NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Zu Gast in
Charm
Ein Oberst der Hausstreitmacht der Lady
holte mich ab. Er war beinahe höflich. Schon damals waren ihre
Truppen bezüglich meiner Stellung unsicher gewesen. Die armen
Kleinen. In ihrer geordneten und hierarchischen Welt nahm ich keine
der bekannten Nischen ein. Der Oberst sagte: »Sie will dich sofort
sprechen.« Ein Dutzend Männer begleiteten ihn. Wie eine Ehrenwache
sahen sie nicht aus. Sie benahmen sich aber auch nicht wie
Henkersknechte. Was ohnehin keine Rolle spielte. Ich würde
mitkommen, und wenn sie mich tragen mußten. Ich verließ den Raum
und warf einen kurzen Blick über die Schulter. Raven hielt immer
noch aus.
Der Oberst führte mich zu einer Pforte in den inneren Turm, den
Turm im Turm, den nur wenige betreten, von denen nicht alle wieder
zurückkehren. »Los«, sagte er. »Ich habe gehört, daß du das schon
einmal gemacht hast. Du weißt also, wie es läuft.« Ich trat durch
die Pforte. Als ich zurückblickte, sah ich nur eine steinerne Wand.
Einen Augenblick lang fühlte ich mich desorientiert. Das ging
vorbei, und dann befand ich mich an einem anderen Ort. Und sie war
ebenfalls da und stand vor etwas, das wie ein Fenster aussah,
obgleich ihr Teil des Turmes vollkommen vom äußeren Turm
eingeschlossen ist. »Komm zu mir.«
Ich ging zu ihr. Sie zeigte auf das Nichtfenster und ich sah auf
eine brennende Stadt. Über ihr glitten Unterworfene durch die Luft
und schleuderten magische Energien, die noch im Flug verpufften.
Ihr Ziel war eine Windwalstaffel, die die Stadt in Schutt und Asche
legte. Darling ritt auf einem der Wale. Sie blieben in ihrem
Nullfeld, wo sie unverwundbar waren. »Das sind sie eben nicht«,
sagte die Lady, als sie meine Gedanken las. »Weltliche Waffen
können sie erreichen. Und deine Banditengöre auch. Aber das ist
nicht mehr wichtig. Ich habe beschlossen, die Operationen
einzustellen.« Ich lachte auf. »Dann haben wir gewonnen.« Ich
glaube wirklich, daß ich zum ersten Mal sah, daß sie tatsächlich
ärgerlich auf mich war. Sie zu verspotten war ein Fehler. Er mochte
sie dazu veranlassen, eine strategische Entscheidung aus
emotionalen Gründen umzuwerfen. »Ihr habt gar nichts gewonnen. Wenn
das der Eindruck ist, den ihr aus einer Verlagerung der
Konzentrationen gewinnt, dann werde ich nicht aufhören. Sondern
statt dessen den Feldzug erneut ausrichten.«
Verdammt, Croaker. Lern doch endlich einmal, bei Leuten dieser Art
dein verflixtes Großmaul geschlossen zu halten. Du plapperst dich
noch direkt in den Fleischwolf.
Als sie ihre Selbstbeherrschung
wiedergewonnen hatte, sah sie mich an. Die Lady. Aus
weniger als einem Meter Entfernung. »In deinen Schriften kannst du
dich gern sarkastisch geben. Aber wenn du dich zu Wort meldest,
dann sei bereit, dafür auch einen Preis zu zahlen.«
»Ich verstehe.«
»Das habe ich auch erwartet.« Sie wandte sich wieder dem Bild zu.
