ACHTUNDVIERZIGSTES KAPITEL
Der Flug gen
Westen
Trotz meiner Entlastung durch den Baum
erlangte ich meine vorherige Stellung bei meinen Kameraden nicht
mehr zurück. Es herrschte stets eine gewisse Zurückhaltung, die
einerseits dem Neid auf meine scheinbare Freundin zuzuschreiben
war, als auch dem angeknacksten Vertrauen, das nur langsam wieder
heilte. Ich kann nicht abstreiten, daß mich dies schmerzte. Seit
ich ein Junge war, war ich mit diesen Burschen zusammen gewesen.
Sie waren meine Familie.
Ich bekam einige Neckereien zu hören, daß ich nur deshalb auf
Krücken herumhumpelte, damit ich mich vor der Arbeit drücken
konnte. Aber meine Arbeit wäre auch weitergegangen, wenn ich gar
keine Beine mehr gehabt hätte. Diese verdammten Papiere. Ich kannte
sie schon auswendig, konnte sie fast singen. Und weder hatte ich
den Schlüssel, nach dem ich suchte, noch hatte die Lady das
gefunden, auf das sie ihre Hoffnung setzte. Die Querverweise zu
erstellen dauerte endlos. Zur Zeit der Unterdrückung und davor
waren Namen nach Belieben buchstabiert worden. TelleKurre gehört zu
den Sprachen, in denen verschiedene Buchstabenkombinationen
identische Laute ergeben können.
Das nervt - gelinde gesagt.
Ich weiß nicht, was Darling den anderen erzählt hatte. Bei der
großen Besprechung war ich nicht dabei. Genausowenig wie die Lady.
Aber es sprach sich herum: Die Schar rückte aus. Wir hatten einen
Tag, um uns bereitzumachen. Abend an der Oberfläche. Auf meine
Krücken gestützt, sah ich die Windwale einfliegen. Alle achtzehn
waren von Altvater Baum herbeigerufen worden. Sie rückten mit ihren
Rochen und einer ganzen Palette der intelligenten Steppenwesen an.
Drei setzten auf. Das Loch spie seinen Inhalt aus.
Wir gingen an Bord. Ich bekam einen Sonderplatz, weil ich mit
meinen Papieren, meiner Ausrüstung und meinen Krücken hochgehoben
werden mußte. Der Wal war klein. Außer mir kamen nur noch ein paar
andere an Bord. Die Lady. Natürlich.Wir konnten uns jetzt nicht
trennen. Und Goblin. Und Einauge. Und Schweiger, nach hitzigen
Zeichengefechten, denn er wollte sich nicht von Darling trennen.
Und Tracker. Und das Kind des Baumes, für das Tracker den Vormund
und ich den Elternersatz spielte. Ich glaube, die Zauberer sollten
uns andere ein wenig im Auge behalten, obwohl sie wenig hätten tun
können, wenn es zu einer Konfrontation gekommen wäre.
Darling, der Leutnant, Elmo und die anderen alten Kämpen kletterten
auf einen zweiten Windwal. Der dritte trug ein paar Männer und
reichlich Ausrüstung. Wir stiegen auf und schlössen uns der
Formation über uns an. Ein Sonnenuntergang aus fünfzehnhundert
Metern Höhe läßt sich mit nichts vergleichen, das man am Boden zu
Gesicht bekommt. Wenn man nicht auf einem sehr einsamen Berg steht.
Einfach prachtvoll.
Mit der Dunkelheit kam der Schlaf.
Einauge legte einen Bann auf mich. Ich hatte immer
noch mit den Schwellungen und Schmerzen zu kämpfen. Ja. Wir
befanden uns außerhalb des Nullfeldes. Unser Wal hielt sich fern
von Darlings Wal am anderen Ende der Formation. Um der Lady willen.
Aber sie verriet sich immer noch nicht. Die Winde waren günstig,
und wir flogen mit dem Segen von Vater Baum. Bei Morgengrauen zogen
wir über Kleppersheim. Und dort kam schließlich die Wahrheit ans
Licht.
Auf ihren Fischteppichen stiegen die Unterworfenen bis an die
Kiemen bewaffnet auf. Panischer Lärm weckte mich. Tracker half mir
auf die Beine. Nach einem kurzen Blick auf den feurigen
Sonnenaufgang sah ich, wie die Unterworfenen um unseren Wal herum
in Position glitten. Goblin und die anderen erwarteten einen
Angriff. Sie plärrten sich fast die Seele aus dem Leib. Irgendwie
brachte Goblin es fertig, Einauge für alles die Schuld zu geben.
Sie legten los.
Aber nichts geschah. Beinahe war auch ich überrascht. Die
Unterworfenen blieben lediglich in Formation.
