SIEBTES KAPITEL
Der zweite
Brief
Croaker:
Bomanz spähte durch sein Peilgerät auf den Vorderrand des Großen
Grabes. Er trat zurück, notierte sich den Winkel, und schlug eine
seiner groben Landkarten auf. An dieser Stelle hatte er die
TelleKurre-Axt ausgegraben. »Wenn doch Occules Beschreibungen bloß
nicht so ungenau wären. Das muß die Flanke ihrer Formation gewesen
sein. Die Achse ihrer Reihe muß so parallel zu den anderen
verlaufen sein. Wandler und die Reiterei hätten sich dann dort
drüben zusammengerottet. Verdammt will ich sein.« Dort stieg der
Boden leicht an. Gut. Das bedeutet weniger Grundwasser, das
vergrabenen Artefakten schaden konnte. Aber das Unterholz war
dicht. Eichensträucher. Wilde Rosen. Giftsumach. Vor allem
Giftsumach. Bomanz haßte dieses verflixte Unkraut. Schon bei dem
Gedanken daran begann er sich zu kratzen. »Bomanz.«
»Was ist?« Mit erhobener Harke wirbelte er herum. »Holla! Ganz
ruhig, Bo.«
»Was ist denn mit dir los? Schleichst dich einfach so heran. Das
ist nicht komisch, Besand. Soll ich dir dein dämliches Grinsen aus
dem Gesicht harken?« »Ooh! Wir haben heute aber miese Laune.«
Besand war ein hagerer alter Mann, ungefähr so alt wie Bomanz.
Seine Schultern hingen herab und folgten der Linie, die sein
vorgereckter Kopf vorgab, der so aussah, als schnüffele er ständig
einer Spur hinterher. Dicke blaue Adern überzogen seine Handrücken.
Leberflecke sprenkelten seine Haut. »Was erwartest du denn,
verdammt noch mal? Wenn du jemanden aus dem Gebüsch heraus
anspringst.«
»Gebüsch? Welches Gebüsch? Macht dir dein Gewissen zu schaffen,
Bo?« »Besand, du hast schon versucht, mir etwas anzuhängen, als der
Mond noch grün war. Warum gibst du es nicht auf? Erst macht Jasmine
mir das Leben schwer, dann kauft Tokar mir den Laden leer, und ich
muß frische Ware ausgraben, und jetzt soll ich auch noch mit dir
einen Tanz aufführen? Hau ab. Ich bin nicht in Stimmung dafür.«
Besand grinste und entblößte Reihen fauliger Zähne. »Ich habe dich
nicht erwischt, Bo, aber das heißt nicht, daß du unschuldig bist.
Es heißt bloß, daß ich dich nie erwischt habe.« »Wenn ich nicht
unschuldig bin, dann mußt du verdammt blöd sein, daß du mich in
vierzig Jahren nicht geschnappt hast. Verdammt noch mal, Mann,
warum kannst du uns beiden das Leben nicht etwas leichter
machen?«
Besand lachte. »Schon sehr bald bist du mich für immer los. Die
schicken mich in den
Ruhestand.«
Bomanz lehnte sich auf seine Harke und betrachtete den Gardisten.
Besand verströmte einen sauren Leidensgeruch. »Wirklich? Das tut
mir leid.« »Ich wette, das tut es. Mein Nachfolger ist vielleicht
schlau genug, um dich zu erwischen.« »Laß es gut sein. Willst du
wissen, was ich hier gerade mache? Ich versuche auszurechnen, wo
die TelleKurre-Reiterei untergegangen ist. Tokar will spektakuläres
Zeug haben. Das ist das beste, was ich für ihn tun kann. Es sei
denn, ich gehe dort hinüber und liefere dir einen Grund, mich
aufhängen zu lassen. Reich mir mal die Rute.« Besand gab ihm die
Wünschelrute. »Gräber ausplündern, he? Hat Tokar das
vorgeschlagen?«
Eisige Nadeln bohrten sich in Bomanz Rückgrat. Das war keine
beiläufige Frage. »Müssen wir das denn immer wieder machen? Kennen
wir uns nicht schon lange genug, daß wir dieses
Katz-und-Maus-Spielchen nicht lassen können?« »Mir macht es Spaß,
Bo.« Besand folgte ihm zu dem überwucherten Buckel. »Das werden wir
freijäten müssen. Wir kommen einfach nicht hinterher. Nicht genug
Leute, nicht genug Geld.«
»Könntest du das sofort angehen lassen? Da will ich wahrscheinlich
graben. Giftsumach.« »Oh, achte auf des Sumachs Gift, Bo.« Besand
kicherte leise. Jeden Sommer fluchte Bomanz über zahlreiche
botanische Heimsuchungen. »Was Tokar angeht…« »Ich handele nicht
mit Leuten, die sich gegen das Gesetz vergehen. Das ist schon seit
Urzeiten meine Regel gewesen. Niemand spricht mich noch darauf an.«
»Etwas schief, aber akzeptabel.«
Bomanz’ Stab zuckte. »Da will ich doch in Stallmist tieftauchen.