Über der fernen Stadt - ich glaube, es war Frost - stürzte ein
brennender Windwal ab, nachdem ihn ein Bolzenhagel aus gewaltigeren
Geschützen getroffen hatte, als ich sie je gesehen hatte. Dieses
Fallenspiel konnten auch zwei spielen. »Wie bist du mit deinen
Übersetzungen vorangekommen?« »Was?«
»Die Dokumente, die du im Wolkenwald gefunden hast. Die du meiner
verstorbenen Schwester Seelenfänger übergeben, ihr dann wieder
genommen hast, deinem Freund Raven gegeben hast, dem du sie dann
wieder abgenommen hast. Jene Papiere, von denen du annahmst, daß
sie euch die Waffe zum Sieg liefern würden.« »Ach, die Dokumente. Ha. Eigentlich nicht.« »Das konntest
du auch nicht. Was du gesucht hast, steht nicht darin.« »Aber…«
»Ihr seid getäuscht worden. Ja, ich weiß. Bomanz hat sie
zusammengestellt, also mußten sie meinen wahren Namen enthalten.
Nicht wahr? Aber der ist ausgelöscht worden - vom Gedächtnis meines
Gatten vielleicht abgesehen.« Plötzlich war sie abwesend. »Der Sieg
zu Juniper wurde teuer erkauft.«
»Er hat die Lektion gelernt, die Bomanz gelernt hat.« »Das hast du
also bemerkt. Er hat genug Informationen, um sich aus dem, was
passiert ist, eine Antwort zusammenreimen zu können… Nein. Mein
Name steht nicht darin. Aber seiner.
Das hat meine Schwester so erregt. Sie
hat darin eine Gelegenheit gesehen, uns beide
abzusetzen. Sie kannte mich gut. Schließlich haben wir unsere
Kindheit gemeinsam verbracht. Und nur die allerverwickeltsten Netze
haben uns voreinander geschützt. Als sie euch in Beryll in ihre
Dienste genommen hat, hat sie keinen größeren Ehrgeiz gehegt, als
meine Macht zu untergraben. Aber als ihr jene Dokumente übergeben
habt…« Es war lautes Denken und Erklären zugleich. Eine plötzliche
Erkenntnis traf mich wie ein Hieb. »Ihr kennt seinen Namen auch
nicht!« »Es war nie eine Liebesehe, Wundarzt. Es war ein äußerst
zerbrechliches Bündnis. Sagt es mir. Wie komme ich an diese Papiere
heran?« »Gar nicht.«
»Dann verlieren wir alle. Das ist die Wahrheit, Croaker. Während
wir streiten und unsere jeweiligen Verbündeten einander die Kehlen
durchzuschneiden trachten, wirft unser aller Feind seine Ketten ab.
All das Sterben wird umsonst gewesen sein, wenn der Dominator die
Freiheit erlangt.«
»Vernichtet ihn doch.«
»Das ist unmöglich.«
»In der Stadt, in der ich geboren wurde, erzählen die Leute sich
eine Geschichte von einem Mann, der so mächtig war, daß er es
wagte, die Götter zu verspotten. Am Ende erwies sich seine Macht
als reiner Hochmut, denn es gibt eine Macht, gegen die selbst die
Götter nichts ausrichten.«
»Worum geht es dabei?«
»Um ein altes Klischee zu verwenden: Der Tod ist der endgültige
Eroberer. Nicht einmal der Dominator kann den Tod in jedem Ringen
zu Boden werfen.« »Es gibt Möglichkeiten«, räumte sie ein. »Aber
nicht ohne diese Papiere. Du wirst jetzt in dein Quartier
zurückgehen und nachdenken. Ich werde wieder mit dir sprechen.« Und
so abrupt wurde ich entlassen. Sie wandte sich wieder der
sterbenden Stadt zu. Auf einmal kannte ich den Weg nach draußen.
