NEUNZEHNTES KAPITEL
Bomanz’
Geschichte
Croaker:
Bomanz durchschritt seine Träume an der Seite einer Frau, die ihm
ihre Worte nicht verständlich machen konnte. Der grüne Pfad der
Verheißung führte an mondfressenden Hunden vorbei, an Gehenkten und
an Wächtern, die keine Gesichter hatten. Durch Lücken im Blattwerk
erhaschte er Blicke auf einen Kometen, der den Himmel überspannte.
Er schlief nicht mehr sehr gut. Jedesmal, wenn er eindöste, wartete
der Traum auf ihn. Er wußte nicht, warum er nicht in Tiefschlaf
fallen konnte. Und der Traum gehörte auch nicht zu den schlimmen
Albträumen.
Die meisten Symbolismen lagen auf der Hand, und den meisten
weigerte er sich nachzugeben.
Die Nacht war angebrochen, als Jasmine Tee brachte und fragte:
»Willst du die ganze Woche hier herumliegen?«
»Vielleicht werde ich das.«
»Wie wirst du heute nacht schlafen?«
»Wahrscheinlich gar nicht, bis spät in die Nacht. Ich werde im
Laden arbeiten. Was hat Stance inzwischen unternommen?«
»Er hat etwas geschlafen, ist aufgestanden und hat eine Ladung aus
der Grabungsstätte geholt. Dann ist er im Laden herumgewuselt, hat
etwas gegessen und ist wieder zurückgegangen, als ihm jemand gesagt
hat, daß Men fu wieder dorthin unterwegs sei.« »Was ist mit
Besand?«
»Die Geschichte ist schon in der ganzen Stadt herum. Der neue
Wachwart ist wütend, weil er nicht abgereist ist. Er sagt, daß er
deswegen nichts unternehmen wird. Die Gardisten nennen ihn
Pferdearsch. Sie gehorchen seinen Anordnungen nicht. Er wird immer
wütender.« »Vielleicht lernt er etwas daraus. Danke für den Tee.
Gibt es etwas zu essen?« »Den Rest vom Huhn. Hol’s dir selbst. Ich
gehe schlafen.« Murrend aß Bomanz kalte, fettige Hühnerflügel und
spülte sie mit schalem Bier hinunter. Er dachte über seinen Traum
nach. Sein Magengeschwür zwickte ihn ein wenig. Sein Kopf fing an
zu schmerzen. »Also, auf geht’s«, murmelte er und schleppte sich
nach oben. Mehrere Stunden verbrachte er damit, die Rituale noch
einmal durchzugehen, mittels derer er seinen Körper verlassen und
durch die Fährnisse des Gräberlandes schlüpfen würde… Würde der
Drache ein Problem sein? Allen Hinweisen nach sollte er sich nur
körperlich vorhandenen Eindringlingen entgegenstellen. Schließlich:
»Es wird klappen. Sofern das
sechste Grab tatsächlich das vom
Mondhund ist.« Er seufzte, lehnte sich zurück, schloß die
Augen.
Der Traum begann. Und mitten in diesem Traum sah er sich grünen,
undurchdringlichen Augen gegenüber. Weisen, grausamen, spöttischen
Augen. Er schreckte auf. »Papa? Bist du da oben?«
»Ja. Komm rauf.«
Stancil stürmte ins Zimmer. Er sah schrecklich aus. »Was ist
passiert?«
»Das Gräberland… Die Geister gehen um.« »Das tun sie immer, wenn
der Komet sich nähert. Ich hatte es nicht so früh erwartet. Diesmal
werden sie wohl etwas unruhig. Das ist doch kein Grund, sich derart
aufzuregen.« »Das war es auch nicht. Das hatte ich erwartet. Und
damit könnte ich auch umgehen. Nein, es geht um Besand und Men
fu.«
»Was?«
»Men fu hat versucht, mit Besands Amulett ins Gräberland
einzudringen.« »Ich hatte also doch recht! Dieser kleine… Weiter!«
»Er war an der Grabungsstätte. Mit dem Amulett. Er hatte
Todesangst. Er hat mich kommen sehen und ist den Hügel
hinabgelaufen. Als er in etwa dort ankam, wo früher der
Wassergraben war, ist Besand wie aus dem Boden gewachsen vor ihm
aufgetaucht, hat gebrüllt und mit einem Schwert herumgefuchtelt.
