FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Das Gräberland:
Vom Regen in die Traufe
Ich steckte Ravens Brief wieder in das
Wachstuch zurück, lehnte mich auf mein Lager aus Zweigen zurück und
ließ meinen Geist wandern. Wie Raven es erzählte, wirkte es so
dramatisch. Allerdings wunderte ich mich über seine Quellen.
Bomanz’ Frau? Jemand mußte das Ende der Geschichte festgehalten und
das verborgen haben, was später gefunden wurde. Was war überhaupt
aus seiner Frau geworden? In der Sage wurde sie nicht erwähnt. Der
Sohn übrigens auch nicht. Die volkstümlichen Geschichten erwähnen
nur Bomanz selbst. Allerdings war da noch etwas. Etwas, das ich
übersehen hatte. Ach. Ja. Ein Zusammentreffen mit meinen eigenen
Erlebnissen. Der Name, auf den Bomanz sich verlassen hatte. Jener
Name, der sich offenbar als nicht hinreichend machtvoll erwies. Ich
hatte ihn schon einmal gehört. Unter ähnlich verheerenden
Umständen. Als sich in Juniper der Wettstreit zwischen der Lady und
dem Dominator seinem Höhepunkt näherte, und sie sich in einer Burg
auf der einen Talseite aufhielt, während er aus einer zweiten Burg
auf der anderen Seite des Tals zu entkommen versuchte, entdeckten
wir, daß die Unterworfenen der Schwarzen Schar Übles antun wollten,
sobald die Krise vorbei wäre. Auf den Befehl des Hauptmannns hin
desertierten wir. Wir kaperten ein Schiff. Als wir davonsegelten
und Gatte und Ehefrau über der brennenden Stadt kämpften, erreichte
das Ringen seinen Gipfel. Die Lady erwies sich als die stärkere.
Die Stimme des Dominators ließ die Welt erzittern, als er seiner
Wut ein letztes Mal Luft machte. Er hatte sie bei jenem Namen
genannt, den Bomanz für machtvoll gehalten hatte. Offenbar war
selbst der Dominator nicht gegen Irrtümer gefeit. Eine Schwester
brachte die andere um und nahm vielleicht oder vielleicht auch
nicht ihre Stelle ein. Seelenfänger, unsere ehemalige Patronin und,
wie sich in der Schlacht um Charm herausstellte, Verschwörerin
gegen die Lady, war eine weitere Schwester. Also drei Schwestern.
Mindestens. Eine hieß Ardath, aber offenbar war es nicht jene, die
später zur Lady wurde.
Vielleicht lag hier der Anfang einer Spur. All die Listen daheim im
Loch. Und die Genealogien. Ich mußte eine Frau finden, die Ardath
hieß. Und dann herausfinden, wer ihre Schwestern waren.
»Es ist ein Anfang«, murmelte ich. »Nicht viel, aber ein Anfang.«
»Was?«
Ich hatte Case völlig vergessen. Er hatte es sich nicht zunutze
gemacht. Vermutlich hatte er zuviel Angst dafür.
»Nichts.« Draußen war es dunkel geworden. Der Nieselregen hielt
immer noch an. Drüben im Gräberland gingen geisterhafte Lichter um.
Ich erschauerte. Das kam mir irgendwie nicht richtig vor. Ich
fragte mich, wie Goblin und Einauge vorankamen. Ich wagte es nicht,
hinüberzugehen und nachzufragen. Tracker schnarchte leise in einer
Ecke. Köter Krötenkiller
hatte sich an seinen Bauch gelegt und
machte die Geräusche eines schlafenden Hundes, aber
ich erspähte das Glitzern eines offenen Auges, das mir sagte, daß
er durchaus auf dem Posten war.
Ich richtete etwas mehr Aufmerksamkeit auf Case. Er zitterte, und
das lag nicht allein an der Kälte. Er war sicher, daß wir ihn
umbringen würden. Ich streckte den Arm aus und legte ihm eine Hand
auf die Schulter. »Ist schon gut, mein Sohn. Wir tun dir nichts.