Ein mächtiger Schub beförderte mich zur Tür. Ein Augenblick des
Schwindels, und ich stand wieder draußen. Schnaufend kam der Oberst
durch den Flur herbeigelaufen. Er brachte mich wieder in meine
Zelle. Wie befohlen, hockte ich mich auf meine Pritsche und dachte
nach. Es gab ausreichend Hinweise, daß der Dominator sich wieder
regte, aber… Was mich am meisten schockierte, war, daß die
Dokumente nicht jenes Druckmittel enthielten, auf das wir gezählt
hatten. Das mußte ich entweder schlucken oder von mir weisen, und
meine Entscheidung mochte lebenswichtige Auswirkungen haben. Sie
benutzte mich für ihre eigenen Zwecke. Natürlich. Zahlreiche
Möglichkeiten fielen mir ein; alle waren unangenehm, ergaben aber
auch allesamt einen gewissen Sinn… Wie sie schon sagte. Wenn der
Dominator ausbrach, steckten wir alle in der Klemme, die Guten und
die Bösen.
Ich schlief ein. Ich träumte, aber ich kann mich nicht mehr daran
erinnern. Ich erwachte und stellte fest, daß auf einem
Schreibtisch, der zuvor nicht dort gestanden hatte, eine warme
Mahlzeit für mich bereitstand. Auf dem Schreibtisch lagen zudem
auch eine Menge Schreibutensilien.
Sie wollte, daß ich meine Arbeit an den Annalen wieder aufnahm. Ich
hatte schon die Hälfte aufgegessen, als ich Ravens Abwesenheit
bemerkte. Meine Nerven begannen wieder zu flattern. Wieso war er
fort? Wo war er? Welchen Nutzen versprach sie sich von ihm? Ein
Druckmittel? Im Turm verläuft die Zeit in seltsamen Bahnen. Als ich
aufgegessen hatte, tauchte der gewohnte Oberst wieder auf. Die
üblichen Soldaten begleiteten ihn. Er verkündete: »Sie will dich
wieder sprechen.« »Schon wieder? Ich bin doch gerade eben erst dort
gewesen.«
»Das war vor vier Tagen.«
Ich berührte meine Wange. In letzter Zeit habe ich meinen Bart
teilweise gestutzt gehalten. Mein Gesicht war völlig zugewachsen.
Also. Ziemlich lange geschlafen. »Könnte ich vielleicht ein
Rasiermesser haben?«
Der Oberst lächelte schwach. »Was glaubst du denn. Ein Barbier
steht zur Verfügung. Kommst du jetzt mit?«
Hatte ich etwas zu sagen? Natürlich nicht. Ich folgte ihnen lieber
als von ihnen geschleift zu werden.
Der Ablauf war der gleiche wie zuvor. Wieder stand sie vor einem
Fenster. Es zeigte eine Gegend in der Steppe, wo eine von Wispers
Festungen unter Belagerung stand. Sie verfügte über keine schweren
Geschütze. Ein Windwal schwebte darüber, und die Garnisonstruppe
versteckte sich vor ihm. Wanderbäume nahmen die Außenmauer
auseinander, indem sie ihr mit schierem Wachstum beikamen. So wie
ein Dschungel eine aufgegegebene Stadt zerstört, nur taten sie es
zehntausendmal schneller als ein normaler Wald. »Die gesamte Wüste
hat sich gegen mich erhoben«, sagte sie. »Wispers Vorposten haben
eine entnervende Vielfalt von Angriffen über sich ergehen lassen
müssen.« »Vermutlich stört man sich an Euren Vorstößen. Ich dachte,
ihr wolltet Euch zurückziehen.« »Das habe ich auch versucht. Euer
taubstummes Bauernmädchen macht dabei aber nicht mit. Hast du es
dir überlegt?«
»Wie ihr sehr wohl wißt, habe ich geschlafen.« »Ja. Nun gut. Es gab
ein paar Angelegenheiten, die meine Aufmerksamkeit verlangt haben.
Jetzt kann ich mich dem anstehenden Problem widmen.« Ihr Blick
erweckte in mir den Drang mich umzudrehen und davonzulaufen…. Sie
machte eine Handbewegung. Ich erstarrte. Sie befahl mir
zurückzutreten und mich in einen nahen Sessel zu setzen. Ich setzte
mich, ohne den Zauberbann abschütteln zu können, obgleich ich
wußte, was jetzt auf mich zukam. Mit einem geschlossenen Auge
stellte sie sich vor mir auf. Das geöffnete Auge wurde größer und
größer, griff nach mir, verschlang mich… Ich glaube, ich
schrie.