Men fu fing an zu rennen. Besand blieb ihm auf den Fersen. Dort
draußen ist es ziemlich hell, aber ich hab sie aus den Augen
verloren, als sie um das Grab des Heulers rannten. Besand muß ihn
erwischt haben. Ich hab gehört, wie sie sich angebrüllt haben und
durch die Büsche gerollt sind. Dann haben sie angefangen zu
schreien.«
Stancil stockte. Bomanz wartete ab.
»Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, Papa. Ich hab noch
nie solche Geräusche gehört. Sämtliche Geister sind beim Grab des
Heulers zusammengeströmt. Das ging ziemlich lange so. Dann sind die
Schreie näher gekommen.« Bomanz sah, daß Stancil schwer erschüttert
war. Wie ein Mann, dessen Glaubensgrundsätze zunichte gemacht
worden sind. Sonderbar. »Weiter.« »Es war Besand. Er hatte das
Amulett, aber es hat nichts geholfen. Er hat es nicht über den
Graben geschafft. Er hat es fallen lassen, und die Geister haben
ihn angefallen. Er ist tot, Papa. Die Gardisten waren alle draußen…
Sie konnten nichts machen außer zuzusehen. Der Wachwart wollte
ihnen keine Amulette geben, um ihn zu holen.« »Also haben wir jetzt
zwei Tote. Drei, wenn man den von gestern nacht mitzählt. Wie viele
werden wir morgen nacht haben? Werde ich mich mit einem ganzen
Bataillon neuer Geister
herumschlagen müssen?«
»Du willst es morgen nacht tun?«
»Richtig. Wenn Besand nicht mehr da ist, gibt es keinen Grund, die
Sache aufzuschieben. Oder?«
»Papa… Vielleicht solltest du es lieber nicht tun. Vielleicht
sollte das Wissen dort draußen begraben bleiben.«
»Was denn? Mein Sohn plappert mir meine
Bedenken nach?« »Papa, laß uns nicht streiten. Vielleicht war ich
zu voreilig. Vielleicht habe ich mich geirrt. Du weißt mehr über
das Gräberland als ich.« Bomanz starrte seinen Sohn an. Mit mehr
Festigkeit, als er wirklich empfand, sagte er. »Ich mache es. Es
ist an der Zeit, die Zweifel abzulegen und die Sache durchzuziehen.
Da ist die Liste. Sieh nach, ob ich etwas vergessen habe.«
»Papa…«
»Keine Widerworte mehr, Junge.« Er hatte den ganzen Abend
gebraucht, um die eingefleischte Bomanz-Persönlichkeit abzulegen
und den Zauberer hervorzuholen, der so lange und so kunstvoll
verborgen gewesen war. Aber jetzt war er frei. Bomanz begab sich in
eine Ecke, in der einige scheinbar harmlose Gegenstände aufgehäuft
waren. Seine Haltung war aufrechter als sonst; seine Bewegungen
waren rascher und präziser. Er stapelte einige Sachen auf dem Tisch
auf. »Wenn du nach Oar zurückkehrst, kannst du meinen alten
Klassenkameraden erzählen, was aus mir geworden ist.« Er lächelte
leicht. Ihm fielen immer noch einige ein, die auch jetzt noch
erzittern würden, wenn sie wüßten, daß er zu Füßen der Lady
studiert hatte. Er hatte nichts vergessen, nichts vergeben. Und so
gut kannten sie ihn.
