ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL
Heimkehr

Zwölf Tage nach dem Luftgefecht bei Kleppersheim drangen die Lady und ich in die Schreckenssteppe vor. Wir ritten auf zweitklassigen Gäulen über den alten Handelspfad, auf dem die Bewohner der Steppe die meiste Zeit freies Geleit gewähren. In ihren abgetragenen Reisekleidern war die Lady keine Schönheit mehr. Nichts, was man angewidert aus dem Bett geworfen hätte, aber auch nicht gerade eine Augenweide. Wir betraten die Steppe mit dem Wissen, daß wir bei pessimistischer Schätzung etwa drei Monate Zeit hatten, bis der Große Tragic das Große Grab öffnen würde. Die Menhire bemerkten unsere Anwesenheit fast sofort. Ich spürte, wie sie uns beobachteten. Ich mußte sie darauf hinweisen. Für dieses Unterfangen hatte die Lady sich gezwungen, nur auf die unmittelbarsten und gröbsten Sinneseindrücke zurückzugreifen. Während unseres Rittes würde sie sich auf die Lebensweise der Sterblichen einstellen, damit sie nach unserem Eintreffen beim Loch keinen Fehler machte. Die Frau hat Mut.
Ich schätze, daß den wohl jeder haben muß, der sich mit dem Dominator auf ein Ringen um die Macht über alles einläßt.
Ich ignorierte die herumlungernden Menhire und konzentrierte mich darauf, ihr die Sitten der Steppe zu erklären, jene tausend kleinen Fallen, die sie zumindest als die Lady enttarnen konnten. Das hätte jeder Mann getan, wenn er einen Frischling in dieses Land brachte. Es würde nicht weiter auffallen.
An unserem dritten Tag auf der Steppe entgingen wir nur knapp einem Wechselsturm. Sie war fasziniert. »Was war das?« fragte sie. Ich erklärte es, so gut ich konnte. Einschließlich aller Spekulationen. Natürlich hatte sie das alles schon gehört. Aber wie man so schön sagt, man glaubt nur, was man sieht. Nicht lange danach erblickten wir die ersten Korallenriffe, was bedeutete, daß wir nunmehr die Innere Steppe mit all ihren großen Sonderlichkeiten erreicht hatten. »Was für einen Namen wirst du benutzen?« fragte ich. »Ich sollte mich besser daran gewöhnen.« »Ich glaube, Ardath.« Sie grinste.
»Du hast einen grausamen Sinn für Humor.« »Vielleicht.«
Ich glaube wirklich, daß sie Spaß daran hatte, einen ganz normalen Menschen zu spielen. Als ob eine edle Dame sich in die Elendsviertel wagt. Sie nahm sogar ihre Pflichten als Koch wahr, wenn sie an der Reihe war. Zum Entsetzen meines Magens. Ich fragte mich, wie die Menhire unserer Beziehung wohl einordneten. Ungeachtet der

Maskerade herrschte eine spröde Förmlichkeit, die nur schwer zu überwinden war. Und wir
konnten bestenfalls eine Partnerschaft vorschützen, die sie ganz sicher für sonderbar halten mußten. Wann reisten Mann und Frau schon so zusammen, ohne sich einen Schlafsack zu teilen und dergleichen mehr?
