken. Hätte sie mich gemeint, wäre ich ohne Widerworte sofort auf dem Boden herumgekrochen. Doch Ratter warf ihr nur einen gereizten Blick zu. »Ich fasse doch nicht dieses durchgekaute Zeug an.«
Mit eisiger Ruhe zog Revas ihre Harpistole aus dem Half-ter und zielte direkt zwischen Ratters Augen. »Machen – Sie – das – weg!«
Ich trat einen Schritt zurück, denn ich traute Ratter nicht zu, dass er schlau genug war zu begreifen, dass Kommandantin Revas tatsächlich den Abzug drücken würde, wenn er nicht gehorchte, auch wenn sie wahrscheinlich nicht die Absicht hatte, ihn zu töten.
Missmutig bückte er sich und hob den feuchten Klumpen Kaugras auf.
Bei diesem ganzen Hin und Her platzte mir fast der Kragen. Kommandantin Revas schien einem Typ, der sich den toten Surfs gegenüber respektlos verhielt, mehr Beachtung zu schenken als der Entführung meiner Eltern. Vielleicht waren die Surfs nicht die Einzigen, die die Pioniere hassten. Doch auch wenn Revas voreingenommen sein sollte, hätte ich eher auf das Wiedergefrieren der Gletscher gewettet als darauf, dass sie das zugab.
Mit dem feuchten Seegras in der geballten Faust sagte Ratter: »Fife lässt Ihnen ebenfalls ausrichten, dass er entscheiden wird, was mit dem Township geschieht, wenn alle an Bord tot sind. Er ist der offizielle Repräsentant der Surfgemeinschaft im Staatenbund.«
Kommandantin Revas steckte ihre Pistole zurück ins Halfter. »Teilen Sie dem Bürgermeister mit, dass die Nomad Teil einer Ermittlung ist und von der Meereswache auf unbestimmte Zeit beschlagnahmt wurde.«
»Und was ist danach?« Ratter ließ nicht locker.
»Danach ist sie mein Bergungslohn«, mischte ich mich ein. »Ich habe das Schiff gefunden. Es gibt keine Überlebenden. Wenn also die Meereswache ihre Ermittlungen abgeschlossen hat, gehört die Nomad mir.«
Ratter starrte mich an.
Es war mir egal, dass ich wie ein herzloser Idiot klang, weil ich einfach ihr Gespräch unterbrochen hatte und keine Rücksicht auf die vielen Leichen zu unseren Füßen nahm. Ich wollte es Kommandantin Revas zeigen. Ich kannte die Bergungsgesetze genauso gut wie jeder andere Meeresbewohner.
Mit verkniffener Miene wandte Revas den Blick von mir ab, als sei ich ein Eimer voller Fischgedärme, und drehte sich zu der Gardistin um. »Schaff mir diese Provinzbrut aus den Augen.«
Unsere Nachbarn, Sharon und Lars Peavy, kamen nach meinem Anruf sofort zur Handelsstation und erklärten sich bereit, sich um Zoe zu kümmern, während ich mich auf die Suche nach meinen Eltern machen wollte. Sie mussten Zoe zwingen, in ihr U-Boot zu steigen, denn sie trat um sich und schrie fürchterlich.
»Was, wenn sie den Peavys einen Elektroschock verpasst?«, fragte Gemma besorgt.
»Das wird sie nicht«, sagte ich, während ihr U-Boot in den Wellen verschwand. »Selbst Leuten, die sie hasst, versetzt sie keinen Schock, weil sie zu viel Angst davor hat, sie ernsthaft zu verletzen. Da wird sie ganz sicher erst recht keine Menschen mit ihrer Elektrizität angreifen, die sie mag.«
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Gemma.
Nach allem, was sie an diesem Tag durchgemacht hatte, überraschte es mich, dass sie noch immer »wir« sagen konnte. »Ich kann mich bei der Suche nach meinen Eltern nicht nur auf drei Skimmer verlassen. Ich werde nach Rip Tide fahren«, erklärte ich ihr.