Stancils Blässe war verschwunden. Jetzt war er unsicher. Diese
Seite seines Vaters hatte sich seit einer Zeit, die noch vor seiner
Geburt lag, nicht mehr gezeigt. Sie lag außerhalb seiner
Erfahrungswelt. »Willst du hinausgehen, Papa?« »Du hast mir die
wesentlichen Einzelheiten berichtet. Besand ist tot. Men fu ist
tot. Die Gardisten werden sich deshalb nicht aufregen.« »Ich
dachte, er war dein Freund.«
»Besand? Besand hatte keine Freunde. Er hatte einen Auftrag… Was
schaust du mich so an?«
»Sehe ich einen Mann mit einem Auftrag vor mir?« »Das könnte sein.
Irgendetwas hat mich hier festgehalten. Bring das Zeug hier nach
unten. Wir machen es im Laden.«
»Wo soll ich es hinlegen?«
»Das ist egal. Besand war der einzige, der es von dem normalen Kram
hätte unterscheiden
können.«
Stancil verließ den Raum. Später beendete Bomanz eine Reihe
geistiger Exerzitien und fragte sich kurz, wo der Junge eigentlich
geblieben war. Stance war nicht wiedergekommen. Er zuckte die
Achseln und nahm seine Übungen wieder auf. Er lächelte. Er war
bereit. Es würde ganz einfach sein.
Die Stadt befand sich in Aufruhr. Ein
Gardist hatte versucht, den neuen Wachwart zu ermorden. Der
Wachwart war so verstört und verängstigt, daß er sich in seinem
Quartier eingeschlossen hatte. Wilde Gerüchte schwirrten umher.
Bomanz durchschritt den Ort mit solcher Würde, daß er Leute
erschreckte, die ihn schon jahrelang gekannt hatten. Er ging zum
Rand des Gräberlandes und betrachtete seinen langjährigen
Gegenspieler. Besand lag immer noch dort, wo er gefallen war. Die
Fliegen wimmelten in dichten Schwärmen um ihn herum. Bomanz warf
eine Handvoll Erde. Die Insekten schwirrten auseinander. Er nickte
nachdenklich. Besands Amulett war wieder verschwunden.
Bomanz spürte Korporal Husky auf. »Wenn ihr nichts machen könnt, um
Besand dort rauszuholen, dann werft Erde auf ihn. Neben meinem Loch
liegt ein ganzer Haufen davon.« »Jawohl, Sir«, sagte Husky und
bemerkte erst später verdattert, wie selbstverständlich er
eingewilligt hatte.
Bomanz wanderte um das Gräberland herum. Durch den Kometenschweif
wirkte das Sonnenlicht etwas sonderbar. Die Farben schienen nicht
ganz zu stimmen. Aber jetzt waren keine Geister unterwegs. Er sah
keinen Grund, den Verständigungsversuch heute nicht zu unternehmen.
Er kehrte zum Dorf zurück. Vor dem Laden standen Wagen. Fuhrmänner
beluden sie. Drinnen keifte Jasmine und schalt jemanden aus, der
etwas genommen hatte, das er nicht hätte nehmen sollen. »Verdammt
sollst du sein, Tokar«, murmelte Bomanz. »Warum heute? Du hättest
warten können, bis es vorbei ist.« Er spürte einen Anflug von
Sorge. Wenn Stance abgelenkt war, konnte er sich auf den Jungen
nicht verlassen. Er stampfte in den Laden. »Das ist großartig«,
sagte Tokar und meinte das Pferd. »Absolut prachtvoll. Du bist ein
Genie, Bo.«
»Und du gehst mir auf die Nerven. Was ist hier los? Wer zum Donner
sind diese Leute?« »Meine Fahrer. Mein Bruder Clete. Meine
Schwester Glory. Und unsere kleine Schwester Snoopy. Wir haben sie
so genannt, weil sie uns immer nachspioniert hat.« »Freut mich,
euch alle kennenzulernen. Wo ist Stance?« Jasmine sagte: »Ich habe
ihn losgeschickt, damit er etwas zum Abendessen holt. Bei dieser
Menge muß ich früh mit dem Kochen anfangen.«
Bomanz seufzte. Genau das, was er für
diese Nacht der Nächte gebrauchen konnte. Ein Haus
voller Gäste. »Du da. Stell das wieder dahin zurück, wo du es
herhast. Du. Snoopy? Laß die Finger von den Sachen.«
Tokar fragte: »Was ist denn los mit dir, Bo?« Bomanz hob eine
Braue, erwiderte den Blick des anderen, beantwortete die Frage
nicht. »Wo ist dein Fahrer, der mit den breiten Schultern?« »Der
arbeitet nicht mehr für mich.« Tokar runzelte die Stirn. »Dachte
ich mir schon. Falls etwas Wichtiges sein sollte, ich bin oben.« Er
stampfte durch den Laden, ging nach oben, ließ sich in seinem
Sessel nieder, zwang sich zu schlafen. Seine Träume waren leise und
verstohlen. Es schien ihm, als ob er jetzt endlich etwas hörte,
aber er konnte sich nicht daran erinnern, was es war…
Stancil betrat den Raum im Obergeschoß.
