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Zehn Minuten, nachdem wir aus dem Meer getaucht waren, hatte Gemma sich wieder gefangen. Das Rettungsfloß schaukelte auf den Wellen und wir brutzelten in der Sonne.

»Kannst du nicht ein paar Delfine rufen, die uns mitnehmen können?«, fragte sie. »So wie du es gemacht hast, als der untere Bereich der Handelsstation untergegangen ist.«

»Ich habe keine Kontrolle über Delfine«, erklärte ich ihr. »Ich kann ein Notsignal aussenden, das ihrem gleicht, und wenn sie in der Nähe sind, werden sie normalerweise davon angelockt. Aber ich kann ihnen keine Richtung vorgeben oder ihnen sagen, wie sie uns zurück zur Handelsstation bringen können.«

»Aber es kann doch nicht schaden, es zu versuchen«, erwiderte sie. »Du bist derjenige, der immer davon spricht, wie schlau Delfine sind.«

Ich zuckte nur die Schultern und glitt über den Rand des Floßes ins Meer. Sie hatte Recht: Was konnte es schon schaden, es wenigstens zu versuchen? Sowie ich untergetaucht war, ahmte ich die aufgeregten Klicks eines Delfins nach, der in Not geraten war.

Keine Antwort. Keine Delfingruppe hatte es gehört. Ich versuchte es weiter. Noch immer nichts. Bevor ich zurück ins Floß kletterte, klickte ich noch einmal, um die Umgebung abzusuchen. Als das Echo zurückgeworfen wurde und sich ein Bild in meinem Kopf zu formen begann, schluckte ich vor Schreck Meerwasser. Oh nein, nein, nein! Hastig zog ich mich ins Floß. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte wissen müssen, dass es eben doch schaden konnte.

»Was ist los?«, fragte Gemma, als sie meinen Gesichtsausdruck sah.

»Eine Orcaherde ist auf dem Weg hierher.«

»Großartig. Kannst du sie dazu bringen, uns zurück zur Handelsstation zu ziehen?«

»Weißt du, warum Orcas auch Killerwale genannt werden?«, fragte ich, während ich meine Harpune aus dem Halfter nahm. »Weil sie ausgezeichnete Jäger sind und auch gern Delfine fressen, insbesondere verwundete Exemplare, weshalb sie jetzt hierher unterwegs sind. Mein Notruf … war eine Einladung zum Essen.«

»Okay, der Notruf war eine schlechte Idee«, meinte Gemma, die sich offensichtlich bemühte, ruhig zu bleiben. »Aber du hast mir erzählt, dass Orcas keine Menschen fressen.«

»Das stimmt.« Ich suchte das Wasser um uns herum ab. »Aber ich habe nie gesagt, dass sie keine Menschen töten. Sie sind absolut unberechenbar. Jede Gruppe ist anders. Genau wie bei uns Menschen. Manche sind verspielt, andere total rücksichtslos.«

»Hoffentlich haben wir es mit verspielten zu tun.«

»Da.« Ich zeigte auf eine fast zwei Meter lange Rückenflosse, die zwischen den Wellen auftauchte.

»Oh! Die ist groß«, stieß Gemma hervor.

Mit meinem Biosonar hatte ich drei Orcas gesehen. Eine typische Anzahl für Orcas, die sich vorübergehend zu kleinen Gruppen zusammenschlossen – um zu jagen. Und Orcas waren zweifellos die cleversten Jäger des Meeres. Sie wussten ganz genau, wie sie sich zusammenrotten mussten, um einen Wal, der viermal so groß war wie sie selbst, dazu zu bringen, das Maul zu öffnen, sodass einer von ihnen hineinstürzen und ihm die Zunge herausreißen konnte – eine Delikatesse für jeden Orca.

Jetzt schwammen zwei von ihnen einen großen Kreis um das Floß. Ich hielt die Harpune quer über meinen Knien, falls einer von ihnen schon Erfahrung mit einer Harpune gemacht hatte. Ich wollte auf keinen Fall schlechte Erinnerungen heraufbeschwören. Doch wo war der dritte Orca?

