ELFTES KAPITEL
Das Gräberland

Für Corbie löste sich das Rätsel immer rascher. Für gewöhnlich blieb er mit den Gedanken bei seiner Arbeit. Aber die alte Seidenkarte lenkte ihn mehr und mehr ab. Diese seltsamen alten Namen. Auf TelleKurre hatten sie einen ganz eigenen Klang, der in den modernen Sprachen fehlte. Seelenfänger. Sturmbringer. Mondbeißer. Der Gehenkte. In der alten Sprache klangen sie um so vieles machtvoller.
Aber sie waren tot. Die einzigen Großen, die noch existierten, waren die Lady und das Ungeheuer dort draußen unter der Erde, das alles begonnen hatte. Oft trat er an ein kleines Fenster und starrte auf das Gräberland hinaus. Der Teufel in der Erde. Vielleicht rief er ihn. Von den Kämpen geringeren Ranges umgeben, von denen nur wenige in den Legenden erwähnt werden und von dem alten Zauberer identifiziert worden waren. Bomanz hatte sich nur für die Lady interessiert. So viele Fetische. Und ein Drache. Und gefallene Krieger der Weißen Rose, deren Totenschatten auf ewig Wache hielten. Es schien so viel dramatischer als die Kämpfe dieser Tage.
Corbie lachte auf. Die Vergangenheit war stets interessanter als die Gegenwart. Jenen, die den ersten großen Kampf miterlebt hatten, mußte er auch sterbenslangweilig vorgekommen sein. Die Legenden und Vermächtnisse wurden erst in der letzten großen Schlacht erschaffen. Ein paar Tage von Jahrzehnten.
Mittlerweile arbeitete er weniger, nachdem er einen anständigen Platz zum Leben gefunden und sich etwas erspart hatte.
Er verbrachte mehr Zeit damit herumzustreifen, besonders nachts. Eines Morgens kam Case vorbei, bevor Corbie noch richtig aufgestanden war. Er ließ den Jungen herein. »Einen Tee?«
»Gern.«
»Du bist nervös. Was ist los?«
»Oberst Sweet will dich sprechen.«
»Wieder ein Schachspiel? Oder Arbeit?«
»Weder noch. Er macht sich Sorgen, weil du nachts umherziehst. Ich hab ihm gesagt, daß ich dich begleite und daß du dir nur die Sterne anschaust und so. Vermutlich kriegt er allmählich Verfolgungswahn.«
Corbie setzte ein Lächeln auf, ohne daß ihm wirklich danach zumute war. »Er macht bloß seine Arbeit. Vermutlich macht mein Lebensstil auch einen seltsamen Eindruck. Allmählich komme ich in die Jahre. Bin auch ziemlich gedankenverloren. Mache ich manchmal einen

senilen Eindruck? Hier. Zucker?«
»Bitte.« Zucker war etwas Besonderes. Die Garde konnte sich keinen leisten. »Ist es sehr eilig? Ich habe noch nichts gegessen.« »Davon hat er eigentlich nichts gesagt.« »Gut.« Mehr Zeit, sich vorzubereiten. Narr. Er hätte sich doch denken können, daß seine Spaziergänge die Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden. Die Garde war von Natur aus mißtrauisch.
Corbie bereitete Haferflocken und Schinken zu, den er mit Case teilte. Obwohl sie gut bezahlt wurde, war die Verpflegung der Garde unzureichend. Wegen des anhaltend schlechten Wetters war die Straße nach Oar so gut wie unpassierbar. Die Heeresquartiermeister taten ihr Bestes, kamen aber oft nicht mehr durch. »Na, dann wollen wir den Boß mal besuchen«, sagte Corbie. »Das ist übrigens der letzte Schinken. Der Oberst sollte sich mal für den Fall der Fälle Gedanken darüber machen, hier Landwirtschaft zu betreiben«
»Darüber haben sie gesprochen.« Corbie hatte sich zum Teil deshalb mit Case angefreundet, weil er im Hauptquartier Dienst tat. Oberst Sweet spielte zwar Schach mit ihm und redete über alte Zeiten, aber er gab niemals irgendwelche Vorhaben preis. »Und?«
»Nicht genug Land. Nicht genug Futter.« »Schweine. Die fressen sich an Eicheln dick und rund.« »Dafür brauchen wir Hirten. Sonst würden die Stämme sie stehlen.« »Auch wieder wahr.«

Der Oberst führte Corbie in seine Privatunterkunft. Corbie fragte scherzhaft: »Arbeitet Ihr eigentlich nie? Sir?«
»Der Dienst läuft praktisch von allein. Wenn etwas seit vier Jahrhunderten klappt, schleift es sich ein. Ich habe ein Problem, Corbie.« Corbie verzog das Gesicht. »Sir?«
»Äußerlichkeiten, Corbie. Diese Welt geht nach dem Äußeren. Du bietest kein korrektes Erscheinungsbild.«
»Letzten Monat hatten wir einen Besucher. Aus Charm.« »Das wußte ich nicht.«
»Das wußte auch sonst niemand. Nur ich. Man könnte es eine verlängerte

