NEUNUNDVIERZIGSTES KAPITEL
Das unsichtbare Labyrinth

Als Case das erste Mal bei uns auftauchte, stand er kurz vor der Panik. Daß ich den freundlichen Onkel markierte, beruhigte ihn keineswegs. Als sich die Lady um ihn bemühte, wurde er nahezu hysterisch. Daß Tracker in seiner wahren Gestalt umherschlich, war auch nicht gerade hilfreich.
Ausgerechnet Einauge brachte ihn zur Ruhe. Er brachte ihn auf das Thema Raven und wie es ihm denn ginge. Das wirkte.
Ich wurde beinahe selbst hysterisch. Einige Stunden nach unserer Landung, bevor ich mich noch einigermaßen eingerichtet hatte, holte die Lady Wisper und Hinker, um unsere Übersetzungen zu überprüfen.
Wisper sollte nachprüfen, ob irgendwelche Papiere fehlten. Hinker sollte seine Erinnerungen an die alten Zeiten durchforsten, ob es Verbindungen gab, die wir vielleicht übersehen hatten. Offenbar kannte er sich im gesellschaftlichen Gewirr der frühen Unterdrückungsperiode recht gut aus.
Erstaunlich. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß dieser Klumpen aus Haß und menschlicher Ruine je etwas anderes als die Gemeinheit in Person gewesen war. Ich brachte Goblin dazu, daß er die beiden im Auge behielt, während ich loszog, um nach Raven zu sehen. Alle anderen hatten schon bei ihm vorbeigeschaut. Sie war bei ihm, lehnte an einer Wand, kaute auf den Fingernägeln und sah überhaupt nicht aus wie die große Hexe, die die Welt seit ach! so langer Zeit gequält hatte. Wie ich schon sagte, ich hasse es, wenn sie plötzlich menschlich werden. Und sie war menschlich, und zwar reichlich. Sie schlotterte vor Angst. »Wie geht’s ihm?« fragte ich und als ich ihre Laune bemerkte: »Was ist los?« »Sein Zustand ist unverändert. Man hat sich gut um ihn gekümmert. Nichts ist los, das nicht durch ein paar Wunder zu beheben wäre.« Ich wagte es, eine Augenbraue fragend zu heben. »Sämtliche Ausgänge sind verschlossen, Croaker. Ich bewege mich wie durch einen Tunnel. Meine Entscheidungsmöglichkeiten werden immer weniger, und jede ist schlimmer als die davor.«
Ich setzte mich auf Cases Stuhl und begann Arzt zu spielen, während ich mir Raven ansah. Es war zwar unnötig, aber ich vergewisserte mich lieber selbst. Einigermaßen geistesabwesend sagte ich: »Ich schätze, Königin der Welt zu sein, ist eine ziemlich einsame Sache.«
Ein leise zischendes Einatmen. »Du wirst zu frech.«

Ach ja? »Tut mir leid. Ich denke nur laut. Eine ungesunde Angewohnheit, die zu Prellungen
und heftigen Blutungen führen kann. Er sieht gesund aus. Meinst du, daß Wisper oder Hinker dabei helfen können?«
»Nein. Aber es muß alles versucht werden.« »Was ist mit Bomanz?«
»Bomanz?«
Ich sah sie an. Sie schien ehrlich verblüfft zu sein. »Der Zauberer, der dich rausgeholt hat.« »Ach so. Was soll mit ihm sein? Was könnte ein Toter schon beitragen? Ich habe mich meines Beschwörers entledigt… Weißt du etwas, das ich nicht weiß?« Ziemlich unwahrscheinlich. Schließlich hatte sie mich unter dem Auge gehabt. Dennoch… Eine halbe Minute lang rang ich mit mir selbst, weil ich etwas aufgeben sollte, das ich für einen hauchdünnen Vorteil hielt. Dann sagte ich: »Von Goblin und Einauge weiß ich, daß er bei bester Gesundheit ist. Daß er im Gräberland gefangen ist. Genau wie Raven, nur daß sein Körper dabei ist.«
»Wie kann das sein?«
War es möglich, daß sie das bei meinem Verhör übersehen hatte? Wenn man nicht die richtige Fragen stellte, bekam man wohl auch nicht die richtigen Antworten. Ich überdachte noch einmal alles, was wir zusammen getan hatten. Ich hatte Ravens Berichte für sie zusammengefaßt, aber diese Briefe hatte sie nicht gelesen. Tatsächlich… Die Originale, aus denen Raven seine Geschichte zusammengestellt hatte, befanden sich in meiner Unterkunft. Goblin und Einauge hatten sie quer durch die Steppe geschleift, nur damit sie prompt wieder zurückgebracht wurden. Niemand hatte sich darum gekümmert, weil sie eine Geschichte wiederholten, die bereits erzählt worden war… »Setz dich«, sagte ich und stand auf. »Bin gleich wieder da.« Goblin starrte mich böse an, als ich hereinstürmte.»Ein paar Minuten noch. Es hat sich was ergeben.«
Ich schnappte mir die Tasche, in der Ravens Dokumente transportiert worden waren. Darin befand sich nur noch Bomanz’ Originalmanuskript. Ohne daß die Unterworfenen auf mich achteten, huschte ich wieder hinaus.
Ich kann euch sagen, es ist wirklich nett, wenn man für sie Luft ist. Bloß schade, daß es nur deshalb geschah, weil sie um ihre bloße Existenz kämpften. Wie wir anderen auch. »Hier. Das ist das Originalmanuskript. Ich bin einmal kurz drübergegangen, um Ravens Übersetzung zu überprüfen. Sie sah eigentlich ganz gut aus, auch wenn er den Ablauf dramatisierte und erfundene Dialoge eingefügt hat. Aber die Tatsachen und die Charakterisierungen sind von Bomanz.«