Die Frage, unseren Mummenschanz mit dieser Art von Realismus auszuschmücken, stellte sich nicht. Was auch ganz gut war. Bei dieser Vorstellung wären meine Panik und mein Entsetzen so groß gewesen, daß sich auch nichts anderes gestellt hätte. Zehn Meilen vor dem Loch stießen wir auf einen Menhir. Als bizarre Steinsäule von sieben Metern Höhe ragte er neben dem Pfad auf und tat gar nichts. Die Lady fragte wie eine Touristin: »Ist das einer der sprechenden Steine?« »Jawoll. Hey, Felsen. Ich bin wieder da.« Der alte Felsen hatte uns nichts zu sagen. Wir ritten weiter. Als ich zurückschaute, war er verschwunden. Die Gegend hatte sich nur wenig verändert. Als wir allerdings die letzte Anhöhe überwanden, sahen wir einen Wald von Wanderbäumen am Bach stehen. Ein Trupp lebender und toter Menhire bewachte den Übergang. Dazwischen wuselten die umgekehrten Kamelzentauren. Altvater Baum stand allein da und klimperte, obwohl sich kein Lüftchen regte. Weit über uns kreiste ein bussardähnliches Vogelwesen zwischen vereinzelten Wolken und beobachtete uns. Wesen dieser Art waren uns schon seit Tagen gefolgt. Menschen waren nicht zu sehen.
Was hatte Darling mit ihrer Armee gemacht? Sie konnte diese Menschenmassen doch nicht im Loch unterbringen.
Einen Augenblick lang erfaßte mich die Angst, daß ich zu einer unbewohnten Festung zurückgekehrt war. Als wir durch den Bach planschten, traten Elmo und Schweiger aus den Korallen hervor.
Ich stürzte mich von meinem Tier und umarmte sie gleichzeitig. Sie erwiderten die Umarmung und stellten in der besten Tradition der Schwarzen Schar keine einzige Frage. »Gottverdammt«, sagte ich. »Gottverdammt, es tut gut, euch zu sehen. Ich hab gehört, daß ihr irgendwo im Westen ausgelöscht worden wärt.« Mit dem leisesten Hauch von Neugier blickte Elmo zur Lady. »Oh. Elmo. Schweiger. Das ist Ardath.«
Sie lächelte. »Nett, euch kennenzulernen. Croaker hat viel von euch erzählt.« Kein Wort hatte ich gesagt. Aber sie hatte ja auch die Annalen gelesen. Sie stieg ab und streckte die Hand aus. Verdutzt nahmen sie sie an, denn ihrer Erfahrung nach erwartete nur Darling eine gleichberechtigte Behandlung. »Also, laßt uns runtergehen«, sagte ich. »Laßt uns runtergehen. Ich habe tausend Dinge zu erzählen.«
»Ach ja?« sagte Elmo. Und das besagte eine Menge, denn dabei sah er in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

Ein paar der Leute, die mit mir auszogen, waren nicht zurückgekehrt.
»Ich weiß es nicht. Die Hälfte der Unterworfenen war hinter uns her. Wir sind getrennt worden. Ich konnte sie nicht wiederfinden. Aber ich habe auch nichts davon gehört, daß man sie gefangengenommen hätte. Laßt uns runtergehen. Wir müssen Darling sprechen. Ich habe unglaubliche Neuigkeiten. Und besorgt mir was zu essen. Wir haben seit Ewigkeiten nur unsere jeweiligen Kochkünste genossen, und sie kocht noch schlechter als ich.« »Pfui Deibel«, sagte Elmo und schlug mir auf den Rücken. »Und du lebst noch?« »Ich bin ein zäher alter Vogel, Elmo. Das solltest du doch wissen. Verflixt, Mann, ich…« Mir wurde klar, daß ich wie ein Schwachkopf daherplapperte. Ich grinste. Schweiger gestikulierte. »Willkommen daheim, Croaker. Willkommen daheim.« »Komm«, sagte ich zur Lady, als wir den Eingang zum Loch erreichten, und nahm sie an der Hand. »Es wird dir stockdunkel vorkommen, bis du dich daran gewöhnt hast. Und stell dich auf den Geruch ein.«
Ihr Götter, dieser Gestank! Jede Made mit Selbstachtung hätte Erstickungsanfälle gekriegt. Unten breitete sich Aufregung aus. Sie verblaßte zu einstudierter Gleichgültigkeit und erhob sich wieder, nachdem wir vorbeigegangen waren. Schweiger führte uns direkt zum Konferenzraum. Elmo verschwand, um uns etwas zu essen zu beschaffen. Als wir eintraten, merkte ich, daß ich immer noch die Hand der Lady hielt. Sie widmete mir ein schwaches Lächeln, das mit ziemlich viel Nervosität unterlegt war. Der sprichwörtliche Gang in die Drachenhöhle. Der wackere alte Croaker drückte ihr aufmunternd die Hand.
