SIEBZEHNTES KAPITEL
Rust

Meine erste falsche Annahme bestand darin, daß der Hinker zu Hause sein würde, wenn wir zu Besuch kamen. Darlings Vorstoß gegen die Unterworfenen entzog dieser Annahme die Grundlage. Ich hätte daran denken sollen, daß die Unterworfenen über weite Entfernungen von Bewußtsein zu Bewußtsein miteinander Verbindung aufnehmen können. Als wir gen Norden zogen, kamen der Hinker und Benefiz dicht an uns vorbei. »Runter!« quiekte Goblin auf, als wir noch fünfzig Meilen vom Rand der Steppe entfernt waren. »Unterworfene. Niemand rührt sich.« Wie immer sah der alte Croaker sich selbst als Ausnahme von der Regel. Natürlich nur für die Annalen. Ich schob mich näher an die Seite unseres Reitungeheuers und spähte in die Nacht hinaus. Weit unter uns rasten zwei Schatten in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Als sie verschwunden waren, wurde ich von Elmo, dem Leutnant, Goblin, Einauge und jedem, der Lust dazu verspürte, zur Schnecke gemacht. Ich kauerte mich wieder neben Tracker. Er grinste nur und zuckte die Achseln. Mit dem Näherrücken des Einsatzortes wurde er lebhafter. Meine zweite falsche Annahme bestand darin, daß der Windwal uns am Steppenrand absetzen würde. Als er näher rückte, stand ich wieder auf, ohne auf die an mich gerichteten hämischen Bemerkungen zu achten. Aber der Windwal machte keine Anstalten zu landen. Darauf verzichtete er noch etliche Minuten lang. Als ich mich wieder neben Tracker setzte, redete ich nur noch dummes Zeug.
Er hatte seinen geheimnisvollen Kasten aufgeklappt. Darin befand sich ein kleines Arsenal. Er überprüfte seine Waffen. Ein Messer mit langer Klinge entsprach nicht seinen Vorstellungen. Er machte sich mit einem Wetzstein darüber her. Wie oft hatte Raven das in dem einen kurzen Jahr getan, das er mit der Schar verbracht hatte?
Plötzlich senkte sich der Wal herab. Elmo und der Leutnant gingen zwischen uns hindurch und sagten, daß wir rasch absteigen sollten. Zu mir sagte Elmo: »Bleib in meiner Nähe, Croaker. Du auch, Tracker. Einauge. Kannst du dort unten irgendetwas spüren?« »Nichts. Goblin hat seinen Schlafbann bereit. Wenn wir landen, schnarchen die Posten schon.«
»Oder auch nicht, und sie geben Alarm«, murmelte ich. Verdammt, war ich nicht der geborene Pessimist?
Es gab keine Probleme. Wir landeten. Männer quollen über die Seite. Sie schwärmten aus, als ob dieser Teil geprobt worden war. Teilweise mag das auch der Fall gewesen sein, während ich noch schmollte.
Ich konnte nichts tun, bis auf das, was Elmo mir sagte.

Der erste Teil erinnerte mich an einen anderen Überfall auf eine Baracke südlich des Meeres
der Qualen, noch ehe wir in den Dienst der Lady traten. Wir hatten die Stadtkohorten der Juwelenstadt Beryll abgeschlachtet; unsere Zauberer ließen sie weiterschlafen, während wir sie ermordeten.
Solche Arbeit macht mir keinen Spaß, das kann ich euch sagen. Die meisten waren noch Kinder, die sich eingeschrieben hatten, weil es nichts Besseres zu tun gab. Aber sie waren der Feind, und wir vollführten eine große Geste. Eine größere Geste, als ich sie Darling an Befehl oder Planung zugetraut hätte.
Der Himmel hellte sich auf. Bis vielleicht auf einige wenige, die sich für die Nacht abgesetzt hatten, überlebte nicht ein Mann eines ganzen Regiments. Auf dem Hauptexerzierplatz des Geländes, das weit vor den Stadtmauern von Rust selbst lag, begannen Elmo und der Leutnant loszubrüllen. Los, los. Wir haben zu tun. Dieser Zug verwüstet die Stelen der Unterworfenen. Dieser Zug plündert das Hauptquartier des Regiments. Jener Zug macht Brandsätze für die Baracken fertig. Und ein weiterer durchsucht die Unterkünfte des Hinkers nach Dokumenten. Los, los. Wir müssen fertig sein, bevor die Unterworfenen zurückkommen. Darling kann sie nicht ewig ablenken.