»Wo der Boxkampf stattfindet?«
»Ja. Es liegt etwa einen halben Segeltag südlich von hier. Die Townships holen dort ihre Rationen ab. Ich weiß, dass nur eine geringe Chance besteht, dass sich die Drift dort blicken lässt, aber ich will unbedingt mit dem Repräsentanten der Surfs reden. Vielleicht hat er etwas gehört und weiß, was der Häuptling der Drift mit meinen Eltern vorhat oder was ihre Freilassung kosten würde. Und wenn nicht, kann er mir vielleicht die Koordinaten der Fanggründe der Drift nennen. Dann hätte ich wenigstens einen Anhaltspunkt, wo ich mit der Suche beginnen kann.«
»Ich werde mit dir kommen.«
»Danke, aber ich habe dich heute schon genug in Gefahr gebracht.«
»Das ist mir egal. Mir ist nur wichtig, dass wir deine Eltern zurückholen.« Plötzlich richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf jemanden hinter mir. »Hey, das gehört mir!«
Ich drehte mich um und sah einen Gardisten mit einer Reisetasche aus der Lounge kommen.
»Gut, die kannst du mitnehmen.« Er warf Gemma die Tasche vor die Füße. »Ich glaube, es ist alles drin. Aber sieh lieber noch mal nach.«
»Was soll das heißen?«
»Du musst hier verschwinden. Befehl der Kommandantin.«
»Aber …«, Gemma hielt inne. »Wo finde ich die Kommandantin?«
»Das kannst du dir sparen«, sagte ich, doch sie beachtete mich nicht und blickte den Gardisten erwartungsvoll an.
»Dein Freund hat Recht. Kommandantin Revas würde einer Jugendlichen nie erlauben, in einer Station der Meereswache herumzulungern.«
»Seit wann gehört unsere Handelsstation der Meereswache?«, fragte ich entrüstet.
»Seit die Versammlung das so beschlossen hat«, erwiderte er ungerührt. »Das ist ein guter Standort.«
»Wofür?«
»Um für Stabilität und Gerechtigkeit innerhalb des Grenzgebiets zu sorgen«, sagte er und zitierte damit offensichtlich jemanden. Wahrscheinlich einen seiner Vorgesetzten oder einen Abgeordneten der Versammlung.
Genau was wir Siedler brauchten – eine Besatzung mitten in unserem Territorium, damit der Staatenbund uns kontrollieren und sich in unsere Geschäfte einmischen konnte. Schon jetzt fühlte sich die Handelsstation plötzlich anders an. Als wäre alles Leben aus ihr herausgesaugt worden.
Den Tränen nahe hob Gemma ihre Reisetasche auf und drückte sie an sich. »Also«, sagte sie und räusperte sich, »möchtest du Jibby nach den Tickets für den Boxkampf fragen oder soll ich das machen?«
»Natürlich haben sie auch deine Abstellkammer beschlagnahmt«, erklärte ich Gemma. »Der Staatenbund schert sich nicht um Familien oder ihre Heime. Und die Meereswache ist nichts anderes als die rechte Hand der Regierung.«
Ich schob den Steuerknüppel der Slicky nach vorn und erhöhte die Geschwindigkeit, obwohl der Boxkampf erst Stunden später beginnen würde. Jibby hatte seine Eintrittskarten bereitwillig herausgegeben, nachdem er gehört hatte, warum wir nach Rip Tide wollten.
Gemma saß schweigend neben mir. Sie hatte ihren Taucheranzug abgelegt, bevor wir die Handelsstation verlassen hatten. Das war keine große Überraschung gewesen. Doch es hatte mich ziemlich aus der Fassung gebracht, als sie in einem hauchdünnen türkisfarbenen Sari auf den Anlegering zurückgekehrt war. Ich hatte sie schon vorher in Topsider-Kleidern gesehen, doch noch nie in etwas so Ausgefallenem. Für die Bewohner der Schachtelstädte mochte es ein alltäglicher Anblick sein, doch hier draußen auf dem Meer zeigten sich nur reiche Touristen in dieser Aufmachung. Ganz besonders die Sorte von Touristen, die sich auf der Handelsstation absetzen ließen, um die verrückten Pioniere zu begaffen, die sich am Meeresboden angesiedelt hatten. Wenn sie mich dann entdeckten, holten sie ihre Fotoapparate heraus, starrten mich an und riefen mir wegen meiner Haut Kommentare hinterher. Noch schlimmer war es, wenn sie Bemerkungen darüber machten, wie rücksichtslos meine Eltern doch seien, weil sie mich einem Leben unter Wasser aussetzten.
