NEUNUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL
Die letzte Abstimmung

Ich humpelte in den Schankraum der Ruine, die vom Blauen Schniedel noch übrig war. Die Lady stützte ich mit einem Arm, und den Bogen verwendete ich als Krücke. Der Knöchel brachte mich fast um. Ich hatte gedacht, er wäre schon fast verheilt gewesen. Ich setzte die Lady in einen Sessel. Sie war schwach und blaß und trotz Einauges und meiner Bemühungen nur halbwegs bei Bewußtsein. Ich war wild entschlossen, sie nicht mehr aus den Augen zu lassen. Unsere Lage war immer noch brandgefährlich. Ihre Leute hatten keinen Grund mehr, besonders nett zu uns zu sein. Und sie war ebenfalls in Gefahr - mehr durch sich selbst als durch Raven oder meine Kameraden. Sie war in völlige Verzweiflung verfallen.
»Sind das alle?« fragte ich. Schweiger, Goblin und Einauge waren anwesend. Und Otto, der Unsterbliche, wie immer nach einer Schlacht der Schar verwundet, mit seinem ständigen Begleiter Hagop. Ein Jüngelchen namens Murgen, unser Standartenträger. Drei weitere Brüder der Schar. Und natürlich Darling, die neben Schweiger saß. Sie ignorierte die Lady vollkommen.
Raven und Case standen hinten am Tresen, obwohl sie nicht eingeladen worden waren. Raven schnitt ein finsteres Gesicht, aber er schien sich in der Gewalt zu haben. Sein Blick blieb auf Darling geheftet.
Sie sah böse drein. Sie hatte sich besser gefangen als die Lady. Aber sie hatte gewonnen. Sie ignorierte Raven noch gewissenhafter als die Lady. Sie hatten eine schwere Auseinandersetzung gehabt, und seinen Teil davon hatte ich mithören können. Darling hatte ihr Mißvergnügen über seine Unfähigkeit zu einer gefühlsmäßigen Bindung äußerst deutlich kundgetan. Sie hatte ihn nicht zurückgewiesen. Sie hatte ihn nicht aus ihrem Herzen verbannt. Aber in ihren Augen hatte er sich nicht entlastet. Dann hatte er einige sehr unfreundliche Dinge über Schweiger gesagt, für den sie offenbar Zuneigung empfand, aber auch nicht mehr. Und das hatte sie wirklich wütend werden lassen. Da hatte ich durchs Schlüsselloch gespäht. Und sie hatte sich des längeren und breiteren und in hellem Zorn darüber ausgelassen, daß sie nicht der Preis in irgendeinem Männerspiel sei, wie irgendeine Prinzessin in einem schwachsinnigen Märchen, in dem eine Bande von Freiern durch die Gegend reitet und im Wettbewerb um ihre Hand saublöde Dinge anstellt. Wie die Lady hatte auch sie zu lange die Position einer Anführerin innegehabt, um jetzt eine handelsübliche Frauenrolle einzunehmen. Im Inneren war sie immer noch die Weiße Rose. Also war Raven nicht besonders glücklich. Er war nicht ausgeschlossen worden, aber ihm war recht deutlich gemacht worden, daß er noch einiges vor sich hatte, wenn er irgendwelche Ansprüche stellen wollte.
Die erste Aufgabe, die sie ihm auferlegt hatte, bestand darin, Frieden mit seinen Kindern zu

schließen.
Der Bursche tat mir beinahe leid. Er kannte nur ein Rollenbild. Das des harten Kämpfers. Und das war ihm fortgenommen worden.
Einauge unterbrach meinen Gedankenfluß. »Das wär’s, Croaker. Das sind alle. Es wird ein Riesenbegräbnis werden.«
In der Tat. »Soll ich als ranghöchster Offizier den Vorsitz leiten? Oder willst du dein Vorrecht als der älteste unserer Brüder ausüben?« »Mach du es.« Er war nicht in der Stimmung, etwas anderes zu tun als dumpf zu brüten. Das war ich auch nicht. Aber zehn von uns waren noch am Leben und von möglichen Feinden umzingelt. Wir hatten Entscheidungen zu treffen. »Also gut. Dies hier ist eine offizielle Zusammenkunft der Schwarzen Schar, der Letzten der Freien Scharen von Khatovar. Wir haben unseren Anführer verloren. Als erstes muß ein neuer Befehlshaber gewählt werden. Dann müssen wir beschließen, wie wir von hier verschwinden. Irgendwelche Vorschläge?«
»Du«, sagte Otto.
