ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Die
Schreckenssteppe
Die Männer, die mit dem feigen Windwal
aus Rust geflogen waren, tauchten schließlich wieder auf. Wir
erfuhren, daß die Unterworfenen der Steppe stocksauer entkommen
waren, weil nur ein einziger Teppich die Sache überstanden hatte.
Ihre Offensive würde sich solange verzögern, bis die Teppiche
ersetzt worden waren. Und Teppiche gehören zu den größten und
aufwendigsten Zauberwerken. Vermutlich würde der Hinker der Lady
eine Menge erklären müssen.
Ich zog Einauge, Goblin und Schweiger zu einem Großprojekt heran.
Ich übersetzte. Sie suchten Namen heraus und stellten sie in
Tabellen zusammen. Mein Quartier wurde uneinnehmbar. Und war kam
noch zu ertragen, denn Goblin und Einauge hatten vom Leben
außerhalb Darlings Nullfeld gekostet. Sie gingen sich dauernd
gegenseitig an den Kragen. Und ich begann Albträume zu haben.
Eines Abends stellte ich ihnen eine Aufgabe, zum einen, weil kein
weiterer Kurier eingetroffen war, zum anderen, um Goblin und
Einauge zu beschäftigen, ehe sie mich in den Wahnsinn trieben. Ich
sagte: »Vielleicht muß ich die Steppe verlassen. Könnt ihr etwas
anstellen, damit ich keine unliebsame Aufmerksamkeit auf mich
ziehe?« Sie hatten Fragen. Ich beantwortete die meisten davon offen
und ehrlich. Sie wollten mitkommen, als wäre es eine ausgemachte
Sache, daß ich eine Reise nach Westen antreten würde. Worauf ich
sagte: »Ihr kommt auf gar keinen Fall mit. Eintausend Meilen von
eurem Bockmist? Ich würde Selbstmord begehen, bevor wir von der
Steppe runter wären. Oder einen von euch umbringen. Was ich sowieso
schon in Erwägung ziehe.« Goblin quiekte auf und markierte
Todesangst. Einauge sagte: »Komm mir näher als zwei Meter, und ich
verwandele dich in eine Eidechse.« Ich gab ein unanständiges
Geräusch von mir. »Du kannst doch kaum Essen in Scheiße
verwandeln.«
Goblin kicherte boshaft. »Hühner und Kühe können das sowieso
besser. Mit deren Gülle kann man wenigstens düngen.«
»Du mußt dich gerade melden, Zwerg«, fauchte ich. »Der wird ja im
Alter richtig empfindlich«, stellte Einauge fest. »Muß wohl Rheuma
sein. Hast du Rheuma, Croaker?«
»Wenn er so weitermacht, wird er sich noch wünschen, daß
Rheumatismus sein einziges Problem wäre«, gelobte Goblin. »Schlimm
genug, daß ich dich ertragen muß. Aber du bist wenigstens
berechenbar.«
»Berechenbar?«
»Wie die Jahreszeiten?«
Und schon waren sie wieder dabei. Ich
warf Schweiger einen flehentlichen Blick zu. Der
Schweinehund ignorierte mich.
Am Tag darauf kam Goblin mit einem Schlaubergergrinsen
hereingeschlendert. »Wir haben uns etwas ausgedacht, Croaker. Falls
du Spazierengehen willst.« »Und das wäre?«
»Dafür brauchen wir deine Amulette.«
Davon hatte ich zwei, die sie mir vor langer Zeit gegeben hatten.
Das eine sollte mich vor Unterworfenen warnen. Es funktionierte
recht gut. Das andere sollte schützende Wirkung haben, aber damit
könnten sie mich auch aus weiter Entfernung aufspüren. Schweiger
hatte es aufgespürt, als Fänger Raven und mich in den Wolkenwald
geschickt hatte, um Hinker und Wisper aufzulauern, als Hinker zu
den Rebellen überlaufen wollte. Vor langer Zeit und weit weg.
Erinnerungen eines jüngeren Croaker. »Wir werden ein paar
Änderungen vornehmen. Damit man dich nicht mit Magie finden kann.