Ich erhielt die Antwort, als das Meer neben uns plötzlich aufbrach und der schwarz-weiße Orca sich aus dem Wasser schraubte. Ich war wie gelähmt beim Anblick seines emporsteigenden Leibes. Für einen Moment schien das riesige Tier in der Luft zu stehen, und als würde es dann wieder die normale Geschwindigkeit aufnehmen, stürzte es sich mit voller Breitseite zurück ins Meer. Eine gigantische Wasserfontäne spritzte auf, als der Orca wieder in die Wellen eintauchte und uns völlig durchnässt zurückließ.

Ich stieß den Atem aus, den ich bis jetzt angehalten hatte. »Er wollte einen Blick auf uns werfen, um zu sehen, ob es sich lohnt, das Floß umzukippen.«

Gemma wischte sich den triefenden Pony aus den Augen. »Und zu welchem Schluss ist er gekommen?«

Die drei Orcas waren nicht mehr zu sehen. »Sie sind abgetaucht.«

»Ist das gut oder schlecht?«

»Ich weiß es nicht. Aber wir werden es herausfinden.«

»Wenn wir wirklich sterben müssen«, sagte Gemma nach einer Weile und lehnte sich im Floß zurück, »will ich lieber nicht dabei zusehen.« Plötzlich wirkte sie überrascht. »Trommeln Orcas?«

»Was?«

»Hörst du das nicht? Das ist eindeutig ein Trommeln.«

Ich lauschte gebannt, doch ich hörte nur das Klatschen der Wellen.

»Klingt wie ein U-Boot.«

»Du hörst etwas unter Wasser?« Ich legte mich hin und drückte mein Ohr auf den Boden des Floßes.

»Ich höre es nicht richtig«, gab sie zu. »Es ist eher eine Vibration.«

Den Ärzten zufolge, die mich wegen meiner Dunklen Gabe getestet hatten, verfügte ich über ein außergewöhnliches Gehör, aber jetzt konnte ich weder etwas hören, noch nahm ich irgendeine Vibration wahr.

Ich setzte mich wieder auf und beschloss, mich kurz unter Wasser umzusehen. Wenn tatsächlich ein U-Boot in der Nähe war, würde ich es mit meinem Biosonar sehen können. Doch gerade als ich aus dem Floß klettern wollte, brach nur ein paar Meter von uns entfernt eine Plexiglaskuppel durch die Wellen.

Das Wasser strömte über die Kuppel des U-Boots und ich erkannte eine Person mit blonden Locken, die uns herzlich zuwinkte. Das war Zoe. Sie musste versucht haben, dem grünen U-Boot zu folgen, obwohl die Slicky nicht mit einem Boot dieser Größe Schritt halten konnte. Sie hatte eine Weile gebraucht, um bis hierherzukommen.

Als ich mich kurze Zeit später hinter Gemma in das Nanoboot zwängte, grinste mich Zoe vom Pilotensitz aus an. Sie wartete nicht einmal ab, bis ich durchgeatmet hatte, sondern fragte gleich: »Na, bist du froh, dass ich nie auf dich höre?«

Als wir uns der Handelsstation näherten, hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich führte es jedoch auf meine innere Unruhe zurück. Pausenlos kreisten meine Gedanken um die Frage, was die Surfs meinen Eltern angetan haben könnten.

»Es ist viel zu ruhig hier«, sagte Gemma mit einem Mal verängstigt.

Richtig, etwas fehlte – der Lärm. Es war ein gewöhnlicher Wochentag und trotzdem kreischten nur die Möwen über uns. Wo waren die Marktgeräusche? Und wo war der Markt? Das Oberdeck war leer. Auf der Promenade war nicht ein einziger bunter Verkaufsstand zu sehen. Kein Fischhändler pries lauthals seine Waren an, kein Käufer feilschte um die Preise. Nur ein paar zerstreute Boote schaukelten am äußeren Anlegering. Eine eisige Kälte ergriff mich.

»Fahr einmal rum«, sagte Zoe und lehnte sich nach vorn. »Vielleicht sind alle auf der anderen Seite.«

Als ich das Oberdeck umrundete, tauchten plötzlich drei Skimmer vor uns aus den Wellen auf. Der Rumpf bestand aus zwei Kapseln, die mit einem schmalen Gelenk verbunden waren, und hatte dadurch Ähnlichkeit mit einer Wespe.

»Was ist das?«, rief Zoe.

»Skimmer der Meereswache«, erwiderte ich.

