SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Schwere Zeiten

Einauge sah scheußlich aus. »Es war hart«, sagte er. »Hol die Karte raus, Croaker.« Ich tat wie mir geheißen. Er zeigte auf eine Stelle. »Er ist hier. Und er steckt fest. Sieht so aus, als ob er Bomanz’ Pfad bis zum Zentrum gefolgt und dann auf dem Rückweg in Schwierigkeiten geraten ist.«
»Wie? Ich begreife nicht, was dort vor sich geht.« »Ich wünschte, du könntest selbst dort hineingehen. Ein Reich der schrecklichen Schatten… Vermutlich sollte ich froh sein, daß du es nicht kannst. Du würdest es glatt versuchen.« »Und was soll das nun wieder heißen?«
»Das soll heißen, daß du zu neugierig bist, als daß es gesund für dich sein könnte. Genau wie der alte Bomanz. Nein. Sei still.« Er hielt kurz inne. »Croaker, da war etwas gefangen, ein Diener der Unterworfenen, und das hat in der Nähe von Bomanz’ Pfad gelauert. Er war zu stark dafür. Aber Raven war ein Amateur. Ich glaube, Goblin, Schweiger und ich zusammen würden mit diesem Ding Schwierigkeiten haben, und wir haben größere Fähigkeiten, als Raven sie haben konnte. Er hat die Gefahren unter- und sich selbst überschätzt. Als er hinauswollte, hat das Wesen seine Stelle eingenommen und ihn in seinem Gefängnis zurückgelassen.«
Ich runzelte die Stirn. Noch hatte ich es nicht ganz begriffen. Einauge erklärte es mir. »Jemand hat ihn benutzt, um das Gleichgewicht der alten Bannsprüche zu bewahren. Er steckt also in einem Netz aus alter Zauberkunst fest. Und das Wesen ist draußen.«
Ein Gefühl, als ob ich aus großer Höhe stürzte. Ein Gefühl, das der Verzweiflung nahe kam. »Draußen? Und ihr wißt nicht…?«
»Nichts. Auf der Karte steht nichts. Bomanz muß die niederen Dämonen als unwichtig abgetan haben. Er hat kaum ein Dutzend davon eingetragen. Und es hätten mehrere Dutzend sein sollen.«
In der Literatur fanden sich Hinweise, die das bestätigten. »Was hat er dir gesagt? Habt ihr miteinander reden können?«
»Nein. Er hat bemerkt, das jemand da war. Aber er steckt in einem Sumpf von Bannsprüchen. Ich konnte ihn nicht befreien, ohne selbst darin steckenzubleiben. Es gibt ein geringfügiges Ungleichgewicht, so als ob das, was entkommen ist, etwas mehr war, als das, was steckengeblieben ist. Ich habe versucht dichter an ihn heranzukommen. Da hat mich Goblin dann herausholen müssen. Ich habe eine große Furcht gespürt, die mit seiner Lage nichts zu tun hatte. In der Hinsicht war da nur Zorn. Ich glaube, er ist nur deshalb in die Falle geraten, weil er sich so sehr beeilt hat, daß er nicht mehr auf seine Umgebung achtete.«