Irgendjemand baute Mist. Natürlich. So etwas passiert immer. Jemand steckte eine Baracke zu früh in Brand. Rauch stieg auf.
Wie wir bald erfuhren, lag in Rust noch ein weiteres Regiment. Innerhalb von Minuten war eine berittene Schwadron im Galopp zu uns unterwegs. Und schon wieder hatte jemand Mist gebaut. Die Tore waren nicht gesichert. Die Reiter waren nahezu ohne Vorwarnung über uns. Männer brüllten. Waffen klirrten. Pfeile flogen. Pferde schrien. Die Männer der Lady entkamen und ließen die Hälfte ihrer Mannschaften zurück. Jetzt hatten Elmo und der Leutnant es richtig eilig. Diese Burschen würden Hilfe holen. Während wir noch die Soldaten des Reiches auseinandertrieben, stieg der Windwal wieder auf. Etwa ein halbes Dutzend Männer schaffte es noch an Bord zu klettern. Er stieg gerade hoch genug, um über die Dächer zu segeln und zog dann nach Süden ab. Noch war es nicht hell genug, daß man ihn gesehen hätte.
Das Geschrei und Gefluche kann man sich vorstellen. Sogar Köter Krötenkiller brachte die Energie zu einem wütenden Knurren auf. Ich sackte erschöpft zusammen, ließ meinen Hintern auf ein Geländer sinken, schüttelte den Kopf. Einige Männer schössen mit Pfeilen auf das Ungetüm. Es bemerkte sie nicht.
Tracker lehnte sich neben mir an das Geländer. »Man sollte nicht glauben, daß etwas so Großes feige wäre«, murrte ich. Ich meine, ein Windwal könnte eine ganze Stadt in Schutt und Asche legen.
»Schreib einem Geschöpf, das du nicht verstehst, keine Eigenschaften zu. Du mußt seine Beweggründe begreifen.«
»Was?«
»Nicht gerade Beweggründe. Den richtigen Ausdruck kenne ich nicht.« Er erinnerte mich an einen Vierjährigen, der sich mit einem schwierigen Konzept herumschlägt. »Es befindet sich außerhalb des ihm bekannten Landes. Jenseits der Grenzen, die seine Feinde bisher als

undurchdringlich für seinesgleichen erachteten. Es flieht aus Angst, daß man es sieht und ein
Geheimnis ans Licht käme. Es hat noch nie mit Menschen zusammengearbeitet. Wie kann es in einem verzweifelten Augenblick an sie denken?« Wahrscheinlich hatte er recht. Aber im Augenblick interessierte ich mich mehr für ihn als für seine Theorie. Auf die wäre ich schon selbst gekommen, nachdem ich mich beruhigt hatte. Er ließ es wie eine gewaltige und unglaublich schwierige Denkaufgabe erscheinen. Ich fragte mich, wie es um seinen Verstand bestellt war. War er kaum mehr als ein Schwachkopf? War sein ravenähnliches Verhalten nicht das Produkt seiner Persönlichkeit, sondern das simpler Einfalt?