So ziemlich alle meine Erfahrungen mit Topsidern hatten mich nur misstrauisch gemacht und mich in Verlegenheit gebracht. Aus diesem Grund hatte mich wahrscheinlich auch ein unbehagliches Gefühl ergriffen, als Gemma in diesem flatternden Hauch von Nichts aus der Lounge getreten war. Vielleicht hatte es aber auch daran gelegen, dass sie in dem Sari älter wirkte, irgendwie anspruchsvoller. Diese Kombination hatte mich so verunsichert, dass ich am liebsten ins Meer abgetaucht und in einem Schwarm Ährenfische verschwunden wäre. Stattdessen hatte ich mich eifrig damit beschäftigt, die Slicky loszumachen, und die ganze Zeit gehofft, sie würde kein Kompliment von mir erwarten. Jedes Wort aus meinem Mund hätte in diesem Moment unaufrichtig geklungen, denn in Wirklichkeit hätte ich sie lieber wieder in einem Taucheranzug oder wenigstens in einem der unscheinbaren Kleider aus ihrer Internatszeit gesehen.
Ich betrachtete sie verstohlen. Sie saß direkt neben mir und schien doch so weit entfernt zu sein. Sie blickte aus dem Aussichtsfenster und eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen.
»Auf jeden Fall bist du nicht obdachlos«, sagte ich, denn ich ahnte, worüber sie nachdachte. »Du kannst immer bei uns wohnen.«
Sie warf mir einen schmerzerfüllten Blick zu. »Soll ich etwa den ganzen Tag im Haus bleiben, während du und deine Familie draußen arbeiten? Das kann ich nicht.«
»Warum nicht? Es würde keinem von uns etwas ausmachen.«
»Euch vielleicht nicht. Ich würde mir aber nutzlos und eingesperrt vorkommen.«
»Was hast du denn sonst für Möglichkeiten? Es ist ja nicht so, als könntest du einfach bei Shade einziehen.«
Sie presste die Lippen aufeinander und sah wieder auf das Meer hinaus.
»Du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach?« Aber genau das tat sie.
»Er wird in Rip Tide sein. Da kann ich auch gleich mit ihm darüber sprechen«, sagte sie, als wäre es keine große Sache.
»Wenn du glaubst, dass Shade seine Meinung ändert und dich mit einer Bande von Gesetzlosen zusammenleben lässt, dann bist du verrückt.« Als ihr Bruder ihr beim letzten Mal eine Absage erteilt hatte, war er auf fast grausame Art und Weise unerschütterlich geblieben. Und ich hoffte inständig, er würde sich niemals umstimmen lassen.
Frustriert winkte sie ab. »Schön, dann ziehe ich eben auf ein Township.«
Wie konnte sie so etwas sagen, wo sie doch wusste, dass ein Haufen dieser sonnenverbrannten Wilden gerade meine Eltern entführt hatte? »Du willst ein Surf werden?«
»Das bin ich doch schon. Überschuss. Dann kann ich mich auch gleich ganz dazu bekennen.«
»Nein, das bist du nicht. Nicht für uns.« Nicht für mich. »Dann solltest du lieber zurück aufs Festland gehen.«
»Und wo soll ich wohnen? Schachtelstädte sind nicht für jedermann zugänglich. Selbst die richtig hässlichen – die so dreckig und verfallen sind, dass du niemals einen Fuß hineinsetzen würdest – selbst die lassen dich nur rein, wenn du eine Zugangsberechtigung besitzt.« Sie legte die Arme um sich, als wollte sie sich wärmen. »Früher habe ich von einem richtigen Zuhause geträumt. Jetzt wäre ich schon froh, wenn ich nur einen Platz zum Schlafen hätte.«
»Wo wäre denn der Unterschied, wenn du auf der Specter leben würdest anstatt bei uns? Du …«
»Könnten wir uns jetzt bitte auf die Rettung deiner Eltern konzentrieren? Das wird schon schwer genug werden. Über alles andere können wir uns später Gedanken machen, wenn deine Familie wieder vereint ist«, sagte sie mit fester Stimme.
