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»Was glaubst du, warum hat Fife das getan und die Townships am Meeresboden verankert?«, fragte Gemma, während wir in dem Skimmer durch das Meer rauschten und auf das südliche Ende des Müllstrudels zusteuerten.
»Aus Habgier«, sagte ich. »Wenn die Surfs ab sofort bei uns kaufen, kann er seine Waren nicht mehr zum dreifachen Preis loswerden.«
»Also jagt er den Surfs Angst ein, indem er an den Townships, die sich gegen ihn auflehnen, Exempel statuiert «, fügte sie hinzu.
Und an meinen Eltern statuiert er ein Exempel, um zukünftige Verkäufe durch die Siedler zu verhindern, ging es mir durch den Kopf. Ich würde morgen entscheiden, ob ich hoffen oder trauern sollte. Im Moment wollte ich mich nur darauf konzentrieren, die Drift zu finden. Das war ich Hadal schuldig.
Vor dem Aussichtsfenster trieben langsam die Rotorblätter einer alten Windturbine vorbei. Ich schätzte, dass ich den Skimmer sehr vorsichtig durch den Abfall manövrieren musste. Glücklicherweise waren die Frontstrahler besonders leistungsstark und das Aussichtsfenster tönte sich automatisch für eine bessere Sicht, sodass ich die Trümmer rechtzeitig sehen und ihnen auszuweichen konnte.
Ich betrachtete das Bedienfeld. »Escabedo hat gesagt, unser Monitor müsste das Signal aus mindestens drei Meilen Entfernung empfangen. Aber vielleicht kannst du es aus einer noch größeren Entfernung wahrnehmen.«
»Weiter als ein Schallmessgerät?«
»Wale können tiefe Frequenzen hundert Meilen entfernt hören. Oder besser fühlen. Ein Schallmessgerät kann keine Gefühle registrieren. Aber wenn du wirklich für Infraschall sensibel bist, hast du vielleicht schon ein mulmiges Gefühl, wenn die Frequenzen noch weit außerhalb der Signalreichweite liegen.«
»Ein mulmiges Gefühl also. Ich sollte mich wirklich glücklich schätzen.« Sie lächelte, doch ich konnte sehen, wie blass und unsicher sie war.
»Ich schalte den Skimmer auf Autopiloten um, damit wir unsere Position halten. Dann können wir beide gemeinsam tauchen.«
Mit einem Kopfnicken griff sie nach ihrem Helm.
»Fertig?«, fragte ich.
Sie verriegelte den Helm und kämpfte offensichtlich dagegen an, einen Rückzieher zu machen. »Fertig.«
Ich stieg zuerst durch die Luke und ließ mich auf der Stelle treiben, bis sie vor mir auftauchte. Sie schien aufmerksam zu lauschen. Ich hörte nur das übliche Knarren der Wracks, die sich auf dem Meeresboden auftürmten, und das entfernte Grunzen eines männlichen Krötenfischs. Während ich sie beobachtete, bekam ich plötzlich selbst ein mulmiges Gefühl. Nicht wegen irgendwelcher Schwingungen, sondern weil ich mich daran erinnerte, wie schlimm es beim letzten Mal für sie gewesen war. Was, wenn ich doch falschlag? Was, wenn ihre Todesangst nicht auf einen alten Generator zurückzuführen war?
Sie schloss die Augen und trieb zehn endlose Minuten im Wasser. Als sie die Augen wieder öffnete, schüttelte sie den Kopf und deutete auf den Skimmer.
Wir stiegen wieder ein und kletterten auf die Sitze. Nachdem sie Atem geholt hatte, sagte sie: »Mir ist etwas flau im Magen, aber das kann auch die Nervosität sein.«
»Lass uns weiterfahren«, schlug ich vor. »Näher an den Mittelpunkt des Strudels heran.«
Wir hielten erneut an und verließen den Skimmer. Wieder ließ sie sich mit geschlossenen Augen treiben. Diesmal machte sie ein unzufriedenes Gesicht.
»Ich glaube nicht, dass das funktioniert«, sagte sie, als wir zurück im Skimmer waren.
»Du sahst nicht gerade glücklich aus da draußen.«
»Bin ich auch nicht. Und ich fühle mich tatsächlich schlecht. Aber ich glaube nicht, dass das von irgendwelchen Schwingungen kommt.«
Wir steuerten weiter auf die Mitte des Strudels zu. Als wir diesmal anhielten, stieg sie zuerst aus. Gerade als ich aus dem Skimmer tauchte, winkte sie mich zurück. »Was ist?«, fragte ich, sowie ich meine Lunge vom Liquigen befreit hatte.
»Hier fühle ich mich plötzlich besser. Lass uns dorthin zurückfahren, wo wir vorher waren.«
»Es könnte sein, dass du dich nur daran gewöhnt hast, im Wasser zu sein.«
»Vielleicht«, stimmte sie mir zu.
