VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
In der weiten
Welt
Niemand sagt mir etwas. Aber soll ich
mich darüber beschweren? Geheimhaltung ist unser Panzer. Jeder
erfährt nur das Nötigste. All dieser Mist. In unserer Truppe ist er
eine eiserne Überlebensregel.
Unsere Eskorte war nicht nur dazu da, um uns beim Ausbruch aus der
Schreckenssteppe zu helfen. Sie hatte ihren eigenen Auftrag. Man
hatte mir nicht gesagt, daß Wispers Hauptquartier angegriffen
werden sollte. Wisper erhielt keinerlei Warnung. Als der
Steppenrand näher kam, glitten unsere Windwalbegleiter langsam
tiefer. Ihre Rochen schlössen sich ihnen an. Sie fanden günstige
Winde und zogen vor. Wir stiegen höher, in die Kälte und die
Atemnot hinein. Die Rochen schlugen zuerst zu. Zu zweit und zu
dritt überflogen sie die Stadt und feuerten ihre Blitze auf Wispers
Unterkünfte ab. Wie Staub um stampfende Hufe flogen Steine und
Balken durch die Luft. Feuer brach aus. Die Ungeheuer der oberen
Luftschichten walzten heran, als Zivilisten und Soldaten auf die
Straßen strömten. Auch sie schössen Strahlen ab. Aber ihre Tentakel
waren das größere Grauen.
Die Windwale verschlangen Mensch und Tier gleichermaßen. Sie
fetzten Häuser und Festungsbauten auseinander. Sie rissen Bäume mit
den Wurzeln aus. Und mit ihren Strahlen droschen sie auf Wisper
ein.
Die Rochen stiegen derweil auf dreihundert Meter in die Höhe und
stießen in Paaren und zu dritt wieder herab, um Wisper zuzusetzen,
während sie den Beschuß erwiderte. Ihr Gegenfeuer ließ zwar eine
große Stelle auf der Flanke eines Windwales gräßlich aufleuchten,
lieferte aber auch den Rochen ein deutliches Ziel. Sie setzten ihr
ordentlich zu, allerdings holte sie einen von ihnen herunter. Wir
zogen über die Verheerung hinweg, und die Blitze und Brände
beleuchteten den Bauch unseres Ungeheuers. Falls uns irgendjemand
in diesem Höllenofen bemerkte, bezweifele ich, daß sie vermuteten,
wir würden weiterziehen. Goblin und Einauge spürten nichts außer
dem Überlebenswillen der Angegriffenen.
Auch als wir die Stadt aus den Augen verloren, ging es noch weiter.
Goblin sagte, daß Wisper in die Flucht geschlagen wurde und zu sehr
damit beschäftig war, ihre eigene Haut zu retten, als daß sie noch
ihren Männern helfen wollte. »Bin echt froh, daß sie uns nie mit
diesem Mist gekommen sind«, sagte ich. »Das klappt nur einmal«,
erwiderte Goblin. »Beim nächsten Mal werden sie vorbereitet
sein.«
»Ich hätte gedacht, daß sie wegen Rust jetzt schon vorbereitet
wären.«
»Vielleicht hat Wisper ein Problem mit
ihrer Eitelkeit.«
In dieser Hinsicht gab es kein Vielleicht. Ich hatte schon mit ihr
zu tun gehabt. Es war ihr Schwachpunkt. Sie hatte deshalb keine
Vorbereitungen getroffen, weil sie glaubte, daß wir sie zu sehr
fürchteten. Schließlich war sie die Genialste unter den
Unterworfenen. Unser mächtiges Reittier durchpflügte die Nacht,
sein Rücken streifte die Sterne, der Körper gurgelte, klopfte,
summte. Allmählich wurde ich wieder munter. Mit der Morgendämmerung
gingen wir in einen Canyon im Windland nieder, einer weiteren
großen Wüste. Im Unterschied zur Steppe ist sie jedoch ganz
gewöhnlich. Eine große Leere, in der ständig der Wind weht. Wir
aßen und schliefen. Als die Nacht hereinbrach, nahmen wir unsere
Reise wieder auf.
Südlich von Lords kamen wir aus der Wüste heraus, wandten uns nach
Norden über den Wolkenwald und vermieden dabei die Siedlungen.
Hinter dem Wolkenwald ging der Windwal allerdings nieder. Und wir
waren fortan auf uns allein gestellt. Ich wünschte mir, wir hätten
die gesamte Strecke auf dem Luftweg zurücklegen können. Aber dies
war die größte Entfernung, die Darling und die Windwale riskieren
wollten. Dahinter war das Land dicht besiedelt. Wir konnten nicht
darauf hoffen, zu landen und während des Tages unentdeckt zu
warten. Also mußten wir von hier aus auf die übliche Art und Weise
reisen.
