VIERZIGSTES KAPITEL
Mein Entschluß

Sie verlangte kein einziges Mal etwas von mir. Selbst ihre Hinweise kamen aus derart unverhofften Richtungen, daß sie mir den größtmöglichen Freiraum ließen. Zwei Tage nach unserem Abend auf dem Dach fragte ich den Oberst, ob ich sie sprechen könnte. Er sagte, daß er nachfragen würde. Vermutlich hatte er seine Anweisungen. Ansonsten hätte es deswegen Streit gegeben.
Ein weiterer Tag verstrich, bevor er mir Bescheid gab, daß die Lady mich sehen wollte. Ich verschloß mein Tintenfaß, reinigte meine Feder und stand auf. »Danke.« Er warf mir einen seltsamen Blick zu. »Stimmt etwas nicht?« »Nein. Es ist nur…«
Ich begriff. »Ich weiß es auch nicht. Ich bin sicher, daß sie mich für eine besondere Verwendung vorgesehen hat.«
Das machte den Tag für den Oberst ein bißchen schöner. Das war etwas, das er verstehen konnte.
Der übliche Ablauf. Dieses Mal betrat ich ihre Domäne, während sie an einem Fenster stand, das eine Welt nasser Düsternis zeigte. Grauer Regen, kabbliges braunes Wasser und zur Linken kaum erkennbare Umrisse, Bäume, die sich mit letzter Kraft an ein unterspültes Flußufer klammerten. Kälte und Elend sickerten aus dieser Darstellung. Sie hatte einen nur allzu vertrauten Geruch.
»Der Große Tragic«, sagte sie. »Hochwasser. Aber er führt ja immer Hochwasser, nicht wahr?« Sie winkte. Ich folgte. Seit meinem letzten Besuch war noch ein großer Tisch aufgestellt worden. Darauf stand eine Kleindarstellung des Gräberlandes, die derart detailgetreu war, daß es schon wieder unheimlich war. Man hielt förmlich nach kleinen Gardisten Ausschau, die über das Kasernengelände flitzten. »Siehst du es?«
»Nein. Ich bin zwar schon zweimal dort gewesen, aber außer der Stadt und der Kaserne kenne ich mich dort kaum aus. Was soll mir denn auffallen?« »Der Fluß. Offenbar hat dein Freund Raven seine Bedeutung erkannt.« Mit einem schlanken Finger zog sie eine gekrümmte Linie weit östlich des Flußlaufes nach, der sich in jenen Grat hineinkrümmte, auf dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten. »Als ich meinen Triumph in Juniper errungen habe, lag das Flußbett hier. Ein Jahr später hat sich das Wetter geändert. Der Fluß führte ständig Hochwasser. Und kroch immer weiter hierher. Und heute frißt er sich in diesen Grat. Ich habe ihn selbst überprüft. Der Grat besteht ausschließlich aus Erde, er hatte keinerlei Grundgestein. Er wird nicht standhalten. Sobald er weggeschwemmt ist, wird der Fluß in das Gräberland hineinschneiden. Sämtliche Zauberbanne der Weißen Rose werden ihn nicht davon abhalten, das Große Grab zu öffnen.

Jeder Fetisch, der fortgespült wird, macht es meinem Gatten leichter, sich aus dem Grab zu
erheben.«
Ich schnaubte. »Gegen die Natur gibt es keine Gegenwehr.« »Doch. Wenn man es vorhersieht. Die Weiße Rose hat es nicht vorhergesehen. Auch ich habe es nicht vorhergesehen, als ich versucht habe, ihn in noch stärkere Fesseln zu schlagen. Und jetzt ist es zu spät. Also. Du wolltest mich sprechen?« »Ja. Ich muß den Turm verlassen.«
»Ach ja. Deshalb mußtest du nicht zu mir kommen. Es steht dir frei, zu gehen oder zu bleiben.«
»Ich gehe deshalb, weil es Dinge gibt, die ich erledigen muß. Wie Ihr sehr wohl wißt. Wenn ich zu Fuß gehe, werde ich mich ihnen nicht zeitig genug widmen können. Bis zur Steppe ist es ein weiter Weg. Außerdem ist er gefährlich. Ich bitte um eine Transportmöglichkeit.« Sie lächelte, und dieses Lächeln war echt, strahlend und auf subtile Weise anders als frühere Lächeln »Gut. Ich dachte mir schon, daß du erkennen würdest, wo die Zukunft liegt. Wann kannst du reisefertig sein?«
»In fünf Minuten. Eine Frage ist noch offen. Raven.« »Raven ist in das Kasernenspital im Gräberland gebracht worden. Im Augenblick kann man nichts für ihn tun. Sobald sich eine Gelegenheit ergibt, wird alles für ihn getan werden. Ist das ausreichend?«
Dagegen hatte ich natürlich kein Argument. »Gut. Es wird ein Transport bereitstehen. Du wirst einen einzigartigen Fahrer bekommen. Die Lady selbst.«
»Ich…«
»Auch ich habe nachgedacht. Mein nächster und bester Schritt besteht darin, mich mit der Weißen Rose zu treffen. Ich komme mit dir.« Nachdem ich mehrmals geschluckt hatte, brachte ich hervor: »Sie würden alle über Euch herfallen.«
»Nicht, wenn sie mich nicht erkennen. Und das werden sie nicht, wenn man es ihnen nicht sagt.«
Nun ja, erkennen würde sie wohl niemand. Ich bin ihr als einziger begegnet und habe die Begegnung überlebt, um damit zu prahlen. Aber… oh, ihr Götter, die Mengen und Haufen jener Aber. »Wenn Ihr das Nullfeld betretet, würden Eure sämtlichen Zauber sich auflösen.« »Nein. Neue Zauber würden nicht wirken. Zauber, die bereits bestehen, wären nicht betroffen.«
Das begriff ich nicht und sagte es auch. »Eine einfache Illusion wird beim Eintritt in das Nullfeld erlöschen. Sie wird aktiv