Genau in der Mitte.« »Sicher?«
»Sieh doch nur, wie er ausschlägt. Sie müssen alle in einem
riesigen Loch begraben worden sein.«
»Die Sache mit Tokar…«
»Was ist denn mit ihm, verdammt noch mal? Wenn du ihn aufhängen
willst, nur zu. Gib mir nur etwas Zeit, mir jemand anderen zu
suchen, der sich genausogut um meine Geschäfte kümmern kann.«
»Ich will niemanden aufhängen, Bo. Ich will dich nur warnen. Aus
Oar kommt das Gerücht, daß er ein Neuersteher ist.«
Bomanz ließ seine Rute fallen. Er schnappte nach Luft. »Wirklich?
Ein Neuersteher?« Der Wachwart musterte ihn aufmerksam. »Ist
nur ein Gerücht. Ich höre alles Mögliche.
Dachte mir, daß du das vielleicht wissen willst. Wir stehen uns so
nahe, wie es hier bei zwei
Männern nur sein kann.«
Bomanz nahm den Olivenzweig an. »Ja. Ganz ehrlich, darüber hat er
nie was gesagt. Puh! Das ist ein echter Hammer für einen Mann.« Und
über diesen Hammer würde er gründlich nachdenken müssen. »Erzähl
niemandem, was ich hier gefunden habe. Dieser Dieb Men fu…«
Besand lachte schon wieder. Seine Fröhlichkeit hatte etwas von
Galgenhumor an sich. »Deine Arbeit macht dir Spaß, nicht wahr? Ich
meine, Leute zu piesacken, die sich nicht zurückzuschlagen
trauen.«
»Paß bloß auf, Bo. Ich könnte dich zu einem Verhör abholen lassen.«
Besand fuhr herum und stapfte davon.
Bomanz schnitt seinem Rücken eine Fratze. Natürlich hatte Besand
Spaß an seinem Beruf. So hatte er die Möglichkeit, sich als
Diktator aufzuspielen. Er konnte jedem alles Erdenkliche antun,
ohne sich dafür verantworten zu müssen. Nachdem der Dominator und
seine Untergebenen besiegt und in ihren Hügelgräbern hinter
Barrieren beerdigt worden waren, die von den herausragendsten
Magiern ihrer Zeit errichtet worden waren, hatte die Weiße Rose
befohlen, daß eine ewige Wache dort Posten beziehen solle. Eine
Garde, die niemandem Untertan war, und deren Aufgabe darin bestand,
die Neuerstehung des untoten Übels unter den Grabhügeln zu
verhindern. Die Weiße Rose wußte über die menschliche Natur gut
Bescheid. Zu allen Zeiten würde es Menschen geben, die einen Gewinn
darin sahen, den Dominator zu benutzen oder ihm zu folgen. Stets
würde es Verehrer des Bösen geben, die ihren Helden in Freiheit
sehen wollten. Kaum war das Gras auf den Gräbern gesprossen,
tauchten auch schon die ersten Neuersteher auf.
War Tokar ein Neuersteher? fragte sich Bomanz. Habe ich denn nicht
schon genug Schwierigkeiten. Jetzt wird Besand sein Zelt in meiner
Westentasche aufschlagen. Bomanz hatte kein Interesse daran, das
alte Böse aus den Gräbern zu holen. Er wollte lediglich mit einem
der Dämonen Verbindung aufnehmen, um einige uralte Geheimnisse zu
lüften.