Gib sie mir. Später werden wir hinausgehen müssen, um sie zu
prüfen.« Ich starrte ihn aus schmalen Augen an.
Er sagte: »Du mußt mitkommen. Wir testen sie, indem wir dich zu
finden versuchen.« »Ach ja? Kommt mir vor wie eine billige Ausrede,
das Nullfeld zu verlassen.« »Schon möglich.« Er grinste.
Jedenfalls gefiel Darling der Plan. Am Abend darauf gingen wir den
Bach hinauf und an Altvater Baum vorbei. »Er sieht ein wenig
vergrätzt aus«, sagte ich. »Er hat bei dem Tohuwabohu die Ausläufer
eines Zauberbannes der Unterworfenen abgekriegt«, erklärte Einauge.
»Ich glaube nicht, daß ihm das gefallen hat.« Der alte Baum
klimperte. Ich blieb stehen und betrachtete ihn. Er mußte
Jahrtausende alt sein. Auf der Steppe wachsen die Bäume nur sehr
langsam. Was für Geschichten er wohl erzählen konnte?
»Komm schon, Croaker«, rief Goblin. »Altvater wird dir nichts
sagen.« Er setzte sein Froschgrinsen auf.
Sie kennen mich nur zu gut. Sie wissen genau, daß ich, wenn ich
etwas Altes sehe, mich immer wieder frage, was es wohl gesehen hat.
Sie können mir den Buckel runterrutschen. Fünf Meilen vom Loch
entfernt verließen wir den Wasserlauf und gingen nach Westen in die
Wüste, wo die Korallen besonders dicht und giftig wuchsen. Meiner
Schätzung nach gab es etwa fünfhundert Spezies, die in so dichten
Riffen wuchsen, daß fast kein Durchkommen war. Die Farben liefen
Amok. Finger, Fächer, Zweige aus Korallen ragten dreißig Fuß in die
Höhe. Es erstaunt mich immer wieder, daß der Wind sie nicht umlegt.
Einauge blieb an einem kleinen von Korallen umstandenen Sandfleck
stehen. »Das ist weit genug. Hier sind wir sicher.«
Da war ich mir nicht so sicher. Unsere
Reise war von Rochen und den Bussardwesen
verfolgt worden. Solchen Biestern werde ich niemals ganz vertrauen.
Vor langer, langer Zeit, nach der Schlacht von Charm, hatte die
Schar die Steppe zu Einsätzen im Osten durchquert. Ich hatte
schreckliche Dinge gesehen. Und die Erinnerung daran wurde ich
niemals los.
Goblin und Einauge machten ein paar Spielchen, kümmerten sich aber
auch um ihre Aufgaben. Sie erinnern mich an lebhafte Kinder. Sie
haben immer etwas vor, nur um etwas zu tun. Ich streckte mich aus
und beobachtete die Wolken. Bald schlief ich ein. Goblin weckte
mich. Er gab mir mein Amulett zurück. »Wir werden jetzt Verstecken
spielen«, sagte er. »Wir geben dir einen Vorsprung. Wenn wir alles
richtig gemacht haben, werden wir dich nicht finden können.«
»Na, das ist doch wunderbar«, erwiderte ich. »Ich darf hier draußen
ganz alleine umherirren.« Ich maulte bloß aus Spaß. Das Loch konnte
ich immer finden. Ich war versucht, ihnen einen bösen Streich zu
spielen und direkt dorthin zu gehen. Aber hier ging es um ernste
Dinge.
Ich ging nach Südwesten zu den Hügelausläufern; überquerte den
Westpfad und versteckte mich zwischen stillen Wanderbäumen. Das
Warten gab ich erst nach Einbruch der Dunkelheit auf. Ich ging
wieder zum Loch, wobei ich mich fragte, was aus meinen Kameraden
geworden war. Meine Ankunft erschreckte den Wachtposten. »Sind
Goblin und Einauge schon wieder da.« »Nein. Ich dachte, die wären
bei dir.«
»Das waren sie auch.« Besorgt ging ich nach unten und fragte den
Leutnant um Rat. »Such sie«, befahl er mir.