Als Pionier wusste ich, dass Sturheit manchmal eine ganz nützliche Eigenschaft sein konnte. Die meisten Siedler waren so dickköpfig, dass man fast schon von Aufsässigkeit sprechen konnte.
Doch Gemma flüchtete sich in dieses sture Verhalten wie ich mich in die Tiefe des Ozeans, wenn ich nach einem Weg suchte, der Anspannung und dem Krach zu entfliehen. Wenigstens war meine Flucht meist erfolgreich.
Als wir unter einem Township durchfuhren, das an der Felsenküste vor Anker lag, wusste ich, dass wir nicht mehr weit von Rip Tide entfernt waren.
»Townships dürfen dem Festland nirgendwo so nahe kommen wie vor Rip Tide«, erklärte ich Gemma.
»Wieso nicht?«
»Weil sie so groß und schwer zu manövrieren sind. Die Küstenstaaten haben Gesetze verabschiedet, um sie von Jachthäfen und kleineren Schiffen fernzuhalten.«
Wir entdeckten weitere Townships, die über uns auf dem Wasser trieben. Ich hatte noch nie so viele auf einmal gesehen. Ich suchte nach der Drift, doch keiner der Schiffsrümpfe in Sichtweite ähnelte einem portugiesischen Kriegsschiff.
»Lass uns auftauchen«, schlug Gemma vor. »Ich möchte wissen, wie sie aussehen.« Aber sowie wir die Wellen durchbrochen hatten, war ihr Interesse auch schon verflogen. »Das sind ja nur Berge aus Metall und Plexiglas.«
»Stimmt, das sind ältere Modelle. Es hat eine Weile gedauert, bis die Regierung erkannt hat, dass es den Surfs besser ginge, wenn sie eine Möglichkeit hätten, sich selbst zu versorgen. Deshalb haben sie begonnen, Townships zu entwickeln, auf denen ein bestimmtes Gewerbe betrieben werden kann. Die Nomad ist zum Beispiel eine Salzfarm.«
»Sieh mal, ein Luftschiff.« Gemma zeigte auf einen bunt gestreiften Zeppelin, der hoch oben am Himmel schwebte. »Er ist angebunden«, stellte sie überrascht fest. »Das machen sie in den Schachtelstädten auch.«
»Er ist wahrscheinlich an Rip Tide festgemacht. Wir müssen schon ganz nah sein.«
Ich ließ die Slicky wieder abtauchen, damit wir schneller vorankamen, bis die Stahlbeine der Stadt auf dem Radarschirm auftauchten. Ich brachte uns so nah wie möglich an die schwerfällige Konstruktion heran, dann steuerte ich wieder auf die Oberfläche zu und kurz darauf brachen wir durch die drei Meter hohen Wellen.
Die uralte, vor der Küste liegende Bohrinsel türmte sich sieben Stockwerke hoch vor uns auf. Vor der Großen Flut hatte die Plattform über dem Wasser gestanden, sodass Boote genügend Platz hatten, um darunter hindurchzufahren. Jetzt klatschten die Wellen gegen die Unterseite der Insel, sodass die erste Ebene bei Flut vermutlich vollständig unter Wasser stand.
Die verlassenen Ölbohrinseln vor den Küsten des Staatenbundes wurden für ganz verschiedene Zwecke genutzt, zum Beispiel als Gefängnisse oder als Wind- und Wasserkraftanlagen, dicke Kabel am Meeresboden leiteten die erzeugte Energie von dort zum Festland. Die meisten Bohrinseln waren jedoch zu wackeligen Städten umgebaut worden, die Tausenden vom Festland vertriebenen Menschen Obdach boten. Ich hätte es offen gestanden vorgezogen, auf einer umgebauten Bohrinsel zu leben, als in einer dieser Schachtelstädte eingeschlossen zu sein. Wenigstens waren die Plattformen von Meer und Himmel umgeben und nicht zwischen weiteren Betontürmen eingeklemmt.