Besand war schon außer Sichtweite. Wahrscheinlich stampfte er jetzt
gerade in seine Unterkunft zurück. Es war noch Zeit für einige
verbotene Beobachtungen. Bomanz richtete sein Peilgerät neu
ein.
Das Gräberland sah nicht so aus, als ob es das Urübel enthielte. Es sah nur verkommen aus. Die einst prachtvolle Anlage war vier Jahrhunderte lang von wuchernder Vegetation und wechselnden Witterungen in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Gräber und die mystische Landschaftsgestaltung verloren sich fast völlig zwischen den Büschen. Die Ewige Garde besaß nicht mehr die Mittel, um eine anständige Pflege aufrechtzuerhalten. Wachwart Besand kämpfte ein verzweifeltes Rückzugsgefecht gegen die Zeit selbst. Im Gräberland wuchs nichts besonders gut. Die Vegetation war krumm und verkümmert.
Trotzdem waren die Umrisse der Hügel und
die Menhire und die Fetische, die die
Unterworfenen gefesselt hielten, häufig unter dem Bewuchs
verborgen. Bomanz hatte ein ganzes Leben damit verbracht,
herauszufinden, welcher Grabhügel zu wem gehörte, wer wo lag, und
wo jeder Menhir und jeder Fetisch sich erhob. Seine Hauptkarte,
sein Schatz auf Seide, war nahezu vollständig. Fast konnte er schon
das Labyrinth durchschreiten. Er war so nahe dran, daß er versucht
war, es zu wagen, bevor er wirklich bereit dazu war. Doch ein Narr
war er nicht. Er beabsichtigte die allersüßeste Milch aus der
allerschwärzesten Kuh zu saugen. Er wagte es nicht, einen Fehler zu
machen. Er stand zwischen Besand auf der einen Seite und dem
giftigen Übel aus alter Zeit auf der anderen Seite.
Doch wenn es ihm gelingen sollte…. o ja, wenn es ihm gelingen
sollte. Wenn er die Verbindung herstellte und die Geheimnisse
abzapfte… Das Wissen der Menschen würde dramatisch anwachsen. Er
würde der mächtigste aller lebenden Zaubermeister werden. Sein Ruhm
würde sich auf dem Wind verbreiten. Jasmine würde all das bekommen,
was sie entbehrt zu haben glaubte. Wenn
er die Verbindung herstellte. Und das würde er, jawohl! Jetzt
würden ihn weder Furcht noch Altersschwäche davon abhalten. Noch
ein paar Monate, und er würde den letzten Schlüssel in seinem
Besitz haben. Bomanz hatte seine Lügen schon so lange gelebt, daß
er sich oft selbst belog. Selbst in seinen ehrlichsten Augenblicken
gestand er sich selbst niemals seinen mächtigsten Beweggrund ein,
seine intellektuelle Liebesaffäre mit der Lady. Sie war es, die ihn
von Anfang an fasziniert hatte, sie war es, mit der er in
Verbindung treten wollte, sie war es, die die Literatur so
unendlich faszinierend machte. Von allen Fürsten der Unterdrückung
war sie die Geheimnisumwittertste, um sie rankten sich die meisten
Legenden, über sie gab es die wenigsten historischen Tatsachen zu
erfahren. Einige Gelehrte bezeichneten sie als die größte
Schönheit, die je gelebt hatte, und behaupteten, daß allein ihr
schierer Anblick schon ausreichte, um in ihren Bann zu geraten.
Andere bezeichneten sie als die eigentlich treibende Kraft hinter
der Unterdrückung. Einige wenige gaben zu, daß ihre Dokumentationen
nicht viel mehr waren als romantische Phantastereien. Andere
wiederum gaben nichts zu, während sie nachweisbar die spärlichen
Fakten ausschmückten. Als Bomanz sich bereits zu seiner Lehrzeit
damit befaßte, war all dies ihm ein Quell steter Verwunderung.
Wieder in seinem Speicher angekommen, rollte er seine Seidenkarte
aus. Sein Arbeitstag war keine völlige Vergeudung gewesen. Er hatte
einen Menhir gefunden, der ihm zuvor unbekannt gewesen war, und die
Zaubersprüche identifiziert, die ihn an Ort und Stelle hielten. Und
er hatte die TelleKurre-Stätte gefunden. Das war schon die halbe
Miete. Böse starrte er die Karte an, als ob der schiere Wille die
benötigte Information hervorbringen würde.