»Ich bin ein Wundarzt.«
»Du bist der einzige echte Offizier, der noch übrig ist.« Raven wollte aufstehen.
Ich sagte zu ihm: »Setz du dich hin und halt den Mund. Du gehörst ja nicht einmal hierher. Du hast dich vor fünfzehn Jahren von uns abgesetzt, weißt du noch? Kommt schon, Leute. Wer noch?«
Niemand sagte etwas. Niemand meldete sich freiwillig. Es sah mich auch niemand an. Alle wußten, daß ich den Posten nicht haben wollte. Goblin krähte: »Ist jemand gegen Croaker?« Keiner stimmte gegen mich. Geliebt zu werden ist ein wunderbares Gefühl. Es ist wirklich prächtig, das kleinere Übel zu sein.
Ich wollte ablehnen. Aber das ging nicht. »In Ordnung. Nächster Tagesordnungspunkt. So rasch wie möglich von hier verschwinden. Wir sind umzingelt, Leute. Und die Wache wird bald ihr Gleichgewicht wiederfinden. Wir müssen verschwunden sein, bevor sie nach Sündenböcken suchen. Aber wenn wir erst einmal weg sind, was ist dann?« Niemand meldete sich zu Wort. Diese Männer standen ebenso unter Schock wie die Gardisten.
»In Ordnung. Ich weiß, was ich tun will. Seit undenklichen Zeiten hat es zu den Aufgaben des Chronisten gehört, die Annalen nach Khatovar zu bringen, falls die Schar am Boden liegt oder sich auflöst. Wir liegen am Boden. Ich schlage eine Abstimmung vor, ob wir uns auflösen wollen. Einige von uns haben Verpflichtungen angenommen, die uns in

Streitigkeiten verwickeln werden, sobald wir keinen gefährlicheren Gegner haben, mit dem
wir uns herumzanken können.« Ich sah zu Schweiger hinüber. Er begegnete meinem Blick. Er hatte gerade seinen Stuhl verrückt, so daß er mehr in der Lücke zwischen Darling und Raven saß. Jeder begriff diese Geste, nur nicht Raven. Ich hatte mich in der Zwischenzeit selbst zum Vormund der Lady ernannt. Wir mußten die beiden Frauen auf jeden Fall so bald wie möglich trennen. Ich hoffte, daß wir die Gruppe wenigstens bis Oar zusammenhalten konnten. Ich wäre sogar zufrieden gewesen, wenn wir bis zum Waldrand zusammenblieben. Wir brauchten jeden Mann. Oder jede Frau. Unsere taktische Lage hätte nicht schlimmer sein können. »Sollen wir uns auflösen?« fragte ich.
Das verursachte Unruhe. Bis auf Schweiger sprachen sich alle dagegen aus. Ich erhob die Stimme: »Das ist ein formeller Antrag. Ich möchte, daß diejenigen mit besonderen Interessen ihrer eigenen Wege gehen können, ohne daß ihnen das Schandmal der Deserteure anhaftet. Das bedeutet nicht, daß wir uns auflösen müssen. Damit meine ich, wir legen offiziell den Namen der Schwarzen Schar ab. Wir gehen mit den Annalen nach Süden und suchen nach Khatovar. Jeder, der mitkommen will, kann das tun. Gemäß der üblichen Regeln.«
Niemand wollte den Namen aufgeben. Das wäre der Aufgabe eines Familiennamens gleichgekommen, der dreißig Generationen überdauert hatte. »Also geben wir ihn nicht auf. Wer würde lieber nicht nach Khatovar suchen?« Drei Hände hoben sich. Alle gehörten zu Kämpfern, die nördlich des Meeres der Qualen angeheuert hatten. Schweiger enthielt sich, obgleich er auf der Suche nach seinem eigenen unmöglichen Traum seiner eigenen Wege gehen würde.