Sie las mit unglaublicher Geschwindigkeit. »Hol Ravens Version.«
Wieder raus und wieder zurück unter Goblins mürrischem Blick auf meinem Rücken: »Wie lang sind denn dieser Tage ein paar Minuten, he, Croaker?« Sie ging sie ebenfalls rasch durch. Und machte ein nachdenkliches Gesicht, als sie fertig war.
»Nun?« fragte ich.
»Da könnten wir auf etwas gestoßen sein. Eigentlich auf etwas, das eben nicht da ist. Zwei Fragen. Wer hat das überhaupt geschrieben? Und wo in Oar steht dieser Stein, den der Sohn erwähnte?«
»Ich gehe davon aus, daß Bomanz das meiste vom Original geschrieben hat und daß seine Frau es vollendet hat.«
»Hätte er dann nicht die erste Person verwendet?« »Nicht unbedingt. Möglicherweise verbot sich das aufgrund der literarischen Gebräuche jener Zeit. Raven hat mich oft damit aufgezogen, daß ich in die Annalen zuviel von mir selbst einbrächte. Er kam aus einer anderen Tradition.« »Nehmen wir das einmal als Hypothese an. Nächste Frage. Was ist aus der Ehefrau geworden?«
»Sie kam aus einer Familie in Oar. Ich denke mal, daß sie dorthin zurückgegangen ist.« »Wenn sie als die Frau des Mannes bekannt war, der für meine Freilassung verantwortlich war?«
»War sie das? Bomanz war nicht sein wirklicher Name.« Sie fegte meine Bedenken beiseite. »Wisper hat sich diese Dokumente in Lords beschafft. Alle zusammen. Es besteht keine Verbindung zu Bomanz, außer seiner Geschichte. Ich habe das Gefühl, daß die Papiere zu einem späteren Zeitpunkt zusammengesammelt wurden. Aber seine Unterlagen. Was ist zwischen der Zeit, in der sie von hier verschwanden und der Zeit, in der Wisper sie aufgespürt hat, mit ihnen geschehen? Sind Verbindungsstücke verloren gegangen? Es wird Zeit, daß wir Wisper befragen.« Wir schloß allerdings mich nicht ein.
Trotzdem war ein Funke geschlagen worden. Binnen kurzem rasten Unterworfene zu fernen Orten. Nach zwei Tagen brachte Benefiz den Stein, den Bomanz’ Sohn erwähnt hatte. Er erwies sich als nutzlos. Einige Gardisten eigneten ihn sich an und verwendeten ihn als Türstopper für ihre Baracke.
Gelegentlich schnappte ich Bemerkungen über eine Suche auf, die von Oar nach Süden entlang der Strecke verlief, die Jasmine, verwitwet und in Schande, nach ihrer Flucht aus dem Gräberland genommen hatte. So alte Fährten aufzuspüren war nicht leicht, aber die Unterworfenen verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten. Eine weitere Suche war von Lords aus im Gange.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, dem Hinker Gesellschaft zu leisten, während er mich
auf die Fehler aufmerksam machte, die wir bei der Übertragung der UchiTelle- und TelleKurre-Namen gemacht hatten. Offenbar waren damals nicht nur die Schreibweisen uneinheitlich, sondern auch die Alphabete. Und einige Leute, die in den Texten erwähnt wurden, entstammten nicht der Sprache des UchiTelle oder des TelleKurre, sondern waren Außenseiter, die ihre Namen dem Ortsgebrauch angepaßt hatten. Hinker beschäftigte sich damit, die Arbeit noch einmal von hinten aufzurollen. Eines Nachmittags machte Schweiger mir ein lebhaftes Zeichen. Er hatte dem Hinker mit größerer Hingabe als ich immer wieder einmal über die Schulter geschaut. Und er hatte ein Muster entdeckt.