Darling sah überanstrengt aus. Genau wie der Leutnant. Ein Dutzend weitere Männer waren anwesend, von denen ich nur wenige kannte. Sie mußten zu uns gestoßen sein, nachdem die Reichstruppen den Rand der Steppe evakuiert hatten. Darling umarmte mich lange. So lange, daß ich rot wurde. Sie und ich sind eigentlich keine Menschen, die zu übermäßigen Gefühlsäußerungen neigen. Schließlich trat sie zurück und warf der Lady einen Blick zu, in dem ein Hauch von Eifersucht lag. Ich machte Handzeichen. »Das ist Ardath. Sie wird mir beim Übersetzen helfen. Sie kennt die alten Sprachen gut.«
Darling nickte. Sie stellte keine Fragen. Soweit vertraute man mir also. Das Essen wurde hereingebracht. Elmo zog einen Tisch heran und scheuchte alle hinaus bis auf mich, den Leutnant, sich selbst, Darling, Schweiger und die Lady. Vielleicht hätte er sie auch fortgeschickt, aber er war sich noch nicht sicher, welche Stellung sie bei mir einnahm. Wir aßen, und während des Essens erzählte ich meine Geschichte sozusagen stückweise, wenn meine Hände und mein Mund nicht gerade voll waren. Es gab einige schwere Momente, besonders als ich Darling sagte, daß Raven noch am Leben sei. Rückblickend denke ich, daß es für mich schwerer war als für sie. Ich befürchtete, daß sie

sich aufregen und hysterisch werden würde. Sie tat nichts dergleichen.
Zuerst weigerte sie sich rundherum, mir das abzunehmen. Und das konnte ich verstehen, denn bis zu seinem Verschwinden war Raven der emotionelle Grundpfeiler ihrer Welt gewesen. Sie konnte nicht begreifen, daß er sie nicht in seine größte Lüge einweihte, nur damit er sich absetzen und im Gräberland herumstöbern konnte. Für sie ergab das keinen Sinn. Raven hatte sie noch nie zuvor angelogen. Für mich ergab das ebenfalls keinen Sinn. Aber wie ich schon zuvor bemerkt habe, hegte ich den Verdacht, daß hier mehr in der Luft lag, als irgendjemand zugeben wollte. Mich beschlich die leise Ahnung, daß Raven nicht zu etwas, sondern vielmehr vor etwas geflohen war. Darlings Weigerung hielt nicht lange an. Sie gehört nicht zu den Leuten, die die Wahrheit auf Dauer von sich weisen, nur weil sie ihr nicht paßte. Sie ging mit ihrem Schmerz weit besser um, als ich es erwartet hatte, und das legte nahe, daß sie vielleicht die Gelegenheit gehabt hatte, schon früher das Schlimmste davon abzulegen. Allerdings tat Ravens gegenwärtiger Zustand auch nichts für Darlings Gefühlslage, die nach ihrer Niederlage bei Kleppersheim bereits im Keller war. Nach jenem Vorgeschmack schlimmerer künftiger Niederlagen. Mittlerweile vermutete sie auch schon, daß sie sich den Soldaten des Reiches ohne die Informationen stellen mußte, die zu beschaffen sie mich ausgesandt hatte.