Zwei Diagramme waren darauf. Das obere bestand aus einem
fünfstrahligen Stern in einem etwas größeren Kreis. So hatte das
Gräberland ausgesehen, als es neu errichtet worden war. Der von
Kalksteinmauern umgebene Stern hatte sich knapp zwei Meter hoch
über das umliegende Terrain erhoben. Der Kreis stellte den
Außenrand eines Wassergrabens dar, aus dessen Aushub die
Hügelgräber, der Stern und ein Fünfeck innerhalb des Sterns
aufgeschüttet worden waren. Heutzutage war der Wassergraben kaum
mehr als eine sumpfige Vertiefung. Besands Vorgänger hatten es
nicht geschafft, mit der Natur Schritt zu halten. Innerhalb des
Sterns, ausgehend von den Stellen, wo sich die Strahlen trafen,
ragte ein
Fünfeck weitere zwei Meter in die Höhe.
Es hatte ebenfalls seine Gestalt behalten, aber die
Mauern waren eingestürzt und überwachsen. In der Mitte des Fünfecks
lag, nordsüdlich ausgerichtet, das Große Hügelgrab, in dem der
Dominator schlief. An den Spitzen seiner Sternenzeichnung hatte
Bomanz im Uhrzeigersinn die ungeraden Zahlen von Eins bis Neun
eingetragen. Neben jeder Zahl stand ein Name: Seelenfänger,
Formwandler, Nachtkriecher, Sturmbringer, Knochenknirscher. Die
Bewohner der fünf äußeren Gräber waren damit festgelegt. Die fünf
inneren Stellen waren mit den geraden Zahlen versehen und setzten
rechts von dem Strahl des Sterns an, der nach Norden zeigte. In der
Vier lag der Heuler, in der Acht der Hinker. Die Gräber von dreien
der Zehn Unterworfenen waren bisher noch namenlos geblieben. »Wer
ist in der verdammten Sechs?« knurrte Bomanz. Er drosch mit der
Faust auf den Tisch. »Verflucht noch mal!« Vier Jahre, und er war
der Lösung immer noch nicht näher gekommen. Das Aufdecken dieser
einen Identität stellte das letzte bedeutsame Hindernis dar. Alles
andere war nur noch reine Technik, eine Sache des Aufhebens der
Bannsprüche und schließlich des Kontaktes mit dem Großen in der
Mitte. Die Zauberer der Weißen Rose hatten ganze Bände
hinterlassen, in denen sie mit ihrem gewaltigen Zauber prahlten,
hatten jedoch nicht ein Wort darüber verloren, wo ihre Opfer lagen.
So war es eben mit den Menschen. Besand spielte sich wegen der
Fische auf, die er fing, und erläuterte im Detail den jeweils
verwendeten Köder; die Anglertrophäe selbst blieb er meist
schuldig.
Unter seine Sternenzeichnung hatte Bomanz eine des zentralen
Hügelgrabs gesetzt. Es war ein nordsüdlich ausgerichtetes Rechteck,
das mit zahlreichen Symbolen ausgefüllt war. An jeder Ecke war ein
Menhir dargestellt, der auf dem Gräberland selbst als Säule von
zwei Metern Höhe aufragte, auf der ein doppelgesichtiger Eulenkopf
aufgepflanzt war. Das eine Antlitz starrte nach innen, das andere
nach außen. Die Menhire bildeten die Eckpfosten der ersten
Bannreihe jener Zauber, die das Große Hügelgrab bewachten. An den
Seiten standen die Reihenpfosten, kleine Kreise, die hölzerne
Stangenfetische darstellten. Die meisten waren verrottet und
umgestürzt, und ihre Bannzauber waren mit ihnen gefallen. Die Ewige
Garde hatte keinen Zauberer in ihren Reihen, der sie
wiederherstellen oder ersetzen konnte.