Ich blickte kurz zur Lady hinüber. Ihr Augenzwinkern ließ mich
zusammenzucken. Dann sagte sie: »Ungeachtet unserer Differenzen
müssen wir alle in dieser Sache zusammenarbeiten.«
Goblin hörte das. Einen Augenblick lang achtete er nicht auf
Einauges Gezeter und starrte die Unterworfenen an. Kurz darauf sah
er zur Lady hin. Diesmal mit aller Aufmerksamkeit. Ich konnte
regelrecht sehen, wie ihm ein Licht aufging. Mit einer Stimme, die
noch quieksiger war als sonst, und einem ausgesprochen belämmerten
Gesichtsausdruck sagte er: »Ich erkenne Euch.« Ihm war die einzige
Gelegenheit wieder eingefallen, bei der er eine Art direkter
Begegnung mit ihr gehabt hatte. Als er vor vielen Jahren versucht
hatte, mit Seelenfänger Verbindung aufzunehmen, hatte er sie im
Turm entdeckt in der Gegenwart der Lady…
Sie lächelte ihr bezauberndstes Lächeln. Jenes, das Statuen zum
Schmelzen bringt. Goblin riß eine Hand vor die Augen und wandte
sich ab. Er sah mich völlig entsetzt an. Ich konnte nicht anders,
ich mußte lachen. »Ihr habt mir doch immer vorgeworfen…« »Du
hättest es ja nicht tun müssen, Croaker!« Seine Stimme kletterte
die Tonleiter hinauf, bis sie nicht mehr hörbar war. Er setzte sich
sehr plötzlich hin. Kein Blitz verstreute ihn über den Himmel. Nach
einer Weile sagte er: »Elmo wird Scheiße schreien!«
Elmo war derjenige, der mir wegen meiner Romanzen über die Lady am
schlimmsten in den Ohren gelegen hatte.
Nachdem die Sache ihr humoristisches Element verloren, Einauge es
ebenfalls überstanden und Schweiger seine schlimmsten Befürchtungen
bestätigt bekommen hatte, machte ich mir allmählich Gedanken wegen
meiner Freunde.
Sie befanden sich allesamt auf dem Flug
nach Westen, weil Darling es ihnen befohlen hatte.
Mit keinem Wort hatte man sie davon in Kenntnis gesetzt, daß wir
ein Bündnis mit unseren vorherigen Feinden eingegangen waren.
Narren. Oder war Darling eine Närrin? Was würde geschehen, wenn der
Dominator am Boden lag und wir uns wieder bereitmachten, einander
die Köpfe einzuschlagen? Langsam, Croaker. Darling hatte das
Kartenspielen von Raven gelernt. Raven war mit den Karten der
reinste Halsabschneider.
Bei Anbruch der Nacht hatten wir den Wolkenwald erreicht. Ich
fragte mich, wofür man uns in Lords wohl hielt. Wir flogen direkt
darüber hinweg. Die Straßen füllten sich mit Gaffern. Rosen zog
während der Nacht unter uns vorbei. Dann die anderen alten Städte
unserer frühen Jahre im Norden. Wir sprachen nur wenig. Die Lady
und ich blieben zusammen, und unsere Anspannung wuchs, während
unsere kleine Flotte ihrem Ziel näher kam und wir den Dingen, nach
denen wir suchten, immer noch nicht näher gekommen waren. »Wie
lange noch?« fragte ich. Ich hatte allmählich das Zeitgefühl
verloren. »Zweiundvierzig Tage«, sagte sie.
»So lange waren wir in der Wüste?«
»Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Flug.« Ich sah sie
erschrocken an. Ein Witz? Sogar ein abgedroschenes Klischee? Von
ihr? Ich hasse es, wenn sie sich plötzlich als Menschen
herausstellen. Feinde sollten so etwas nicht tun.
Im Laufe der letzten beiden Monate hatte sie mich mit ihrer
Menschlichkeit förmlich überschüttet.
Wie soll man da hassen?
Das Wetter blieb einigermaßen anständig, bis wir Forsberg
erreichten. Dann wandelte es sich zum blanken Elend.
Dort oben herrschte dichter Winter. Kräftige, ordentlich
erfrischende Winde mit reichlich Pulverschnee. Fabelhaftes
Scheuermittel für zarte Haut wie die meine. Das Bombardement
schrubbte den Walen fast die Läuse vom Rücken. Alle fluchten und
schimpften und murrten und rückten näher aneinander, um sich zu
wärmen. Wir wagten es nicht, uns des traditionellen Verbündeten des
Menschen, des Feuers, zu bedienen. Nur Tracker schien ungerührt.
»Stört dieses Ding denn gar nichts?« fragte ich. Mit einer
seltsamen Stimme, die ich von ihr noch nie gehört hatte, erwiderte
die Lady: »Doch, Einsamkeit. Wenn du Tracker auf einfache Weise
umbringen willst, schließ ihn irgendwo in Einzelhaft ein und komm
nicht wieder.« Ich verspürte eine Kälte, die mit dem Wetter nichts
zu tun hatte. Wer war mir bekannt, der eine lange Zeit allein
gewesen war? Wer begann sich vielleicht zu fragen, ob die absolute
Macht es wert war, den absoluten Preis zu zahlen?