Dieser Augenblick war seit meiner Gefangennahme unausweichlich
gewesen, und doch hatte ich närrischerweise gehofft, es würde
anders kommen. Jetzt würde sie meinen Verstand aussaugen wie eine
Spinne die Fliege in ihrem Netz…
In meiner Zelle kam ich mit dem Gefühl zu mir, eine Rundreise in der Hölle hinter mir zu haben. Mein Kopf pochte. Ich unternahm eine gewaltige Anstrengung, aufzustehen und zu meiner Arzttasche zu taumeln, die man mir wiedergegeben hatte, nachdem sämtliche Gifte entfernt worden waren. Ich bereitete einen Trunk aus inneren Weidenrinden. Das dauerte ewig, weil ich kein Feuer zum Wasserkochen hatte.
Während ich noch die erste schwache und
bittere Tasse in den Händen hielt und darauf
schimpfte, kam jemand herein. Ich erkannte ihn nicht. Er schien
überrascht zu sein, daß ich wach war. »Hallo«, sagte er. »Schnell
erholt.« »Wer zur Hölle bist du denn?«
»Ein Arzt. Ich soll dich jede Stunde untersuchen. Eigentlich war
nicht zu erwarten, daß du dich so schnell wieder berappeln würdest.
Kopfschmerzen?« »Das kannst du verdammt laut sagen.«
»Miese Laune. Gut.« Er stellte seine Tasche neben meine, die er
rasch musterte, während er seine öffnete. »Was hast du
eingenommen?« Ich sagte es ihm und fragte: »Was meinst du mit miese
Laune - gut?« »Manchmal kommen sie völlig teilnahmslos aus der
Behandlung. Und erholen sich nicht mehr.«
»Ach ja?« Ich dachte daran, ihm bloß einfach so eine runterzuhauen.
Nur um Dampf abzulassen. Aber was würde das nutzen? Ein Wachmann
würde hereinstürzen und meine Schmerzen nur noch verschlimmern. Es
roch auch viel zu sehr nach Arbeit. »Bist du irgendwas
Besonderes?«
»Ich denke schon.«
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Trink das hier. Das ist
besser als der Rindentee.« Ich stürzte das dargereichte Getränk
hinunter. »Sie macht sich die größten Sorgen. Ich habe es noch nie
erlebt, daß es sie kümmert, was nach der Tiefensondierung aus
jemandem wird.« »Na, ist das nicht reizend?« Ich konnte meine miese
Laune nicht mehr so ganz mühelos aufrechterhalten. Das Zeug, das er
mir gegeben hatte, war gut und wirkte schnell. »Was ist das für ein
Gebräu? Das könnte ich fässerweise brauchen.« »Es macht süchtig.
Wird aus dem Saft der obersten vier Blätter der Parsifal-Pflanze
gemacht.«
»Noch nie davon gehört.«
»Ist auch ziemlich selten.« Mittlerweile untersuchte er mich.
»Wächst an einem Ort namens Leere Hagel. Die Eingeborenen benutzen
es als Betäubungsmittel.« Die Schar hatte diese schrecklichen Hügel
einst durchwandern müssen. »Ich wußte nicht, daß es dort
Eingeborene gibt.«
»Die sind genau so selten wie die Pflanze. Im Rat überlegt man
sich, ob man sie nach dem Ende der Kämpfe nicht im großen Stil
anbauen sollte. Zu medizinischen Zwecken.« Er schnalzte mit der
Zunge, was mich an den zahnlosen alten Mann erinnerte, der mich die
Medizin gelehrt hatte. Komisch. Ich hatte schon seit Urzeiten nicht
mehr an ihn gedacht. Seltsamer noch war der Umstand, daß jede Menge
alter Erinnerungen an die Oberfläche kamen, wie Tiefseefische, die
zum Licht gescheucht wurden. Die Lady hatte mir den
Verstand gut durchgequirlt.