Innerhalb des eigentlichen Hügels waren Symbole in drei Rechtecken
von abnehmender Größe untergebracht. Die äußeren erinnerten an
Bauern, die nächsten an Reiterkämpfer und die innersten an
Elefanten. Die Gruft des Dominators war von Männern umgeben, die
ihr Leben gelassen hatten, um ihn in die Knie zu zwingen. Geister
waren das Verbindungsstück zwischen dem Urbösen und einer Welt, die
sich daran erinnern konnte. Bomanz erwartete keine Schwierigkeiten,
an ihnen vorbeizukommen. Seiner Meinung nach waren die Gespenster
da, um gewöhnliche Grabräuber abzuschrecken. Innerhalb der drei
Rechtecke hatte Bomanz einen Drachen gezeichnet, der seinen Schwanz
im Maul hielt. Laut der Sage hatte sich ein gewaltiger Drache um
die Gruft gerollt, der weitaus lebendiger war als die Lady oder der
Dominator, die Jahrhunderte verdöste und darauf wartete, daß jemand
versuchte, das gefangene Böse freizusetzen. Bomanz sah keine
Möglichkeit, mit dem Drachen fertigzuwerden, aber dafür sah er auch
keine Notwendigkeit. Er wollte sich mit der Gruft verständigen, er
wollte sie nicht öffnen.
Verdammt! Wenn er doch nur ein altes
Amulett der Gardisten in die Finger bekommen
könnte… Die frühen Wächter hatten Amulette besessen, mit denen sie
in das Gräberland gehen konnten, um sich dort um dessen
Instandhaltung zu kümmern. Die Amulette gab es immer noch, aber sie
wurden nicht mehr verwendet. Besand trug eines. Die anderen hatte
er irgendwo versteckt.
Besand. Dieser Wahnsinnige. Dieser Sadist. Bomanz erachtete den
Wachwart als seinen engsten Bekannten - aber nicht als seinen
Freund. Nein, als Freund niemals. Es war schon ein trauriger
Kommentar zu seinem Leben, daß der Mann, dem er am nächsten stand,
mit Freuden die Gelegenheit ergriffen hätte, ihn aufs Rad zu
flechten oder aufzuhängen.
Wie war das mit dem Ruhestand gewesen? Hatte sich jemand außerhalb
dieses vergessenen Waldes an das Gräberland erinnert?
»Bomanz! Kommst du nun zum Essen oder nicht?« Bomanz murmelte
einige wüste Verwünschungen und rollte seine Karte wieder
zusammen.
In dieser Nacht kam der Traum. Etwas
lockte ihn sirenengleich. Wieder war er jung und unverheiratet,
schlenderte über die Gasse, die an seinem Haus vorbeiführte. Eine
Frau winkte. Wer war sie? Er wußte es nicht. Es war ihm auch
gleich. Er liebte sie. Lachend lief er auf sie zu… Mit schwebenden
Schritten. Seine Anstrengungen brachten ihn ihr nicht näher. Ihr
Gesicht verfiel. Sie verblaßte… »Geh nicht!« rief er. »Bitte!« Aber
sie verschwand und nahm seine Sonne mit sich fort.
Eine gewaltige sternenlose Nacht verschlang seinen Traum. Er
schwebte in einer Lichtung, deren Rand nicht zu sehen war. Langsam,
oh, so langsam ließ etwas undeutliches Silbriges die Bäume
hervortreten. Ein gewaltiger Stern mit einer langen silbernen
Mähne. Er sah, wie er anwuchs, bis sein Schweif den ganzen Himmel
überzog. Unsicherheit. Dann der Schatten der Angst. »Er kommt genau
auf mich zu!« Er krümmte sich zusammen, riß die Arme hoch. Die
silberne Kugel füllte den Himmel aus. Ein Gesicht war darauf zu
sehen. Das Gesicht der Frau… »Bo! Hör auf damit!« Jasmine stieß ihn
wieder an. Er setzte sich auf. »Hrmmm? Was denn?«
»Du hast geschrien. War es wieder der Albtraum?« Er lauschte auf
seinen hämmernden Herzschlag, seufzte. Konnte es noch viel mehr
aushalten? Er war ein alter Mann.
»Derselbe.« Er stellte sich in unregelmäßigen Abständen ein.
