EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Die
Schreckenssteppe
Ich bat um ein Gespräch mit Darling und
wurde sofort vorgelassen. Sie erwartete, daß ich hereinstürmte und
ihr die Hölle heiß machte wegen schlecht durchdachter
Militäraktionen, die von Truppen durchgeführt wurden, die sich
keine Verluste leisten konnten. Sie erwartete Vorträge über die
Wichtigkeit, Kader und stehende Heere aufrechtzuerhalten. Ich
überraschte sie, indem ich nichts dergleichen zur Sprache brachte.
Da war sie also, hatte sich gegen das Schlimmste gewappnet, damit
sie es hinter sich bringen und sich wieder ihren Aufgaben widmen
konnte, und ich enttäuschte sie. Stattdessen legte ich ihr die
Briefe aus Oar vor, die ich zuvor noch niemandem gezeigt hatte. Sie
machte das Zeichen für Neugier. Ich signalisierte: »Lies sie.«
Dafür brauchte sie eine Weile. Ab und zu steckte der Leutnant
seinen Kopf herein und war jedes Mal ungeduldiger. Sie beendete die
Lektüre und sah zu mir auf. »Und?« fragte sie in der
Zeichensprache.
»Dies stammt aus dem Kern der Papiere, die mir fehlen. Zuzüglich
einiger anderer Dinge ist diese Geschichte genau das, wonach ich
suche. Seelenfänger hat mir zu verstehen gegeben, daß das, wonach
wir suchen, in dieser Geschichte verborgen ist.« »Sie ist nicht
vollständig.«
»Nein. Aber bringt dich das nicht zum Nachdenken?« »Du weißt
wirklich nicht, wer der Verfasser ist?« »Nein. Und ich habe auch
keine Vorstellung davon, wie ich das herausfinden könnte, es sei
denn, ich suche ihn oder sie vor Ort auf.« Eigentlich hatte ich
eine oder zwei Vermutungen, aber eine war ebenso unwahrscheinlich
wie die andere. »Sie sind ziemlich rasch nacheinander hier
eingetroffen«, stellte Darling fest. »Nach so langer Zeit.« Dem
entnahm ich, daß sie eine meiner Vermutungen teilte. Dieses
>nach so langer Zeit<.
»Die Kuriere sind der Ansicht, daß sie über eine längere Zeitspanne
auf den Weg gebracht wurden.«
»Das ist interessant, bringt uns aber nicht weiter. Wir müssen noch
weitere Sendungen abwarten.«
»Es schadet jedenfalls nicht, über ihre Bedeutung nachzudenken.
Hier der letzte Teil der letzten Botschaft. Den kapiere ich nicht.
Das muß ich mir noch näher ansehen. Vielleicht ist es wichtig.
Falls es nicht bloß jemanden durcheinanderbringen soll, der dieses
Fragment abfängt.«
Sie kramte das letzte Blatt hervor und starrte darauf. Plötzlich
erhellte sich ihr Gesicht. »Das ist die Fingersprache, Croaker«,
signalisierte sie eben damit. »Die Buchstaben. Siehst du? Die
sprechende Hand, die die Zeichen
bildet.«
Ich kam zu ihr herum. Jetzt sah ich es auch und kam mir abgrundtief
dämlich vor, weil ich es nicht bemerkt hatte. Sobald man erst
einmal darauf kam, war es leicht zu lesen. Die Nachricht
lautete:
Vielleicht ist dies die letzte Nachricht,
Croaker. Ich muß noch etwas erledigen. Die Risiken
sind hoch. Die Chancen stehen gegen mich, aber
ich muß weitermachen. Wenn du die letzte
Folge über Bomanz’ letzte Tage nicht erhältst,
wirst du hierherkommen und sie abholen
müssen. Eine Abschrift werde ich im Hause des
Zauberers verbergen, wie es aus der
Geschichte zu entnehmen ist. Eine weitere
wirst du in Oar finden. Frage dort nach Sand, dem
Schmied.
Wünsche mir Glück. Mittlerweile mußt du einen
Zufluchtsort gefunden haben. Ich würde
nicht auf dich zurückkommen, wenn nicht das
Schicksal der Welt davon abhinge.
Auch hier war keine Unterschrift.
Darling und ich schauten uns an. Ich fragte: »Was meinst du? Was
soll ich tun?« »Warte ab.«
»Und wenn keine weiteren Folgen hier eintreffen?« »Dann mußt du
danach suchen.«
»Ja.« Angst. Die Welt war gegen uns aufmarschiert. Der Überfall auf
Rust hatte die Unterworfenen wahrscheinlich zu rachsüchtiger
Raserei getrieben. »Das könnte die große Hoffnung sein.«
»Es geht um das Gräberland, Darling. Nur der Turm selbst könnte
noch gefährlicher sein.« »Vielleicht sollte ich dich begleiten.«
»Nein! Du darfst nicht aufs Spiel gesetzt werden. Unter keinen
Umständen. Die Bewegung kann den Verlust eines ausgebrannten alten
Wundarztes verkraften. Aber nicht den der Weißen Rose.«
Sie umarmte mich kraftvoll, trat zurück und gestikulierte: »Ich bin
nicht die Weiße Rose. Sie ist seit vier Jahrhunderten tot. Ich bin
Darling.« »Unsere Feinde nennen dich die Weiße Rose. Unsere Freunde
nennen dich so. In einem Namen liegt Macht.« Ich schwenkte die
Briefe in der Luft. »Darum geht es hier. Um einen Namen. Du mußt
das sein, als das du benannt worden bist.« »Ich bin Darling«,
beharrte sie.
»Vielleicht für mich. Und für Schweiger. Auch für ein paar andere.
Aber für die Welt bist du die Weiße Rose, die Hoffnung und die
Erlösung.« Dabei fiel mir ein, daß hier ein Name fehlte. Der Name,
den Darling getragen hatte, bevor sie ein Mündel der Schar wurde.
Sie war immer Darling gewesen, denn Raven hatte sie so genannt.
Hatte er ihren Geburtsnamen gekannt? Wenn das so war, dann war es
nicht mehr wichtig. Sie war in Sicherheit. Sie war die
letzte lebende Person, die ihn noch
kannte, selbst wenn er ihr überhaupt noch einfiel. Ihr Dorf,
das von den Truppen des Hinkers verheert worden war und in dem wir
sie aufgelesen hatten, gehörte nicht zu Orten, wo solche Dinge
schriftlich festgehalten wurden. »Geh«, signalisierte sie. »Lies.
Denk nach. Sei guten Mutes. Bald wirst du irgendwann den roten
Faden finden.«