SECHSUNDVIERZIGTES KAPITEL
Der Sohn des
Baumes
Ich war nervös. Ich hatte
Schlafschwierigkeiten. Die Tage verrannen. Im Westen nagte der
Große Tragic an seinen Ufern. Ein vierbeiniges Ungeheuer rannte zu
seinem Herrn und Meister, um ihm zu berichten, daß es entdeckt
worden war. Darling und die Lady unternahmen nichts.
Raven blieb gefangen. Bomanz blieb im Höllenfeuer gefangen, das er
auf sich selbst heraufbeschworen hatte. Das Ende der Welt kam immer
näher. Und niemand tat irgendetwas. Ich beendete meine
Übersetzungen. Und war auch nicht schlauer als zuvor. Scheinbar.
Obgleich Schweiger, Goblin und Einauge mit Namenstabellen und
Querverweisen herumfuhrwerkten, um Muster zu entdecken. Die Lady
sah ihnen häufiger über die Schultern, als ich es tat. Ich bastelte
an diesen Annalen herum. Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich eine
Bitte um die Rückgabe jener Bände formulieren sollte, die ich bei
der Königinnenbrücke verloren hatte. Ich wurde immer kribbeliger.
Die anderen begegneten mir mit zunehmender Gereiztheit. Ich begann
Spaziergänge im Mondschein zu unternehmen, um meine nervöse
Spannung abzubauen. Eines Nachts stand der Mond als dicke
orangefarbene Blase am Himmel über den Hügeln. Ein großartiger
Anblick, besonders, wenn umherstreifende Rochen davor durch die
Luft glitten. Aus irgendeinem Grund wies die Wüste an den Rändern
einen lila Schimmer auf. Die Luft war kühl. Pulverschnee trieb seit
dem Nachmittag auf der Brise einher. Weit im Norden flackerte ein
Wechselsturm…
Neben mir tauchte ein Menhir auf. Ich sprang einen Meter in die
Luft. »Sind wieder Fremde auf der Steppe, Stein?« fragte ich.
»Niemand, der fremder ist als du, Croaker.« »Ein Komiker, wie ich
sehe. Willst du was?« »Nein. Der Vater der Bäume will dich.« »Ach ja? Bis dann.« Mit klopfendem Herzen
schlug ich den Weg zum Loch ein. Ein zweiter Menhir verstellte mir
den Weg. »Nun ja. Wenn ihr es so formuliert.« Mit gespielter
Tapferkeit begab ich mich bachaufwärts. Sie hätten mich zu ihm
hingetrieben. Es war besser, das Unausweichliche hinzunehmen. Das
war weniger erniedrigend.
Um den kahlen Fleck herum war der Wind bitterkalt, aber als ich die
Grenze überschritt, war es, als ob ich in den Sommer trat. Kein
Lüftchen regte sich, obwohl der alte Baum klimperte. Es herrschte
eine Ofenhitze.
Der Mond stand jetzt hoch genug, daß er
den kahlen Fleck mit Silberlicht beschien. Ich
näherte mich dem Baum. Mein Blick haftete auf der Hand und dem
Unterarm, die immer noch herausragte, eine Wurzel umklammerte und,
wie es schien, hin und wieder immer noch leise zuckte. Die Wurzel
war allerdings dicker geworden und schien sich um die Hand zu
schmiegen, so wie ein Baum, der als Grenzpfahl benutzt wird, um den
angehefteten Draht herumwächst. Zwei Meter vor dem Baum blieb ich
stehen. »Komm näher«, sagte er. Mit ganz normaler Stimme. Im
Gesprächston, mit der entsprechenden Lautstärke.
Ich sagte: »Jiks!« und suchte nach einem Ausgang. Ungefähr zwei
Fantastilliarden Menhire umstanden den kahlen Fleck. Soviel zum
Thema Flucht. »Bleib stehen, Vergänglicher.« Meine Beine
erstarrten. Vergänglicher, wie? »Du hast um Hilfe gebeten. Du hast
Hilfe verlangt. Du hast um Hilfe gewinselt, gefleht und gebettelt.
Bleib stehen und nimm sie hin. Komm näher.« »Entscheide dich
endlich.« Ich tat zwei Schritte. Noch ein Schritt, und ich wäre
schon am Klettern gewesen.
»Ich habe nachgedacht. Dieses Wesen, das ihr Vergänglichen
fürchtet; im Boden so weit von hier, wäre eine Gefahr für meine
Geschöpfe, sollte es sich je erheben. In denen, die ihm Widerstand
leisten, spüre ich keine nennenswerte Kraft. Daher…« Ich unterbrach
ihn nur ungern, aber ich mußte einfach schreien. Die Sache war die:
etwas hatte mich am Knöchel gepackt. Es drückte ihn so fest, daß
ich spürte, wie die Knochen gegeneinanderrieben. Zerbröselten. Tut
mir leid, Alter. Die Welt wurde blau. Ich rollte in einem
Wirbelsturm des Zorns umher. Blitze rasten in Vater Baums Zweigen.
Donner rollte über die Steppe. Ich brüllte noch mehr. Blaue
Strahlen schlugen um mich ein und rösteten mich fast ebensosehr wie
meinen Folterer. Aber schließlich ließ die Hand mich doch los. Ich
versuchte fortzulaufen.