Bomanz fragte: »Was machen wir jetzt? Diese Bande legt uns hier
alles lahm.«
»Wie lange wirst du denn brauchen, Papa?« »Das kann wochenlang jede
Nacht dauern, wenn die Geschichte funktioniert.« Er freute sich.
Stancil hatte seinen Mut wiedergefunden. »Wir können sie wohl kaum
rausschmeißen.« »Und wir können auch sonst nirgends hin.« Die
Stimmung der Gardisten war hart und verbittert geworden.
»Wieviel Krach wirst du denn machen, Papa? Könnten wir es hier
machen, in aller Stille?« »Das werden wir wohl versuchen müssen.
Das wird aber ziemlich eng. Hol das Zeug aus dem Laden. Ich mache
hier ein bißchen Platz.« Als Stancil verschwand, ließ Bomanz die
Schultern hängen. Er wurde allmählich nervös. Nicht wegen dem, dem
er sich stellen wollte, sondern wegen seiner eigenen Umsicht. Immer
wieder kam ihm der Gedanke, daß er etwas vergessen hatte. Aber er
hatte die Aufzeichnungen aus vier Jahrzehnten durchgesehen, ohne
auch nur einen einzigen Fehler in seinem Ansatz zu entdecken. Jeder
einigermaßen ausgebildete Lehrling würde seiner Formel folgen
können. Er spuckte in eine Ecke. »Die Feigheit des Antiquars«,
murmelte er. »Die uralte Furcht vor dem Unbekannten.«
Stancil kam zurück. »Mama hat sie zu einem Wurfspiel überredet.«
»Ich habe mich schon gefragt, warum Snoopy so herumquietscht. Hast
du alles?« »Ja.«
»Gut. Geh nach unten und paß auf. Ich komme auch gleich, wenn ich
hier alles fertig habe. Wir legen los, sobald sie schlafen gegangen
sind.«
»In Ordnung.«
»Stance? Bist du bereit?«
»Mir geht es gut, Papa. Letzte Nacht hatte ich nur ein bißchen
kalte Füße. Ich sehe nicht gerade jeden Tag, wie ein Mann von
Geistern getötet wird.« »Dafür solltest du ein gewisses Gefühl
entwickeln. So etwas kommt vor.« Stancil sah ihn mit ausdrucksloser
Miene an. »Du studierst heimlich auf dem Schwarzen Campus, nicht
wahr?« Der Schwarze Campus war die verborgene Fakultät der
Universität, an der Zauberer ihre Kunst erlernten. Offiziell
existierte er nicht. Von Gesetzes wegen war er verboten. Aber es
gab ihn. Bomanz hatte dort mit Auszeichnung abgeschlossen.
Stancil nickte einmal heftig und ging hinaus. »Das dachte ich mir«,
hauchte Bomanz und stellte sich dabei die Frage: Wie schwarz bist
du, mein Sohn?