Ich beschwor allgemeine Verzweiflung herauf, als ich mein Versagen verkündete und hinzufügte: »Ich habe es aus berufenem Munde, daß das, wonach wir suchen, sich sowieso nicht in diesen Papieren befindet. Allerdings kann ich dessen nicht sicher sein, ehe Ardath und ich nicht das Material durchgesehen haben, das wir hier haben.« Kurz umriß ich, was ich aus Ravens Dokumenten erfahren hatte, bevor ich sie wieder verlor. Ich erzählte keine direkten Lügen. Die wären mir später nie verziehen worden, sobald die Wahrheit ans Licht kam. Was unweigerlich geschehen mußte. Ich ließ bloß ein paar Einzelheiten aus. Ich gab sogar zu, daß man mich gefangen genommen, verhört und eingesperrt hätte.
»Und was machst du dann hier, verdammt?« wollte Elmo wissen. »Wie kommt es, daß du überhaupt am Leben bist?«
»Sie haben Ardath und mich freigelassen. Nach der Geschichte bei Kleppersheim. Das war die eine Botschaft. Ich soll noch eine weitere überbringen.« »Und die wäre?«
»Sofern ihr nicht blind und blöde seid, werdet ihr bemerkt haben, daß ihr nicht mehr angegriffen werdet. Die Lady hat befohlen, daß alle Einsätze gegen die Rebellion eingestellt werden.«
»Warum?«
»Ihr habt nicht zugehört. Weil der Dominator sich wieder regt.« »Komm schon, Croaker. Das haben wir doch in Juniper erledigt.« »Ich bin im Gräberland gewesen. Ich habe es selbst gesehen, Leutnant. Dieses Wesen wird

ausbrechen. Eine seiner Kreaturen ist bereits draußen und vielleicht Einauge und den anderen
auf den Fersen. Ich bin mir ganz sicher. Der Dominator ist kurz vor dem Ausbrechen, und zwar nicht so halbherzig wie in Juniper.« Ich wandte mich der Lady zu. »Ardath. Was hatte ich ausgerechnet? Auf der Steppe habe ich den Überblick verloren, wie lange wir unterwegs waren. Als wir sie betreten haben, waren es noch etwa neunzig Tage.« »Ihr habt acht Tage bis hierher gebraucht«, sagte Elmo. Ich hob eine Braue.
»Die Menhire.«
»Natürlich. Also acht Tage. Abgezogen von neunzig für das schlimmstmögliche Szenario. Zweiundachtzig Tage, bis das Große Grab sich öffnet.« Ich verbreitete mich über das Hochwasser des Großen Tragic.
Der Leutnant war nicht überzeugt. Ebensowenig wie Elmo. Und das kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Die Lady webt schlaue und komplizierte Schliche. Und sie waren verschlagene Kerle, die andere nach ihren eigenen Maßstäben beurteilten. Ich versuchte sie nicht zu bekehren. Ich glaubte ja selbst nicht ganz und gar daran. Es war sowieso nicht besonders wichtig, ob mir die beiden nun glaubten. Letztendlich trifft Darling die Entscheidungen.
Sie signalisierte, daß bis auf mich alle gehen sollten. Ich bat Elmo, Ardath herumzuführen und ihr einen Schlafplatz zu besorgen. Er sah mich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. Wie alle anderen hatte auch er gedacht, daß ich mir eine Freundin mitgebracht hatte.
Es fiel mir schwer, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen. Seit Jahren haben sie mir im Nacken gesessen, weil ich zu Anfang unserer Dienstzeit bei der Lady ein paar romantische Geschichten verfaßt habe. Und jetzt hatte ich sie mit nach Hause gebracht. Ich dachte, daß Darling mit mir über Raven sprechen wollte. Das war zwar richtig, aber sie überraschte mich, indem sie mich in der Fingersprache fragte: »Sie hat euch geschickt, um mir ein Bündnis vorzuschlagen, ist es nicht so?« Schlaue kleine Teufelin. »Nicht ganz. Obgleich es in der Praxis wohl darauf hinauslaufen würde.« Ich erläuterte alle Einzelheiten der Lage, die ich wußte oder mir ausrechnete. Die Zeichensprache geht nicht gerade rasch vonstatten. Aber Darling zeigte sich aufmerksam und geduldig, und das, was in ihr vorging, schien sie nicht im Geringsten abzulenken. Sie ging mit mir noch einmal den Wert - oder den Mangel an Wert - meines Dokumentenlagers durch. Sie fragte kein einziges Mal nach Raven. Sie fragte auch nicht nach Ardath, obwohl sie auch über meine Freundin nachdachte.