Überraschungsinspektion nennen. So etwas kommt ab und zu vor.« Sweet ließ sich hinter
seinem Arbeitstisch nieder und schob das Schachbrett beiseite, über dem sie so oft miteinander in Wettstreit gelegen hatten. Er zog einen langen Bogen aus Südpapier aus einem kleinen Fach neben seinem rechten Knie hervor. Corbie erhaschte einen Blick auf eine krakelige Handschrift.
»Ein Unterworfener? Sir?«
Corbie nannte niemanden sofort Sir, immer nur kurz danach, als ob es ihm gerade eingefallen war. Diese Angewohnheit störte Sweet. »Ja. Mit allen Vollmachten der Lady. Er hat sie nicht ausgenutzt. Aber er hat Empfehlungen ausgesprochen. Und er hat ein paar Personen erwähnt, deren Verhalten er nicht akzeptabel fand. Dein Name stand ganz oben auf der Liste. Was zur Hölle machst du eigentlich, wenn du nachts so herumwanderst?« »Ich denke nach. Ich schlafe schlecht. Der Krieg hat irgendetwas mit mir angestellt. Das, was ich gesehen habe. Die Freischärler. Man will nicht einschlafen, weil sie angreifen könnten. Und wenn man schläft, träumt man vom Blutvergießen. Häuser und Felder, die in Flammen stehen. Tiere und Kinder, die schreien. Das war das Schlimmste. Die weinenden Kinder. Ich höre immer noch die kleinen Kinder weinen.« Er übertrieb damit nur sehr wenig. Jedes Mal, wenn er sich schlafen legte, mußte er erst das Weinen der Kinder überwinden. Er gab einen Großteil der Wahrheit preis und verwob sie zu einer phantasievollen Lüge. Weinende Kleinkinder. Die kleinen Kinder, die ihn heimsuchten, waren seine eigenen, Unschuldige, die er in einem Augenblick der Furcht vor der Verpflichtung im Stich gelassen hatte.
»Ich weiß«, erwiderte Sweet. »Ich weiß Bescheid. Bei Rust haben sie ihre Kinder lieber getötet, als sie von uns gefangen nehmen zu lassen. Die härtesten Männer des Regimentes haben geweint, als sie gesehen haben, wie die Mütter ihre Kleinen von den Mauern geworfen haben und ihnen dann hinterhergesprungen sind. Ich habe nie geheiratet. Ich habe keine Kinder. Aber ich weiß, wovon du redest. Hattest du welche?« »Einen Sohn«, sagte Corbie mit einer Stimme, die leise und mühsam aus einem Körper drang, der vor Leid fast bebte. »Und eine Tochter. Zwillinge. Vor langer Zeit und weit weg von hier.«
»Und was ist aus ihnen geworden?«
»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß sie noch leben. Sie wären jetzt etwa so alt wie Case.« Sweet hob eine Augenbraue, erwiderte jedoch nichts auf die Bemerkung. »Und ihre Mutter?«
Corbies Augen wurden zu Eisen. Zum heißen Eisen eines Brandstabs. »Tot.« »Das tut mir leid.«
Corbie antwortete darauf nicht. Seine Miene verriet, daß es ihm selbst nicht leid tat. »Begreifst du, was ich sage, Corbie?« fragte Sweet. »Einer der Unterworfenen hat von dir Notiz genommen. Das ist nie sehr bekömmlich.« » Hab schon verstanden. Welcher war es denn?«

»Das kann ich nicht sagen. Welche Unterworfenen sich wann und wo aufhalten, wäre eine
Information, die für die Rebellen von Interesse sein könnte.« Corbie schnaubte verächtlich. »Welche Rebellen? Wir haben sie bei Charm ausgelöscht.« »Vielleicht. Aber da ist diese Weiße Rose.« »Ich dachte, daß sie sie bald erwischen würden?« »Ja, sicher. Solche Geschichten hört man dauernd. Daß sie sie vor Ende des Monats in Ketten legen würden. Das hat man schon gesagt als wir zum ersten Mal von ihr hörten. Sie ist gut im Hakenschlagen. Vielleicht ist sie gut genug.« Sweets Lächeln verblaßte. »Wenigstens werde ich nicht mehr hier sein, wenn der Komet das nächste Mal zurückkehrt. Einen Branntwein?«
»Ja.«
»Schach? Oder hast du gerade etwas zu tun?« »Noch nicht gleich. Eine Runde spiele ich mit Euch.« Mitten im Spiel sagte Sweet: »Denk daran, was ich dir gesagt habe. Ja? Der Unterworfene hat behauptet, daß er abreisen würde. Aber dafür gibt es keine Garantie. Vielleicht hockt er irgendwo im Gebüsch und späht uns aus.« »Ich werde besser darauf achten, was ich tue.« Das würde er. Daß ein Unterworfener an ihm Interesse hegte, war das Letzte, was er wollte. Er war zu weit vorgedrungen, um sich jetzt sinnlos zu opfern.