Er stöberte umher, bis er alles dreimal überprüft hatte und endlich
begriff, daß die Vorsicht zu einer Entschuldigung geworden war,
sich nicht unter seine Gäste zu mischen. »Du bist wirklich ein
Prachtkerl«, murmelte er zu sich selbst. Ein letzter Blick. Die
ausgebreitete Karte. Kerzen. Eine Schüssel mit Quecksilber. Ein
Silberdolch. Kräuter. Weihrauchtöpfchen… Immer noch hatte er dieses
ungute Gefühl. »Was zum Donner habe ich übersehen?«
Das Wurfspiel war praktisch eine Art Schach mit vier Spielern. Das
Brett war viermal so groß wie die Standardversion. An jeder
Brettseite saß ein Spieler. Ein Würfelrollen vor jedem Zug fügte
dem Ganzen ein zufälliges Element hinzu. Wenn der Spieler eine
Sechs warf, konnte er seine Figuren mit sechs Zügen beliebig
verschieben. Im Wesentlichen galten die Schachregeln, mit der
Ausnahme, daß ein Springerzug abgelehnt werden konnte. Sobald
Bomanz auftauchte, wandte sich Snoopy flehend an ihn: »Sie sind
alle gegen mich!« Sie saß Jasmine gegenüber, Glory und Tokar saßen
rechts und links von ihr. Bomanz sah ein paar Züge lang zu. Tokar
und ihre ältere Schwester spielten nach Absprache. Die übliche
Eliminierungstaktik.
Aus einem Impuls heraus lenkte Bomanz den Fall des Würfels, als
Snoopy an der Reihe war. Sie warf eine Sechs, quiekte und ließ ihre
Figuren zum Angriff übergehen. Bomanz fragte sich, ob er jemals
soviel jugendliche Begeisterung und Optimismus besessen hatte. Er
musterte das Mädchen. Wie alt? Vierzehn? Er ließ Tokar eine Eins
werfen, gewährte Jasmine und Glory das, was das Schicksal ihnen
zugestand, dann gab er Snoopy eine weitere Sechs und Tokar noch
eine Eins. Nach der dritten Runde murrte Tokar: »Das wird
allmählich lachhaft.« Die Lage hatte sich geändert. Glory stand
kurz davor, ihn im Stich zu lassen und sich mit ihrer Schwester
gegen Jasmine zu verbünden.
Jasmine blickte mißtrauisch zu Bomanz auf, als Snoopy eine weitere
Sechs warf. Er zwinkerte ihr zu und ließ Tokar ungehindert würfeln.
Eine Zwei. Tokar knurrte: »Hurra, es
geht wieder aufwärts.«
Bomanz ging in die Küche und goß sich einen Humpen Bier ein. Als er
wiederkam, stellte er fest, daß Snoopy sich schon wieder am Rand
der Katastrophe befand. Sie spielte derart kopflos, daß sie Vieren
oder Besseres werfen mußte, nur um am Leben zu bleiben.
Andererseits spielte Tokar langweilig und konservativ, rückte in
Reihen vor und versuchte die Königsreihen seiner Nebenspieler zu
besetzen. Ein Mann, der ihm eigentlich recht ähnlich war, sinnierte
Bomanz. Zuerst spielt er so, daß er sicherstellt, nicht zu
verlieren; dann erst macht er sich Gedanken über den Gewinn. Er
sah, wie Tokar eine Sechs würfelte und eine Figur auf einen
extravaganten Weg führte, auf dem er drei Figuren seiner nominellen
Verbündeten Glory schlug. Auch mit einer verräterischen Neigung,
dachte Bomanz. Das sollte man sich merken. Er fragte Stancil: »Wo
ist Clete?«
Tokar sagte: »Er hat gesagt, daß er bei den Fahrern schläft. Er
dachte, daß wir euch hier zu sehr das Haus vollstopfen.«
»Ich verstehe.«
Jasmine gewann dieses Spiel, und Tokar entschied das folgende für
sich; danach sagte er: »Das war’s für mich.