»Wie denn?«
Er sah mich an, als hätte er es mit einem Schwachkopf zu tun. »Laß
deine dämlichen Amulette hier, geh aus dem Nullfeld raus und warte
ab.« »Oh. In Ordnung.«
Also ging ich wieder hinaus und lief murrend den Bach hinauf. Mir
taten die Füße weh. Dieses viele Herumgelatsche war ich nicht
gewohnt. Das tut mir gut, sagte ich mir. Ich mußte schließlich in
Form sein, wenn ein Ausflug nach Oar anstand. Ich erreichte den
Rand der Korallenriffe. »Einauge! Goblin! Jungens, seid ihr hier
irgendwo?«
Keine Antwort. Ich wollte aber auch nicht weiter nach ihnen suchen.
Die Korallen hätten mich umgebracht. Ich umging sie in nördliche
Richtung, weil ich annahm, daß sie sich vom Loch entfernt hatten.
Alle paar Minuten ging ich in die Knie, um nach dem Umriß eines
Menhirs Ausschau zu halten. Die Menhire würden wissen, was aus
ihnen geworden war.
Einmal sah ich aus dem Augenwinkel
Blitze und Wabern und rannte ohne nachzudenken in
die entsprechende Richtung, in der Annahme, daß Goblin und Einauge
sich kabbelten. Doch ein unmittelbarer Blick zeigte mir das ferne
Wüten eines Wechselsturmes. Sofort blieb ich stehen. Verspätet fiel
mir ein, daß es nachts nur der Tod auf der Steppe eilig hat.
Ich hatte Glück. Nur wenige Schritte vor mir wurde der Sand
schwammig und locker. Ich hockte mich hin und nahm eine Handvoll
auf. Der Geruch nach altem Tod haftete daran. Vorsichtig trat ich
zurück. Wer weiß schon, was unter dem Sand auf der Lauer liegen
mochte? »Ich krieche besser unter und warte auf den Sonnenaufgang«,
brummte ich. Ich war mir nicht mehr sicher, wo ich mich eigentlich
befand. Ich entdeckte ein paar Felsen, die den Wind von mir
abhielten und einige Büsche für Feuerholz und schlug mein Lager
auf. Das Feuer war eher dafür gedacht, mich den Bestien zu erkennen
zu geben, als mir Wärme zu liefern. Die Nacht war nicht kalt. Hier
draußen war das Entzünden eines Feuers ein symbolischer Akt. Sobald
die Flammen sich erhoben, stellte ich fest, daß diese Stelle schon
zuvor benutzt worden war. Rauch hatte die Felsen geschwärzt.
Wahrscheinlich Eingeborene. Sie wandern in kleinen Gruppen umher.
Wir haben wenig Umgang mit ihnen. Am Kampf um die Welt haben sie
kein Interesse.
Nach der zweiten Stunde verließ mich die Willenskraft. Ich schlief
ein. Der Albtraum fand mich ungeschützt von Amuletten oder dem
Nullfeld. Sie kam zu mir.
Es war schon Jahre her seit dem letzten Mal. Damals hatte sie mir
von der endgültigen Niederlage ihres Gatten bei der Geschichte in
Juniper berichtet. Eine goldene Wolke wie Staubkörner, die im
Sonnenlicht tanzen. Das Gefühl, im Schlaf wach zu sein. Ruhe und
Angst miteinander vermengt. Die Unfähigkeit, sich regen zu können.
All die alten Symptome.
Eine wunderschöne Frau bildete sich in der Wolke, eine Frau wie aus
Tagträumen. Von jener Art, der man eines Tages zu begegnen hofft
und doch weiß, daß dies niemals geschehen wird. Ich kann nicht
sagen, was sie anhatte, ob sie überhaupt etwas anhatte. Mein
Universum bestand aus ihrem Gesicht und dem Schrecken, den ihre
Gegenwart auslöste. Ihr Lächeln war nicht völlig kalt. Vor langer
Zeit hatte sie aus irgendeinem Grund Interesse an mir entwickelt.
Ich vermutete, daß sie noch einen Rest der alten Zuneigung
verspürte, wie für ein Schoßhündchen, das schon lange tot ist.
»Leibarzt.« Ein Lufthauch im Schilf neben dem Wasser der Ewigkeit.
