FÜNFUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL
Die
Eröffnungsrunde
Erschrocken wachte ich auf. Das
Nullfeld! Ich war so oft außerhalb seiner Grenzen gewesen, daß
seine Gegenwart mich erschreckte. Hastig rollte ich mich von der
Pritsche und entdeckte, daß ich allein im Raum war. Nicht nur hier,
sondern praktisch auch in den gesamten Baracken. Im Speisesaal
hielten sich einige Gardisten auf. Die Sonne war noch nicht
aufgegangen.
Der Wind heulte immer noch ums Haus. In der Luft lag eine merkliche
Kühle, obwohl die Feuer hell brannten. Ich mampfte gekochte
Weizenkeime in mich hinein und fragte mich, was ich gerade
verpaßte.
Als ich fertig war, trat die Lady ein. »Da bist du ja. Ich dachte
schon, daß ich ohne dich losziehen müßte.«
Ungeachtet ihrer Sorgen in der vergangenen Nacht zeigte sie sich
jetzt energisch, entschlossen und zu allem bereit.
Als ich meinen Mantel holte, erlosch das Nullfeld. Ich schaute kurz
in meinem Quartier vorbei. Der Hinker war immer noch dort. Mit
gerunzelter Stirn zog ich mich nachdenklich zurück.
Auf den Teppich. Heute mit voller Besatzung. Jeder Teppich war
vollständig bemannt und bewaffnet. Aber mich interessierte mehr das
Fehlen des Schnees zwischen der Stadt und dem Gräberland.
Der heulende Wind hatte ihn fortgeblasen. Als es hell genug war,
daß man etwas sehen konnte, stiegen wir auf. Die
Lady zog den Teppich in die Höhe, bis das Gräberland seiner eigenen
Landkarte ähnelte, während die Schatten verschwanden. Sie ließ uns
in engen Kreisen fliegen. Mir fiel auf, daß der Wind abgeflaut
war.
Das Große Grab sah aus, als ob es gleich in den Fluß rutschen
würde. »Einhundert Stunden«, sagte sie, als ob sie meine Gedanken
erriet. Wir waren also schon dabei, die Stunden abzuzählen.
Ich überflog den Horizont. Dort. »Der Komet.« »Vom Boden aus kann
man ihn nicht sehen. Aber heute nacht… wird es sich bewölken
müssen.«
Unter uns huschten winzige Gestalten über ein Viertel der freien
Fläche. Die Lady rollte eine Karte aus, die der von Bomanz ähnelte.
»Raven«, sagte ich.
»Heute. Wenn wir Glück haben.«
»Was machen die da unten?«
»Vermessungsarbeiten.«
Da tat sich mehr als nur das. Die Gardisten waren in voller
Kampfmontur aufmarschiert und bildeten eine Bogenlinie um das
Gräberland. Leichte Belagerungsmaschinen wurden zusammengebaut.
Aber einige Männer waren tatsächlich mit Vermessungen zugange und
steckten Lanzenreihen mit bunten Bändern in die Erde. Ich fragte
nicht warum. Sie hätte es mir doch nicht erklärt.
Jenseits des Flusses, östlich von uns, schwebte ein Dutzend
Windwale. Ich hatte geglaubt, daß sie schon längst wieder
abgeflogen wären. Dort brannte der Himmel unter dem Flammen der
Morgenröte. »Der erste Test«, sagte die Lady. »Ein schwaches
Ungeheuer.« Konzentriert runzelte sie die Stirn. Unser Teppich
begann zu leuchten. Ein weißes Pferd mit einer Reiterin in Weiß kam
aus der Stadt. Darling. In Begleitung von Schweiger und dem
Leutnant. Darling ritt in eine Schneise ein, die von Wimpeln
begrenzt wurde. Sie blieb beim letzten Wimpel stehen. Die Erde tat
sich auf. Etwas, das wie ein Vetter ersten Grades von Köter
Krötenkiller und wie der enge Verwandte eines Kraken aussah, stieß
aus der Finsternis hervor. Es raste über das Gräberland zum Fluß,
fort vom Nullfeld. Darling galoppierte zur Stadt.
Magische Wut regnete von den Teppichen herab. Innerhalb von
Sekunden war das Ungeheuer nur noch ein Aschehaufen. »Eins«, sagte
die Lady. Unten stellten die Männer eine weitere Wimpelschneise
auf.
Und so ging es den ganzen Tag, langsam und gründlich. Die meisten
Kreaturen des Dominators flohen in Richtung Fluß. Die wenigen, die
die andere Richtung einschlugen, sahen sich einem Sperrfeuer von
Geschossen gegenüber, ehe sie den Unterworfenen unterlagen.