Das kapierte ich. Er war im Zentrum gewesen und dann geflohen. Was lag im Zentrum?
»Glaubst du, daß das, was entflohen ist, versuchen könnte, das Große Grab zu öffnen?« »Es könnte so etwas in die Wege leiten wollen.« Ein Geistesblitz überkam mich. »Warum holen wir nicht Darling hierher? Sie könnte doch…«
Einauge warf mir einen seiner Nun-sei-doch-nicht-blöder-als-nötig-Blicke zu. Stimmte ja auch. Raven war noch das harmloseste, was ein Nullfeld freisetzen konnte. »Das würde dem Dicken gefallen«, höhnte Goblin. »Sehr gefallen.« »Hier können wir nichts für Raven tun«, sagte Einauge. »Vielleicht finden wir irgendwann einen Zauberer, der etwas unternehmen kann. Und bis dahin?« Er zuckte die Achseln. »Vielleicht sollten wir einander ein Schweigegelübde ablegen. Wenn Darling von ihm erfährt, könnte sie ihren Auftrag vergessen.«
»Einverstanden«, sagte ich, und dann: »Aber…« »Aber was?«
»Ich habe über Darling und Raven nachgedacht. Ich glaube, da gibt es etwas, das wir übersehen. Ich meine, wenn ich so an seine Art denke, warum hat er sich abgesetzt und ist hierher gekommen? Allem Anschein nach, um die Lady und ihre Bande auszuspionieren. Aber warum sollte er Darling darüber im unklaren lassen? Begreift ihr, was ich sagen will? Vielleicht regt sie sich gar nicht so sehr auf, wie wir es befürchten. Oder vielleicht regt sie sich aus anderen Gründen auf.«
Einauge sah zweifelnd drein. Goblin nickte. Tracker sah verblüfft aus. Wie immer. »Was ist mit seinem Körper?« fragte ich. »Eine echte Belastung«, entgegnete Einauge. »Und ich kann nicht sagen, ob die Verbindung zwischen Fleisch und Seele nicht vielleicht zerreißen wird, wenn wir ihn auf die Steppe bringen.«
»Moment mal.« Ich sah Case an. Er sah mich an. Hier hatten wir eine weitere Zwickmühle. Ich wußte einen sicheren Weg, um Ravens Körperproblem zu lösen. Und ihn herausholen zu lassen. Ihn an die Lady zu verraten. Womit vielleicht auch etliche andere Probleme gelöst werden konnten. Wie das Problem des entflohenen Irgendetwas und die drohende Gefahr eines weiteren Fluchtversuchs ihres Gatten. Vielleicht erkaufte es auch Darling Zeit, denn die Aufmerksamkeit der Lady würde eine dramatische Richtungsänderung erfahren. Aber was würde dann aus Raven werden?
Er war möglicherweise die Schlüsselfigur zu unserem Versagen oder unserem Erfolg. Ihn preisgeben, um ihn zu retten? Sich auf die hauchdünne Wahrscheinlichkeit verlassen, daß wir ihn schon irgendwie wieder in die Finger bekommen würden, bevor sein Wissen uns schaden konnte? Ein Dilemma. Immer wieder ein großes Dilemma. Goblin meinte: »Wir sehen uns die Geschichte noch einmal an. Dieses Mal übernehme ich

die Vorhut. Einauge sorgt für die Deckung.«
Einauges säuerlicher Blick zeigte, daß sie sich in dieser Sache schon auf Leben und Tod in den Haaren gelegen hatten. Ich hielt die Klappe. Schließlich war es ihr Spezialgebiet. »Nun?« wollte Goblin wissen.
»Wenn du meinst, daß es die Mühe wert ist.« »Das meine ich. Jedenfalls gibt es nichts zu verlieren. Ein anderer Blickwinkel könnte auch hilfreich sein. Vielleicht finde ich etwas, das er übersehen hat.« »Daß ich nur noch ein Auge habe, macht mich doch nicht zum Blinden«, fauchte Einauge. Goblin starrte ihn finster an. Auch das war schon besprochen worden. »Verschwendet keine Zeit«, sagte ich. »Wir können nicht ewig hier bleiben.«

