FÜNFZIGSTES KAPITEL
Ehenamen?
Darling hat eine Disziplin, die mich in
Erstaunen versetzt. Sie war die ganze Zeit im Blauen Schniedel, und
nicht einmal gab sie ihrem Verlangen nach, Raven zu besuchen.
Jedesmal wenn sein Name fiel, konnte man das Leid in ihr sehen,
aber sie hielt es einen ganzen Monat lang durch.
Doch mit Erlaubnis der Lady kam sie schließlich
unvermeidlicherweise doch. Ich versuchte ihren Besuch gar nicht zur
Kenntnis zu nehmen. Und ich brachte Schweiger, Goblin und Einauge
dazu, sich ebenfalls fernzuhalten, obwohl es bei Schweiger hart auf
hart ging. Schließlich machte er doch mit; das war ihre
Privatsache, und es war nicht in seinem Interesse, seine Nase da
hineinzustecken. Da ich nicht zu ihr kam, suchte sie mich
schließlich auf. Für kurze Zeit, derweil alle anderen woanders zu
tun hatten. Für eine Umarmung, um sie daran zu erinnern, daß einige
von uns mit ihr fühlten. Um sich moralische Unterstützung zu holen,
während sie über etwas nachdachte.
Sie gestikulierte: »Jetzt kann ich es nicht mehr leugnen, oder?«
Und einige Minuten später: »Ich habe immer noch diesen Platz in
meinem Herzen für ihn. Aber er wird ihn sich wieder verdienen
müssen.« Das entsprach bei ihr etwa unserem Lautdenken. Im
Augenblick tat mir Schweiger mehr leid als Raven. Ich hatte Raven immer wegen seiner Härte und seiner
Furchtlosigkeit respektiert, aber ich hatte ihn eigentlich nie
besonders gemocht. Schweiger mochte ich, und ich wünschte ihm nur
das Beste. Ich signalisierte: »Laß es dir nicht das Herz brechen,
wenn du feststellst, daß er zu alt ist, um sich noch zu
ändern.«
Ein schwaches Lächeln. »Mein Herz ist schon vor langer Zeit
gebrochen. Nein. Ich erwarte nichts. Dies ist keine Welt, in der
Märchen wahr werden.« Sonst hatte sie nichts mehr zu sagen. Ich
nahm es eher auf die leichte Schulter, bis spätere Ereignisse
dadurch in einem anderen Licht erschienen. Sie kam und sie ging.
Sie trauerte um die gestorbenen Träume, und sie kam nicht wieder.
Während der kurzen Augenblicke, in denen der Hinker durch die
Umstände abberufen wurde, kopierten wir alles, was er aufgezeichnet
hatte und verglichen es mit unseren Tabellen. »O Mann«, hauchte ich
einmal. »O Mann.« Da war ein Lord aus einem Reich im Westen. Ein
Baron Senjak, der vier Töchter hatte, die einander angeblich an
Schönheit übertrafen. Eine davon hieß Ardath. »Sie hat gelogen«,
flüsterte Goblin.
»Vielleicht«, räumte ich ein. »Wahrscheinlich wußte sie es einfach
nicht. Eigentlich konnte
sie es nicht wissen. Eigentlich auch
niemand sonst. Ich begreife immer noch nicht, wie
Seelenfänger zu der Überzeugung gelangen konnte, daß der wahre Name
des Dominators hier drin verborgen wäre.«
»Vielleicht Wunschdenken«, vermutete Einauge. »Nein«, sagte ich.
»Man konnte sehen, daß sie wußte, was sie hatte. Sie wußte nur
nicht, wie sie es herauskriegen sollte.«
»Genau wie wir.«
»Ardath ist tot«, sagte ich. »Es bleiben also noch drei
Möglichkeiten. Aber wenn es wirklich hart auf hart geht, haben wir
nur einen Versuch.« »Sag doch noch mal, was wir sonst noch wissen.«
»Seelenfänger war eine der Schwestern. Ihren Namen kennen wir noch
nicht. Ardath ist vielleicht die Zwillingsschwester der Lady
gewesen. Ich glaube, daß sie älter war als Fänger, obwohl sie eine
gemeinsame Kindheit hatten und altersmäßig auch nicht weit
auseinander waren. Von der vierten Schwester wissen wir gar
nichts.« Schweiger gestikulierte. »Ihr habt vier Namen, die
Vornamen und den Namen der Familie. Nehmt euch die Genealogien vor.
Findet heraus, wer wen geheiratet hat.« Ich stöhnte auf. Die
Genealogien befanden sich im Blauen Schniedel. Darling hatte sie
mit all dem anderen Kram auf den Frachtwal laden lassen. Die Zeit
war knapp. Der Aufwand ragte wie ein Berg vor mir in die Höhe. Man
geht nicht einfach mit einem Frauennamen an diese Genealogien heran
und findet dann mal eben alles, was man braucht. Man muß nach dem
Mann suchen, der die gesuchte Frau geheiratet hat, und dann noch
darauf hoffen, daß der Archivar sie für wichtig genug hielt, um
ihren Namen zu verzeichnen.
»Wie sollen wir das bloß schaffen?« fragte ich. »Wenn ich der
einzige bin, der diese Hühnerkrakel lesen kann?« Und dann kam mir
ein genialer Einfall. Wenn ich das mal in aller Bescheidenheit so
sagen darf. »Tracker. Wir setzen Tracker darauf an. Er hat doch
nichts zu tun als auf diesen Schößling aufzupassen. Das kann er
auch im Blauen Schniedel machen und dabei alte Bücher lesen.«
Leichter gesagt als getan. Tracker war weit weg von seinem neuen
Herrn. Ihm diesen Gedanken in sein Erbsenhirn einzupflanzen war
eine gewaltige Aufgabe. Aber sobald das erst einmal vollbracht war,
gab es für ihn kein Halten mehr. Als ich mich eines Nachts in meine
Decken kuschelte, erschien sie in
meinem Quartier. »Aufstehen, Croaker.«
»Ha?«
»Wir machen einen Ausflug. Per Teppich.« »Hä? Ich will ja nicht
unhöflich sein, aber es ist mitten in der Nacht. Ich hatte einen
schweren Tag.«
»Hoch mit dir.«
Wenn die Lady befiehlt, hält man den Mund.