»Dann sind die wahrscheinlich wegen der Nomad hier«, vermutete Gemma.

Während die Skimmer den Anlegering umrundeten, kippte die jeweils größere Kapsel am Heck der drei Fahrzeuge auf die Seite.

»Überirdisch«, sagte Zoe.

Ich wusste, dass ein Skimmer nicht nur vollständig untertauchen konnte, sondern dass sich das hintere Gehäuse auch noch um die eigene Achse drehen ließ, sodass der Gardist, der darin festgeschnallt war, das Meer unter sich absuchen konnte, auch wenn der Skimmer auf der Wasseroberfläche unterwegs war. Doch ich behielt diese Information für mich. Ich war so krank vor Sorge um meine Eltern, dass mir die schnellen Fahrzeuge egal waren.

Ich folgte den Skimmern bis zur gegenüberliegenden Seite des Oberdecks und wäre beinahe in eine lange Reihe aus festgemachten Booten der Meereswache hineingefahren. Doch noch erschreckender war, was die uniformierten Gardisten taten. Wie bei einer Eimerkette bargen sie die Leichen aus dem verlassenen Township.

Die Kommandantin der Meereswache stieg über die Körper, die entlang der Promenade aufgereiht waren, als würde sie nach etwas Bestimmtem suchen. Was das war, konnte ich nur erahnen, weil – glücklicherweise – Planen über die Toten gebreitet waren. Ich hatte Kommandantin Revas erzählt, dass die Surfs von der Drift meine Eltern entführt hatten. Während ich jetzt darauf wartete, ob sie die Meereswache auf den Fall ansetzen würde, blieb ich bei den Füßen einer Leiche stehen, die nackt, voller Hornhaut und mit Salz verkrustet unter der Plane hervorragten.

Die Reihen der Toten säumten das gesamte Oberdeck. Ein schrecklicher Anblick. Gemma hatte mir den Gefallen getan und Zoe nach unten gebracht, wo sie ihr im Speisesaal eine Kugel Walmilcheis kaufen wollte. Sie hatten mich am Anlegering rausgelassen und waren mit der Slicky zur unteren Station abgetaucht, um die Handelsstation über das Zugangsdeck zu betreten. Wenn sie hier oben angelegt hätten, hätten sie an den toten Surfs vorbeigemusst, um zum Fahrstuhl zu gelangen. Zoe war ein wildes kleines Mädchen, aber sie war erst neun Jahre alt. Ein Bild wie dieses sollte sich nicht in ihr Gedächtnis einbrennen. Mich würde es für immer verfolgen.

Kommandantin Revas hockte sich neben eine Leiche, zog die Plane weg und runzelte die Stirn. Das war offensichtlich nicht die Person, nach der sie suchte. Sie legte die Plane zurück und stand auf. Wie die Gardisten trug sie einen adretten Overall aus windfestem Material mit Belüftungsschlitzen an beiden Seiten. Endlich sah sie mich an. »Was wollten deine Eltern überhaupt in der Nähe der Drift?«

Ihr Ton gefiel mir nicht. »Wir wollten den Surfs Algen und Seetang verkaufen.«

Revas war wahrscheinlich Ende zwanzig – jünger, als ich es von einer Kommandantin der Meereswache erwartet hätte – , doch mit ihrem ernsten Gesichtsausdruck und dem streng nach hinten gebundenen schwarzen Haaren wirkte sie deshalb nicht weniger einschüchternd.

»Wir haben nichts Illegales getan«, fügte ich hinzu und versuchte nicht herumzuzappeln, während sie mich mit starrem Blick musterte. »Der Staatenbund hat uns erlaubt, unsere Ernte zu verkaufen.«

»An Townships?« Ihre Stimme klang sowohl ungläubig als auch herablassend. Als wären meine Eltern Idioten.

»An wen wir wollen«, gab ich zurück.