Dann schoß eine weitere Hand in die Höhe. Goblin hatte verspätet bemerkt, daß Einauge nicht gegen die Suche war. Sie begannen einen weiteren Serienstreit. Ich kürzte die Sache ab. »Ich werde nicht darauf bestehen, daß die Mehrheit die andern mit sich schleift. Als Befehlshaber kann ich jeden entlassen, der einen anderen Weg einschlagen will. Schweiger?« Er war noch länger als ich ein Bruder der Schwarzen Schar gewesen. Wir waren seine Freunde. Seine Familie. Es zerriß ihm das Herz. Schließlich nickte er. Auch ohne Versprechungen von Darling würde er seinen eigenen Weg gehen. Die drei, die sich gegen die Suche nach Khatovar ausgesprochen hatten, nickten ebenfalls. Ich trug ihre Entlassungen in die Annalen ein. »Ihr seid draußen«, sagte ich zu ihnen. »Sobald wir den Südrand des Waldes erreicht haben, gebe ich euch eure Anteile an Geld und Ausrüstung. Bis dahin bleiben wir zusammen.« Ich verfolgte das Thema nicht weiter, oder ich hätte Schweiger einen Augenblick später am Hals gehangen und mir die Augen aus dem Kopf geheult. Er und ich hatten vieles gemeinsam überstanden. Mit gespitztem Griffel fuhr ich zu Goblin herum. »Und? Soll ich deinen Namen auch ausstreichen?«
»Mach schon«, sagte Einauge. »Beeil dich. Tu es. Schmeiß ihn raus. Leute von seiner Sorte brauchen wir nicht. Er hat immer nur Ärger gemacht.«

Goblin starrte ihn mürrisch an. »Schon dafür werde ich nicht gehen. Ich werde bleiben und
dich überleben und dir deine restlichen Tage zur Hölle machen. Und ich hoffe, du lebst noch hundert Jahre.«
Ich hatte auch nicht angenommen, daß sie sich trennen würden. »Na fein«, sagte ich und unterdrückte ein Grinsen.
»Hagop, schnapp dir ein paar Leute und treib ein paar Pferde zusammen. Ihr anderen tragt zusammen, was sich als nützlich erweisen mag. Zum Beispiel Geld, wenn ihr irgendetwas davon herumliegen seht.«
Sie sahen mich aus Augen an, die immer noch unter dem Eindruck der Geschehnisse wie tot wirkten.
»Jungs, wir rücken ab. Sobald wir wieder reiten können. Und bevor uns weiterer Ärger auf den Pelz rückt. Hagop. Halt dich bloß nicht bei den Packtieren zurück. Ich will alles mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist.« Es kamen noch Einwände und Gezeter auf, aber an diesem Punkt schloß ich die offizielle Rednerliste.
Da ich nun einmal ein schlauer Bursche bin, ließ ich die Gardisten unsere Toten beerdigen. Mit Schweiger stand ich an den Gräbern der Schar und vergoß mehr als nur ein paar Tränen. »Ich hätte nie gedacht, daß Elmo… Er war mein bester Freund.« Es hatte mich erwischt. Endlich. Und zwar schwer. Da ich jetzt alle Pflichten erledigt hatte, gab es nichts, was es noch aufgehalten hätte. »Als ich eingetreten bin, war er mein Fürsprecher.« Schweiger hob die Hand und drückte leicht meinen Arm. Das war das Äußerste, was ich als Geste von ihm erwarten konnte.
Die Gardisten erwiesen ihren Toten ihre eigene Achtung. Bald würden sie sich aus dem Nebel lösen. Bald würden sie daran denken, ihre Aufgaben weiterzuverfolgen. Und die Lady fragen wollen, was sie denn jetzt tun sollten. In gewisser Hinsicht waren sie ja nun arbeitslos geworden.
Sie wußten nicht, daß ihre Herrin entwaffnet worden war. Ich betete darum, daß sie es auch nicht erfuhren, denn ich wollte mich ihrer als Freipaß bedienen. Mir graute davor, was geschehen mochte, sobald ihr Verlust allgemein bekannt wurde. Im allgemeinen: Bürgerkriege, die die Welt zerreißen würden. Im besonderen: Racheversuche an ihr selbst.