Manchmal werden einem die Entscheidungen aus der Hand genommen. Tiefe Nacht. Wind in den Bäumen. Kälte kriecht in den Unterschlupf und läßt mich aufschrecken, bis ich erschauernd wieder einschlafe. Ständig prasselt Regen, ohne daß mich das Geräusch beruhigt. Ihr Götter, ich hatte den Regen so satt. Wie konnte die Ewige Garde dabei auch nur halbwegs bei Verstand bleiben. Eine Hand schüttelte mich wach. Tracker raunte: »Wir kriegen Gesellschaft. Ärger.« Köter Krötenkiller stand mit gesträubten Nackenhaaren am Zelteingang. Ich lauschte. Nichts. Aber es war wenig sinnvoll, ihm nicht zu glauben. Lieber in Sicherheit als tot. »Was ist mit Goblin und Einauge?« »Die sind noch nicht fertig.«
»Au weia.« Ich suchte hastig nach Kleidungsstücken, nach Waffen. Tracker sagte: »Ich gehe raus, kundschafte sie aus und versuche, sie entweder zu verscheuchen oder sie abzulenken. Warne du die anderen. Macht euch bereit zur Flucht.« Er schlüpfte hinter Köter Krötenkiller aus dem Zelt. Das verflixte Vieh zeigte jetzt tatsächlich ein paar Lebenszeichen! Unser Geflüster weckte Case. Keiner sagte ein Wort. Ich fragte mich, was er riskieren würde. Ich zog mir die Decke über den Kopf und ging hinaus. Für diesen Tag genug des Übels.
Im anderen Zelt fand ich die beiden in Trance vor. »Mist. Und jetzt?« Wagte ich es, Einauge aufzuwecken? Leise: »Einauge. Ich bin’ s Croaker. Wir haben Ärger.« Ah ja. Sein heiles Auge öffnete sich. Einen Augenblick lang schien er orientierungelos zu sein. Dann: »Was machst du denn hier?«
»Schwierigkeiten. Tracker sagt, daß sich jemand im Wald herumtreibt.« Ein Schrei drang durch den Regen. Einauge setzte sich bolzengerade auf. »Die Macht!«

stieß er hervor. »Was zur Hölle?«
»Was ist denn?«
»Gerade hat jemand einen Zauber losgelassen, fast wie einer der Unterworfenen.« »Kannst du Goblin rausholen? Schnell?«
»Ich kann…« Ein zweiter Schrei zerriß die Wälder. Dieser wollte einfach nicht aufhören, voller Verzweiflung und Agonie. »Ich hole ihn.« Er klang, als ob alle Hoffnung verloren sei. Unterworfene. Ganz bestimmt. Auf unserer Fährte. Und sie kamen näher. Aber diese Schreie… War der erste von einem, dem Tracker aufgelauert hatte? Hatte der zweite Tracker erwischt? Es hatte nicht nach ihm geklungen. Einauge legte sich hin und schloß sein Auge. Augenblicke später war er wieder in der Trance, obgleich seine Miene die Angst widerspiegelte, die in seinem Oberflächenbewußtsein vorherrschte. Es war gut, wenn er unter dieser Anspannung wieder abtauchen konnte. Aus dem Wald erklang ein dritter Schrei. Verdutzt wandte ich mich um und spähte in den Regen hinaus. Ich sah nichts. Kurz darauf regte sich Goblin. Er sah furchtbar aus. Aber an seiner Entschlossenheit sah man, daß er gewarnt worden war. Er zwang sich in eine aufrechte Haltung, obgleich man sehen konnte, daß er dafür noch nicht bereit war. Sein Mund ging immer wieder auf und zu. Ich hatte das Gefühl, daß er mir etwas sagen wollte.
Einauge kam erst nach ihm in die Höhe, aber er erholte sich schneller. »Was tut sich dort draußen?« fragte er.
»Ein dritter Schrei.«
»Alles liegenlassen? Und loslaufen?«
»Das können wir nicht. Zumindest etwas von dem Zeug müssen wir in der Steppe abliefern. Sonst könnten wir genausogut hier aufgeben.« »Stimmt. Pack es zusammen. Ich kümmere mich um den Kram hier.« Das Zusammenpacken nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Ich hatte nur sehr wenig ausgepackt… Etwas brüllte in den Wäldern auf. Ich erstarrte. »Was ist das, verdammt?« Es klang wie etwas, das größer war als vier Löwen zusammen. Einen Augenblick später erklangen Schreie. Als ich das Zelt abbaute, tauchten Goblin und Einauge auf. Goblin sah immer noch schlimm aus. Einauge trug die Hälfte von seinem Zeug mit. »Wo ist der Junge?« fragte er. Auf seine Abwesenheit hatte ich gar nicht geachtet. Sie hatte mich nicht sonderlich überrascht. »Weg. Wie sollen wir Raven tragen?« Die Antwort darauf trat aus dem Unterholz hervor. Tracker. Er sah ein wenig zerzaust aus,