Übernimm du doch für mich, Bo. Wir sehen uns dann morgen früh.«
Glory sagte: »Ich bin auch müde. Können wir noch ein bißchen
Spazierengehen, Stance?« Stancil warf einen kurzen Blick auf seinen
Vater. Bomanz nickte. »Lauft nicht zu weit weg. Die Gardisten haben
furchtbar schlechte Laune.« »Das werden wir schon nicht«, sagte
Stance. Sein Vater lächelte über seinen raschen Abgang. Vor langer
Zeit war es für ihn und Jasmine genauso gewesen. »Ein hübsches
Mädchen«, stellte Jasmine fest. »Stance hat Glück gehabt mit ihr.«
»Danke«, sagte Tokar. »Wir glauben, daß sie ebenfalls Glück gehabt
hat.« Snoopy zog eine Flunsch. Bomanz gestattete sich ein
säuerliches Lächeln. Da hatte wohl jemand ein Auge auf Stancil
geworfen. »Ein Spiel zu dritt?« schlug er vor. »Wir spielen
abwechselnd das Phantom, bis jemand ausscheidet?« Er überließ die
Würfe der Spieler dem Zufall, gab dem Phantom aber immer Fünfen und
Sechsen. Snoopy schied aus und übernahm das Phantom. Jasmine schien
sich zu amüsieren. Snoopy quietschte vergnügt, als sie gewann.
»Glory, ich hab gewonnen!« krähte sie begeistert, als ihre
Schwester und Stancil zurückkamen. »Ich habe sie geschlagen.«
Stance sah auf das Brett, dann auf seinen Vater. »Papa…« »Ich hab
um mein Leben gekämpft. Sie hatte das ganze Glück auf ihrer Seite.«
Stancil lächelte ungläubig.
Glory sagte: »Das reicht jetzt, Snoopy.
Schlafenszeit. Das hier ist nicht die Stadt. Hier gehen
die Menschen früh zu Bett.«
»Ooch…« Das Mädchen maulte, zog dann jedoch ab. Bomanz seufzte
tief. Sich mit anderen Menschen abzugeben war anstrengend.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er an die Arbeit dachte,
die ihnen in dieser Nacht noch bevorstand.
Zum dritten Mal las Stancil seine
schriftlichen Anweisungen. »Hast du es verstanden?« fragte
Bomanz.
»Ich glaube schon.«
»Es geht nicht um die zeitliche Abstimmung - solange du eher später
dran bist als zu früh. Wenn wir einen verflixten Dämon beschwören
würden, müßtest du deine Sätze eine Woche lang lernen.«
»Was für Sätze?« Stancil hatte nichts anderes zu tun als sich um
die Kerzen zu kümmern und die Augen offenzuhalten. Er sollte
einspringen, falls sein Vater in Schwierigkeiten kam. Bomanz hatte
die letzten zwei Stunden damit verbracht, entlang des Pfades, dem
er folgen wollte, Zauberbanne aufzuheben. Mondhunds Name war ein
Göttergeschenk gewesen. »Ist er offen?« fragte Stancil.
»Weit offen. Er zieht mich fast hinein. Im Laufe der Woche lasse
ich dich auch dorthin gehen.«
Bomanz holte tief Luft und atmete lange aus. Er durchmaß den Raum
mit den Blicken. Immer noch hatte er das unbehagliche Gefühl, daß
er etwas vergessen hatte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was
das sein konnte. »Also gut.« Er ließ sich auf seinem Sessel nieder
und schloß die Augen. »Dumni«, murmelte er. »Um muji dumni. Haikon.
Dumni. Um muji dumni.« Stancil warf Kräuter in eine kleine
Kohlenpfanne. Stechender Rauch erfüllte den Raum. Bomanz entspannte
sich, ließ sich von Lethargie überschwemmen. Er löste sich rasch,
schwebte hinauf, verharrte kurz unter den Balken, sah auf Stancil
hinunter. Der Junge zeigte gute Anlagen.
Bo überprüfte die Verbindungen zu seinem Körper. Gut.