Das Flüstern der Engel. Aber sie konnte mich niemals die
Wirklichkeit vergessen lassen, der diese Stimme entsprang.
Sie war auch nie so ungeschickt, mich mit Versprechungen oder sich
selbst in Versuchung führen zu wollen. Vielleicht ist das der
Grund, weshalb ich glaube, daß sie immer noch eine
gewisse Sympathie für mich empfindet.
Wenn sie mich benutzte, sagte sie es mir
geradeheraus.
Ich konnte nichts erwidern.
»Du bist in Sicherheit. Vor langer Zeit, wie sie nach deinen
Begriffen gemessen wird, sagte ich dir, daß ich mit dir in
Verbindung bleiben würde. Das habe ich nicht gekonnt. Du hast mich
von dir ferngehalten. Ich habe es schon seit Wochen versucht.« Was
die Alpträume erklärte.
»Was?« Ich quiekte wie Goblin.
»Komm zu mir nach Charm. Sei mein Historiker.« Wie immer, wenn sie
mich berührte, war ich auch diesmal verblüfft. Sie schien mich als
außerhalb des Kampfes stehend anzusehen, während ich dennoch daran
teilnahm. Am Vorabend der wütendsten Zauberschlacht, die ich je
erlebt hatte, versprach sie mir auf der Zährenstiege, daß mir
nichts zustoßen würde. Meine kleine Rolle als Historiker der Schar
schien sie zu faszinieren. Damals bestand sie darauf, daß ich alles
so verzeichnete, wie es sich abspiele. Ohne jemandem schmeicheln zu
wollen. Innerhalb der Grenzen meiner eigenen Vorurteile hatte ich
das auch getan.
»Die Hitze im Schmelztiegel nimmt zu, Leibarzt. Eure Weiße Rose ist
schlau. Ihr Angriff im Rücken des Hinkers war ein guter Schlag.
Aber vor dem Hintergrund des Gesamtbildes unwichtig. Siehst du das
nicht auch so?« Wie konnte ich ihr widersprechen? Ich stimmte ihr
zu. »Wie eure Spitzel zweifellos berichtet haben, stehen fünf Heere
bereit, die Schreckenssteppe auszuräuchern. Die Steppe ist ein
seltsames und unberechenbares Land. Aber sie wird den
zusammengezogenen Kräften nicht widerstehen können.« Und wieder
konnte ich ihr nicht widersprechen, denn ich glaubte ihr. Ich
konnte nur das tun, von dem Darling so häufig sprach: Zeit
erkaufen. »Da könntet Ihr eine Überraschung erleben.«
»Vielleicht. Überraschungen sind in meine Pläne mit einbezogen
worden. Verlaß diese kalte Einöde, Croaker. Komm zum Turm. Werde
mein Historiker.« Sie war so nahe daran, mich ernsthaft in
Versuchung zu führen. Das kam einer Versuchung so nahe, wie sie es
nur je vermocht hatte. Sie sprach einen Teil von mir an, den ich
nicht verstehe, einen Teil, der beinahe dazu bereit ist, die
Kameraden zu verraten, die ich seit Jahrzehnten kenne. Wenn ich
dorthin ging, gab es da so viel, das ich wissen würde. So viele erhellende Antworten. So
viele gelöste Rätsel. »Ihr seid uns bei der Königinnenbrücke
entkommen.« Hitze stieg meinen Nacken empor. Während unserer
jahrelangen Flucht hatten die Truppen der Lady uns mehrere Male
eingeholt. Und am schlimmsten war es bei der Königinnenbrücke
gewesen. Einhundert Brüder waren dort gefallen. Und zu meiner
Schande hatte ich die Annalen am Flußufer vergraben zurückgelassen.
Vierhundert Jahre Geschichte der Schar aufgegeben.
Wir hatten nicht alles mitnehmen können.
Die Papiere im Loch waren für unsere Zukunft
lebenswichtig. Ich hatte sie anstelle der Annalen mitgenommen. Aber
oft überkommen mich Schuldgefühle. Ich muß den Geistern der Brüder,
die vor uns abgetreten sind, Rechenschaft ablegen. Diese Annalen
sind die Schwarze Schar selbst. Solange sie existieren, lebt auch
die Schar weiter.