Als wir noch weiter nach Süden vorgedrungen waren, bat sie mich, im Skimmer zu bleiben. »Ich werde mich außen am Gehäuse festhalten.«
Wenig später griff sie nach einem Haltegriff am Aussichtsfenster und winkte mich in Richtung Osten. Ich fuhr ganz langsam weiter, während sie sich außen an den Skimmer klammerte. An ihrer Miene konnte ich ablesen, dass sie sich immer schlechter fühlte. Sie gab mir ein Zeichen anzuhalten und kletterte wieder hinein.
»Lass uns noch ein paar Meilen weiter nach Osten fahren. Dann gehe ich noch mal raus.«
Beim nächsten Stopp kam sie nach weniger als einer Minute zurück. Blass und zitternd machte sie sich gar nicht erst die Mühe, ihre Lunge vom Liquigen zu befreien, sondern nickte nur und bedeutete mir, weiter nach Osten zu steuern. Wir blieben einige Meilen auf diesem Kurs, doch dann begann sie mich nach Norden zu lenken – mitten in das Auge des Strudels.
»Halt hier an, ich versuche es noch einmal«, sagte sie und drückte sich durch die Luke nach draußen. Als sie nicht neben dem Aussichtsfenster auftauchte, nahm ich an, dass sie sich gleich wieder auf den Weg ins Boot gemacht hatte. Doch endlose Sekunden verstrichen und nichts passierte. Ich geriet in Panik. Ich konnte sie nicht sehen und ich hatte keine Ahnung, ob sie mich durch den Empfänger in ihrem Helm hören konnte. Ich schaltete den Skimmer auf Autopilot um, verriegelte meinen Helm und saugte hastig Liquigen ein.
Ich schob mich durch die Hecköffnung und konnte sie nirgendwo in der Nähe des Skimmers entdecken. Ich sandte Klicks aus, doch das half mir auch nicht weiter. Um mich herum schwebten so viele Trümmerteile, die sich langsam auf der Stelle drehten, dass ich unmöglich an ihnen vorbeisehen konnte. Verzweifelt schwamm ich zwischen dem Gerümpel umher und suchte nach ihr. Ich hasste mich dafür, dass ich sie hier rausgeschickt hatte. Und es war immer noch keine Spur von ihr zu sehen. Die meisten Wrackteile hatten Spalten und Vertiefungen, in denen gefährliche Meerestiere lauern konnten. Alles Mögliche konnte sie weggeschnappt haben.
Ich kämpfte gegen die Strömung an, entfernte mich immer weiter vom Skimmer, ließ das Fahrzeug einfach in der Dunkelheit zurück und wünschte, ich könnte nach ihr rufen. Dann huschte am Rand meines Blickfeldes etwas Großes und Graues vorbei. Doch als ich mich umdrehte und Klicks in diese Richtung schickte, war dort nichts – es musste an einem Stück Müll vorbeigeschlüpft sein. Meine Wut über mich selbst und meine Angst um Gemma brachten meine Gedanken völlig durcheinander. Ich konnte mich nicht mehr orientieren und war nicht einmal mehr sicher, in welcher Richtung die Wasseroberfläche lag. Mit all dem Schrott und den Schiffsteilen um mich herum war das unmöglich festzustellen.
Ich konzentrierte mich auf die wirbelnden Wasserströme und spürte den mächtigen Auftrieb, der die ganzen Wrackteile in der Schwebe hielt. Dagegen anzuschwimmen war schwierig, trotzdem strampelte ich tiefer, während ich zwischen den Trümmern nach Gemma suchte.
Doch es gab kein Lebenszeichen von ihr. Nicht einmal, als ich meinen Sonar so breit gefächert wie möglich aussandte. Hatte sie sich wieder zu einer Kugel zusammengerollt? Wenigstens würde sie bei diesem Auftrieb nicht untergehen. Allerdings bestand dadurch auch die Möglichkeit, dass ich sie in diesem Strudel aus Unrat niemals wiederfinden würde. Der Gedanke machte mich so krank, dass ich mich einrollen und untergehen wollte.
Ein weiterer grauer Schatten huschte an meiner Linken vorbei. Ich wirbelte herum, aber wieder war er verschwunden, bevor ich sagen konnte, was es war.
Ich sandte eine Reihe Klicks in die Dunkelheit, aber noch bevor das Echo zurückkam, wusste ich – dort würde nichts sein. Und so war es auch. Ich hatte Bekanntschaft mit Gemmas Geistern gemacht. Genau wie sie es beschrieben hatte.
Die Gewissheit, dass ich soeben eine physische Reaktion auf Infraschall erlebt hatte, ließ das überwältigende Gefühl der Verzweiflung und meine Sorge um Gemma auch nicht verschwinden. Wenn wir der Drift so nah waren, dass sogar ich die Schwingungen wahrnehmen konnte, wie schlimm musste es dann erst für Gemma sein?