Sie gestikulierte. »Sie hat insofern recht, daß unsere Fehde bedeutungslos wird, sollte der Dominator auferstehen. Ich muß mir die Frage stellen, ob diese Bedrohung echt ist oder eine List. Wir wissen, wie verwickelt ihre Pläne sein können.« »Ich bin mir sicher«, fingerte ich zurück. »Weil Raven sich sicher war. Bevor die Leute der Lady Verdacht schöpften, war er schon zu seinem Entschluß gekommen. Soweit ich es sagen kann, hat er tatsächlich die Beweiskette entwickelt, die sie davon überzeugt hat.«

»Goblin und Einauge. Sind sie in Sicherheit?«
»Soweit ich weiß, ja. Ich hab nichts davon gehört, daß man sie gefangengenommen hätte.« »Dann sollten sie bald wieder zurück sein. Diese Dokumente. Die sind immer noch der Schlüssel.«
»Selbst wenn sie nicht das Geheimnis ihres Namens enthalten, sondern nur den ihres Gatten?«
»Sie will Zugang dazu haben?«
»Davon gehe ich aus. Aus irgendeinem Grund hat man mich freigelassen, aber ich weiß nicht, was der Grund hinter diesem Grund ist.« Darling nickte. »Das dachte ich mir.«
»Trotzdem bin ich überzeugt, daß sie es in dieser Hinsicht ehrlich meint. Daß wir den Dominator als die größere und unmittelbarere Gefahr ansehen müssen. Es sollte nicht allzu schwer sein, die meisten Methoden vorherzusehen durch die sie Verrat begehen könnte.« »Und dann ist da noch Raven.«
Jetzt kommt es, dachte ich. »Ja.«
»Ich werde darüber nachdenken, Croaker« »Viel Zeit haben wir nicht.«
»In gewisser Hinsicht haben wir alle Zeit der Welt. Ich werde darüber nachdenken. Du und deine Freundin, ihr macht euch an die Übersetzungen.« Ich spürte, daß ich entlassen wurde, noch bevor wir auf das Thema kamen, weswegen sie mich allein hatte sprechen wollen. Diese Frau hat ein Gesicht wie aus Stein gehauen. Man kann nicht viel darin lesen. Langsam bewegte ich mich zur Tür. »Croaker«, signalisierte sie. »Warte.«
Ich blieb stehen. Das war es.
»Was ist sie, Croaker?«
Verdammt. Schon wieder daneben. Kalte Schauer meinerseits. Schuldgefühle. Ich wollte nicht rundheraus lügen. »Nur eine Frau.« »Keine besondere Frau? Eine besondere Freundin?« »Ich denke mal, sie ist schon etwas Besonderes. Auf ihre Weise.« »Ich verstehe. Sag Schweiger, er soll hereinkommen.« Wieder nickte ich und setzte mich langsam in Bewegung. Aber erst als ich schon die Tür öffnete, winkte sie mich wieder zurück.