Nach einem Schritt ging ich zu Boden. Ich hastete kriechend weiter,
während Vater Baum sich entschuldigte und mich zurückzurufen
versuchte. Von wegen. Wenn es sein mußte, würde ich durch die
Menhire hindurchkrabbeln… Mein Verstand füllte sich mit einem
Wachtraum. Vater Baum übermittelte mir seine Botschaft auf direktem
Wege. Dann wurde die Erde wieder ruhig, vom Wuuusch verschwindender Menhire einmal abgesehen.
Großes Hallo aus der Richtung des Lochs. Ein ganzer Trupp strömte
hervor, um nach der Ursache des Lärms zu sehen. Schweiger kam als
erster bei mir an. »Einauge«, sagte ich. »Ich brauche Einauge.«
Außer mir ist er der einzige mit einer gewissen medizinischen
Ausbildung. Und wenn er auch sonst ein alter Widerborst war, konnte
ich mich doch darauf verlassen, daß
er ärztliche Anweisungen ausführte.
Einauge tauchte mit etwa zwanzig anderen einen Augenblick später
auf. Der Wachposten hatte rasch reagiert. »Knöchel«, sagte ich zu
ihm. »Vielleicht zerquetscht. Besorg mal jemand Licht. Und eine
verdammte Schaufel.«
»Eine Schaufel? Hast du sie noch alle?« wollte Einauge wissen
»Schaff einfach eine ran. Und mach was wegen der Schmerzen.« Elmo
tauchte auf, während er sich noch den Gürtel festschnallte. »Was
ist passiert, Croaker?«
»Der alte Baum wollte sich unterhalten. Hatte die Steine
losgeschickt, um mich zu holen. Sagt, er will uns helfen. Aber als
ich ihm zugehört habe, hat mich diese Hand gepackt. Hat versucht
mir meinen Fuß abzureißen. Der Krach, das war der Baum; er hat
gesagt: >Jetzt laß das, so was ist nicht nett.<«
»Wenn du mit seinem Bein fertig bist, schneid ihm die Zunge raus«,
sagte Elmo zu Einauge. »Was wollte er denn, Croaker?«
»Hast du was an den Ohren? Er will uns mit dem Dominator helfen.
Sagt, er hätte es sich überlegt. Hat beschlossen, es wäre in seinem
eigenen Interesse, den Dominator kleinzuhalten. Helft mir auf.«
Einauges Bemühungen begannen sich bereits auszuzahlen. Er hatte
eine von seinen seltsamen Dschungelpampen auf meinen Knöchel
geschmiert - der bereits auf das Dreifache angeschwollen war - und
die Schmerzen ließen schon nach. Elmo schüttelte den Kopf.
Ich sagte: »Wenn du mir nicht gleich hochhilfst, breche ich dir
dein verdammtes Bein.« Also hievten
Schweiger und er mich in die Höhe, aber sie stützten mich. »Nehmt
die Schaufeln mit«, sagte ich. Davon waren etwa ein halbes Dutzend
aufgetaucht. Es waren Werkzeuge um Befestigungsgräben auszuheben,
keine echten Schaufeln. »Wenn ihr Burschen unbedingt helfen wollt,
dann schafft mich zu dem Baum.« Elmo knurrte. Einen Augenblick lang
dachte ich, Schweiger würde etwas sagen. Ich sah ihn erwartungsvoll
lächelnd an. Ich hatte mehr als zwanzig Jahre darauf gewartet.
Keine Chance.
Welchen Eid er auch geleistet hatte, was auch immer ihn dazu
getrieben hatte, sich der Sprache zu enthalten, es hatte Schweigers
Kiefer mit einem stählernen Vorhängeschloß verschlossen. Ich habe
ihn schon so sauer gesehen, daß er Nägel hätte kauen mögen, so
erregt, daß er die Kontrolle über seinem Schließmuskel verlor, aber
nichts hat seinen Entschluß, nicht zu sprechen, brechen können.
In den Zweigen des Baumes spielten immer noch blaue Lichter.
Blätter klimperten. Mondlicht und Fackelschein mischten sich zu
unheimlichen Schatten, die die Funken tanzen ließen… »Um ihn
herum«, sagte ich zu meinen Leibsklaven. Ich hatte ihn nicht selbst
gesehen, aber er mußte hinter diesem Riesenstamm stehen. Jawoll. Da
war er, sieben Meter vom Fuß des Baumes entfernt. Ein Schößling,
der
zweieinhalb Meter aufragte.
Einauge, Schweiger, Goblin, sie alle gafften und plapperten wie
verschreckte Affen. Aber nicht Elmo. »Holt ein paar Eimer Wasser
und feuchtet den Boden gut an«, sagte er. »Und sucht eine alte
Decke, die wir um die Wurzel und die Erde drumherum wickeln
können.« Er hatte sofort begriffen. Verdammter Bauer. »Bringt mich
wieder nach unten«, sagte ich. »Ich will mir diesen Knöchel bei
besserem Licht ansehen.« Elmo und Schweiger trugen mich zurück, und
wir begegneten der Lady. Sie tat angemessen besorgt und gluckte um
mich herum. Ich mußte eine Menge wissendes Gegrinse ertragen. Doch
damals kannte nur Darling die Wahrheit. Und vielleicht war auch
Schweiger ein wenig mißtrauisch.