Die Freistadt Rosen lag etwa fünfzehn Meilen entfernt. Rosen, eine
republikanische Plutokratie, ist während ihrer gesamten Geschichte
frei gewesen. Selbst die Lady hatte es nicht für nötig gehalten mit
dieser Tradition zu brechen. Während der Nordfeldzüge hatte eine
große Schlacht in der Nähe stattgefunden, aber das Schlachtfeld war
von den Rebellen ausgesucht worden, nicht von uns. Wir unterlagen.
Für einige Monate verlor Rosen seine Unabhängigkeit. Dann beendete
der Sieg der Lady bei Charm die Rebellenherrschaft. Alles in allem
ist Rosen, obgleich neutral, der Lady freundlich gesonnen.
Schlaues Biest.
Wir latschten also los. Unsere Reise nahm den ganzen Tag in
Anspruch. Weder ich noch Goblin oder Einauge waren gut in Form.
Zuviel Faulenzerei. Zuviel an Jahren. »Besonders schlau ist das
nicht«, sagte ich, als wir uns gegen Abend einem Tor in Rosens
blaßroten Mauern näherten. »Wir alle sind schon einmal hier
gewesen. An euch beide sollte man sich eigentlich recht gut
erinnern, nachdem ihr die halbe Bürgerschaft ausgeraubt habt.«
»Ausgeraubt?« begehrte Einauge auf. »Wer hat…?« »Ihr beiden
Komiker. Ihr habt diese gottverdammten Amulette mit
Funktionsgarantie verscheuert, als wir Raker gejagt haben.« Raker
war ein General der Rebellen gewesen. Er hatte dem Hinker weiter im
Norden das Fell über die Ohren gezogen, dann hatte die Schar ihn
mit etwas Hilfe von Seelenfänger in Rosen in eine Falle gelockt.
Goblin und Einauge hatten die Bevölkerung ausgenommen. Auf diesem
Gebiet war Einauge ein alter Hase. Als wir uns noch im Süden
aufhielten, auf der anderen Seite des Meeres, war er in jedes
krumme Geschäft verwickelt gewesen, in das er
seine Finger hatte stecken können. Den
größten Teil seines unrechtmäßigen Profits verlor er
schon bald darauf beim Kartenspiel. Er ist der schlechteste Zocker
der Welt. Man sollte ja glauben, daß er mit hundertfünfzig Jahren
gelernt haben müßte, die Karten mitzuzählen.
Laut Plan sollten wir uns in einer finsteren Spelunke einnisten, in
der keine Fragen gestellt wurden. Tracker und ich würden am
nächsten Tag losziehen und einen Wagen mit Gespann kaufen. Dann
würden wir auf demselben Weg zurückfahren, den wir gekommen waren,
jene Sachen zusammensammeln, die wir nicht hatten tragen können und
die Stadt in Richtung Norden umfahren.
So jedenfalls lautete der Plan. Goblin und Einauge hielten sich
nicht daran. Soldatenregel Nummer Eins: Halte dich an deinen
Auftrag. Der Auftrag ist das Allerwichtigste.
Für Goblin und Einauge sind alle Regeln dazu da, daß sie gebrochen
werden. Als Tracker und ich mit Köter Krötenkiller im Schlepptau
zurückkamen, war es schon spät am Nachmittag. Wir stellten den
Wagen ab. Tracker blieb bei ihm, während ich nach oben ging. Kein
Goblin. Kein Einauge.
Der Wirt sagte mir, daß sie kurz nach meinem Aufbruch losgezogen
wären; sie hätten etwas davon geplappert, daß sie ein paar Frauen
aufreißen wollten. Meine Schuld. Ich hatte das Kommando. Ich hätte
es vorhersehen müssen. Es war schon sehr, sehr, sehr lange her. Für
den Fall der Fälle bezahlte ich noch für zwei weitere Nächte. Dann
gab ich die Pferde und den Wagen beim Stalljungen ab, aß mit einem
schweigsamen Tracker zu Abend und zog mich mit etlichen Quarten
Bier in unsere Unterkunft zurück. Tracker, Köter Krötenkiller und
ich teilten es uns. »Willst du nach ihnen suchen?« fragte Tracker.
»Nein. Wenn sie in zwei Tagen nicht wieder hier sind oder uns haben
auffliegen lassen, dann reisen wir ohne sie weiter. Ich will nicht
in ihrer Nähe gesehen werden. Hier gibt es wahrscheinlich Leute,
die sich an sie erinnern werden.« Wir tranken uns einen angenehmen
Rausch an. Köter Krötenkiller schien durchaus in der Lage zu sein,
Menschen unter den Tisch zu trinken. Dieser Hund mochte Bier
wirklich gern. Er stand sogar auf und bewegte sich, wenn keine
Notwendigkeit bestand. Am nächsten Morgen: Kein Goblin. Kein
Einauge. Aber eine Menge Gerüchte. Wir begaben uns erst spät in den
Schankraum, nach der Morgenmenge und vor dem Mittagsansturm. Der
Schankwirt hatte sonst niemanden, dem er die Ohren vollschwatzen
konnte. »Habt ihr Jungs was von dem Krawall letzte Nacht im
Ostviertel gehört?« Noch bevor er genüßlich die Geschichte
ausbreitete, stöhnte ich auf. Ich wußte schon Bescheid.