Seiner Bemerkung, daß das Kraut im großen Stil angebaut werden
sollte, ging ich nicht weiter nach, obgleich es eigentlich meiner
Ansicht über die Lady widersprach. Diese Finsterlinge kümmern sich
nicht darum, Schmerzen zu lindern. »Wie denkst du über sie?«
»Über die Lady? Jetzt gerade? Nicht eben freundlich. Und du?« Er
überging die Frage. »Sobald du dich erholt hast, will sie dich
sprechen.« »Scheißt ein Bär in den Wald?« entgegnete ich. »Ich habe
so das Gefühl, daß ich nicht unbedingt als Gefangener hier bin.
Kann ich mal auf dem Dach etwas frische Luft schnappen? Von dort
kann ich ja wohl kaum weglaufen.« »Ich werde nachfragen, ob das
gestattet ist. In der Zwischenzeit solltest du ein paar Übungen
machen, damit du wieder fit wirst.«
Ha-ha. Die einzige sportliche Betätigung, die ich betreibe, ist das
Hochgeschwindigkeits- ziehen falscher Schlußfolgerungen. Ich wollte
einfach nur aus allem raus, was vier Wände hatte. »Na, lebe ich
noch?« fragte ich, als er mit seiner Untersuchung fertig war.
»Vorerst ja. Allerdings erstaunt es mich, daß du mit deiner
Einstellung in einer Truppe wie deiner noch am Leben bist.«
»Die lieben mich. Verehren mich. Sie würden mir kein Haar krümmen.«
Daß er meine Truppe erwähnte, verpaßte meiner Laune wieder einen
Dämpfer. Ich fragte: »Weißt du, wie lange ich schon hier gefangen
bin?«
»Nein. Ich glaube, du bist seit mehr als einer Woche hier.
Vielleicht auch länger.« Also. Schätzen wir mal mindestens zehn
Tage seit meiner Gefangennahme. Wenn ich den Jungens einiges
zugestand, daß sie beispielsweise rasch und mit leichtem Gepäck
reisten, dann hatten sie vielleicht vierhundert Meilen hinter sich
gebracht. Nur ein Riesenschritt von vielen. Mist.
Zeitschinden war sinnlos geworden. Die Lady wußte jetzt alles, was
ich wußte. Ich fragte mich, ob ihr irgendetwas davon von großem
Nutzen gewesen war. Oder sie auch nur überrascht hatte.
»Wie geht es meinem Freund?« fragte ich aus einem plötzlichen
Schuldgefühl heraus. »Das weiß ich nicht. Er ist nach Norden
verlegt, weil seine Verbindung zu seinem Geist schwächer wurde. Ich
glaube, daß dieses Thema bei deinem nächsten Treffen mit der Lady
zur Sprache kommen wird. Ich bin hier fertig. Einen schönen Tag
noch.« »Kaltschnäuziger Mistkerl.«
Er grinste, als er ging.
Liegt wohl am Beruf.
Einige Minuten danach trat der Oberst ein. »Wie ich höre, willst du
aufs Dach.«
»Jawoll.«
»Gib dem Wächter Bescheid, wenn du hinaufgehen willst.« Ihm lag
noch etwas anderes auf der Seele. Nach kurzem Schweigen fragte er:
»Gibt es in deiner Truppe eigentlich überhaupt keine militärische
Disziplin?«
Er war sauer, weil ich ihn nicht Sir genannt hatte. Etliche schlaue
Bemerkungen drängten sich mir auf. Ich unterdrückte sie. Meine
Stellung blieb vielleicht nicht mehr lange ein Rätsel. »Doch. Aber
nicht mehr so viel wie früher. Seit Juniper sind wir nicht mehr
zahlreich genug, daß sich die Mühe noch lohnen würde.«
Sehr schlau, Croaker. Treib sie in die Enge. Sag ihnen, daß die
Schar ihr gegenwärtiges klägliches Niveau in den Diensten der Lady
erreicht hatte. Erinnere sie daran, daß es die Satrapen des Reiches
gewesen waren, die den ersten Verrat begingen. Das mußte sich
mittlerweile im gesamten Offizierskorps herumgesprochen haben.
