ERSTES KAPITEL
Die Schreckenssteppe

Die unbewegte Wüstenluft wirkte wie eine Linse. Die Reiter machten den Eindruck, als seien sie in der Zeit erstarrt, daß sie sich bewegten und doch nicht näher kamen. Wir versuchten abwechselnd sie zu zählen. Ich kam keine zwei Mal nacheinander auf die gleiche Zahl. Ein Lufthauch winselte durch die Korallen und berührte die Blätter von Altvater Baum. Wie das Lied von Windglocken klimperten sie aneinander. Im Norden säumte das Aufblitzen von Wechselblitzen den Horizont wie fernes Schlachtgewitter streitender Götter. Sand knirschte unter einem Fuß. Ich wandte mich um. Schweiger gaffte einen sprechenden Menhir an. Er war während der letzten Sekunden aufgetaucht und hatte ihn erschreckt. Hinterlistige Felsen. Spielen gerne ihre Spielchen. »Fremde sind auf der Steppe«, sagte der Stein. Ich zuckte zusammen. Er lachte boshaft. Gemeineres Lachen als das der Menhire findet man nur noch in Märchen. Knurrend duckte ich mich in seinen Schatten. »Hier ist es schon ziemlich heiß.« Und: »Das sind sicher Einauge und Goblin aus Tanner.« Er hatte recht, und ich irrte mich. Ich war zu engstirnig. Die Streife war einen Monat länger unterwegs gewesen als ursprünglich geplant. Wir machten uns Sorgen. In letzter Zeit hatten die Truppen der Lady entlang der Grenzen der Schreckenssteppe verstärkte Aktivitäten an den Tag gelegt.
Der Felsblock lachte wieder.
Viereinhalb Meter hoch ragte er über mir auf. Damit war er mittelgroß. Die, die über fünf Meter hoch sind, regen sich nur selten. Die Reiter waren näher gekommen, schienen jedoch nicht näher zu sein. Schreibt das den Nerven zu. Für die Schwarze Schar herrschen schlechte Zeiten. Verluste können wir uns nicht leisten. Jeder verlorene Mann wäre ein langjähriger Freund - gewesen. Ich zählte noch einmal nach. Diesmal schien die Anzahl zu stimmen. Aber ein reiterloses Pferd war dabei. Trotz der Hitze erschauerte ich.
Die Reiter ritten einen Pfad zu einem Bach hinab, der dreihundert Meter von unserem Beobachtungsposten entfernt war. Neben der Furt regten sich die Wanderbäume, obwohl die Brise nicht mehr wehte.
Die Reiter trieben ihre Pferde zur Eile an. Die Tiere waren müde. Sie waren auch störrisch, obwohl sie wußten, daß sie schon beinahe zu Hause waren. In den Bach hinein. Wasser spritzte auf. Ich grinste und schlug Schweiger auf den Rücken. Alle waren da. Alle, und noch einer.
Schweiger legte seine übliche kalte Maske ab und erwiderte mein Lächeln. Elmo schob sich aus den Korallen hervor und ging hinunter, um unsere Brüder willkommen zu heißen. Otto, Schweiger und ich liefen hinterher.

Hinter uns stand die Morgensonne am Himmel wie eine brodelnde Kugel aus Blut.
Grinsend sprangen die Männer von den Pferden. Aber sie sahen schlimm aus. Goblin und Einauge ganz besonders. Allerdings waren sie auch in eine Gegend zurückgekehrt, wo ihre Zauberkräfte nutzlos waren.
Ich warf einen Blick zurück. Darling war im Tunneleingang erschienen und stand nun wie ein weißgekleidetes Phantom in seinem Schatten. Männer umarmten sich; dann gewann die Gewohnheit wieder die Oberhand. Alle taten so, als ob es ein Tag wie alle anderen sei. »Schwierigkeiten gehabt?« fragte ich Einauge. Ich musterte den Mann in ihrer Begleitung. Ich kannte ihn nicht. »Ja.« Der vertrocknete kleine Mann war schwerer angeschlagen, als ich auf den ersten Blick gedacht hatte.
»Mit dir alles in Ordnung?«
»Hab einen Pfeil abbekommen.« Er rieb sich die Seite. »‘ne Fleischwunde.«
Hinter Einauge krähte Goblin: »Sie hätten uns fast erwischt. Waren einen Monat lang hinter uns her. Wir konnten sie nicht abschütteln.« »Wir beide gehen jetzt ins Loch«, sagte ich zu Einauge. »Ist nicht infiziert. Ich habe sie saubergemacht.« »Ich will sie mir trotzdem ansehen.« Seit ich als Feldscher zur Schar gekommen bin, ist er mein Assistent gewesen. Sein Urteil ist genau und zutreffend. Aber letztlich ist die Gesundheit der Männer meine Verantwortung. »Die haben auf uns gewartet, Croaker.« Darling war aus dem Tunneleingang wieder in die Tiefen unserer unterirdischen Feste verschwunden. Im Osten blieb die Sonne blutrot, das deutliche Zeichen eines vorbeiziehenden Wechselsturmes. Etwas Großes trieb vor ihr vorbei. Ein Windwal?
»Ein Hinterhalt?« Ich blickte wieder die Streife an. »Nicht unbedingt für uns. Für irgendwelchen Ärger. Sie waren auf Zack.« Die Streife hatte einen Doppelauftrag erhalten. Erstens sollte sie Verbindung mit unseren Freunden in Tanner aufnehmen, um herauszufinden, ob die Leute der Lady nach einer langen Pause allmählich wieder munter wurden, und zweitens sollte sie die dortige Garnison überfallen, um zu beweisen, daß wir einem Reich schaden konnten, das die halbe Welt umspannte. Als wir an dem Menhir vorbeigingen, sagte er: »Fremde sind auf der Steppe, Croaker.« Warum muß das eigentlich immer mir passieren? Die großen Steine reden mit mir mehr als mit jedem anderen.
War die zweimalige Wiederholung bedeutsam? Ich spitzte die Ohren. Wenn ein Menhir seine Botschaft wiederholte, bedeutete das für gewöhnlich, daß er sie als lebenswichtig ansah.

»Die Männer, die auf euch Jagd machen?« fragte ich Einauge.
Er zuckte die Achseln. »Sie wollten einfach nicht aufgeben.« »Was tut sich dort draußen?« Hier im Versteck auf der Steppe könnte ich genausogut lebendig begraben sein.
Einauges Gesicht behielt seine ausdruckslose Miene bei. »Das wird Corder uns erzählen.« »Corder? Ist das der Mann, den ihr mitgebracht habt?« »Jawohl.«
»Sind keine guten Nachrichten, oder?«
»Nein.«
Wir stiegen in den Tunnel, der zu unserem Bau führt, unserer stinkenden, schimmeligen, feuchten, engen, kleinen Kaninchenbaufestung. Sie kann einen ankotzen, aber sie ist das Herz und die Seele der Rebellion der Neuen Weißen Rose. Die Neue Hoffnung, wie man sie raunend in den geknechteten Ländern nennt. Für uns, die wir hier leben, ist sie der Hoffnungswitz. Sie ist genauso schlimm wie ein rattenverseuchtes Verlies - obwohl man schon gehen kann, wenn man will. Allerdings nur, wenn es einem nichts ausmacht, in eine Welt hinauszutreten, in der die Macht eines ganzen Reiches hinter einem her ist.