»Haben wir denn genug Zeit, um sie alle auszulöschen?« fragte ich,
als die Sonne unterging. Durch das lange Sitzen auf einer Stelle
war ich schon seit Stunden ganz kribbelig geworden. »Mehr als
genug. Aber es wird nicht so einfach bleiben.« Ich hakte nach, aber
sie ließ sich nicht weiter darüber aus. Für mich lief die Sache
fabelhaft glatt ab. Einfach ein Untier nach dem anderen erledigen
und zum Schluß, wenn alle fort waren, sich den Oberschurken selbst
vornehmen. Er war zwar ein zäher Brocken, aber was konnte er im
Nullfeld schon ausrichten? Als ich wieder in die Baracken zu meiner
Unterkunft torkelte, sah ich den Hinker immer noch bei seiner
Arbeit. Zwar brauchen die Unterworfenen weniger Ruhe als wir
gewöhnlichen Sterblichen, aber er mußte doch kurz vor dem
Zusammenbruch stehen. Was zur Hölle machte
er dort eigentlich?
Und dann war da noch Bomanz. Heute war er nicht erschienen. Was
versuchte er sich denn noch in den Ärmel zu schieben?
Ich nahm gerade ein Abendessen zu mir, als Schweiger neben mir
erschien. Er setzte sich mir gegenüber und umklammerte eine
Schüssel mit Brei. Er sah blaß aus. »Wie war es für Darling?«
fragte ich.
Er signalisierte zurück. »Sie hatte beinahe Spaß daran. Sie ist
Risiken eingegangen, die sie nicht hätte eingehen sollen. Eines
dieser Wesen hätte sie fast erwischt. Bei der Abwehr wurde Otto
verletzt.«
»Braucht er mich?«
»Einauge ist damit klargekommen.«
»Was machst du hier?«
»Heute nacht holen wir Raven heraus.«
»Oh.« Schon wieder war mir Raven entfallen. Wie konnte ich mich zu
seinen Freunden zählen, wenn mir sein Schicksal so gleichgültig zu
sein schien? Schweiger folgte mir in die Unterkunft, die ich mit
Einauge und Goblin teilte. Die beiden kamen kurz darauf hinzu. Sie
verhielten sich schweigsam. Ihnen waren wichtige Rollen bei der
Bergung unseres alten Freundes zugeteilt worden. Ich machte mir
mehr Sorgen um Schweiger. Der Schatten war über ihn hinweggezogen.
Er kämpfte gegen ihn an. War er stark genug, um zu siegen? Ein Teil
von ihm wollte nicht, daß Raven gerettet wurde. Ein Teil von mir
wollte das auch nicht. Eine sehr erschöpfte Lady kam vorbei und
fragte. »Willst du daran teilnehmen?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich
wäre nur im Weg. Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.« Sie sah
mich durchdringend an, zuckte dann die Achseln und entfernte sich.
Spät in der Nacht weckte mich ein völlig erledigtes Einauge. Ich
setzte mich senkrecht auf. »Und?«
»Wir haben es geschafft. Wie gut, weiß ich nicht. Aber er ist
wieder da.« »Wie war es?«
»Hart.« Er kroch in seinen Schlafsack. Goblin schnarchte bereits in
seinem. Schweiger war gemeinsam mit ihnen herbeigekommen. Er lag an
der Wand, hatte eine geborgte Decke um sich gewickelt und zersägte
Baumstämme. Bis ich richtig wach war, bildete Einauge mit den
anderen ein Sägeterzett.
In Ravens Zimmer gab es nichts zu sehen
bis auf Raven, der leise schnarchte, und Case, der
besorgt aussah. Die Menge hatte sich verzogen und nur eine Luft zum
Schneiden hinterlassen. »Geht es ihm gut?« fragte ich.
Case zuckte die Achseln. »Ich bin kein Arzt.« »Aber ich. Ich sehe
ihn mir mal an.«
Der Puls war einigermaßen kräftig. Für einen Schlafenden atmete er
ein wenig rasch, aber nicht besorgniserregend. Die Pupillen waren
erweitert. Die Muskeln waren angespannt. Er schwitzte.
»Eigentlich nichts, worüber wir uns groß Sorgen machen müßten«,
sagte ich. » Gib ihm weiter Brühe zu trinken. Und laß mich holen,
sobald er spricht. Laß ihn nicht aufstehen. Seine Muskeln werden
der reinste Matsch sein. Dabei könnte er sich verletzen.« Case
nickte und nickte.
Ich kehrte zu meinem Schlafsack zurück und dachte abwechselnd über
Raven und den Hinker nach. In meiner früheren Unterkunft brannte
immer noch eine Lampe. Der Letzte der alten Unterworfenen ging
immer noch seiner wahnwitzigen Suche nach. Raven wurde zur größeren
Sorge. Er würde von uns Rechenschaft über unseren Schutz für
Darling fordern. Und ich war durchaus in der Stimmung, ihm dieses
Recht streitig zu machen.