»Wir sind entkommen und wieder entkommen, und das werden wir auch
weiter tun. So ist es bestimmt.«
Sie lächelte erheitert. »Ich habe deine Annalen gelesen, Croaker.
Die neuen und die alten.« Ich warf Holz auf die Glutreste meines
Feuers. Also träumte ich nicht. »Du hast sie?« Bis zu diesem
Augenblick hatte ich die Schuldgefühle dadurch besänftigt, daß ich
mir vornahm, sie irgendwann wieder zurückzuholen.
»Man hat sie nach der Schlacht gefunden und mir übergeben. Ich war
erfreut. Für einen Historiker bist du ehrlich.«
»Danke. Ich gebe mir Mühe.«
»Komm nach Charm. Im Turm ist ein Platz für dich. Von dort aus
kannst du das Gesamtbild sehen.«
»Ich kann nicht.«
»Dort kann ich dich nicht beschützen. Du wirst das gleiche
Schicksal erleiden müssen, das deinen Rebellenfreunden bevorsteht.
Dieser Feldzug steht unter dem Befehl des Hinkers. Ich werde mich
nicht einmischen. Er ist nicht mehr das, was er einst war. Du hast
ihm Schmerz zugefügt. Und er mußte noch schlimmere Schmerzen
erleiden, damit er gerettet werden konnte. Das hat er dir nicht
verziehen, Croaker.« »Ich weiß.« Wie oft hatte sie meinen Namen
genannt? In all unseren Kontakten über die Jahre hatte sie ihn nur
einmal in den Mund genommen. »Fall ihm nicht in die Hände.«
Irgendwo aus meinen Tiefen stieg ein leiser, verbitterter Humor
auf. »Ihr seid eine Versagerin, Lady.«
Das erwischte sie kalt.
»Als der Narr, der ich nun einmal bin, habe ich meine romantischen
Geschichten in den Annalen festgehalten. Ihr habt sie gelesen. Ihr
wißt, daß ich Euch niemals als finster charakterisiert habe. Nicht
so, wie ich vermutlich Euren Gatten beschreiben würde. Ich vermute,
daß unter der Dummheit jener Geschichten eine unbewußt erspürte
Wahrheit liegt.« »Ach ja?«
»Ich glaube nicht, daß Ihr tatsächlich finster seid. Ich glaube,
Ihr versucht bloß es zu sein. Ich glaube, daß trotz all Eurer bösen
Taten ein Teil des Kindes, das ihr einst wart, unbefleckt geblieben
ist. Ein Funke verbleibt, und Ihr könnt ihn nicht auslöschen.« Da
sie mir nicht widersprach, wurde ich kühner.
»Ich denke, Ihr habt mich als
symbolischen Zunder für diesen Funken auserwählt. Ich bin
ein Rettungsprojekt, das auf die gleiche Weise einen verborgenen
Zug an Anstand zufriedenstellen soll, wie mein Freund Raven einst
ein Kind gerettet hat, das zur Weißen Rose wurde. Ihr habt die
Annalen gelesen. Ihr wißt, wie tief Raven gesunken ist, nachdem er
all seinen Anstand in einem einzigen Becher gesammelt hatte.
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er gar keinen gehabt hätte.
Dann würde Juniper noch existieren. Und vielleicht auch er.«
»Juniper war ein Geschwür, das schon längst hätte aufgestochen
werden sollen. Ich bin nicht hierhergekommen, um mich verspotten zu
lassen, Leibarzt. Ich werde mich nicht als schwach hinstellen
lassen, nicht einmal vor einem Mann.« Ich wollte aufbegehren.
»Denn ich weiß, daß auch dies in deinen Annalen verzeichnet werden
wird.« Sie kannte mich gut. Nun ja, sie hatte mich ja auch unter
dem Auge verhört. »Komm zum Turm, Croaker. Ich verlange keinen Eid
von dir.« »Lady…«
»Selbst die Unterworfenen binden sich mit tödlichen Eiden an mich.