Vielleicht war das etwas, über das sie ab und zu nachdenken
sollten. »Eigentlich schade«, sagte der Oberst.
»Bist du mein persönlicher Aufpasser?«
»Ja. Aus irgendeinem Grund hält sie dich für sehr wichtig.« »Ich
habe mal ein Gedicht für sie geschrieben«, log ich. »Und außerdem
weiß ich, was für Leichen sie im Keller hat.«
Er runzelte die Stirn und kam zu dem Schluß, daß ich ihn
verarschte. »Danke«, sagte ich, gewissermaßen als Überreichen eines
symbolischen Olivenzweiges. »Ich werde noch etwas schreiben, bevor
ich hinaufgehe.« Ich war schwer im Verzug. Seit dem Verlassen der
Steppe hatte ich bis auf einen kurzen Abschnitt im Blauen Schniedel
nur die eine oder andere Notiz abgefaßt.
Ich schrieb, bis mich Krämpfe zum Innehalten zwangen. Dann aß ich,
denn ein Wächter brachte mir eine Mahlzeit, als ich das letzte
Blatt mit Sand bestreute. Als ich mit dem Futtern fertig war, ging
ich zur Tür und gab dem Jungen Bescheid, daß ich nun nach oben
gehen wollte. Als er mir die Tür öffnete, stellte ich fest, daß sie
nicht verschlossen gewesen war. Aber wohin sollte ich denn auch
gehen, wenn ich rauskam? Selbst der Gedanke an Flucht war
idiotisch.
Ich hatte das Gefühl, daß ich doch noch den Posten des offiziellen
Geschichtsschreibers übernehmen würde. Ob es mir nun gefiel oder
nicht, aber das war noch das geringste von zahlreichen Übeln.
Mir standen einige schwierige Entscheidungen bevor. Ich wollte Zeit
haben, um darüber nachzudenken. Die Lady verstand das. Sicher hatte
sie die Macht und die Begabung, sich weitsichtiger zu zeigen als
ein Wundarzt, der sechs Jahre lang nichts von der Welt mitbekommen
hatte.
Sonnenuntergang. Feuer im Westen,
flammendurchtoste Wolken. Der Himmel ein Meer
ungewöhnlicher Farben. Eine kühle Brise aus dem Norden, die zum
Erschauern und zum Frischwerden ausreichte. Mein Wachposten hielt
Abstand und ließ mir so die Illusion der Freiheit. Ich ging zur
nördlichen Brüstung. Unten zeugte nur wenig von der großen
Schlacht, die dort ausgetragen worden war. Wo einst Gräben,
Palisaden, Erdwälle und Belagerungsmaschinen gestanden und gebrannt
hatten und wo Zehntausende gestorben waren, breitete sich jetzt
eine Parklandschaft aus. Fünfhundert Meter vom Turm entfernt
markierte eine einzelne Stele aus schwarzem Stein den Ort der
Schlacht.
Wieder überkam mich das Getöse und Gebrüll. Ich sah wieder die
Horden der Rebellen vor mir, die so gnadenlos wie das Meer Welle um
Welle auf die unerschütterlichen Klippen der Verteidiger
eindroschen. Ich dachte wieder an die Unterworfenen, die
miteinander stritten und seltsame und unheimliche Tode starben, an
wilde und schreckliche Zauberei… »Das war eine grandiose Schlacht,
nicht wahr?« Ich wandte mich nicht um, als sie neben mir
stehenblieb. »O ja. Ich bin ihr in meinen Schriften nie gerecht
geworden.«
»Man wird Lieder über sie singen.« Sie sah gen Himmel. Die ersten
Sterne tauchten auf. Im Dämmerlicht wirkte ihr Gesicht blaß und
angestrengt. Noch nie hatte ich sie anders gesehen als
unerschütterlich selbstbewußt.