Ausgezeichnet! Er konnte sowohl mit seinen geistigen als auch mit
seinen physischen Ohren hören. Als er nach unten schwebte,
überprüfte er die Dualität erneut. Jedes Geräusch von Stance war
deutlich vernehmbar. Im Laden hielt er inne und starrte Glory und
Snoopy an. Er beneidete sie um ihre Jugend und ihre Unschuld.
Draußen erfüllte das Leuchten des Kometen die Nacht. Bomanz spürte,
wie seine Kraft auf die Erde prasselte. Um wieviel
aufsehenerregender würde sie noch werden, wenn die Welt in
den Schweif eintrat?
Plötzlich war sie da und winkte ihm drängend. Er überprüfte erneut
seine Verbindungen zu seinem Körper. Ja. Immer noch in Trance. Kein
Traum. Er fühlte sich etwas unbehaglich. Sie führte ihn zum
Gräberland, wobei sie dem Pfad folgte, den er geöffnet hatte. Unter
der gewaltigen Macht, die dort begraben lag, taumelte er und
schreckte vor der Kraft zurück, die von den Menhiren und Fetischen
ausging. Aus seiner Geisterperspektive gesehen, hatten sie die
Gestalt von grausamen scheußlichen Ungeheuern, die mit kurzen
Ketten gefesselt waren. Geister durchstreiften das Gräberland. An
Bomanz’ Seite heulten sie auf und versuchten seine Zauberbanne zu
durchbrechen. Die Kraft des Kometen und die Macht der Schutzzauber
verbanden sich zu einem Donner, der Bomanz’ innerstes Wesen
durchdrang. Wie mächtig waren doch die Altvorderen gewesen, dachte
er, daß all dies nach so langer Zeit noch Bestand hatte.
Sie näherten sich den toten Streitern, die auf Bomanz’ Karte mit
Bauernsymbolen gekennzeichnet waren. Er meinte, hinter sich
Schritte zu hören… Er sah sich um, entdeckte nichts und begriff,
daß er Stancil im Haus hörte. Der Geist eines Reiterkämpfers
stellte sich ihm in den Weg. Sein Haß war zeitlos und gnadenlos wie
die hämmernde Brandung an einer kalten harten Küste. Er ging um ihn
herum. Große grüne Augen versenkten sich in seinen Blick. Alte,
weise, gnadenlose Augen, arrogant, spöttisch und verächtlich. Der
Drache grinste und entblößte die Zähne. Das ist es, dachte Bomanz.
Was ich übersehen habe… Aber nein. Der Drache konnte ihm nichts
anhaben. Er spürte seine Gereiztheit, seine Gewißheit, daß er
leibhaftig einen leckeren Happen abgeben würde. Er eilte der Frau
hinterdrein. Kein Zweifel. Es war die Lady. Auch sie hatte versucht
ihn zu erreichen. Er sollte besser Vorsicht walten lassen. Sie
wollte mehr als sich nur bedanken. Sie betraten die Gruft. Sie war
gewaltig, geräumig, mit all jenen Dingen angefüllt, die dem
Dominator zu seinen Lebzeiten gehört hatten. Und dieses Leben war
offensichtlich nicht von Anspruchslosigkeit geprägt gewesen.
Er folgte der Frau um einen Möbelstapel herum - und sie war
verschwunden. »Wo…?« Dann sah er sie. Seite an Seite, jeder auf
einer eigenen Steinplatte. Von knisternden summenden Energien
umgeben. Keiner der beiden atmete, aber auch das Grau des Todes war
bei beiden nicht zu sehen. Sie wirkten erstarrt, warteten. Die Sage
übertrieb nur geringfügig. Selbst in diesem Zustand war die
Ausstrahlung der Lady gewaltig. »Bo, du hast einen erwachsenen
Sohn.« Ein Teil von ihm wollte sich auf die Hinterbeine stellen und
den Mond anheulen. Wieder hörte er Schritte. Verflixter Stancil.
Konnte er nicht ruhig stehen bleiben? Er machte ja Krach genug für
drei.
Die Augen der Frau öffneten sich. Ihre Lippen verzogen sich zu
einem strahlenden Lächeln. Bomanz vergaß Stancil.