Ich setzte mich wie befohlen. Im Gegensatz zu ihr. Sie lief auf und ab. Sie signalisierte: »Du
denkst, daß ich große Neuigkeiten kaltschnäuzig aufnehme. Du denkst schlecht von mir, weil ich nicht vor Freude aus dem Häuschen bin, daß Raven noch lebt.« »Nein. Ich dachte, daß es dich erschüttern würde. Daß es dir sehr weh tun würde.« »Erschüttert, nein. Ich bin nicht völlig überrascht. Weh tut es, ja. Es reißt alte Wunden wieder auf und macht sie nur noch schmerzlicher.« Verdutzt sah ich zu, wie sie weiter auf und ab lief. »Unser Raven. Er ist nie erwachsen geworden. Furchtlos wie ein Stein. Vollkommen frei von jeder Behinderung durch ein Gewissen. Zäh. Gerissen. Hart. Wild. All das. Ja? Ja, und ein Feigling obendrein.«
»Was? Jetzt warte mal…«
»Er läuft immer nur davon. Vor Jahren ist seine Frau in die Intrigenketten des Hinkers geraten. Hat er versucht, die Wahrheit herauszufinden und damit umzugehen? Er hat Menschen getötet und ist mit der Schwarzen Schar davongerannt, um noch mehr Menschen zu töten. Er hat zwei kleine Kinder ohne ein Abschiedswort zurückgelassen.« Jetzt war sie in Fahrt gekommen. Sie öffnete die Türen zu Geheimnissen und offenbarte Zusammenhänge, von denen ich zuvor nur die leisesten Hinweise wahrgenommen hatte. »Verteidige ihn ja nicht. Ich hatte die Möglichkeit, Nachforschungen anzustellen, und ich habe sie genutzt«, gestikulierte sie.
»Er ist aus der Schwarzen Schar geflohen. Um meinetwillen? Ebensosehr ein Grund wie eine Ausflucht, um Verwicklungen zu vermeiden. Warum hat er mich damals in jenem Dorf gerettet? Aus Schuldgefühl, wegen der Kinder, die er im Stich gelassen hatte. Ich war ein sicheres Kind. Und solange ich ein Kind war, konnte er auch ungefährdet seine Gefühle in mich investieren. Aber ich bin kein Kind geblieben, Croaker. Und in all den Jahren auf der Flucht hab ich keinen anderen Mann gekannt. Ich hätte es besser wissen sollen. Ich habe gesehen, wie er die Menschen von sich stieß, die ihm auf eine Weise näher kamen, die nicht vollkommen einseitig und unter seiner Kontrolle war. Aber nach den schrecklichen Taten, die er in Juniper begangen hat, dachte ich, daß ich ihn erlösen könnte. Auf dem Weg nach Süden, als wir vor der Lady und der Schar flohen, habe ich meine wahren Gefühle verraten. Ich habe die Kiste meiner Träume geöffnet, die noch aus Zeiten stammten, als ich noch nicht alt genug war, um an Männer zu denken. Da hat er sich verändert. Er wurde ein verängstigtes Tier, das in einem Käfig gefangen ist. Er war erleichtert, als der Leutnant mit einigen Brüdern aus der Schar auftauchte. Es hat nur ein paar Stunden gedauert, bis er >starb<. Da habe ich Verdacht geschöpft. Ich glaube, ein Teil von mir wußte immer schon Bescheid. Und deswegen bin ich auch nicht so sehr am Boden zerstört, wie du es vielleicht gern hättest. Ja. Ich weiß, daß du weißt, daß ich mich manchmal in den Schlaf weine. Ich weine um die Träume eines kleinen Mädchens. Ich weine, weil die Träume nicht sterben wollen, obwohl ich doch nichts tun kann, um sie wahr werden zu lassen. Ich weine, weil ich das einzige, was ich wirklich will, nicht haben kann. Verstehst du das?« Ich dachte an die Lady und an ihre Lage, und ich nickte. Ich entgegnete nichts.

»Ich werde wieder weinen. Geh. Bitte. Sag Schweiger, daß er zu mir kommen soll.«
Ich mußte nicht nach ihm suchen. Er wartete vor dem Besprechungsraum. Ich sah ihn hineingehen und fragte mich, ob ich schon Gespenster sah oder nur eine zu lebhafte Phantasie hatte.
Jedenfalls hatte sie mir etwas zum Nachdenken gegeben.