»Was ist los?« Nun drehte ich mich doch zu ihr um. In einiger
Entfernung sah ich mehrere Soldaten, die uns entweder ehrfürchtig
oder erschrocken anstarrten. »Ich habe eine Zukunftslesung
durchgeführt. Tatsächlich sogar mehrere, denn ich habe keine
zufriedenstellenden Ergebnisse erzielt.« »Und?«
»Vielleicht habe ich überhaupt keine Ergebnisse bekommen.« Ich
wartete ab. Man drängt das mächtigste Wesen der Welt nicht so ohne
weiteres. Daß sie kurz davorstand, sich einem bloßen Sterblichen
anzuvertrauen, war schon erschütternd genug. »Alles ist im Fluß.
Ich habe drei mögliche Zukünfte ermittelt. Wie steuern einer Krise
entgegen, einer Stunde, in der die Geschichte gestaltet werden
wird.« Ich wandte mich leicht in ihre Richtung. Violettes Licht
verschattete ihr Gesicht. Dunkles Haar fiel über eine Wange. Dieses
eine Mal war es keine Verstellung, und der Drang, sie zu berühren,
zu halten und zu trösten war stark. »Drei Zukünfte?«
»Drei. In keiner davon konnte ich einen Platz für mich finden.« Was
soll man in einem solchen Augenblick sagen? Daß es vielleicht einen
Irrtum gegeben hatte? Sagt Ihr doch der Lady, daß sie Mist gebaut
hat. »In einer triumphiert euer taubes Kind. Aber das ist die am
wenigsten wahrscheinliche
Vision, und in der Stunde ihres Sieges
stirbt sie mit all ihren Getreuen. In einer anderen
sprengt mein Gatte die Fesseln seines Grabes und errichtet seine
Schreckensherrschaft aufs Neue. Diese Finsternis hält zehntausend
Jahre lang an. In der dritten Vision wird er ein für allemal
vernichtet. Das ist die stärkste, die
forderndste Vision. Doch der Preis ist hoch… Gibt es Götter,
Croaker? Ich habe nie an Götter geglaubt.« »Ich weiß es nicht,
Lady. Keine Religion, die mir je über den Weg gelaufen ist, ergibt
irgendeinen Sinn. Nicht eine ist in sich schlüssig. Die meisten
Götter sind laut ihren Anbetern durchgedrehte Wahnsinnige mit
Verfolgungswahn. Mir ist nicht klar, wie sie ihren eigenen Wahnsinn
überleben könnten. Aber es ist nicht auszuschließen, daß Menschen
eine Macht, die so viel größer ist als sie selbst, nicht deuten
können. Vielleicht sind Religionen verdrehte und abwegige Schatten
der Wahrheit. Vielleicht gibt es tatsächlich Mächte, die die Welt
gestalten. Ich habe selbst niemals verstehen können, warum eine
Gottheit in einem so gewaltigen Weltall sich um etwas so Geringes
wie Verehrung oder das menschliche Schicksal bekümmern sollte.«
»Als ich noch ein Kind war… hatten meine Schwestern und ich einen
Lehrer.« Ob ich jetzt aufpaßte? Worauf Ihr Euer Fell verwetten
könnt: Ich paßte auf wie ein Luchs. Von den Zehennägeln bis zum
Schädeldach war ich ganz Ohr. »Einen Lehrer?« »Ja. Er hat
behauptet, daß wir die Götter sind, daß wir unser eigenes Schicksal
erschaffen. Das, was wir sind, bestimmt, was aus uns wird. Grob
gesagt, bringen wir uns selbst in Situationen, aus denen es kein
Entkommen gibt, weil wir einfach nur sind, was wir sind, und mit
anderen unseresgleichen in Wechselwirkung treten.«
»Interessant.«
»Nun ja. Es gibt eine Art Gott, Croaker. Weißt du das? Allerdings
keinen, der Ereignisse formt und beeinflußt. Nur einen Vernichter.