Irgendwann würde jemand Verdacht schöpfen. Ich wollte das Geheimnis nur so lange bewahren, bis wir das Reich so weit wie möglich hinter uns gelassen hatten. Schweiger berührte meinen Arm ein weiteres Mal. Er wollte gehen. »Eine Sekunde noch«, sagte ich. Ich zog mein Schwert, salutierte und sprach die alte Abschiedsformel. Dann folgte ich ihm dahin, wo die anderen warteten. Schweigers Trupp würde noch eine Zeitlang mit uns reiten, wie es mein Wunsch gewesen war. Wir würden uns trennen, sobald wir uns vor den Gardisten in Sicherheit wähnten. Auf diesen Augenblick freute ich mich nicht, so unausweichlich er auch auf uns zukam. Wie sollten zwei wie Darling und die Lady in derselben Gruppe reisen, wenn es nicht nur ums

Überleben ging?
Ich schwang mich in den Sattel und verfluchte meinen verflixten schmerzenden Knöchel. Die Lady warf mir einen gemeinen Blick zu. »Nun«, sagte ich, »zumindest zeigst du wieder Lebensgeister.«
»Willst du mich entführen?«
»Willst du lieber mit deinen Leuten allein sein? Mit vermutlich nichts Besserem als einem Dolch, um Ordnung zu
halten?« Dann zwang ich mich zu einem Grinsen. »Wir haben eine Verabredung. Weißt du noch? Ein Abendessen in den Gärten von Opal.« Einen Augenblick lang zeigte sich ein Hauch von Schalk in ihren Augen. Und ein Blick von einem Moment am Feuer, als wir uns nahe gekommen waren. Dann legte sich der Schatten wieder darauf.
Ich neigte mich näher heran, und der Gedanke ließ mich erbeben. Ich raunte: »Und ich brauche deine Hilfe, um die Annalen aus dem Turm herauszuholen.« Ich hatte noch niemandem gesagt, daß sie sich nicht mehr in meinem Besitz befanden. Der Schatten verflog. »Ein Abendessen? Versprochen?« Die Hexe konnte allein mit einem Blick und ihrer Stimme so vieles versprechen. Ich krächzte: »In den Gärten. Jawohl.«
Ich gab das alte, traditionelle Zeichen. Hagop übernahm die Spitze. Goblin und Einauge folgten ihm und zankten sich wie üblich. Dann kam Murgen mit der Standarte, dahinter die Lady und ich. Dann die meisten anderen mit den Packpferden. Schweiger und Darling bildeten das Schlußlicht und hielten geziemenden Abstand von der Lady und mir. Als ich mein Pferd antrieb, schaute ich zurück. Raven stand da, stützte sich auf seinen Stock und sah verlorener und verlassener aus, als er es hätte tun sollen. Case versuchte immer noch, ihm das Ganze zu erklären. Der Junge hatte es mühelos verstanden. Ich dachte mir, daß Raven es auch bald verstehen würde, wenn er erst einmal den Schock überwunden hatte, daß nicht jeder nach seiner Pfeife tanzte, und daß der alte Croaker einem Bluff Nachdruck verleihen konnte, wenn es nötig war. »Es tut mir leid«, murmelte ich in seine Richtung und wußte nicht genau weshalb. Dann drehte ich mich wieder nach vorne zum Wald und sah nicht mehr zurück.
Ich hatte das Gefühl, daß auch er bald unterwegs sein würde. Falls Darling ihm wirklich so viel bedeutete, wie er uns glauben lassen wollte. In dieser Nacht war der Himmel im Norden zum ersten Mal seit nahezu undenklicher Zeit vollkommen klar. Der Große Komet erleuchtete uns den Weg. Jetzt wußte der Norden, was der Rest des Reiches schon seit Wochen gewußt hatte. Er nahm bereits ab. Die Stunde der Entscheidung war verstrichen. Das Reich erwartete angstvoll die von ihm verheißenen Neuigkeiten.
Weit im Norden. Drei Tage später. In der Finsternis einer mondlosen Nacht. Aus dem Großen Wald humpelte ein Scheusal auf drei Beinen hervor. Es ließ sich auf den Überresten des Gräberlandes auf die Hinterbeine sinken und kratzte den Boden mit seiner einen Vorderpranke auf. Der Sohn des Baumes schleuderte ihm einen kleinen Wechselsturm entgegen. Das Untier floh. Aber es würde in einer anderen Nacht wiederkommen, und wieder in einer anderen und in einer weiteren danach…