Willkommen,
sagte eine Stimme in seinem Geist. Wir haben
lange gewartet, nicht wahr?
Er brachte kein Wort heraus. Er konnte nur nicken. Ich habe dich beobachtet. Ja, ich sehe alles in dieser
verlassenen Wüstenei. Ich habe
versucht, dir behilflich zu sein. Die
Barrieren waren zu zahlreich und zu gewaltig. Diese
verfluchte Weiße Rose. Sie war nicht
dumm.
Bomanz warf einen Blick auf den Dominator. Der gewaltige
Kriegerfürst schlief immer noch. Bomanz beneidete ihn um seine
körperliche Vollkommenheit. Er schläft einen
tieferen Schlaf.
Hörte er Spott in dieser Stimme? Ihrem Gesicht konnte er nichts
entnehmen. Ihr Glanz war zu stark für ihn. Er hegte den Verdacht,
daß dies auf viele Männer zugetroffen hatte, und daß es auch
stimmte, daß sie die treibende Kraft hinter der Unterdrückung
gewesen war. Das war ich. Und beim nächsten
Mal…
»Beim nächsten Mal?«
Heiterkeit umhüllte ihn wie das Klingen der Windglocken in einer
sanften Brise. Du bist hierhergekommen, um zu lernen, o Zauberer. Wie willst du
deine Lehrerin entlohnen?
Dies war der Augenblick, für den er gelebt hatte. Sein Triumph lag
greifbar vor ihm. Nur noch ein Teil blieb zu tun…
Du warst raffiniert. Du warst so vorsichtig,
hast dir so viel Zeit genommen, daß selbst der
Wachwart dich nicht mehr beachtete. Meinen
Beifall, Zauberer.
Der schwere Teil. Diese Kreatur an seinen Willen zu fesseln.
Gelächter wie von Windglöckchen. Du willst
nicht verhandeln? Du willst Zwang ausüben? »Wenn ich das
muß.«
Du willst mir gar nichts geben?
»Ich kann dir nicht geben, was du haben willst.« Erneut Heiterkeit.
Heiterkeit in Silberglöckchen. Du kannst mich
nicht zwingen. Bomanz zuckte imaginäre Achseln. Darin irrte
sie. Er hatte ein Druckmittel. Als junger Mann war er darüber
gestolpert, hatte seine Bedeutung sofort erkannt und seine Schritte
auf den langen Pfad gelenkt, der zu diesem Augenblick geführt
hatte. Er hatte ein Zeichen gefunden. Er hatte es entschlüsselt,
und es hatte ihm den Familiennamen der Lady enthüllt, einen Namen,
der in den Geschichtsschreibungen aus der Zeit vor der
Unterdrückung durchaus häufig gewesen war. Die Umstände deuteten
darauf hin, daß eine von mehreren Töchtern aus dieser Familie mit
der Lady identisch war. Ein wenig historische Ermittlungsarbeit
hatte das bestätigt. Und somit hatte er ein Geheimnis
entschlüsselt, das Tausende seit Jahrhunderten vor ein Rätsel
gestellt hatte.
Daß er ihren wahren Namen kannte,
verlieh ihm die Macht, die Lady zu zwingen. In der
Welt des Zauberei ist der wahre Name identisch mit dem Ding an
sich…
Ich hätte loskreischen mögen. Offenbar
hatte mein Korrespondent seine Botschaft vor genau jener Enthüllung
beendet, nach der ich während all dieser Jahre gesucht hatte.
Verdammt sollte sein schwarzes Herz sein.
Diesmal war eine Nachschrift angefügt, die ein wenig über die
Erzählung hinausging. Der Briefeschreiber hatte etwas darunter
geschrieben, das wie die Kritzeleien von Hühnerfüßen aussah. Ich
hegte keinen Zweifel daran, daß sie etwas zu bedeuten hatten. Aber
ich vermochte ihnen nichts zu entnehmen.
Wie immer fehlten sowohl Unterschrift als auch Siegel.