Kommandantin Revas stieg über die Leichen und kam auf mich zu. »Und deine Eltern dachten, es sei eine gute Idee, Geschäfte mit verbitterten Menschen zu machen, die die unterseeischen Pioniere hassen?«

»Wovon reden Sie? Sie hassen uns nicht.«

»Ach, wirklich nicht?«, spottete sie. »Du kennst doch bestimmt die Verordnung, die den Townships verbietet, das Benthic-Territorium zu befahren?«

»Was ist damit?«

»Die Surfs sollen deshalb ziemlich verärgert sein. Das habe ich zumindest gehört.«

Der verurteilende Klang ihrer Stimme war mir egal. »Diese Townships haben ihre Netze in unseren Gewässern ausgeworfen, sie haben unseren Fischbestand weggeholt und sind durch unsere Seetangfelder gefahren.«

Revas hockte sich neben eine weitere Leiche, hob die Plane und betrachtete das Gesicht des Mannes. Hörte sie mir überhaupt zu?

»Wir mussten etwas dagegen unternehmen«, fuhr ich fort. »Und der Staatenbund hat uns dabei unterstützt.«

»Ja, ich weiß.« Sie wirkte unzufrieden, legte die Plane zurück und erhob sich. »Ihr habt eine Verordnung verabschiedet, die den größten Teil des östlichen Kontinentalschelfs betrifft, was zufällig das wichtigste Fischfanggebiet der Townships war, seit sie vor achtzig Jahren zu Wasser gelassen wurden.«

»Sie können im Rest des Atlantiks fischen.«

»Kind, du weißt wahrscheinlich besser als die meisten Leute, dass es auf dem Kontinentalschelf mehr Fische gibt als sonst irgendwo. Es ist dort viel einfacher, sie aufzuspüren und zu fangen.«

Das stimmte mich nachdenklich. Es gab tatsächlich nur wenige und meist vereinzelte Fische auf der Tiefseeebene und die waren nicht einmal besonders schmackhaft. Eigentlich gab es dort vor allem Schlamm und ein paar Seegurken.

»Begreifst du jetzt, warum es die Surfs ärgern könnte, dass sie Seetang von den Siedlern kaufen müssen?«, fragte sie.

Ich nickte. Wie konnte ich das übersehen haben? Wie konnten alle anderen das übersehen haben? Plötzlich kam mir ein beunruhigender Gedanke. Vielleicht hatten die Siedler es gar nicht übersehen. Vielleicht war es ihnen einfach egal gewesen.

Nein, das konnte nicht sein. Die Siedler waren die Guten. Nun, vielleicht abgesehen von dem einen Mal, als ein paar Nachbarn Shade hatten lynchen wollen. Das war kein besonders schöner Moment gewesen. Aber Mum und Dad hatten sofort versucht, die anderen aufzuhalten.

»Meine Eltern waren sich über die Folgen dieser Verordnung wahrscheinlich nicht im Klaren«, sagte ich laut.

»Natürlich nicht.« Revas’ Gesichtsausdruck sagte das Gegenteil. Sie sah über die Promenade und betrachtete die Gardisten – alle in meerblauen Overalls und mit schweren Waffengürteln ausgerüstet. Ihr Blick blieb an einer Frau hängen, die ein kindgroßes Bündel trug. »Hatorah!«, rief sie.

»Selbst wenn sie eine Ahnung gehabt haben«, fuhr ich mit der Verteidigung meiner Eltern fort, »kann ich Ihnen garantieren, dass sie nicht auf die Idee gekommen sind, dass die Surfs uns deshalb hassen.«

»Schon möglich.« Revas sah mich an. »Ihr Siedler bleibt doch immer unter euch.«

Meine Eltern waren entführt worden und diese Kommandantin führte sich auf, als wären meine Eltern selbst schuld daran. »Wir bleiben nicht einfach unter uns. Wir verbringen den ganzen Tag auf unseren Farmen, weil der Staatenbund uns keine monatlichen Almosen zukommen lässt, so wie den Townships. Wir müssen uns alles hart erarbeiten.«

»Soll ich das den Surfs ausrichten, die deine Eltern entführt haben?«, fragte sie mich mit ausdrucksloser Miene. »Oder wäre es dir lieber, wenn ich das Ganze auf eine Art zu lösen versuche, die nicht unbedingt zu gewalttätigen Handlungen anstiftet?«

Ich hielt den Mund, denn in diesem Punkt hatte Revas nicht ganz Unrecht. Wenn die Surfs die Siedler hassten, waren meine Eltern in weitaus größerer Gefahr, als ich angenommen hatte – eine Vorstellung, die mich so kalt erwischte wie eine Strömung, die mich auf einen Abgrund zutrug.