Der Leutnant stand mit den Fäusten auf den Hüften auf dem Paradeplatz und sah dem Windwal nach, wie er uns in der Hand des Feindes zurückließ. Nach einer Minute schrie er: »Offiziere! Sammeln!« Als wir zusammengekommen waren, sagte er: »Wir stecken bis zum Hals im Dreck. Meiner Meinung nach haben wir eine einzige Chance. Daß dieser dicke Schweinehund sich mit den Menhiren in Verbindung setzt, wenn er wieder dort ist. Und daß die zu dem Entschluß kommen, daß wir es wert sind, gerettet zu werden. Wir werden also
zusehen, daß wir bis zum Einbruch der Nacht durchhalten. Und hoffen.« Einauge gab ein obszönes Geräusch von sich. »Ich glaube, wir sollten besser die Beine in die Hand nehmen.«
»Ach ja? Damit uns die Reichstruppler folgen. Wie weit sind wir noch gleich von Zuhause weg? Glaubst du, daß wir es mit dem Hinker und seinen Kumpels am Hals schaffen werden?« »Hier werden sie auch hinter uns her sein.« »Vielleicht. Und vielleicht werden sie dort draußen auch noch in Atem gehalten. Wenigstens wird man wissen, wo man uns suchen muß, wenn wir hierbleiben. Elmo, sieh dir die Mauern an. Stell fest, ob wir sie halten können. Goblin, Schweiger, löscht die Brände. Der Rest von euch packt die Papiere der Unterworfenen zusammen. Elmo! Stell Posten auf. Einauge. Deine Aufgabe besteht darin, festzustellen, wie wir von Rust Hilfe bekommen können. Croaker, du hilfst ihm dabei. Du weißt, wen wir wo sitzen haben. Kommt schon. Bewegung.« Ein guter Mann, der Leutnant. Er behielt auch dann noch einen klaren Kopf, wenn er, wie wir anderen alle, eigentlich nur im Kreis rennen und schreien wollte. Eigentlich hatten wir gar keine Chance. Das hier war das Ende. Selbst wenn wir die Truppen aus der Stadt aufhalten konnten, gab es immer noch Benefiz und den Hinker. Goblin, Einauge und Schweiger waren gegen sie machtlos. Das wußte auch der Leutnant. Er ließ sie nicht ihre Köpfe zusammenstecken, um eine Überraschung auszuhecken. Das Feuer bekamen wir nicht mehr unter Kontrolle. Die Baracken mußten abbrennen. Während ich mich um zwei Verletzte kümmerte, sicherten die anderen das Gelände so gut zur Verteidigung, wie es mit dreißig Mann eben möglich war. Als ich mit der Behandlung fertig war, durchstöberte ich die Papiere des Hinkers. Ich fand nichts, was mich sofort gefesselt hätte.
»Etwa hundert Mann kommen von Rust auf uns zu!« schrie jemand. Der Leutnant schrie: »Dieser Ort muß verlassen aussehen!« Männer flitzten umher.

Ich spähte rasch über die Mauerkrone auf die Buschwälder nördlich von uns. Dort war
Einauge und arbeitete sich auf die Stadt zu; er hoffte, dort Corders Freunde finden zu können. Selbst nach dreimaliger Dezimierung während der großen Belagerungen und jahrelanger Besatzung blieb Rust eisern in seinem Haß auf die Lady. Die Reichstruppler blieben vorsichtig. Sie sandten Kundschafter um die Mauer. Sie schickten einige Männer voraus, die das Feuer auf sich ziehen sollten. Erst nach einer Stunde vorsichtigen Taktierens stürmten sie auf das halboffene Tor zu. Der Leutnant ließ fünfzehn Mann eindringen, bevor er das Fallgitter herunterdonnern ließ. Die fünfzehn gingen in einem Pfeilhagel zu Boden. Dann rasten wir zur Mauer und schössen auf die Truppen, die draußen herumwuselten. Ein weiteres Dutzend fiel. Die anderen zogen sich außer Bogenschußweite zurück. Dort wimmelten sie herum, maulten und versuchten sich über ihre nächsten Schritte klarzuwerden. Tracker blieb die ganze Zeit in meiner Nähe. Ich sah ihn nur vier Pfeile verschießen. Jeder durchbohrte einen Reichssoldaten. Vielleicht war er nicht besonders helle, aber er konnte mit einem Bogen umgehen. »Wenn sie schlau sind«, sagte ich zu ihm, »werden sie eine Sperrkette errichten und auf den Hinker warten. Ist ja auch wenig sinnvoll, daß sie sich wehtun, wenn er uns erledigen kann.« Tracker grunzte. Köter Krötenkiller öffnete ein Auge und knurrte tief in seiner Kehle. Weiter unten kauerten Goblin und Schweiger, steckten die Köpfe zusammen und spähten abwechselnd über die Mauer. Vermutlich brüteten sie irgendetwas aus. Tracker stand auf und grunzte wieder. Ich schaute ebenfalls. Weitere Reichsmänner kamen aus Rust heran. Es waren Hunderte.
Eine Stunde lang tat sich nichts, außer daß immer mehr Truppen aufmarschierten. Sie umzingelten uns.
