SECHZEHNTES KAPITEL
Die Schreckenssteppe

Wenn man sauer wird und Darling einfach stehen läßt, kann man eine Menge verpassen. Elmo, Einauge, Goblin und Otto führen mich gern an der Nase herum. Sie gaben mir nicht den geringsten Hinweis. Sie brachten alle anderen dazu, bei dem Spiel mitzumachen. Sogar Tracker, der offenbar etwas für mich übrig hatte und sich mehr mit mir unterhielt als mit allen anderen zusammen, ließ keine Andeutung fallen. Als also der bewußte Tag anbrach, begab ich mich in völliger Ahnungslosigkeit an die Oberfläche. Ich hatte die übliche Feldausrüstung eingepackt. Unsere Tradition entspricht der der schweren Infanterie, obwohl wir in letzter Zeit eher beritten unterwegs sind. Wir sind allesamt zu alt, um achtzig Pfund Gepäck mit uns herumzuschleppen. Ich zerrte mein Zeug in die Höhle, die uns als Stall dient und wie der Urahne aller Ställe riecht - und stellte fest, daß nicht ein einziges Pferd gesattelt war. Nun, eins schon. Das von Darling. Der Stalljunge grinste bloß, als ich ihn fragte, was hier vor sich ging. »Geht nach oben«, sagte er. »Sir.«
»Ach ja? Verfluchte Schweinehunde. Die wollen Spielchen spielen? Dafür ziehe ich ihnen die Ohren lang. Die sollten verdammt schnell wieder daran denken, wer hier eigentlich die Annalen führt.« Auf dem ganzen Weg zu den Schatten, die der gerade untergehende Mond in den Höhleneingang warf, murrte und zeterte ich herum. Dort traf ich den Rest der Truppe, die mit leichtem Gepäck angetreten war. Jeder trug seine Waffen und einen Beutel Trockenfutter bei sich.
»Was machst du denn, Croaker?« fragte Einauge zwischen unterdrücktem Gelächter. »Sieht aus, als ob du alles bei dir hast, was du besitzt. Spielst du Schildkröte? Trägst du dein Haus mit dir herum?«
Und Elmo sagte: »Wir ziehen nicht um, Junge. Wir machen bloß einen kleinen Überfall.« »Ihr seid eine Bande von Sadisten, wißt ihr das?« Ich trat in das fahle Licht. In einer halben Stunde würde der Mond untergehen. In weiter Ferne schwebten Unterworfene durch die Nacht. Diese Hurensöhne wollten uns unbedingt im Auge behalten. Etwas näher hatte sich ein ganzer Trupp von Menhiren versammelt. Dort draußen auf der Wüste sahen sie wie ein Friedhof aus. Auch eine Menge Laufbäume war da. Außerdem hörte ich Altvater Baum klimpern, obwohl sich kein Lüftchen regte. Zweifellos bedeutete das etwas. Ein Menhir hätte uns das vielleicht erklärt. Aber die Steine halten sich bedeckt, was sie selbst und ihre Mitspezies der Steppe betrifft. Besonders was Altvater Baum angeht. Die meisten geben nicht einmal zu, daß er existiert. »Mach dir dein Gepäck lieber leichter, Croaker«, sagte der Leutnant. Er gab ebenfalls keine Erklärungen ab.
»Du kommst auch mit?« fragte ich überrascht. »Jawoll. Beweg dich. Wir haben nicht viel Zeit. Waffe und Feldscherzeug sollten reichen.