Ich fuhr mit der Slicky um Rip Tide herum und suchte nach einem Anlegeplatz, doch ich konnte weder eine Klampe noch einen Eingang entdecken. Die verrosteten Metallwände trugen nur eine dicke Kruste aus Seepocken, Muscheln und Napfschnecken. Mit den sieben Decks und dem gewaltigen Bohrturm in der Mitte mochte Rip Tide einst eine beeindruckende Bohrinsel gewesen sein, doch es war keine sehr einladende Stadt daraus geworden. Schließlich gab ich die Suche auf und steuerte auf die felsige Küste zu.
»Da!«, rief Gemma und zeigte nach oben. »So kommen wir in die Stadt.«
Über unseren Köpfen waren dicke Stahlseile gespannt, die Rip Tide mit der Küste verbanden. Sie wurden zusätzlich von zwei Stahltürmen gehalten. Die steilen Klippen waren ein gutes Stück entfernt, doch dann kam eine Gondel in Sicht, die die Küste schnell hinter sich ließ. Die Kabine war vollgestopft mit Menschen, schwirrte über uns hinweg und rauschte durch eine Öffnung, um auf einem der mittleren Decks zu landen.
»Sieht das für dich ungefährlich aus?«, fragte Gemma. »Für mich nicht.«
»Hast du eine bessere Idee, wie wir in die Stadt kommen könnten?«
»Nein«, erwiderte sie gereizt.
Ich sauste mit der Slicky auf die Küste zu. Als wir näher kamen, entdeckte ich unzählige Boote, die am Fuß der Klippen vertäut waren. Die Anlegestellen waren nichts weiter als lange, eiserne Tragbalken, die aus den Wellen herausragten. Nachdem ich das Bedienfeld der Slicky verschlossen hatte, stieß ich die Luke auf und schreckte sofort zurück. Ganz Rip Tide fühlte sich wahrscheinlich so an – wie das Innere eines Heizofens, der auf volle Leistung aufgedreht war. Ich befestigte die Slicky an einer Klampe, setzte einen Hut mit breiter Krempe auf und band ein Halstuch um, genau wie es die Bewohner der Hausboote taten. Natürlich wollten sich die Floater auf diese Weise vor den UV-Strahlen schützen. Ich dagegen wollte vor allem meine Haut vor den neugierigen Blicken der Leute verbergen.
Gemma raffte ihren Sari hoch und wir balancierten über den schmalen Eisenträger, vorbei an verschiedenen Arten von Wasserfahrzeugen: einem U-Boot, hinter dem eine Kette aus Wohncontainern schaukelte, Hausbooten, auf denen die Floater ihre Habseligkeiten aufgetürmt hatten, und jeder Menge mehrgeschossigen Lastkähnen. Etwas merkwürdig war, dass Leute auf den Glaskuppeln der Wohncontainer hockten und auf den klapprigen Frachtkähnen herumlungerten, als würden sie etwas beobachten, und sie alle wetteiferten um den besten Blick auf die Bohrinsel. Offensichtlich hatten sie sich schon vor geraumer Zeit hier niedergelassen, was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte, weil es hier draußen über vierzig Grad heiß war.
Hinter uns war das peitschende Geräusch eines sich entfaltenden Segels zu hören. Ich drehte mich um und sah, wie ein paar Männer das Hauptsegel eines Trimarans festzurrten, sodass es den Menschen auf den Booten zugewandt war. Dann warf die Besatzung nicht einen, sondern gleich drei Anker aus – ziemlich übertrieben für so ein Leichtrennboot. Wahrscheinlich wollten sie es unbedingt an dieser Stelle halten.
»Der Kampf wird bestimmt hier draußen übertragen«, vermutete Gemma und deutete auf das Segel, auf dem ein leuchtendes Viereck erschien, das vom Deck des Trimarans projiziert wurde. Applaus brandete auf. »Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass in der Stadt kein Platz mehr ist.«
Ich hatte keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, denn ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Doch da entdeckte ich das Luftschiff wieder, das am Ankerseil an der Spitze des alten Bohrturms zerrte. Ein Banner hing aus der Fahrgastzelle und kündigte den Boxkampf an.
Vor mir stieg Gemma die Treppe hoch, die in die Klippen gehauen war, und drängte sich an den oft stinkenden Leuten vorbei, die sich auf den Stufen lümmelten. Aufgrund ihrer schlichten, ausgeblichenen Oberteile und der locker sitzenden Hosen vermutete ich, dass es Floater waren.