Ich kannte ihre Entschlossenheit und schlussfolgerte, dass sie dennoch auf die Quelle zusteuern und sich nicht davon wegbewegen würde. Also versuchte ich, meine rasenden Gedanken zu beruhigen und auf meinen Körper zu hören. Ich bewegte mich nach links und spürte keine Veränderung. Aber als ich gegen die Strömung ansteuerte und weiter in die Tiefe schwamm, begann meine Haut zu prickeln, als würden mir Tausende Geister ins Ohr säuseln. Ich konnte fast ihre Stimmen hören. Fast. Ich schob den gruseligen Gedanken beiseite und klickte in alle Richtungen, wobei ich mich auf die Bilder in meinem Kopf konzentrierte.
Und dort war sie.
Weit unter mir lag Gemma bewegungslos auf etwas Gewaltigem. Ich stieß mich so schnell und kräftig nach unten, wie ich konnte. Meine Helmlichter drangen durch die Dunkelheit und jetzt sah ich sie auch mit den Augen. Ihr Körper lag schlaff und seltsam ausgestreckt auf einer Kuppel aus blauem Plexiglas.
Sie hatte die Drift gefunden.
Innerhalb der Kuppel blinkten Lichter. Das mussten Taschenlampen sein. Die Menschen im Inneren hatten Gemmas Helmlichter entdeckt und versuchten nun ebenfalls, Signale zu geben. Doch Gemma war unfähig zu antworten. Ich landete neben ihr und war sofort alarmiert, als ich sah, dass sie sich in ihren Helm übergeben hatte. Zum Glück konnte ich durch das Plexiglas erkennen, dass ihre Augen unter den Lidern rollten – sie war also am Leben.
Ich drückte auf ihren Computer am Handgelenk und schaltete ihre Helmlichter aus, sodass nur noch meine Lampen durch die Kuppel zu sehen waren. Dann knipste ich die Lichter an und aus. Ich hoffte, dass die Menschen auf der Drift die Morsezeichen verstanden. Ich komme wieder. Schaltet den Generator ab, signalisierte ich ihnen zweimal hintereinander.
Dann nahm ich Gemma in die Arme und drückte mich ab, um nach oben zu tauchen. Zu schwimmen und sie gleichzeitig festzuhalten, war ziemlich anstrengend. Die starke Gegenströmung zog uns nach unten. Mit einem Mal wand sich Gemma in meinen Armen und schlug um sich, als würde sie aus einem schlechten Traum erwachen. Ich hielt sie noch fester und wünschte mir mehr als jemals zuvor, dass ich auch mit Liquigen in der Lunge sprechen könnte. Doch dann blinzelte sie, richtete die Augen auf mich und es waren keine Worte nötig. Sie schlang die Arme um meine Hüfte und begann, mit ihren Flossen mitzupaddeln. Gemeinsam schafften wir es zurück zum Skimmer.
Sobald wir eingestiegen waren, raste ich in Richtung Wasseroberfläche. Wir brachen durch die Wellen und einen Moment lang war ich überrascht, dass es noch immer Nacht war, denn es kam mir vor, als seien Stunden vergangen.
Gemma klappte das Aussichtsfenster nach oben und sprang ins Meer, um ihr Haar auszuspülen, während ich die rot-weiße Signalboje hervorholte.
Nachdem ich ihre Funkbake aktiviert hatte, warf ich die lange, schwere Kette der Boje ins Wasser. »Heute Nacht geht kein Wind, sie sollte also diese Position halten.«
»Ich glaube, sie haben den Generator ausgeschaltet«, sagte Gemma, während sie sich im Mondlicht auf den Wellen treiben ließ. »Ich spüre nichts mehr.«
»Das ist gut. Aber ich erhalte keine Rückmeldung von der Meereswache. Die anderen Skimmer müssen zu weit entfernt sein.«
»Hörst du das?«, fragte sie.
Ich lächelte. »Alles, was ich höre, sind die Wellen. Was hörst du denn?«
Sie tauchte kurz unter. Als sie wieder hochkam, kletterte sie auf den Puffer des Frontgehäuses und zeigte an mir vorbei. »Ein U-Boot. Es kommt schnell auf uns zu.«
Sie hatte die Worte gerade ausgesprochen, als ich die herannahende Heckwelle sah, aber kein Boot – was bedeutete, dass ein U-Boot dicht unter der Oberfläche unterwegs war. Und Gemma hatte Recht: Es steuerte direkt auf uns zu.
»Tauch!«, brüllte ich.
Im gleichen Moment, als wir ins Wasser sprangen und losschwammen, brach das U-Boot durch die Wellen, rammte den Skimmer mit voller Wucht und kippte ihn mit geöffnetem Aussichtsfenster um.