Los.«
Auf dem Weg nach unten traf ich Darling. Sie lächelte mich an. Trotz meiner miesen Laune lächelte ich zurück. Ich kann ihr nicht böse sein. Ich kenne sie schon, seit sie noch klein war. Seit Raven sie während der Forsberger Feldzüge vor den Männern des Hinkers gerettet hat. Jetzt kann ich die Frau von heute niemals ansehen, ohne daß mir auch das Kind von damals einfällt. Dann werde ich sentimental und weich. Man behauptete, daß ich an einem schweren Fall von Romantik leide. Im Rückblick könnte ich dem beinahe zustimmen. Wenn ich an all die dummen Geschichten denke, die ich über die Lady geschrieben habe
Als ich wieder nach oben kam, kauerte der Mond am Rand der Welt. Aufgeregtes Raunen fuhr durch die Männer. Darling war oben, saß auf ihrer auffälligen weißen Stute, ritt hierhin und dorthin, gab jenen Männern Zeichen, die die Fingersprache verstanden. Über uns schwebten die leuchtenden Flecken, die charakteristisch für die Tentakelspitzen der Windwale sind, tiefer als ich es je erlebt oder gehört hatte. Abgesehen von den Schreckensgeschichten, in denen ausgehungerte Wale herabstürzen, ihre Tentakel über den Boden ziehen und jede Pflanze und jedes Tier auf ihrem Weg aufsammeln. »He!« sagte ich. »Wir sollten besser aufpassen. Der Dicke will hier landen.« Ein gewaltiger Schatten verdeckte Tausende von Sternen. Und er wurde immer größer. Rochen schwärmten um ihn herum. Große, kleine, mittlere - mehr als ich je zuvor gesehen hatte. Mein Ausruf rief Gelächter hervor. Ich wurde wieder sauer. Ich mischte mich unter die Männer und schikanierte sie wegen der Notausrüstung für die Wundversorgung, die sie bei einem Einsatz laut meinen Anweisungen mit sich führen sollen. Als ich damit fertig war, hatte sich meine Laune wieder gebessert. Jeder hatte sie dabei. Der Windwal senkte sich immer tiefer herab. Der Mond verschwand. Im selben Augenblick regten sich die Menhire. Wenige Augenblicke später begannen sie auf der uns zugewandten Seite zu leuchten. Auf der Seite, die von den Unterworfenen abgewandt war.
Darling ritt den von ihnen markierten Pfad entlang. Sobald sie an einem Menhir vorbeikam, erlosch sein Licht. Vermutlich ging er dann an das andere Ende der Reihe. Ich hatte keine Zeit, das nachzuprüfen. Elmo und der Leutnant stellten uns in einer eigenen Reihe auf. Über uns füllte sich die Nacht mit dem Quieken und dem Geflatter von Rochen, die sich um freien Luftraum zankten.
Der Windwal ließ sich quer über dem Bach nieder. Mein Gott, war er groß. Riesig! Ich hätte nie gedacht… Von den Korallen erstreckte er sich noch zweihundert Meter über den Bach hinüber. Alles in allem war er wohl vier-, fünfhundert Meter lang. Und siebzig bis einhundert Meter breit. Ein Menhir sagte etwas. Die Worte konnte ich nicht verstehen. Aber die Männer setzten sich in Bewegung.
Eine Minute später wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr. Sie erkletterten die Flanke der Kreatur und erklommen ihren Rücken, auf dem normalerweise die Rochen

nisteten.
Er roch. Roch nach etwas, das ich noch nie zuvor gerochen hatte, und das heftig. Reichhaltig, könnte man sagen. Nicht unbedingt schlecht, aber überwältigend. Und er fühlte sich seltsam an. Nicht haarig, schuppig oder hornig. Nicht unbedingt schleimig, aber immer noch schwammig und glatt wie ein freigelegter voller Darm. Es gab genügend Klettermöglichkeiten. Unsere Finger und unsere Stiefel störten ihn nicht. Der Menhir murrte und knurrte wie ein alter Zugführer; er erteilte gleichzeitig Befehle und nahm die Beschwerden des Windwals entgegen. Ich hatte den Eindruck, daß der Windwal von Natur aus ein mürrischer Geselle war. Ihm gefiel die Geschichte nicht mehr als uns. Das konnte ich ihm nicht zum Vorwurf machen. Auf ihm befanden sich weitere Menhire, die in prekärem Gleichgewicht aufragten. Als ich ankam, sagte mir ein Menhir, daß ich zu einem anderen von seiner Art gehen sollte. Der wiederum sagte mir, daß ich zwanzig Fuß weiter sitzen sollte. Augenblicke später kletterten die letzten Männer an Bord.