»Jawoll. ‘n echter Volksaufstand. Feuer. Magie. Blutrünstige
Menschenmengen. So’n Rabatz ha’m wir in unserer alten Stadt nich’
mehr gesehn, seit se hinter dies’m General
Dingsda herwar’n, den die Lady erwischen
wollt’.«
Als er sich einem neuen Kunden aufdrängte, sagte ich zu Tracker:
»Wir sollten besser verschwinden.«
»Was ist mit Goblin und Einauge?«
»Die können auf sich selbst aufpassen. Wenn sie sich einem
blutrünstigen Mob ausliefern, ist das ihr Pech. Ich werde nicht
herumschnüffeln und mir auch einen langen Hals einhandeln. Wenn sie
entkommen sind, dann wissen sie über den Plan Bescheid. Sie können
uns ja einholen.«
»Ich dachte, die Schwarze Schar läßt ihre Toten nicht zurück.« »Das
tun wir auch nicht.« Das waren meine Worte, aber ich beharrte auch
auf meinem Entschluß, die Zauberer in ihrer eigenen Soße schmoren
zu lassen. Ich zweifelte nicht daran, daß sie überlebt hatten. Sie
waren schon tausendmal zuvor in Schwierigkeiten geraten. Ein
ausgedehnter Fußmarsch würde sich vielleicht wohltuend auf ihre
Einstellung zur Einsatzdisziplin auswirken.
Als ich aufgegessen hatte, gab ich dem Gastwirt Bescheid, daß
Tracker und ich abreisten, unsere Gefährten aber das Zimmer
behalten würden. Dann führte ich den protestierenden Tracker zum
Wagen, setzte ihn auf den Bock, und als der Junge das Gespann
angeschirrt hatte, fuhr ich zum Westtor.
Es war ein Umweg durch viel zu enge Straßen und über ein Dutzend
Brücken, die die Kanäle überspannten, aber er entfernte uns von der
Stätte der gestrigen Dummheit. Unterwegs erzählte ich Tracker, wie
wir Raker die Schlinge um den Hals gelegt hatten. Die Geschichte
gefiel ihm.
»Das war das Markenzeichen der Schwarzen Schar«, sagte ich
abschließend. »Den Feind dazu zu bringen, daß er etwas Dummes tut.
Wenn es ums Kämpfen ging, waren wir die Besten, aber wir haben erst
dann gekämpft, wenn nichts anderes mehr funktioniert hat.« »Aber
ihr wurdet doch für das Kämpfen bezahlt.« Für Tracker waren die
Dinge entweder schwarz oder weiß. Manchmal kam es mir so vor, als
ob er zuviel Zeit in den Wäldern verbracht hätte.
»Wir wurden dafür bezahlt, daß wir Ergebnisse erzielten. Wenn wir
den Auftrag ohne Kämpfe erledigen konnten, umso besser. Man muß den
Feind studieren. Erst findet man eine Schwäche, dann macht man sie
sich zunutze. Darling ist darin sehr gut. Allerdings ist es auch
leichter, als man annehmen sollte, die Unterworfenen zu piesacken.
Wegen ihrer Eitelkeit sind sie verwundbar.«
»Was ist mit der Lady?«
»Kann ich nicht sagen. Sie scheint keinen wunden Punkt zu haben.
Vielleicht einen Hauch von Selbstgefälligkeit, aber ich weiß nicht,
wie man sich den zunutze machen könnte. Vielleicht ist ihr Wille zu
herrschen ihr schwacher Punkt. Indem man sie dazu bringt, daß sie
sich übernimmt. Ich weiß nicht. Sie ist vorsichtig. Und schlau. Als
sie damals beispielsweise die Rebellen bei Charm in die Falle
gelockt hat, hat sie drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
Nicht nur, daß die Rebellen ausgelöscht wurden, sie hat
auch die ungetreuen Unterworfenen
entlarvt und den Versuch des Dominators vereitelt, mit
ihrer Hilfe zu entkommen.«
»Und was ist mit ihm?«
»Er stellt kein Problem dar. Wahrscheinlich ist er noch
verletzlicher als die Lady. Er scheint nicht nachzudenken. Er ist
wie ein Stier. So verdammt stark, daß er nichts anderes braucht.
Oh, sicher, etwas Hinterlist wie damals in Juniper, aber
größtenteils eher der Hau-Drauf Typ.« Tracker nickte nachdenklich.
»An dem, was du sagst, könnte etwas dran sein.«