Du darfst frei bleiben. Tu nur, was dein Beruf ist. Heile und
schreibe die Wahrheit nieder. Was du auch überall tun würdest. Dir
ist ein Wert zueigen, der dort draußen nicht verschwendet werden
soll.« Das war doch mal eine Ansicht, der ich aus ganzem Herzen
zustimmen konnte. Ich würde sie mit mir nehmen und sie gewissen
Leuten um die Ohren hauen. »Was denn?« Sie wollte etwas sagen. Ich
hob eine Hand zur Warnung. Ich hatte nicht mit ihr, sondern mit mir
selbst gesprochen.
Waren das Schritte? Ja. Etwas Großes näherte sich. Etwas, das sich
langsam und müde fortbewegte.
Sie spürte es auch. Innerhalb eines Wimpernschlages war sie fort,
und ihr Verschwinden saugte etwas aus meinem Bewußtsein, so daß ich
wieder einmal nicht sicher war, ob ich nicht alles nur geträumt
hatte, obwohl jedes einzelne Wort im Gestein meines Verstandes auf
ewig eingemeißelt war.
Ich schob Buschholz auf mein Feuer und zog mich in eine Felsspalte
hinter meinen Dolch zurück, der einzigen Waffe, die ich in einem
Anflug von Verstand mitgebracht hatte. Es kam näher. Hielt dann
inne. Kam heran. Mein Herz schlug schneller. Etwas tauchte im
Feuerschein auf.
»Köter Krötenkiller! He, verdammt noch mal! Was machst du denn
hier? Komm ins Warme, Junge.« Ich sprudelte die Worte nur so hervor
und schwemmte damit die Angst fort. »Junge, Tracker wird echt froh
sein, dich wiederzusehen. Was ist mit dir passiert?« Vorsichtig kam
er näher. Er sah doppelt so räudig aus wie zuvor. Er legte sich
flach auf den Boden, legte sein Kinn auf die Vorderpfoten und
schloß ein Auge »Ich habe nichts zu essen hier. Ich habe mich
selbst ein bißchen verlaufen. Du hast
verdammtes Glück, weißt du das? Daß du
es überhaupt bis hier geschafft hast. Die Steppe ist
ein schlimmer Ort, wenn man allein unterwegs ist.« Im Moment sah
die alte Promenadenmischung so aus, als ob er damit völlig
übereinstimmte. Körpersprache, wenn man so will. Er hatte überlebt,
aber es war nicht leicht gewesen. Ich sagte zu ihm: »Wenn die Sonne
aufgeht, machen wir uns auf den Heimweg. Goblin und Einauge haben
sich verlaufen; haben eben Pech gehabt.« Nach der Ankunft von Köter
Krötenkiller schlief ich besser. Das alte Bündnis ist wohl auch in
den Menschen eingebrannt. Ich war ganz sicher, daß er mich warnen
würde, wenn Gefahr drohte.
Am Morgen entdeckten wir den Bach und folgten ihm zum Loch. Wie ich
es oft tat, blieb ich bei Altvater Baum stehen und führte eine
kleine einseitige Unterhaltung mit ihm über das, was er während
seiner langen Wacht alles gesehen hatte. Der Hund traute sich nicht
in seine Nähe. Sonderbar.
Aber auf der Steppe steht Sonderbar jeden Tag auf der Karte. Ich
stellte fest, daß Einauge und Goblin sich schnarchend ausschliefen.
Sie waren nur wenige Minuten nachdem ich das Loch verlassen hatte,
um nach ihnen zu suchen, zurückgekehrt. Schweinehunde. Bei der
nächsten Gelegenheit würde ich es ihnen heimzahlen. Ich trieb sie
fast in den Wahnsinn, indem ich meinen Nachtausflug mit keinem Wort
erwähnte.
»Hat es funktioniert?« wollte ich wissen. Weiter unten im Tunnel
feierte Tracker ein lärmendes Wiedersehen mit seiner Töle.
»Irgendwie schon«, sagte Goblin. Er war wenig begeistert.
»Irgendwie schon? Was soll das heißen, irgendwie schon?
Funktioniert das nun oder nicht?« »Nun, wir haben da ein Problem.