»Diesmal war er stärker.«
»Vielleicht solltest du mal zu einem Traumarzt gehen.«
»Hier draußen?« Er schnaubte
verächtlich. »Und überhaupt brauche ich sowieso keinen
Traumarzt.«
»Nein. Ist wahrscheinlich dein schlechtes Gewissen. Das dir zu
schaffen macht, weil du Stancil aus Oar wieder hierhergelockt
hast.« »Ich habe niemanden hierhergelockt… Schlaf weiter.«
Erstaunlicherweise rollte sie sich auf die Seite, wollte dieses
eine Mal ihren Streit nicht fortsetzen. Er starrte in die
Dunkelheit. Es war so viel deutlicher gewesen. Fast zu klar und zu
offensichtlich. War hinter der Warnung des Traumes vor weiterer
Einmischung noch eine weitere Bedeutung verborgen?
Langsam und allmählich kehrte die Stimmung aus dem Anfang des
Traumes wieder zurück. Die Stimmung des Gerufenseins, nur noch
einen intuitiven Schritt von seinem Herzenswunsch entfernt zu sein.
Es fühlte sich gut an. Seine Spannung verflüchtigte sich. Lächelnd
schlief er wieder ein.
Besand und Bomanz sahen zu, während die
Gardisten die Sträucher von Bomanz’ Grabungsstätte rodeten.
Plötzlich spuckte Bomanz angewidert aus. »Nicht verbrennen, du
Idiot! Besand, halt ihn auf!«
Besand schüttelte den Kopf. Ein Gardist, der eine Fackel bei sich
trug, trat von einem Sträucherhaufen zurück. »Junge, Giftsumach
verbrennt man nicht. Der Rauch trägt das Gift überall hin.«
Bomanz kratzte sich. Und fragte sich, warum sein Begleiter auf
einmal so vernünftig war. Besand feixte. »Da kriegst du schon das
Jucken, wenn du nur daran denkst, nicht wahr?« »Ja.«
»Dein anderer Juckreiz ist dort drüben.« Er hob den Finger. Bomanz
sah seinen Konkurrenten Men fu, der sie aus sicherer Entfernung
beobachtete. Er knurrte: »Ich habe noch nie jemanden gehaßt, aber
der führt mich wirklich in Versuchung. Er hat keine ethischen
Grundsätze, keine Skrupel und kein Gewissen. Er ist ein Dieb und
ein Lügner.« »Ich kenne ihn, Bo. Und daß ich ihn kenne, ist dein
Glück.« »Ich würde dich gern mal etwas fragen, Besand. Wachwart Besand. Wieso macht ihr ihm das Leben
nicht so schwer wie mir? Was meinst du damit, es ist mein Glück?«
»Er bezichtigte dich neuersteherischer Neigungen. Ich beschatte ihn
deshalb nicht, weil zu seinen mannigfaltigen Tugenden auch die
Feigheit zählt. Er hat nicht den Mumm dazu, verbotene Artefakte
auszugraben.«
»Und ich soll den haben? Diese kleine Warze hat mich verleumdet?
Mir Kapitalverbrechen zugeschrieben? Wenn ich nicht schon ein alter
Mann wäre…« »Er kommt auch noch an die Reihe, Bo. Und du hast den
Mumm dazu. Ich habe dich nur noch nicht dabei erwischt, daß du es
tatsächlich tun wolltest.«
Bomanz richtete den Blick gen Himmel.