Die Menhire verschwanden.
Mich überkam ein seltsames Gefühl. Zuerst dachte ich errötend, daß es daran lag, daß der Wal sich in die Lüfte erhob. Wenn ich mit der Lady oder Wisper oder Seelenfänger geflogen war, hatte mein Magen den Daueraufstand geprobt. Aber dieses Unwohlsein war etwas anderes. Ich brauchte eine Weile, um es als eine Abwesenheit einordnen zu können. Darlings Nullfeld war verschwunden. Es hatte mich schon so lange begleitet, daß es Teil meines Lebens geworden war.
Was ging hier vor?
Wir stiegen auf. Ich spürte, wie sich die Brise drehte. Die Sterne drehten sich behäbig. Dann flammte plötzlich der gesamte Norden auf. Rochen fielen über die Unterworfenen her. Ein ganzer Schwärm. Der Schlag kam als vollkommene Überraschung, obgleich die Unterworfenen ihre Gegenwart gespürt haben mußten. Aber die Rochen taten so etwas doch nicht… O verdammt, dachte ich. Sie drängen sie in unsere Richtung ab… Dann grinste ich. Nicht in unsere Richtung. Zu Darling und ihrem Nullfeld, das sich an einem unerwarteten Ort befand.
Noch während mir der Gedanke kam, sah ich das Aufblitzen verpulverter Zaubererkraft, sah, wie ein Teppich taumelte und zu Boden kreiselte. Etwa zwanzig Rochen drangen auf ihn ein. Vielleicht war Darling gar nicht so dumm, wie ich sie einschätzte. Vielleicht konnte man diese Unterworfenen erledigen. Das war ganz sicher ein Gewinn, selbst wenn sonst nichts anderes klappte.
Aber was machten wir hier? Die Blitze erleuchteten meine Umgebung. Mir am nächsten saßen Tracker und Köter Krötenkiller. Tracker schien sich zu langweilen. Aber Köter Krötenkiller war so munter, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er saß da und beobachtete aufmerksam das Schauspiel. Die einzige andere Gelegenheit, zu der ich ihn nicht auf dem

Bauch liegen sah, war die Futterzeit.
Seine Zunge hing heraus. Er hechelte. Wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätte ich schwören können, daß er grinste.
Der zweite Unterworfene versuchte die Rochen mit seiner Macht zu beeindrucken. Er hatte es mit einer gewaltigen Übermacht zu tun. Und unten wechselte Darling die Stellung. Plötzlich geriet der zweite Unterworfene in ihr Nullfeld. Und ab ging er, in die Tiefe. Der Rochenschwarm nahm die Verfolgung auf.
Beide würden die Landung überleben. Aber dann würden sie sich zu Fuß auf der Steppe wiederfinden, die am heutigen Tag Stellung bezogen hatte. Ihre Chancen, sie lebend wieder zu verlassen, sahen düster aus.
Der Windwal hatte mittlerweile eine Höhe von etwa tausend Metern erreicht, ging auf nordöstlichen Kurs und nahm Fahrt auf. Wie weit war es zur Steppengrenze, die Rust am nächsten lag? Zweihundert Meilen? Gut und schön. Das konnten wir vor Tagesanbruch schaffen. Aber was war mit den letzten dreißig Meilen über den Steppenrand hinaus? Tracker begann zu singen. Zuerst war seine Stimme leise. Das Lied, das er sang, war alt. Seit Generationen hatten es die Soldaten der Nordländer gesungen. Es war ein Kampflied, ein Gedenklied für jene, die bald sterben werden. Ich hatte es in Forsberg gehört; es war auf beiden Seiten gesungen worden. Ein weiterer Mann fiel ein. Dann noch einer und noch einer. Von etwa vierzig Mann kannten es vielleicht fünfzehn. Der Windwal glitt gen Norden. Weit, weit unter uns glitt die Schreckenssteppe unsichtbar dahin.
Obgleich die Luft hier oben kalt war, brach mir der Schweiß aus.