Goblin und Schweiger schickten ihren Zauber aus. Er hatte die Gestalt eines Mottenschwarms. Ich konnte nicht feststellen, woher sie kamen. Sie sammelten sich einfach nur um die beiden. Als es etwa tausend waren, flatterten sie los. Eine Zeitlang erhob sich draußen eine Menge Geschrei. Als es erstarb, schlenderte ich zu dem grimmig dreinblickenden Goblin hinüber und fragte ihn: »Was ist passiert?« »Jemand mit einem Hauch von Talent ist passiert«, quäkte er. »Fast so gut wie wir.« »Haben wir Schwierigkeiten?«
»Schwierigkeiten? Wir? Wir haben alles im Sack, Croaker. Die sind schon so gut wie auf der Flucht. Sie wissen es nur noch nicht.« »Ich meinte eigentlich…«
»Er wird nicht zurückschlagen. Er will sich nicht preisgeben. Wir sind zu zweit, und er ist nur einer.«
Die Reichsmänner fingen an, Geschütze zusammenzubauen. Die Kaserne war nicht erbaut worden, um einem Bombardement standzuhalten.

Die Zeit verstrich. Die Sonne stieg höher. Wie beobachteten den Himmel. Wann würde das
Verderben auf einem Teppich über uns hereinbrechen? In der Gewißheit, daß der Angriff der Reichssoldaten noch nicht sofort stattfinden würde, hatte der Leutnant einige von uns unser Beutegut auf dem Paradeplatz zusammentragen lassen, damit es rasch auf einen Windwal geschafft werden konnte. Ob er nun daran glaubte oder nicht, er bestand darauf, daß wir nach Sonnenuntergang evakuiert werden würden. Die Möglichkeit, daß die Unterworfenen zuerst eintreffen würden, nahm er gar nicht erst zur Kenntnis.
Er hielt die Moral wirklich hoch.
Eine Stunde nach Mittag fiel das erste Geschoß. Ein Feuerball krachte ein Dutzend Fuß vor der Mauer herunter. Ein weiterer kam gleich hinterher und landete auf dem Paradefeld, wo er spuckend erlosch.
»Die wollen uns ausbrennen«, murmelte ich zu Tracker. Ein dritter Feuerball kam herangesegelt. Er brannte fröhlich vor sich hin, ebenfalls auf dem Paradefeld. Tracker und Köter Krötenkiller standen auf und spähten über die Brüstung, wobei der Hund sich auf die Hinterbeine aufrichtete. Nach einer Weile setzte sich Tracker wieder hin, klappte seinen Holzkasten auf und holte ein halbes Dutzend überlange Pfeile hervor. Er stand wieder auf, starrte auf die Belagerungsmaschinen und hatte einen Pfeil auf den Bogen gelegt. Die Entfernung war groß, aber sogar mit meinem Bogen hätte ich sie noch überwunden. Allerdings hätte ich den ganzen Tag Pfeile verballern können und wäre noch nicht einmal in die Nähe gekommen.
Tracker versank in eine fast tranceähnliche Konzentration. Er hob seinen Bogen, spannte ihn, zog die Pfeilspitze fast bis an das Bogenholz heran, ließ los. Ein Aufschrei hallte über den Hang. Die Bedienungsmannschaften der Geschütze scharten sich um einen aus ihren Reihen.
Leicht und rasch ließ Tracker die Pfeile fliegen. Ich glaube, er hatte gleichzeitig vier in der Luft. Jeder Schuß war ein Treffer. Dann setzte er sich wieder hin. »Das war’s.« »Was meinst du?«
»Hab keine guten Pfeile mehr.«
»Vielleicht genügt das, um sie zu entmutigen.« Das tat es auch. Eine Weile. Etwa lange genug, damit sie sich zurückziehen und Schutzschilde anbringen konnten. Dann kamen wieder die Geschosse. Eines traf ein Gebäude. Die Hitze war mörderisch.
Ruhelos marschierte der Leutnant die Mauer auf und ab. Ich schloß mich seinem stummen Gebet an, daß die Reichsleute nicht in Fahrt kommen und uns überrennen würden. Es gab keine Möglichkeit, sie dann noch aufzuhalten.