»Na prima, geht das also wieder los. Diese
verkappten Anschuldigungen.«
»Eher unverhohlen, mein Freund. Du hast eine moralische Schlaffheit
an dir, einen Widerwillen dagegen, die Existenz des Bösen
anzuerkennen, der stinkt wie eine alte Leiche. Laß das die Oberhand
gewinnen, und ich erwische dich, Bo. Die Bösewichte sind schlau,
aber sie verraten sich am Ende doch selbst.« Einen Augenblick lang
glaubte Bomanz, daß seine Welt auseinander fiele. Dann begriff er,
daß Besand nur im Trüben fischte. Der Wachwart war ein
hingebungsvoller Angler. Bebend erwiderte er: »Ich habe die Nase
voll von deiner Bosheit. Wenn du wirklich einen Verdacht hegtest,
würdest du auf mich losgehen wie eine geölte Schlange. Gesetzliche
Verfahren haben euch Gardisten doch noch nie etwas bedeutet. Du
lügst wahrscheinlich auch, was Men fu angeht. Du würdest doch
selbst deine eigene Mutter ins Loch werfen, wenn ein noch
schäbigerer Schuft als er es dir flüstern würde. Du bist krank,
Besand. Das weißt du doch? Verseucht. Hier oben.« Er tippte sich an
die Schläfe. »Du kannst mit niemandem mehr reden, ohne irgendein
Gift abzulassen.«
»Du strapazierst mal wieder meine Langmut, Bo.« Bomanz zuckte
zurück. Angst und aufwallender Zorn hatten aus ihm gesprochen. Auf
seine eigene sonderbare Art hatte ihm Besand besondere Freiräume
gelassen. Fast schien er ein Heilmittel für die Gefühlswelt des
Wachwarts zu sein. Besand brauchte einen Menschen außerhalb der
Garde, den er mit seiner Amtsgewalt unberührt ließ. Jemanden,
dessen Immunität ihm selbst eine Art von Rechtfertigung verlieh…
Ich als Symbol für die Menschen, die er beschützt? Bomanz
schnaubte. Das war ja wohl das Letzte. Diese Sache mit dem
Ruhestand. Hat er mehr gesagt, als ich gehört habe? Streicht er
alle Wetten, weil er gehen muß? Vielleicht hat er doch einen
sechsten Sinn für Gesetzesbrecher. Vielleicht will er sich mit
einem Knall verabschieden. Was ist mit dem neuen Mann? Noch ein
Ungeheuer, dem der Sand, den ich Besand in die Augen gestreut habe,
nichts ausmacht? Vielleicht jemand, der hier reingeprescht kommt
wie ein Stier in die Arena? Und Tokar, der mutmaßliche Neuersteher…
Wo paßt der hinein? »Was ist los mit dir?« fragte Besand. Sorge
schwang in seiner Stimme mit. »Mir macht mein Magengeschwür zu
schaffen.« Bomanz massierte sich die Schläfen und hoffte, daß nicht
auch noch der Kopfschmerz wiederkehren würde. »Steck deine
Belegpfähle ein. Men fu macht sich vielleicht auf deinem Gelände
breit.« »Jawoll.« Bomanz holte ein halbes Dutzend Stecken aus
seinem Bündel. An jedem war ein gelbes Stoffband befestigt. Er
stellte sie auf. Die Sitte schrieb vor, daß der so markierte Boden
ihm zur Nutzung zugesprochen war.
Men fu konnte nächtliche Überfälle oder ähnliches durchführen, und
Bomanz hatte dann trotzdem keine gesetzliche Absicherung.
Bodenansprüche hatten keinerlei juristische Grundlage, sondern
galten nur bei privaten Abmachungen. Die alten Schürfer übten ihre
eigenen Strafmaßnahmen aus.
Men fu hatte schon alle Strafmaßnahmen erlebt, nur keine
unmittelbare Gewalt. Nichts konnte sein diebisches Wesen
ändern.
»Ich wünschte, Stancil wäre hier«, sagte
Bomanz. »Er könnte die ganze Nacht Wache
halten.«
»Ich fauche ihn mal ein bißchen an. Das hält immer ein paar Tage
vor. Ich hab gehört, daß Stance nach Hause kommt.«
»Ja. Den ganzen Sommer lang. Wir freuen uns richtig darauf. Wir
haben ihn seit vier Jahren nicht gesehen.«
»Er ist doch mit Tokar befreundet, oder?« Bomanz fuhr herum.
»Verdammt sollst du sein! Du läßt wohl niemals locker, nicht wahr?«
Er sprach mit leiser Stimme und in echtem Zorn, ohne das Brüllen
und die Flüche und die dramatischen Gesten seines
gewohnheitsmäßigen Halbzorns. »Schon recht, Bo. Ich werde nicht
mehr davon sprechen.« »Das solltest du besser auch. Das solltest du
wirklich tun, verdammt sollst du sein. Ich werde nicht dulden, daß
du ihm den ganzen Sommer auf dem Pelz hockst. Ich werde es nicht
dulden, hast du mich verstanden?«
»Ich hab doch gesagt daß ich nicht mehr davon reden werde.«