Einen Beschließer der Geschichten. Sein Hunger kann nie gestillt
werden. Das Universum selbst wird von ihm verschlungen werden.«
»Der Tod?«
»Ich will nicht sterben, Croaker. Mein ganzes Wesen begehrt
kreischend gegen die Ungerechtigkeit des Todes auf. Alles, was ich
bin, war und wahrscheinlich sein werde, wird von meinem Verlangen
gestaltet, meinem Ende zu entgehen.« Sie lachte leise auf, aber
darunter lag ein Hauch von Hysterie. Mit einer Handbewegung
umschrieb sie das im Schatten liegende Schlachtfeld unter uns. »Ich
hätte eine Welt errichtet, in der ich mich in Sicherheit befinde.
Und der Eckstein meiner Zitadelle wäre der Tod gewesen.« Das Ende
des Traumes rückte näher. Auch ich konnte mir eine Welt, in der es
mich nicht gab, nicht vorstellen. Und mein inneres Selbst war
empört. Ist empört. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten, mir
jemanden vorzustellen, der davon besessen ist, dem Tod entkommen zu
wollen. »Das verstehe ich.«
»Vielleicht. Vor dem dunklen Tor sind wir alle gleich, oder? Für
uns alle rieselt der Sand im Glas. Das Leben ist nur ein
Aufflackern, das trotzig in die Kiefer der Ewigkeit hineinbrüllt.
Aber es kommt mir so verflucht ungerecht vor!« Altvater Baum
erschien in meinen Gedanken. Auch er würde irgendwann dahingehen.
Ja. Der Tod ist unersättlich und grausam.
»Hast du nachgedacht?« fragte sie
mich.
»Ich denke schon. Ich bin kein Totenbeschwörer. Aber ich habe Wege
gesehen, die ich nicht beschreiten will.«
»Ja. Es steht dir frei zu gehen, Croaker.« Schock. Selbst meine
Fersen kribbelten vor Ungläubigkeit. »Was?« »Du bist frei. Das Tor
des Turmes steht dir offen. Du mußt es nur durchschreiten. Aber du
kannst genauso gut auch bleiben und dich wieder in den Kampf
einschreiben, der uns alle umgibt.«
Bis auf einen Rest Sonnenlicht, das einige hohe Wolken beschien,
war es fast völlig dunkel. Ein Geschwader aus hellen Punkten kam
aus dem Osten in westliche Richtung und offenbar auf den Turm
zu.
Ich stotterte etwas, das keinen Sinn ergab. »Ob sie es nun will
oder nicht, die Lady von Charm liegt wieder einmal im Krieg mit
ihrem Gatten«, sagte sie. »Und bis dieser Kampf gewonnen oder
verloren ist, gibt es keinen anderen. Du siehst, daß die
Unterworfenen zurückkehren. Die Heere des Ostens marschieren auf
das Gräberland. Jene jenseits der Steppe haben den Befehl erhalten,
sich in Garnisonen weiter östlich zurückzuziehen. Dein taubes Kind
ist nicht in Gefahr, wenn sie nicht danach sucht. Es herrscht
Waffenstillstand. Vielleicht auf ewig.« Ein schwaches Lächeln.
»Wenn es keine Lady gibt, dann gibt es auch keinen Gegner für die
Weiße Rose.« Sie ließ mich in völliger Verwirrung stehen und
entfernte sich, um ihre Kämpen willkommen zu heißen. Wie
Herbstblätter kamen die Teppiche aus der Dunkelheit herangeschwebt
und setzten auf. Ich rückte etwas näher, bis mein persönlicher
Aufpasser die Ansicht vertrat, daß meine Beziehung zur Lady nicht
eng genug war, um unbefugtes Lauschen gestatten zu können.
Der Wind aus dem Norden wurde noch kühler. Und ich fragte mich, ob
der Herbst nicht für uns alle angebrochen war.