Ein paar von ihnen sahen auf, als ich an ihnen vorbeilief, doch sie mussten schon zweimal hingucken, um meinen Schein zu entdecken. Wenn man bedachte, wie viele Leute dort auf den Stufen hockten und mich beobachteten, kam ich ziemlich glimpflich davon. Das Halstuch und der Hut erfüllten ihren Zweck.
Oben auf der Klippe mussten wir uns in eine lange Warteschlange reihen, um einen Platz in einer Gondel zu bekommen. Die meisten Wartenden waren Topsider aus den Schachtelstädten, die mehrere im Wind wehende Schichten aus durchsichtigem Stoff trugen. Und ich hatte gedacht, Gemmas Sari wäre ausgefallen. Offensichtlich war mir entgangen, was »ausgefallen« wirklich bedeutete. Jedes Teil, das sie am Körper trugen, war mit Silber und Gold bestickt oder mit irgendwelchem Firlefanz wie Quasten, Kristallen, Spiegeln und Metallknöpfen verziert. Dieses ganze Funkeln und Glitzern erinnerte mich an die Lichtshow von Tiefseekreaturen, obwohl diese weitaus schöner anzusehen waren.
Ich fing Gemmas Blick auf. Der türkise Stoff ihres Saris, der ohne zusätzlichen Schmuck über ihrer Schulter drapiert war, verwandelte ihre blauen Augen in Gezeitentümpel.
»Du siehst hübsch aus.« Das war mir herausgerutscht, bevor ich darüber nachdenken konnte. Ich versteifte mich. »Hübsch« war so was von nichtssagend. Ich hätte mir etwas Besseres einfallen lassen sollen. Doch das Lächeln, das sie mir als Antwort schenkte, war so umwerfend, dass ich mich nicht entsinnen konnte, warum ich ihr nicht schon auf dem Anlegering gesagt hatte, dass sie wunderschön aussah.
Als die nächste Gruppe in eine Seilbahngondel stieg, entdeckte ich Benton Tupper ganz vorn in der Reihe. Ich machte Gemma auf ihn aufmerksam. »Das ist der Abgeordnete des Benthic-Territoriums.« Mir fiel auf, dass er nicht seine offizielle blaue Versammlungsrobe trug, sondern ein bunt gestreiftes Hawaiihemd, in dem er wie eine Marktbude aussah. »Er hat eigentlich Wichtigeres zu tun, als sich Boxkämpfe anzusehen – zum Beispiel sich darum zu kümmern, dass wir als Staat anerkannt werden oder wenigstens ein Stimmrecht in der Versammlung bekommen.«
Gemma war weniger an Tupper, sondern vielmehr an der Gondel interessiert. Auf unserer Seite eines sonnengebleichten Absperrungsseils verkaufte ein stämmiger Kerl mit einer Geldkassette Fahrkarten. Auf der anderen Seite hielt ein Mann mithilfe eines Eisenhakens die Seilbahnkabine am Türrahmen fest und mühte sich ab, die Gondel ruhig zu halten.
»Meinst du, hier werden regelmäßig Sicherheitskontrollen durchgeführt?« Misstrauisch beäugte Gemma den Seilbahnwagen. »Der sieht ja aus, als wäre er von einem Affen mit Hitzschlag zusammengezimmert worden.«
»Auch das noch«, murmelte ich – aber nicht wegen der baufälligen Gondel. Jetzt, da wir vorn in der Warteschlange standen, erkannte ich den Mann wieder, der die Fahrkarten verkaufte – Ratter. Er trug immer noch den violetten Gehrock und die Sonnenbrille mit den hochgeklappten Gläsern. Es war der Mann, den Kommandantin Revas wegen des Kaugrases zurechtgewiesen hatte. Natürlich hatte ich auch seine Reaktion nicht vergessen, als ich verkündet hatte, dass die Nomad mein Bergungslohn war. Er hatte mich mit blutunterlaufenen Augen finster angestarrt. Jetzt ruhte sein Blick wieder auf mir. Wie zur Erinnerung funkelte er mich erneut grimmig an – und meine Haut begann zu kribbeln.