aufrechterhalten. Ein Wandelzauber, der von Dauer ist, aber während des Eintritts in das
Nullfeld nicht mehr tätig ist, würde davon nicht beeinträchtigt werden.« Irgendetwas klingelte im Rattenviertel meines Verstandes. Ich konnte es nicht einordnen. »Wenn Ihr Euch in einen Frosch verwandelt und dort hineinhüpft, würdet Ihr also ein Frosch bleiben?«
»Falls die Verwandlung eine tatsächlich bestehende wäre und nicht nur eine Illusion.« »Ich verstehe.« Ich setzte mir eine geistige Markierung und verschob die Sache auf später. »Ich werde eine Gefährtin sein, die du dir während deiner Reise zugelegt hast. Sagen wir mal, jemand, der dir bei deinen Dokumenten behilflich ist.« Da mußte es doch verborgene Heimtücke geben. Oder etwas in der Art. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie ihr Leben in meine Hände legte. Ich glaube allerdings, daß ich sie mit offenem Mund anstarrte.
Sie nickte. »Allmählich begreifst du.«
»Ihr vertraut mir zu sehr.«
»Ich kenne dich besser als du dich selbst. Nach deinem eigenen Ermessen bist du ein ehrenhafter Mann, der über genug Zynismus verfügt, um den Glauben zu hegen, daß es ein geringeres von zwei Übeln geben kann. Du warst schließlich unter dem Auge.« Ich erschauerte.
Sie entschuldigte sich nicht dafür. Wir wußten beide, daß eine Entschuldigung unaufrichtig gewesen wäre.
»Nun?« fragte sie.
»Ich weiß nicht genau, warum Ihr das tun wollt. Es ergibt keinen Sinn.« »In der Welt hat sich eine neue Lage ergeben. Einst gab es nur zwei Pole, dein Bauern- mädchen und mich, und zwischen uns war eine Konfliktlinie gezogen. Aber das, was sich im Norden regt, fügt einen weiteren Punkt hinzu. Er kann als Verlängerung der Linie gesehen werden, bei der mein Punkt in der Mitte liegt, oder als Dreieck. Es geht darum, daß mein Gatte vorhat, sowohl eure Weiße Rose als auch mich zu vernichten. Ich schlage vor, daß sie und ich die größere Gefahr auslöschen sollten, bevor…« »Schon recht. Ich verstehe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß Darling sich als gleichermaßen pragmatisch erweist. In ihr liegt eine Menge Haß.« »Vielleicht. Aber einen Versuch ist es wert. Wirst du dabei helfen?« Nachdem ich näher als einen Steinwurf bei der alten Finsternis gewesen war und die Geister im Gräberland hatte umgehen sehen, würde ich, o ja, so ziemlich alles tun, damit das grauenhafte Schreckgespenst sein Grab nicht sprengen konnte. Aber wie, wie, wie sollte ich ihr vertrauen?
Wieder vollführte sie das Kunststück, das ihnen allen zueigen zu sein scheint, nämlich

meine Gedanken zu lesen. »Du hättest mich innerhalb des Nullfeldes.«
»Das ist wahr. Ich muß noch einmal darüber nachdenken.« »Laß dir Zeit. Ich kann eine Zeitlang sowieso noch nicht weg.« Ich vermute, daß sie noch einige Vorkehrungen gegen eine Palastrevolte treffen wollte.