aber immer noch ganz gesund. Köter Krötenkiller war mit Blut bedeckt. Er wirkte lebhafter,
als ich ihn je gesehen hatte. »Kommt, wir schaffen ihn von hier fort«, sagte Tracker und ging zum einen Ende der Trage.
»Was ist mit deinem Zeug?«
»Keine Zeit.«
»Was ist mit dem Wagen?« Ich hob das andere Ende an. »Nichts mehr zu machen. Sie haben ihn schon gefunden. Los geht’s.« Wir marschierten los und ließen ihn die Führung übernehmen. Ich fragte: »Was war das für ein Krach?«
»Hab’ sie überrascht.«
»Aber…«
»Selbst die Unterworfenen können überrascht werden. Spar dir deine Puste. Er ist nicht tot.« Einige Stunden lang hieß es nur einen Fuß vor den anderen zu setzen und nicht zurückzuschauen. Tracker legte ein rasches Tempo vor. In jener Ecke meines Verstandes, in der immer noch der Beobachter kauerte, bemerkte ich, daß Köter Krötenkiller mit Leichtigkeit Schritt hielt.
Goblin brach als erster zusammen. Ein oder zweimal hatte er zu mir aufschließen und mir etwas sagen wollen, aber dafür hatte er einfach nicht die Kraft. Als er zusammensackte, blieb Tracker stehen und warf einen gereizten Blick über die Schulter. Knurrend legte sich Köter Krötenkiller in das nasse Laub. Tracker zuckte die Achseln und setzte sein Ende der Trage ab. Daraufhin ließ ich mich ebenfalls fallen. Wie ein Stein. Und der Regen und der Matsch konnten mich mal. Nasser konnte ich nicht mehr werden. O ihr Götter, taten mir die Schultern und die Arme weh. An der Stelle, wo die Muskeln in den Hals hinaufziehen, stachen feurige Nadeln auf mich ein. »Das wird nichts«, sagte ich, als ich wieder Luft bekam. »Wir sind zu alt und zu schwach.« Tracker musterte den Wald. Köter Krötenkiller stand auf und schnüffelte im feuchten Wind. Ich rappelte mich lange genug auf, um den Weg zurückzublicken, den wir gekommen waren und versuchte zu schätzen, in welche Richtung wir flohen. Natürlich gen Süden. Norden ergab keinen Sinn, und Osten oder Westen hätten uns entweder ins Gräberland oder in den Fluß geführt. Aber wenn wir uns weiter in Richtung Süden hielten, würden wir auf die alte Straße nach Oar kommen, wo sie zum Großen Tragic hinführte. Auf diesem Abschnitt würden ganz sicher Patrouillen unterwegs sein. Als ich wieder einigermaßen Luft bekam und mein Atem mir nicht mehr in den Ohren donnerte, konnte ich den Fluß hören. Er war keine hundert Meter entfernt und rauschte und gluckste wie stets.
Tracker tauchte aus seiner nachdenklichen Stimmung auf. »Dann eben mit List und Tücke«, sagte er. »Mit List und Tücke.«

»Ich habe Hunger«, sagte Einauge, und da bemerkte ich, daß ich ebenfalls ziemlich hungrig
war. »Allerdings schätze ich, daß wir noch viel hungriger werden.« Er lächelte schwach. Mittlerweile hatte er genug Kraft, um sich um Goblin kümmern zu können. »Croaker. Kommst du mal her und siehst ihn dir an?« Komisch. Wenn es hart auf hart geht, sind sie plötzlich nicht mehr verfeindet.