Wir schulden dir was dafür, daß du auf Raven aufgepaßt hast.« »Er
ist wirklich Raven? Der Raven, der
Vater der Weißen Rose?« Der Junge kannte sich in den Geschichten
aus. »Jawoll. Allerdings nur ihr Pflegevater.« »Dann hat er doch
nicht alles erlogen. Er war tatsächlich bei den Forsberger
Feldzügen dabei.«
Das fand ich lustig. Ich schmunzelte und sagte dann: »So wie ich
Raven kenne, hat er nicht viel erlogen. Er hat nur die Wahrheit
etwas umgestellt.« »Ihr wollt mich wirklich laufen lassen?« »Wenn
wir in Sicherheit sind.«
»Oh.« Er machte keinen sehr beruhigten Eindruck. »Sagen wir mal,
wenn wir am Rand der Schreckenssteppe angekommen sind. Da draußen
findest du bestimmt viele Freunde.«
Er wollte ein Art politische Diskussion anfangen, warum wir der
Lady unbedingt Widerstand leisten wollten. Da machte ich aber nicht
mit. Ich bin kein Prediger. Ich kann die Leute nicht bekehren. Ich
habe ja selbst schon genug Schwierigkeiten damit, mich selbst zu
verstehen und meine Beweggründe aufzuschlüsseln. Vielleicht konnte
Raven es ihm erklären, wenn Goblin und Einauge ihn erst einmal
zurückgebracht hatten. Die Nacht kam mir endlos vor, aber nach drei
Ewigkeiten, die etwa bis Mitternacht dauerten, hörte ich unsichere
Schritte. »Croaker?« »Hier drin«, sagte ich. Es war Goblin. Ohne
Licht konnte ich sein Gesicht nicht besonders gut erkennen, aber
ich hatte den Eindruck, daß seine Neuigkeiten nicht die besten
waren. »Schwierigkeiten?«
»Ja. Wir bekommen ihn nicht heraus.«
»Wovon redest du, zur Hölle? Was meinst du damit?« »Damit meine
ich, daß wir dafür nicht die Fähigkeiten haben. Wir haben nicht die
Begabung. Dafür braucht man jemanden von größerem Kaliber, als wir
es sind. Wir sind nichts Besonderes, Croaker. Bühnenzauberer. Mit
ein paar brauchbaren Taschenspielertricks. Vielleicht kann
Schweiger etwas ausrichten. Seine Magie unterscheidet sich von
unsriger.« »Vielleicht solltet ihr euch Verstärkung holen. Wo ist
Einauge?« »Er ruht sich aus. Für ihn war es hart. Was er da drin
gesehen hat, hat ihn ziemlich
mitgenommen.«
»Und was war das?«
»Das weiß ich nicht. Ich war nur seine Rettungsleine. Und ich mußte
ihn herausziehen, bevor er ebenfalls in die Falle geraten konnte.
Ich weiß bloß, daß wir Raven ohne Hilfe nicht freibekommen.«
»Scheiße«, sagte ich. »Doppeltverdammter Schwebeschafscheiß.
Goblin, das hier können wir nicht gewinnen, wenn Raven uns nicht
dabei hilft. Ich habe auch nicht das, was wir benötigen. Die Hälfte
dieser Papiere werde ich im Leben nicht übersetzen können.« »Nicht
einmal mit Trackers Hilfe?«
»Er kann TelleKurre lesen. Das kann ich auch, ich brauche bloß
länger. Raven muß die Dialekte kennen. Einiges von dem Zeug, das er
übersetzt hat, war darin geschrieben. Außerdem ist da noch die
Frage, was er hier überhaupt gemacht hat. Warum er wieder einmal
seinen Tod vorgetäuscht und sich abgesetzt hat. Ohne Darling.«
Vielleicht zog ich voreilige Schlußfolgerungen. Ich neige dazu.
Vielleicht gab ich auch dem menschlichen Drang nach, die Dinge zu
vereinfachen und dachte, wenn wir nur Raven zurückhätten, würden
unsere Schwierigkeiten schon von allein verschwinden. »Was machen
wir jetzt?« fragte ich mich laut.
Goblin stand auf. »Ich weiß es nicht, Croaker. Lassen wir erst
einmal Einauge wieder auf die Beine kommen und herausfinden, womit
wir es überhaupt zu tun haben. Danach können wir dann
weitersehen.«
»In Ordnung.«
Er schlüpfte hinaus. Ich legte mich hin und versuchte zu schlafen.
Immer wenn ich einschlief, bekam ich Alb träume von dem Ding, das
im Schlamm und Schleim dessen lag, was aus dem Gräberland geworden
war.