Ich hegte nicht den geringsten Zweifel
daran, daß sie jede Sekunde des Versteckspiels auf
der Steppe genossen hatte. Sogar in den gefährlichen Augenblicken.
Ich wußte, daß ich, wenn ich nur den Schneid dazu gehabt hätte, in
den letzten Tagen weit mehr hätte werden können als nur ihr
vorgeschobener Freund. In jener Zeit hatte sich eine stille
Verzweiflung in ihr aufgebaut, die um so stärker wurde, je näher
ihre Rückkehr in das Dasein als Lady rückte. Einiges davon konnte
ich mir durchaus eingebildet haben, denn ihr stand eine sehr
gefährliche Zeit bevor. Sie stand unter einer gewaltigen
Anspannung. Sie kannte den Feind, dem wir uns stellen wollten. Aber
es war nicht nur mein Ego. Ich glaube, sie konnte mich wirklich
auch als Mensch gut leiden.
»Ich habe eine Bitte«, sagte ich leise im Gedrängel, derweil ich
Gedanken verscheuchte, die durch den Druck eines Frauenkörpers
gegen den meinen ausgelöst wurden. »Worum geht es?«
»Um die Annalen. Sie sind alles, was von der Schwarzen Schar noch
übrig ist.« Die Depression hatte sich rasch eingestellt. »Vor
Urzeiten, als die Freien Scharen von Khatovar aufgestellt wurden,
wurde ihnen auch eine Verpflichtung auferlegt. Falls einer von uns
das hier lebend übersteht, sollte sie jemand zurückbringen.« Ich
weiß nicht, ob sie das verstand. Aber sie sagte: »Sie gehören dir.«
Ich wollte es ihr erklären, aber ich vermochte es nicht. Warum
sollten sie zurückgebracht werden? Ich weiß nicht einmal genau,
wohin sie gebracht werden sollen. Vierhundert Jahre lang ist die
Schar langsam gen Norden getrieben, wurde mal stärker, dann wieder
schwächer, alte Kämpfer gingen dahin, neue stießen hinzu. Ich habe
keine Ahnung, ob Khatovar überhaupt noch existiert, oder ob es sich
dabei um eine Stadt, ein Land, einen Menschen oder einen Gott
handelt. Die Annalen der ersten Jahre haben entweder nicht
überdauert oder sind schon zurückgeschickt worden. Aus dem ersten
Jahrhundert kenne ich nur Zusammenfassungen und
Auszüge… Egal. Es hat schon immer zu den Aufgaben des Chronisten
gehört, die Annalen nach Khatovar zurückzubringen, sollte die Schar
sich je auflösen. Das Wetter wurde schlimmer. Auf der Höhe von Oar
kam es uns regelrecht feindselig vor, was auch gut und gerne der
Fall sein konnte. Das Wesen in der Erde würde wissen, daß wir
unterwegs waren.
Kurz hinter und nördlich von Oar stießen plötzlich sämtliche
Unterworfenen wie Steine in die Tiefe. »Was soll das,
verdammt?«
»Köter Krötenkiller«, sagte die Lady. »Wir haben ihn eingeholt.
Noch hat er seinen Herren nicht erreicht.«
»Können sie ihn aufhalten?«
»Ja.«
Ich kroch zur Flanke des Wales. Ich weiß nicht, was ich zu sehen
erwartete. Wir waren mitten in einem Schneegestöber.
Unten flackerten ein paar Blitze auf.
Dann kamen die Unterworfenen zurück. Die Lady
machte ein mißmutiges Gesicht. »Was ist passiert?« fragte ich. »Das
Untier ist schlau. Es ist ins Nullfeld gerannt, da, wo es über den
Boden streift. Die Sicht ist zu schlecht, als daß sie es verfolgen
könnten.« »Wird das einen großen Unterschied ausmachen?« »Nein.«
Aber das klang nicht ganz zuversichtlich. Das Wetter wurde noch
schlechter. Doch die Wale ließen sich davon nicht beeindrucken. Wir
erreichten das Gräberland. Meine Gruppe bezog die Gardekaserne.
Darlings Trupp richtete sich im Blauen Schniedel ein. Die Grenze
des Nullfeldes endete gerade eben außerhalb des
Kasernengeländes.
Oberst Sweet begrüßte uns persönlich. Der gute alte Sweet, den ich
schon längst für tot gehalten hatte. Eines seiner Beine war
verkrüppelt. Ich kann nicht gerade sagen, daß er einen besonders
fröhlichen Eindruck machte. Aber so war auch wohl niemandem sonst
zumute.
Bei der Ordonnanz, die uns zugeteilt wurde, handelte es sich um
unseren alten Freund Case.