Im Wesentlichen können wir die Unterworfenen daran hindern, dich zu
orten. Dich sozusagen anzupeilen.« Wenn dieser Bursche drumherum
redet, gibt es todsicher Probleme. »Aber? Nun rück schon raus mit
dem Aber, Goblin.«
»Wenn du das Nullfeld verläßt, kann man nicht verbergen, daß du
draußen bist.« »Prima. Wirklich ganz prima. Wozu seid ihr Jungens
eigentlich nütze?« »So schlimm ist es auch wieder nicht«, sagte
Einauge. »Du würdest keinerlei Aufmerksamkeit auf dich ziehen,
solange sie nicht aus einer anderen Quelle erfahren, daß du draußen
bist. Ich meine, sie würden ja nicht nach dir Ausschau halten,
oder? Dafür gibt es keinen Grund. Das ist also genausogut, als wenn
wir alles erreicht hätten, was wir uns vorgenommen hatten.«
»Käse! Fangt lieber an zu beten, daß der nächste Brief durchkommt.
Denn wenn ich da rausgehe und mir den Hintern wegschießen lasse,
ratet mal, wessen Gespenst wen dann wohl bis in alle Ewigkeit
heimsuchen wird?«
»Darling wird dich nicht
rausschicken.«
»Wollen wir wetten? Sie wird sich drei oder vier Tage lang das Hirn
zermartern. Aber sie wird mich losschicken. Weil dieser letzte
Brief uns den Schlüssel liefern wird.« Aufwallende Furcht. Hatte
die Lady meine Gedanken erforscht? »Was ist los, Croaker?«
Daß Tracker auftauchte, ersparte mir eine Lüge. Er kam
herangestürmt und schüttelte mir wie ein Verrückter die Hand.
»Danke, Croaker. Danke, daß du ihn zurückgebracht hast.« Und weg
war er.
»Was zur Hölle war das denn?« fragte Goblin. »Ich habe seinen Hund
mitgebracht.«
»Sonderbar.«
Einauge prustete los. »Schilt da ein Esel den anderen Langohr?«
»Ach ja? Echsenmaul. Soll ich dir mal was über sonderbar erzählen?«
»Laß es stecken«, sagte ich. »Wenn ich losgeschickt werde, will
ich, daß dieser Raum tipptopp in Ordnung ist. Ich wünschte mir nur,
daß wir Leute hätten, die diesen Müll lesen können.«
»Vielleicht kann ich dir helfen.« Tracker war wieder da. Der große
dumme Trampel. Der reinste Teufel mit dem Schwert, aber
wahrscheinlich unfähig, seinen eigenen Namen zu schreiben.
»Und wie das?«
»Ich könnte etwas von dem Zeug lesen. Ich verstehe ein bißchen was
von der alten Sprache. Das hat mir mein Vater beigebracht.« Er
grinste, suchte ein Blatt hervor, das mit TelleKurre beschrieben
war und las laut vor. Die alte Sprache ging ihm so natürlich von
der Zunge, wie ich sie in Unterhaltungen zwischen den alten
Unterworfenen gehört hatte. Dann übersetzte er den Inhalt. Es ging
um eine Anweisung an das Küchenpersonal eines Schlosses, welche
Speisen für durchreisende Würdenträger zubereitet werden sollten.
Ich ging den Text Wort für Wort durch. Seine Übersetzung war
makellos. Besser, als ich sie hätte vornehmen können. Ein Drittel
der Worte kannte ich überhaupt nicht. »Fein. Willkommen im Team.
Ich sage Darling Bescheid.« Ich schob mich an ihm vorbei und
tauschte hinter Trackers Rücken einen verdutzten Blick mit Einauge.
Seltsam und immer seltsamer. Was war dieser Mann? Von sonderbar
einmal abgesehen. Bei unserer ersten Begegnung erinnerte er mich an
Raven und füllte diese Rolle auch aus. Wenn ich an ihn als einen
großen langsamen und schwerfälligen Mann dachte, füllte er auch
diese Rolle aus. War er eine Reflektion jedes beliebigen Bildes,
das sein Betrachter von ihm hatte? Allerdings war er ein guter
Kämpfer, und dafür hatte er unseren Segen. Er war zehn andere
Männer unserer Truppe wert.